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Oliver Tolmein: Unversöhnlich

Unversöhnlich

Zum Tod des Publizisten und Übersetzers Eike Geisel

von Oliver Tolmein

"Ich werde einen unausgewogenen, unfairen Beitrag halten." Es war 1991, konkret hatte eingeladen, über den Golfkrieg und die deutsche Friedensbewegung zu diskutieren. Eike Geisel gelang es binnen kurzem, erbitterte Emotionen auf sich zu ziehen. Der Vorwurf, "Kaffeehaus-Zionismus" zu betreiben, war noch eine der freundlicheren Beschimpfungen, die Geisel, dessen unnachgiebige Kritik am Antisemitismus der Linken sich unausgesprochen auch gegen antizionistische Positionen seiner eigenen Vergangenheit richtete, gelassen zu kontern verstand. "Im Namen des Friedens gegen Israel zu sein, ist genau das Quantum moralischer Nachrüstung, dessen die Friedensbewegung bedurfte, um sich gutes Gewissen zum Ressentiment zu machen", kommentierte Geisel die "Banalität der Guten", die - während Saddam Husseins Truppen Scud-Raketen auf Israel abfeuerte - in dem Diktator und seinem Land nur Wiedergänger der eigenen deutschen Geschichte erkennen mochten, einer Geschichte, die sie längst zu einer Opfergeschichte umgedeutet hatten: "Denkt an Dresden! Waffenstillstand sofort! Stoppt den Krieg in Nah-Ost!", forderten deutsche Friedensgruppen damals in Zeitungsanzeigen, die Geisel zitierte. Die Friedensbewegung war nach dem Golf-Krieg auch wegen der Intervention von Eike Geisel trotz ihrer Mobilisierungserfolge politisch und moralisch am Ende. Sie wurde aber auch nicht mehr gebraucht.

Nationale Betroffenheit und antiamerikanisches Ressentiment müssen im neuen Deutschland nicht mehr pazifistisch ummantelt auftreten. Daß der "Bellizismus", der im Golfkrieg Konturen gewonnen und im Jugoslawien-Krieg Gestalt angenommen hat, die Versöhnung der Deutschen mit ihrer Geschichte weitaus zukunftsträchtiger zu leisten in der Lage ist als der Pazifismus der achtziger Jahre, hat Eike Geisel nicht vorhergesehen.

Einer seiner letzten öffentlichen Eingriffe richtete sich gegen den offenen Antisemitismus, der auch im Zentrum der deutschen bürgerlichen Gesellschaft wieder hoffähig geworden war: Die 1995 vom Münchner Piper-Verlag geplante Veröffentlichung von John Sacks' Kolportage-Bericht "Auge um Auge - Opfer des Holocaust als Täter" kam vor allem nach Artikeln von Geisel in konkret und der Frankfurter Rundschau nicht zustande. Die Sympathien weiter Teile der deutschen Medien aber waren auf Seiten Sacks', dessen Elaborat einem Redakteur des Berliner Tagesspiegel zum Beispiel erlaubte, Überlegungen wie diese anzustellen: "Den industriellen Massenmord haben Juden weder erfunden noch betrieben. Aber wären sie dazu in der Lage? Eine widerliche Frage, die hypothetische Antwort muß lauten: Ja." Für Geisel war das ein "programmatischer Kernsatz zur Endlösung der deutsch-jüdischen Versöhnungsfrage", auf den antworten zu dürfen ihm der Tagesspiegel zwar zusagte - ein Versprechen, das aber sofort gebrochen wurde, als Geisels Replik vorlag. Veröffentlicht hat sie dann damals die junge Welt.

Eike Geisel hat sich aber nicht nur als Verfasser aktueller Kommentare und Polemiken, sondern auch als kenntnisreicher Übersetzer Hannah Arendts einen Ruf erworben. Ihre Essays über Zionismus, Palästina und Deutschland hat er in der Edition Tiamat deutschen Leserinnen und Lesern zugänglich gemacht und damit Grundlagen für eine gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit dem historischen und gegenwärtigen Antisemitismus gelegt - jenseits vom Gefühlskitsch, der die Debatte derzeit prägt, so sie überhaupt stattfindet. Eike Geisel ist 52jährig am 6. August nach längerer Krankheit gestorben.