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Heike Kleffner: Spuren in der Uckermark

Spuren in der Uckermark

Frauengruppe legte gemeinsam mit ehemaligen Häftlingen KZ-Grundmauern frei

von Heike Kleffner

Obwohl das Mädchen- und Frauenkonzentrationslager Uckermark wie alle anderen Konzentrationslager der Reichsführung der SS unterstellt war, wurde die überwiegende Zahl der Überlebenden nach 1945 weder in der DDR noch in der Bundesrepublik als politisch verfolgt anerkannt und erhielt keinerlei finanzielle Entschädigung. In der Forschung wurde das KZ Uckermark ebenso wie das Jugendkonzentrationslager Moringen für Jungen jahrzehntelang vernachlässigt.

Im August diesen Jahres fand auf dem für die Öffentlichkeit geschlossenen Gelände des offiziell als "Jugendschutzlager" bezeichneten Lagers erstmals ein Workcamp statt, um Spuren freizulegen und Materialien für eine weitergehende Öffentlichkeitsarbeit zusammenzustellen. Mit Unterstützung des Service Civil International legten Teilnehmerinnen einer sechzehnköpfigen internationalen Frauengruppe aus Polen, Katalonien, Frankreich, Weißrußland, Schweden, den USA und Deutschland gemeinsam mit den ehemaligen Uckermark-Häftlingen Prof. Stanka Simoneti und Silvia Munda aus Slowenien bereits überwachsene Fundamente von Lagergebäuden frei.

Von Juni 1942 bis April 1945 waren in dem offiziell als Nebenlager des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück geführten Konzentrationslager Uckermark mehr als 1 000 Mädchen aus fast allen europäischen Ländern unter unmenschlichen Bedingungen inhaftiert. Zu den Inhaftierungsgründen gehörten vermeintlich "asoziales Verhalten" ebenso wie die Mitarbeit in Widerstandsgruppen. Obwohl die offizielle Altersgrenze bei 16 bis 21 Jahren lag, waren viele der inhaftierten Mädchen wesentlich jünger. Im Januar 1945 wurde das Mädchenlager Uckermark geteilt. Ein Teil des Geländes wurde von der SS bis zum April 1945 als Vernichtungslager für alte und kranke Frauen aus Ravensbrück und anderen Konzentrationslagern benutzt.

Die zunächst in Ravensbrück inhaftierte und dann ins Vernichtungslager Uckermark überstellte slowenische Widerstandskämpferin Irma Trksak, beschreibt ihre Haftzeit in der Uckermark in dem Buch "Ich geb' dir einen Mantel, damit Du ihn noch in der Freiheit tragen kannst" wie folgt: "In der Uckermark sind wir sehr bald darauf gekommen, daß die Frauen irgendwo außerhalb des Lagers vergast werden. Mit einem Tintenbleistift wurde den Selektierten die Nummer auf die Hand geschrieben. Die Frauen wurden mit Lastautos weggeführt und kamen nicht mehr zurück. Nur die Lastautos sind wiedergekommen. Da wirst du nachdenklich. Du nimmst ja nicht an, die sind in ein Sanatorium gefahren. Nackt in ein Sanatorium oder nackt in ein anderes Lager? In welches Lager, nackt, im Winter?"

Im Mädchenkonzentrationslager mußten die inhaftierten Mädchen Spielzeug für Kinder von SS-Angehörigen herstellen und schwere körperliche Arbeiten verrichten. Einige Mädchen wurden zu Arbeitseinsätzen in umliegenden landwirtschaftlichen Betrieben eingesetzt; andere mußten im nahegelegenen Siemens-Arbeitslager arbeiten. Nach der Befreiung sahen sich viele Überlebende des Lagers insbesondere in der Bundesrepublik mit dem Stigma "asozial" konfrontiert und schwiegen aus Angst vor weiterer Diskriminierung über ihre Lagerzeit. Darüber hinaus wurde nicht eine der SS-Aufseherinnen zur Rechenschaft gezogen. Angesichts der anhaltenden Verharmlosung des Konzentrationslagers Uckermark als angebliches "Erziehungslager für asoziale Jugendliche" und der anhaltenden Diskriminierung der überlebenden Häftlinge fordern die Teilnehmerinnen des internationalen Workcamps die Errichtung einer Gedenkstätte auf dem Gelände sowie die sofortige Anerkennung der ehemaligen Häftlinge des Mädchen-KZ-Uckermark als politisch Verfolgte.

Die Arbeit des ersten Frauenworkcamps auf dem Gelände wird momentan von einem internationalen Workcamp der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste weitergeführt. Vom 6. bis 20. September wird dann ein Frauen- und Lesbencamp die Ausgrabungen fortsetzen.

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