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Jürgen Kiontke: Kinderbücher lesen

Kinderbücher lesen

Nehmen Sie "Contact" mit Jodie Foster auf

von Jürgen Kiontke

Diskussion im Büro einer linken Wochenzeitung: Ein Redakteur schlägt vor, eine längere Rezension zum neuen Film mit der US-amerikanischen Schauspielerin Jodie Foster zu bringen. "Hat die was Neues? Her damit. Aber schreib' nichts Böses, Jodie Foster ist toll", sagt eine Kollegin. "Dann erst recht was Böses", hält ein weiterer Mitarbeiter entgegen, der die Unterhaltung zufällig mitbekommen hat. Wie das auch? Wir kennen sie ja gar nicht.

Foster selbst findet ihren Film toll. "Contact" erzählt die Geschichte einer Wissenschaftlerin, die sich mit Außerirdischen in Verbindung setzt. Über ein Treffen mit dem Autoren der Geschichte, Carl Sagan, der während der Dreharbeiten verstarb, sagt sie in einem Interview: "Ich weiß noch, wie mein Herz geschlagen hat, und hinterher konnte ich kaum essen." Er habe sich wichtigen Fragen gewidmet. "Was ist der Sinn des Lebens? Woher kommen wir? Das sind gleichermaßen wissenschaftliche wie religiöse Fragen - sehr interessant, wie nahe die beiden Gebiete einander sind." Denken sei für Sagan "wie eine Droge gewesen", auch das habe ihr gefallen. Foster, die Literaturwissenschaft studiert hat: "Ich habe Bücher gelesen und Kurse an der Uni belegt, die mich fast zum Weinen bringen, wenn ich jetzt an sie denke. Ich habe ein sehr emotionales Verhältnis zu meinem Kopf." Und die Astronomie? Schwarze Löcher, Weiße Riesen, Galaxien, Physik? Wie hat sie sich auf die Rolle vorbereitet? "Meist habe ich Kinderbücher gelesen, die habe ich gerade noch verstanden."

"Contact" ist also ein schwieriges Exponat der Filmindustrie. Schon als kleines Mädchen interessiert sich Ellie für den Sternenhimmel. Ihr Vater besitzt ein Teleskop. Ob wir ganz allein im Weltall wohnen, wollen die beiden wissen. Weil das eine spannende Frage ist, studiert Ellie (Foster) irgendwann Astronomie, macht Karriere und arbeitet bald an einer großen Forschungsstation mit Radioteleskop. Morgens die Kekse eingepackt, sitzt sie den ganzen Tag mit ihrem Laptop zwischen den Apparaten und horcht die Sternensysteme ab. Ihre Forschungen bleiben ergebnislos, und deshalb soll die Anlage geschlossen werden - zu teuer. In dem Multimillionär Hadden (John Hurt) findet sie jedoch einen Förderer, der ihr die notwendigen Mittel zur Verfügung stellt.

Eines Tages empfängt sie dann Signale aus dem Sternensystem der Wega: zunächst akustisch, dann auch optisch. Die Außerirdischen senden ihr eine Filmaufnahme von Adolf Hitler. Spätestens jetzt wird auch die Regierung aufmerksam. Ellie gerät in den Strudel konkurrierender Mächte, man möchte ihr das Projekt entreißen. Hadden gibt ihr den entscheidenden Tip, wie die Filmaufnahmen zu entschlüsseln seien. Zwischen den Bildern findet Ellie die Bauanleitung (63 000 Seiten) für eine gigantische Maschine (Baukosten: eine Billion Dollar), mit der der erste Mensch zu den neuen Freunden reisen kann. Das Gerät, das künstlich ein schwarzes Loch erzeugen soll, wird gebaut, doch Jodie von ihrem Kollegen Drumlin (Tom Skerrit) aus der Position der Pilotin verdrängt. Bei einer internationalen Anhörung wird ihr die Frage gestellt, ob sie an den lieben Gott glaube. Da die Pilotin den gesamten Planeten repräsentiert, soll er nicht nur US-Bürger, sondern auch religiös sein. Schließlich, so wird behauptet, würden 95 Prozent der Weltbevölkerung an ein höheres Wesen glauben. Ellie wird dennoch ihre Chance erhalten.

"Contact" begleitet das Leben der Forscherin Ellie zweieinhalb Stunden. Foster und Regisseur Robert Zemeckis ("Forrest Gump"), beide im Erzählen der ganz großen Geschichte bestens geschult, lassen ohne Umschweife die Sau raus. "Contact" ist rappelvoll mit Verweisen, Tiefen und Höhen, Mädchenträumen, allerlei Psycho, Bill Clinton, der sich selbst spielt (wegen einiger digital hergestellter Einstellungen, in denen der Präsident auf unlautere Weise ins Geschehen einkopiert wurde, löste der Film Verwirrung aus), rechtsradikalen Spinnern und anderen bösen Männern, liebenswürdigen Romantikern, schlechtsitzenden Frisuren, einer Sexszene, trockener Wissenschaft und geschlechtsspezifischen Themen: Eine Frau setzt sich gegen fiese Typen durch. Sie muß nur dran glauben. Und Glaube versetzt den einen oder anderen Berg Fachliteratur, bis der Weg zum trauten Heim frei ist: Ellie steigt in die Maschine ein und landet nach einer wüsten Fahrt durch einige Raumkrümmungen auf einem bonbonfarbenen Planeten. Dort begegnet sie ihrem Vater, der ihr zur erfolgreichen Reise gratuliert.

Selbstbewußtsein beruht auch auf dem Glauben an die Familie. Und das ist dann die Leistung von "Contact": Aliens, Wissenschaft, menschlicher Wille, der Glauben werden zum Familien- und Heimatproblem herunterdekonstruiert. Zentrale menschliche Fragen sind: Wer paßt auf mich auf, wenn ich schlafe? Oder: Wer nimmt mich mal in den Arm?

Wie gewöhnlich benimmt sich die Menschheit daneben. Niemand wird Ellie geglaubt haben. Sie ist die einzige, die den schönen Traum auch ausleben durfte. Und so geht es auch dem Kinopublikum, das nach zweieinhalb Stunden strenger Identifikationsleistung durch die Bank aus kleinen Mädchen besteht, die von allerlei großen Dingen träumen: "Contact" - eine Kunstausstellung der Werte. Aber ganz bestimmter eben. Daß Religion und Wissenschaft zweierlei Glaubenstechniken mit gleichen Zielsetzungen - die Klärung der Menschheitsfragen - seien, da sind sich hier alle ganz sicher. Andere Erkenntnismethoden wie schnelles Autofahren, Drogen und radikale Politikkonzepte bleiben auch nicht undiskutiert, führen aber zu nichts. Schließlich springen jede Menge Verrückte in diesem Film herum.

Darum kommt man zu folgendem Ergebnis, daß der Zivilisationskritiker Joss Palmer (Matthew McConaughey), nebenbei Ex-Liebhaber der Ellie, so zusammenfaßt: "Wenn wir wirklich die einzigen intelligenten Lebewesen in diesem Universum wären, wäre das doch eine unglaubliche Verschwendung von Platz." Vielleicht haben die anderen All-Bewohner die Menschheit aber auch bloß möglichst weit weg plaziert, um Ruhe vor ihr zu haben. Dort, wo sie sich ganz allein über Außerirdische, das Böse und Jodie Foster streiten können.

"Contact". USA 1997. R: Robert Zemeckis, D: Jodie Foster, Matthew McConaughey, James Woods, John Hurt, Tom Skerrit, Angela Bassett.

Ab 9. Oktober

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