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Fanny Müller: Bis zum Happy-End

Zur Sache, Schätzchen

von Fanny Müller

Eindeutig das Rennen macht: "Zur Sache Schätzchen" mit Werner Enke und Uschi Glas. Natürlich habe ich den nicht im Kino gesehen, weil ich schätzungsweise noch nicht auf der Welt war, als der in die Kinos kam, Ende der Sechziger muß das gewesen sein. Aber auch im elterlichen Wohnzimmer vorm Fernsehen, gute fünfzehn Jahre später, funktionierte noch alles: Das demonstrative Slackertum - noch ehe es den Begriff überhaupt gab -, mit dem Enke bis mittags im Bett liegen bleibt ("Ich mag es nicht, wenn sich die Dinge morgens schon so dynamisch entwickeln"); die in sich selbst ruhende Unbekümmertheit im Umgang mit Autoritäten, namentlich den halbdebilen Polizisten auf einem Münchner Revier; die Fetischisierung der kleinen, sinnlosen Dinge des Lebens (Daumenkino-Boxkämpfe)Ö das alles mündet in einem ungemein coolen und abgebrühten Hedonismus, der zunächst völlig unpolitisch ist, aber notwendigerweise gegen Ende mit der Staatsgewalt in Konflikt gerät - und das hat seinerzeit schon ziemlich gezogen, gerade weil es in den Achtzigern schon wieder beinahe unzeitgemäß war.

Dasselbe kam dann später noch mal mit den Winkelmann Filmen "Jede Menge Kohle" und "Die Abfahrer", aber da war der Zug ohnehin schon einigermaßen abgefahren Ö

Holm Friebe ist Initiator der Umfrage Blue Movie

Als ich Anfang der siebziger Jahre in der Geschwister-Scholl-Straße lebte - meine Mutter nannte das allerdings beharrlich "Kommune" und vermutete das Schlimmste, wobei sie aber nur ihre zweitschlimmste Vermutung offen aussprach, nämlich die Herstellung von Bomben -, habe ich zum ersten Mal einen Pornofilm gesehen. Wir wußten nicht, was wir am ersten Weihnachtstag machen sollten, und gingen dann in das Kino an der Eppendorfer Landstraße. Dort lief ein in wahrscheinlich drei Stunden in Hongkong gedrehter Film, in dem sich immerzu Japaner und Japanerinnen auf Betten herumwälzten. Die Herren behielten dabei eine Art Bermuda-Shorts an und von den Damen sah man nicht viel, außer den Einstichen an ihren Armen und Beinen. Ob nun von Spritzen herrührend oder von Flöhen, war nicht auszumachen. Nach einer halben Stunde gingen wir wieder nach Hause, zündeten Räucherstäbchen an und legten Platten von Mikis Theodorakis auf. Danach habe ich dann nie wieder einen Pornofilm gesehen.

Fanny Müller ist Schriftstellerin und lebt in Hamburg