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Elke Wittich: Alternative Lebensformen

Bademeister

von Elke Wittich

Die Berufswahl sagt sehr viel über einen Menschen aus, das ist klar. Diejenigen zum Beispiel, die gerne andere herumkommandieren, so hatte man bislang gedacht, ergreifen einen der klassischen Menschenherumkommandier-Berufe und arbeiten dann bis zur Pensionierung als Polizisten, Parkwächter, Zahnärzte, Grundschullehrer und Bundeswehroffiziere. Diejenigen, bei denen es für einen dieser Jobs nicht gelangt hat, kompensieren ihren langweiligen Beruf dadurch, daß sie in der Freizeit etwa als Fußball-Schiedsrichter aktiv sind, und gehören damit zur großen Gruppe der glücklichen Wochenendkommandierer.

Dabei gehört auch eine Berufsgruppe zum Kommandogeber-Genre, der man den Hang zum Meckern und Befehle geben eigentlich so nicht mehr zugetraut hätte. Denn Bademeister waren zwar früher ganz besonders eklige Menschen, aber mit der Aufhebung der Badekappenpflicht war ihr Hauptkommando ("Du da hinten, sofort raus aus dem Becken. Zieh Dir sofort eine Badekappe an!") obsolet. So würden wohl, dachte man, nur noch Menschen Bademeister werden, die, wie in "Baywatch", gerne Menschenleben retteten, Spaß daran hatten, in der rettungsfreien Zeit ihre gebräunten Körper herzuzeigen und mit großbusigen Blondinen zu flirten, während sie gleichzeitig die Badeanstalt nach Anzeichen von verirrten Kindern und untergehenden Nichtschwimmern absuchten.

Gar nicht wahr. Jedenfalls nicht im Schwimmbad am Volkspark Mariendorf, wo auf einem Tennisschiedsrichter-Stühlchen ein extremer Herumkommandierer das Schwimmerbecken bewacht. Der dortige Bademeister ist weder gebräunt noch rettungswillig, sondern durch seinen Kugelbauch ziemlich unbeweglich und schlecht gelaunt. In seiner rechten Hand hält er ein Megaphon.

Die Baywatch vom Mariendorfer Schwimmbad schaffte es an einem einizgen Nachmittag, sich durch gezielte Nörgeleien an die Spitze zu nölen. Selbst in den Standards ("Von der Seite ist das Reinspringen hier verboten, wie oft soll ich das noch sagen?") übertraf er die notorischen Bademeister vom Prinzenbad durch gezielte Anwendung eines extrem angeekelten, gleichwohl bellenden Tonfalls, während er sich im freien Anweisungengeben selbst für Kleinigkeiten nicht zu schade war. "Sie dürfen hier nur in Badekleidung langgehen", brüllte er etwa eine gerade angekommene Familie an, die den gepflasterten Weg am Schwimmbad als Abkürzung zur Liegewiese genommen hatte. Zwei junge Männer, die sich aus Spaß ein bißchen hin- und herschubsten, fuhr er an, daß man denken mußte, er verhindere gerade eine Großschlägerei und trotzdem schaffte er es gleichzeitig noch, auf die Seiten-Reinspringer zu achten. Gerettet hat er niemanden, aber das ist ja auch nicht sein Job.