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Mark-Stefan Tietze: Schieß mich, Jesus

Schieß mich, Jesus

Nik Cohn treibt sich an den Rändern der Amüsiergesellschaft herum. Die Freak-Show "Manhattan Babylon".

von Mark-Stefan Tietze

Wer den Rummelplatz meidet, dessen primitive Vergnügungen verachtet und hinter Boxbuden und Zuckerwatte-Ständen vor allem Nepp wittert, wird mit Nik Cohns neuem Roman wohl wenig anfangen können. "Manhattan Babylon" schwelgt in dem fadenscheinigen Glamour, der dem Gewerbe noch aus Zeiten anhaftet, als die grob stimulierenden Attraktionen allesamt handgemacht waren.

Cohn, der mit "Awopbopaloobopalopbamboom" 1968 eine der ersten Geschichten der Popmusik schrieb, spürt damit weiter den Traditionen der US-amerikanischen Massenunterhaltung nach. Anders als Greil Marcus in "Basement Blues" (1997) lässt Cohn seine Freak-Show aber seit Anfang der Neunziger im Roman stattfinden. In seinem literarischen Debüt "Das Herz der Welt" (1992) sammelte er auf dem Broadway die Lebensgeschichten der Loser ein. An Gezeichneten und Gestrandeten, die zumeist in der Welt der Schausteller aufgewachsen sind, herrscht auch in "Manhattan Babylon" kein Mangel.

Willie D, ein puertoricanischer Kleinzuhälter, will gerade seine Ersparnisse in eine Oben-ohne-Autowaschanlage investieren - sein "erster Schritt zu einem ausgeglichenen Anlageportefeuille" -, als er von seiner Geliebten aus der Wohnung geworfen wird. Mittellos und ohne seine achtundzwanzig Paar Schuhe muss er bei seiner neuen Freundin Anna Crow unterschlüpfen, die tagsüber als Gedicht-Rezitatorin bei einer Glückwunschtelegramm-Firma arbeitet und nachts als Bauchtänzerin im "Sheherazade". Was die beiden verbindet, ist nicht gerade Liebe, aber vielleicht doch so etwas Ähnliches. Annas hochfliegende Träume sind gescheitert, die erfolglose Künstlerin hat sich eine ganz eigene Marotte zugelegt: "Schorf war Annas Leidenschaft. Mitesser ausdrücken war gut, Gift aus Bienenstichen saugen war besser, aber Schorf war am besten."

Zwischen Hahnenkämpfen, Sex mit Anna und einigen Versuchen, an sein gebunkertes Geld zu kommen, trifft Willie irgendwann auf die dicke alte Kate Root, die im selben Haus wie Anna lebt und im Erdgeschoss einen Zoo mit exotischen Schlangen und Vögeln hütet. Willie glaubt sich von der mysteriösen Kate verhext, ihr Blick hat ihn seiner Lebensenergien beraubt. Er beginnt, hinter ihr her zu spionieren und stellt Nachforschungen an, bis er nur noch ein Ziel kennt: Kate, die hellseherisch begabte Tochter eines Messerwerfers, soll ihm das Messerwerfen beibringen, koste es, was es wolle.

Währenddessen wird John Joe Maguire, der gerade von Irland nach New York gekommen ist, von Kate aufgelesen. John, der Sohn eines schwarzen Boxers und einer irischen Hypochonderin, ist für sein Leben gezeichnet, weil er als Kind mit einem Topf heißer Milch verbrüht wurde. Bald kellnert John Joe im "Sheherazade" und knüpft zarte Bande zu Anna. Eine Unbekannte spricht ihn auf der Straße an und macht ihn mit einer Sekte bekannt. Deren Mitglieder huldigen den Prophezeiungen eines mittelalterlichen Märtyrers und halten sich in den U-Bahn-Schächten New Yorks verschanzt. Ihr Glaube: Nach dem Weltuntergang, der unmittelbar bevorstehe, werden einzig sie gerettet und als schwarze Schwäne dem Elend davonfliegen können.

So weit, so realistisch. Die vier Protagonisten, die Cohn abwechselnd zu Wort kommen lässt, sind keine Spinner, sondern vielmehr Spezialisten, die sich ihren Leidenschaften und Seelenzuständen mit nahezu wissenschaftlicher Besessenheit widmen. Wenn Willie den Verlust seiner Schuhe, seiner "Antriebsräder, die ihn genau richtig steuerten", beklagt oder wenn er den Satz: "Ich bin nicht ich selbst" wie ein elektronisches Werbeschriftband durch seinen Kopf laufen sieht, geht es um mehr als den Irrsinn des Einzelnen. Willies Freundin Anna ist zeitweilig "sogar das Pronomen erste Person Singular verschütt gegangen"; immerhin ist sie noch besser dran als ihr Ex-Freund, der sich vom drogensüchtigen Rockmusiker zum prominenten Fernsehprediger gewandelt hat und jetzt "Schieß mich, Jesus, durch die Torpfosten des Lebens" singt.

In den miteinander verschraubten Erzählungen über die vier merkwürdigen Helden erhalten noch die eigenartigsten Marotten und Visionen ihre poetische Begründung. Cohn stattet seine Figuren mit Geschichten sonder Zahl aus, Geschichten vom Elend der irischen Kindheit, vom kommerziellen Wunderkult in der amerikanischen Provinz, von Indianerspielzeug-Herstellern, von "Bones, dem lebenden Skelett, und Stretcho, der menschlichen Brezel, und Marvin Dobbs, dessen Gesicht der Länge nach gespalten war wie mit der Axt". Leider sind Kate, Anna, Willie und John Joe nicht in der Lage, sich auch untereinander beziehungsstiftend mitzuteilen. Nur sehr selten und in überaus komplizierten Ritualen (Teestunde mit Törtchen, gemeinsame Tierpflege, Garderobengespräche, Sex) kommen sie sich ein bisschen näher.

Aus der Innensicht der Protagonisten aber werden derlei Verhaltensweisen historisch-biografisch legitimiert, und zwar mit einer Fülle von Erzählungen, die Bauchtanz, Messerwerfen, Zweites Gesicht, Crickett, Traumdeutung und Verschwörungstheorien als das Alltägliche erscheinen lassen, das sie für diese Leute ja auch sind. (Eine Hellseherin sagt zur anderen: "Die fünfte Dimension, meine Liebe, so doll ist die auch wieder nicht.") So nimmt es denn auch nicht Wunder, dass im Finale des Romans selbst die paranoide Vorstellung der U-Bahn-Sekte, wonach der Antichrist in Gestalt des Vorsitzenden der Manhattan Transport Authority, Randall Gurdler, seinen Dienern pünktlich zu Armageddon die Auslöschung der Sekte befehligt, Plausibilität erhält.

Denn als plötzlich die Polizeigewehre im unterirdischen Hauptquartier der Rebellen knallen, zeigt sich, dass der Meister mit seiner Prophezeiung so falsch nicht gelegen hat. Die Staatsmacht packt offensichtlich die Gelegenheit beim Schopf. Während die Helden noch versuchen, ihre Probleme in den Griff zu bekommen, ihre Obsessionen neu zu arrangieren und über Veränderung nachdenken, bringt ein Stromausfall ganz Manhattan durcheinander. Plünderer und Polizei liefern sich Gefechte, Autos krachen ineinander, bald stehen große Teile der Stadt in Flammen. Die Sekte wird ausgeräuchert, die Überlebenden werden verhaftet, unterdessen verwüsten Jugendliche Kates Zoo.

Ein richtig gutes Ende nimmt diese chaotische Nacht der Brände und Massaker für keinen der Protagonisten. Es ist deshalb auch fraglich, ob die Botschaft dieses Romans tatsächlich, wie der Klappentext behauptet, lauten könnte: "Nur die Freaks, nur die Entrechteten und Enterbten werden dereinst diese verbrannte Erde erben." So viel Hoffnung bleibt am Ende dieses Roman, den trotz seiner Flut greller Reize nicht unbedingt Handlung voranpeitscht, gar nicht übrig. "Manhattan Babylon" untersucht die Handlungen von Menschen und beschreibt, warum sie schließlich zu nichts führen. Was man auch auf jeder Kirmes beobachten kann.

Nik Cohn: Manhattan Babylon. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Carl Hanser Verlag, München / Wien 1999. 286 S., DM 39,80

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