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diedrich diederichsen: Debatte um Robert Kurz' »Schwarzbuch Kapitalismus«

Das Holzspielzeug der Linken

Die kitschige Anthropologie in Robert Kurz' »Schwarzbuch Kapitalismus«.

von diedrich diederichsen

Umgekehrt proportional zu seinem Verschwinden als verfügbare politische Option ist der Antikapitalismus an den Börsen der Weltanschauungen ungemein hoch im Kurs. Heute fällt auch Konservativen kein Zacken aus der Krone, wenn sie die Übel des Sittenverfalls zwischen Single-Dasein und Super-RTL dem Kapitalismus zuschreiben, stolze Zyniker wie Willi Winkler erinnern sich in der SZ, dass die Stamokap-These schon immer im Recht war, und jedes literarisch-kulturpessimistische Ressentiment geriert sich heutzutage als Kapitalismus-Kritik. Robert Kurz hat nun als deutsche Viviane Forrester den Bestseller zum Thema geschrieben.

Die Fundamental- und Totalopposition gegen den Kapitalismus, den Kurz nicht müde wird, gegen eine in der Vergangenheit stets zu zahme und lahme Linke ins Feld zu führen, erfüllt verschiedene Funktionen. Sie erinnert ältere GenossInnen, die sich in den letzten Jahrzehnten über zu viel Ökologie, Feminismus, Antirassismus und andere nebenwidersprüchliche Themen geärgert haben, an das real thing ihrer Jugend. Sie verpflichtet zu nichts, weil keine zeitgenössische politische Initiative, Gruppe, Linie, Fraktion, Intervention vor ihrer Radikalität Gnade findet. Schließlich kann man gegen den jede Region menschlicher Existenz okkupierenden Kapitalismus kaum noch etwas tun, eigentlich nichts. Lass es bleiben.

Außerdem geht der ja eh in Bälde an sich selbst zu Grunde. Da dieser Untergang aber nichts Angenehmes haben - seine Vorzeichen seien unsere heutigen Krisen -, sondern noch mehr Verheerung und Unglück unter die Menschheit bringen werde, stellt sich natürlich die Frage, ob man nicht wenigstens mit etwas christlicher Nächstenliebe und Sozialdemokratie um den Preis, das Schlimme zu akzeptieren, das Allerschlimmste verhüten sollte, wenn dieser Sturm des Untergangs losbricht. Beziehungsweise, ob sich das dann nicht von ganz alleine ergibt: Wenn man keine politische Option hat, macht man immer Schadensbegrenzung. Auf diese Weise hat ein bestimmter Linksradikalismus real immer schon Sozialdemokratie hervorgebracht: die Politik, die eben betrieben wird, wenn eigentlich nichts mehr geht.

Und dann fragt sich natürlich wiederum, ob nicht eine totale Kapitalismus-Theorie, derzufolge nichts zu tun bleibt, als Kurz zu lesen und abzuwarten, bis das Schlimmste eintrifft, und die damit natürlich auf die unausgesprochene Option hinausläuft, dass das Einzige, was dann trotz allem inmitten des Untergangs zu tun bleibt, Schadensbegrenzung ist, ob eine solche Theorie sich eigentlich von irgendeiner der Revolutions-Eschatologien der alten Linken unterscheidet. Wenn sonst gar nichts geht, könnte man z.B. ja auch die RAF wieder gründen oder irgendeinen anderen Quatsch machen. Es hätte keine Entwicklung stattgefunden, die Geschichte minoritärer Kämpfe z.B. wäre vernachlässigbar.

Doch so total ist Kurz dann im entscheidenden Moment doch nicht. Ganz unsystematisch schlüpfen durch seinen werttheoretischen Ableitungsmarxismus, dessen Wasserdichte er nicht müde wird an die Tafel zu schreiben, so komische und untertheoretisierte Begriffs-Idyllen wie eine »weibliche Produktionsweise« oder sogar mal »Gegenkulturen« oder die »Räte«. All diese auch nicht gerade neuen und nach allem, was das Buch sonst zu sagen hat, ja auch in irgendeinem höheren Sinn an der Leine geführten Momente des Antikapitalistischen taugen aber nicht zu einer Perspektive: weder für Kurz, der sie nur antippt, noch für mich. Denn warum sollten Räte, die durch nichts anderes bestimmt sind als durch die dezentrale Form einer vom Himmel gefallenen neuen Ordnung, weniger rassistisch oder sexistisch denken als Abgeordnete. Höchstens, wenn ich mir irgendeine vorangegangene gigantische Umwälzung vorstelle - die sollte aber doch bei Kurz gerade erst von den Räten herbeigeführt werden.

Am Ende gibt es zwar nichts, was gegen den Kapitalismus hilft, wohl aber etwas fürs eigene Seeelenheil: Wer es sich leisten kann, kann sich bei Kurz nämlich einfach verweigern, langsamer arbeiten und vor allem nicht mitmachen bei den »Plastikdiskursen«. Dass ein privates Heil also immer noch inmitten der Plastikwelt erreichbar ist, mit Politik aber nicht viel anzufangen bleibt, soll die Konsequenz von etwas mehr als 800 Seiten monokausalem Monomanentum sein? (Dem man alles Mögliche vorhalten kann, nur nicht Arbeitsverweigerung, selten war ein Soll übererfüllter). Was ist antikapitalistisch daran, das Selbst daheim frei von Plastik zu halten? Dabei hilft auch gerne die Waldorfschule an der Ecke.

Dieser Schluss markiert aber den entscheidenden Fehler des Buches: einen pietistisch-puritanischen Horror vor den Freuden der modernen Warenwelt, eine gruselige Liebe zu Holz und Holzwegen. Im Lichte einer solchen Mönchsperspektive können dann nämlich die Übel des Konsumkapitalismus in dasselbe Register eingetragen werden, in dem schon die Genozide, Kriege und ökologischen Verheerungen stehen, die der Kapitalismus im Weltmaßstab anrichtet. Das lässt auch dessen erträgliche Elemente dann erst in einem richtig üblen Licht erscheinen. Wie in den Siebzigern: In Vietnam Napalm, aber bei uns der Konsumterror ist auch ganz schön schlimm.

Ein Problem am »Schwarzbuch Kapitalismus« ist nämlich, dass verschiedene - in sich meist durchaus gerechtfertigte - Kritiken des Kpitalismus mit einander vermischt und auf einen Punkt zurückgeführt werden, die abstrakte Arbeit, die Wertproduktion. So wird Kurz' schon vor zehn Jahren formulierte richtige und seinerzeit neue These vom im Weltmaßstab ausbeutungsunfähig gewordenen Kapitalismus mit einer Kulturkritik vermengt, die nicht nur grob vereinfachend und unoriginell, sondern vor allem auch falsch ist. Dass überall die Kapitalverwertung am Werke ist, wie Kurz meint: »total«, heißt nicht, dass egal ist, ob man im Zuge dessen ermordet oder zum RTL2-Gucken gezwungen wird, gefoltert wird oder bei Aldi einkauft. Diese Differenzen ums Ganze werden zwar nicht geleugnet, aber stets in den Bereich des Vernachlässigbaren abgedrängt.

Als Kronzeuge für die Erbärmlichkeit fordistischer Freizeitgestaltung darf dann auch Ernst Jünger aufgerufen werden, der sich wie jedes elitäre Ekel darüber aufregt, dass die jungen Leute mit ihren Autos und Motorrädern so rasen (als laste auf ihnen noch immer der Zwang der Produktion), statt es in der Freizeit mal etwas ruhiger angehen zu lassen. Jünger wie Kurz interessieren sich aber nicht für die subjektive Dimension von Konsum oder Freizeit, sondern nur für die objektive Funktion proletarischen Treibens in verschiedenen Maschinen-Metaphern für Gesellschaft. Die böse Absicht der von Kurz mit viel heuristischer singlemindedness gelesenen Autoren wie dem Marquis de Sade erfüllt sich dann bei ihrem Leser auf der Ebene der Beschreibung: Kurz findet in der Wirklichkeit die Metapher, die er zu ihrer Darstellung verwendet. Und wenn dies nicht die Maschine ist, wird es immer wieder das gute alte »Plastik«, das z.B. auch bei Typen wie Hans-Jürgen Syberberg für falsches Leben steht. »Plastik« verweist aber auf einen kruden Authentizismus und eine kitschige Anthropologie. Warum soll denn eine neue auf Unmittelbarkeit und »authentischen« Individuen basierende Utopie weniger repressiv und terroristisch sein als ihre präkapitalistischen Entsprechungen?

Sicherlich sind die Ambivalenz der Ware oder auch die im urbanen Leben auftauchenden Vorteile der anonymen Produktion und Vergesellschaftung nicht die einzigen Bereiche, wo Kurz monokausal psychische Paradoxien und Ambivalenzen wegkürzt, aber hier sie sind am auffälligsten. Weit undialektischer noch als es die von ihm gelegentlich angerufene Kulturindustrie-These sieht, ist für ihn die Plastik- und Konsumwelt ein reines Illusionsprogramm, das sozusagen über die Individuen kommt als reine Täuschung und total im Sinne der Zwecke des Systems.

Seitenweise ergeht er sich über diese vollkommene Entmündigung, in der die Konsummenschen dahindämmern und »als Menschenmaterial des Verwertungsprozesses« »an der Leine geführt werden«. Der Zirkelschluss, dass, wenn man Kapitalismus auf eine strukturelle Minimaldefinition verkürzt, die unterschiedlichsten Gesellschaften alle unter diese Kapitalismusdefinition fallen, scheint dazu zu berechtigen, immer wieder aufs Neue den Rest für nicht der Rede wert zu erklären; bestenfalls erscheinen Unterschiede als verschiedene Stadien desselben historischen Prozesses.

Ist aber nicht darüber hinaus genau die Gewohnheit, die gegenwärtigen Entwicklungen des Kapitalismus im Zeitalter seiner Triumphe und Zügellosigkeiten nur ökonomisch zu lesen, nicht schon ein ideologischer Effekt dieser Entwicklungen? Ist die Rede von den absoluten und totalen Zwängen der Globalisierung, die Kurz zwar gegen diese richtet, nicht eben genau die ideologische Rede, wenn nicht Propaganda der Globalisierungsgewinner, die es politisch zu dekonstruieren und nicht einfach nur ökonomisch zu übernehmen und dann umzudrehen gilt?

Blind bleibt Kurz systematisch für den »Traum von einer Sache« (Marx an Ruge), der zu Marx' Zeiten in religiöser Mystifikation und »sich selbst unklarem Bewußtsein« (ebenda), heute aber, wie blind und begrifflos auch immer, in den Bildern und Narrativen der Konsumkultur schlummert, zwar fragmentiert und zerrissen, verdreht und verkehrt, aber eben an nicht unwesentlicher Stelle funktional verankert. Die Forderung müsste doch eigentlich heißen, diesen als von heute lebenden Personen tatsächlich geträumten Traum ans Licht des Tages zu bringen, also die Versprechen der Warenwelt zu verwirklichen, statt sich vor ihr in Holz und Wald zurückzuziehen. Die wahre Revolution wird aus Plastik sein, und die RevolutionärInnen werden Masken tragen.

Bisher erschienen zum »Schwarzbuch Kapitalismus« Beiträge von Anton Landgraf(Jungle World, 5/00),Thomas Kuczynski(10/00),Martin Janz(11/00)und Stephan Grigat(12/00).

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