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Manuel Meyer: Pogrom gegen Roma in Spanien

Erst trauern, dann töten

Nach einem Begräbnis im südspanischen Almorad' hat ein Lynchmob ein Roma-Viertel angegriffen.

von Manuel Meyer

Sie wollten uns töten. Einige riefen noch, dass auch Kinder im Haus seien. Egal, antworteten die anderen: Sie sollen alle brennen. Dann steckten sie unsere Häuser an.« So beschreibt eine Roma die rassistischen Übergriffe in der Kleinstadt Almorad' in der Nähe von Alicante. Die fremdenfeindlichen Ausschreitungen in El Ejido, wo vor drei Monaten die Bevölkerung mit Eisenstangen und Holzknüppeln marokkanische Gastarbeiter jagte, sind noch allzu gut in Erinnerung und schon kommt es zu einem ähnlich motivierten Angriff.

Etwa 2 500 Einwohner von Almorad' zogen am Dienstag vergangener Woche durch ihre Stadt, um gegen die Ermordung des 22jährigen Miguel çngel Mart'nez zu protestieren. Zuvor war Francisco Ruano als Täter identifiziert worden, ein Roma, dem Kleindealerei nachgesagt wird. Quico, so der Spitzname des 36jährigen, hat ein langes Vorstrafenregister. Er war erst wenige Tage zuvor aus dem Gefängnis Foncalent entlassen worden, als die Polizei ihn wegen Mordes an Miguel wieder verhaftete. »Miguel, du wirst immer in unseren Herzen bleiben«, liest man auf den Plakaten. Die Menschen legen Blumen nieder, viele weinen.

Doch gegen elf Uhr abends endet plötzlich der friedliche Protestmarsch, der von Miguels Freunden organisiert worden war. Rund 800 Personen bewaffnen sich mit Eisenstangen, Ketten, Messern und Benzinflaschen und ziehen in Richtung des Roma-Viertels, wo auch die Familie Quicos wohnt. Die Meute sammelt sich vor ihrem Haus, die Fensterscheiben werden eingeworfen. »Hundesöhne, verschwindet aus unserem Dorf!« schreit die Menge. Der Zorn richtete sich nicht nur gegen die Angehörigen des Täters, sondern auch gegen die sechzig bis siebzig Roma-Familien, die in der Siedlung wohnen. Auch Quicos Nachbar Joaqu'n Moreno war dem Lynchmob hilflos ausgesetzt. »Sie waren mit Eisenstangen bewaffnet und zündeten unser Haus an«, erzählt Moreno.

Die Polizei hatte dem seit 15 Jahren in diesem Viertel lebenden Schrotthändler geraten, mit seiner Familie vorsichtshalber nicht das Haus zu verlassen. Doch als sie die Flammen sahen, flohen sie über das Dach und versteckten sich in den nahe gelegenen Orangenfeldern.

Joaqu'n Moreno wundert sich über den rassistischen Übergriff, weil es eigentlich niemals größere Probleme zwischen den Spaniern und den Roma gab. Er weiß noch nicht, wo er und seine Familie die nächsten Tage schlafen sollen. Sein Haus ist völlig zerstört. Der Mob hatte die anrückende Feuerwehr an den Löscharbeiten gehindert. Zwei Familienhäuser sind komplett niedergebrannt, weitere zehn sind unbewohnbar geworden. »Die haben mein ganzes Hab und Gut niedergebrannt, obwohl ich gar nichts mit dem Mord und der Familie zu tun habe. Und die Polizei hat nicht einmal eingegriffen«, berichtet Carmen Romero.

Der Bürgermeister der 15 000 Seelen zählenden Kleinstadt an der Mittelmeerküste, der zur regierenden Volkspartei (PP) gehörende José çngel Hurtado, weist die Anschuldigungen, dass die Polizeikräfte nicht eingegriffen hätten, vehement zurück. Seiner Meinung nach habe es sich um eine spontane Aktion gehandelt, welche die Polizei nicht voraussehen konnte. »Außerdem haben die Beamten alle Möglichkeiten ausgenutzt, um diese unerwartet große Menschenmasse aufzuhalten«, rechtfertigt er das Verhalten der örtlichen Behörden.

Doch nicht nur die Opfer der Ausschreitungen klagen die Lokalpolizei und die spanische Guardia Civil an. Auch unbeteiligte spanische Bürger bemerkten eine auffällige Passivität der Polizei. Das Video eines Hobbyfilmers unterstützt die Anklagen gegen die Sicherheitskräfte. Auf dem Band sieht man zwar einige wenige Beamte am Tatort, doch keiner von ihnen greift in die Geschehnisse ein.

Indes beteuert der Bürgermeister immer wieder, dass es sich bei den Übergriffen nicht um rassistische Ausschreitungen wie in El Ejido handelt. »In Almorad' haben unterschiedliche Rassen und Kulturen immer friedlich zusammengelebt«, beschwört er die spanische Presse. Es handele sich vielmehr um isolierte Aktionen in einem konfliktreichen Stadtviertel, wo zwei oder drei Roma-Familien seit längerer Zeit mit Drogen dealten. Darin liege seiner Ansicht nach auch die Ursache des Pogroms: »Die Anwohner der Gegend hatten die Drogengeschäfte einfach satt.« Doch wenn die sonst so »friedlichen« Einwohner nur die Drogengeschäfte satt hatten, warum mussten dann fast alle Roma-Familien fliehen, um dem Volkszorn zu entgehen? Eine Frage, die der Bürgermeister nur schwer beantworten konnte.

Dass es sich um rassistisch motivierte Ausschreitungen handelte, legt auch der Übergriff auf neun in dem Roma-Viertel lebende marokkanische Immigranten nahe. Sie wurden ebenfalls mit Steinen und Eisenstangen angegriffen. »Die Polizei sagte uns, dass wir die Typen an der Zerstörung unserer Autos nicht hindern und sie später lieber anzeigen sollten«, berichtet Qurarit Mohamed, der seit neun Jahren in Almorad' lebt und arbeitet.

An die Erklärung, dass die Marokkaner einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren, glaubt der Roma und valencianische Landtagsabgeordnete Manuel Bustamante nicht: »Hier handelt es sich um Lynchjustiz. Die Dorfbewohner haben in einer rassistisch motivierten Aktion die Justiz in die eigenen Hände genommen«, kommentiert der Abgeordnete der regierenden Volkspartei von Ministerpräsident José Mar'a Aznar die Übergriffe. »Der Drogenhandel und der Konsum von Haschisch ist ein soziales Problem und keines, das nur die Roma betrifft«, verurteilt Juan David Santiago, Präsident der Roma-Gemeinschaft in Alicante, die rassistischen Ausschreitungen in Almorad'.

Die Polizei ist mittlerweile mit einem großen Aufgebot in Almorad' präsent. Die Guardia Civil hat bereits die Verhaftungen von Personen angekündigt, die während des Pogroms identifiziert werden konnten. Bis jetzt wurde dennoch niemand festgenommen. Drei Roma-Familien haben das Dorf bereits verlassen und sind nach Murcia gezogen. Sie trauen den Menschen, mit denen sie jahrzehntelang zusammenwohnten, nicht mehr über den Weg.

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