Jungle World abonnieren
Jungle World - shop
diedrich diederichsen: Bürgerliche Medien und die Linke

Kritik? Konsequenzen!

Lange waren Linke und Hipster nicht mehr so weit voneinander entfernt wie heute. Während die Gründung von Unternehmen mit Glamour aufgeladen wird, bezieht die bürgerliche Presse antikapitalistische Positionen.

von diedrich diederichsen

Häufiger konnte man in letzter Zeit die etwas seltsame bange Vermutung hören, es könne der Jungle World und anderen linken Projekten an die Grundlage und das Selbstverständnis gehen, weil die so genannte bürgerliche Presse (BP) mittlerweile hin und wieder linksradikale Texte in homöopathischen Dosen unter ihr Feuilleton mische. Erst dachte ich, die Jungle World ist die einzige an jedem Kiosk erhältliche Publikation, die noch das Wort »Ausbeutung« verwendet. Ist das nicht ein hinlängliches Unterscheidungskriterium? Aber ist es auch ein das Wesentliche aktueller Unrechtsverhältnisse auf den Punkt bringender Begriff? Also blieb diese Frage: Was macht eigentlich den Jungle World-Text aus, der auf keinem Fall in der FAZ oder der Süddeutschen Zeitung gedruckt werden könnte?

Gute Frage, sagt der Autor dieser Zeilen, der, wie vor ihm z.B. schon Guillaume Paoli, sowohl in FAZ wie in der Jungle World publiziert hat. Robert Kurz scheint dagegen seine Kolumne in der SZ nicht weiterzuführen. Auch dort erschienen einige ziemlich linksradikale Beiträge, oft von älteren Autoren, die früher durch ganz andere Positionen aufgefallen waren, wie etwa Willi Winkler.

Eine nahe liegende Beschreibung des Unterschieds ginge so: Die Jungle World und andere kümmern sich um die verbliebene Szene und ihre Projekte, diskutieren Interna, Strategien und können da genauer und ausführlicher sein, wo die BP nur ein allgemeines oder exotisches Interesse hat. Dagegen ließe sich einwenden, dies wäre kaum ein anderes Verhältnis zur BP als jenes, das Spezialzeitschriften (special interest) schon immer zu den großen Tages-und Wochenzeitungen (general interest) haben. Deshalb werde hier keine genuin linke oder linksradikale oder kritische Position markiert. Linke Thesen und Ideen sind in den großen Blättern ebenso präsent wie die Interessen der Bezieher von Herr & Hund.

Einmal im Jahr, wenn der 1. Mai bevorsteht (bei den Linken) oder das Kampfhundethema wieder wallt (bei Herr & Hund) steht man im Mittelpunkt. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob Mark Siemons in der FAZ nicht viel liebevoller und genauer über linke Grassroots-Politik schreibt als es das Milieu selber macht. Zumindest scheint das in jenem Blatt möglich zu sein. Clemens Nachtmann sang sein Lob schon vor vier Jahren. Damals noch in der jungen Welt mit dem Argument, dass er die soliden ökonomischen Kenntnisse eines FAZ-Redakteurs dem kulturtheoretischen Geschwurbel einer linken Szenetype wie mir vorziehe.

Jahrelang war die Konkurrenz einer linken Wochenzeitung von ihrem eigenen kulturellen Rand aus zu ermitteln. Solange Stadt- und Pop-Zeitschriften, Kinomagazine und Kunstkritiker alle auch ein bisschen oder sogar sehr links waren, war der geringfügig besser bezahlte Text und der möglicherweise schöner layoutete und weniger harten Diskussion abgetrotzte Beitrag in einer solchen kulturellen Nachbarschaftspublikation für viele AutorInnen eine Alternative. LeserInnen, die ihr Engagement und ihre kritische Position mit einer als außerpolitisch verstandenen Freude an den schönen Dingen des Lebens mischen wollten, tendierten in die gleiche Richtung. Aber hier soll ja weniger von ökonomischer Konkurrenz als von Gefahren für das Selbstverständnis die Rede sein. Und damit konnten die linken Blätter in dieser Konstellation relativ gut umgehen: Sie waren erstens strenger, zweitens radikaler und drittens immer ein bisschen kulturfeindlich.

Nun hat sich die Situation geändert. Zum einen sind die meisten Kulturblätter restlos depolitisiert. Kritisch zu sein ist nicht nur unhip geworden, auch das eher unangenehme Über-Ich, das den Redaktionen gelegentlich einen »politischen« Artikel verordnete, ist verstummt oder vom Hedonismus zum Schweigen gebracht worden. Darüber hinaus haben sich die beiden führenden Musikzeitschriften Spex und de:bug im November endgültig zu Statements durchgerungen, denen zufolge man Geschäftsgründungen nunmehr für »Selbstermächtigungen« (Spex) hält, bzw. glaubt, sie führten zu einem »besseren Leben« (de:bug). Zwar gibt es freizeitpraktisch-lebensstilistisch noch viele Gemeinsamkeiten zwischen Linken und Hipstern, inhaltlich aber brechen diese auf ganzer Front ein. Nicht nur der Two-Step-Fan tendiert eher zum Wirtschafts-Lifestyleblatt Brand Eins als zur Jungle World. Zugleich gibt es aber eine neue alte Sache, die Linke traditionell anzubieten haben, und die nun im ganz normalen Feuilleton ziemlich begehrt ist: Antikapitalismus.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Hier wird nicht plötzlich an offiziellen Stellen die Systemfrage gestellt. Das neue Unbehagen am Kapitalismus ist eher ein Gefühl. Es ist keine Frage aktiver Opposition oder gar dezidiert politischer Ablehnung. Im gleichen Maße, in dem die Firmengründung und das ökonomische Handeln in der Szene- und Jugendkultur durchglamourisiert werden, wird an erstaunlich vielen Punkten der offiziellen Kultur des Kapitalismus die Zustimmung entzogen. Dabei nimmt man nicht so sehr an dessen konkreten Schrecken Anstoß: Es sind nicht die Schicksale von Supermarktkassiererinnen, die gezwungen sind, zwei Stunden zum Job anzureisen und wegen der allgemeinen Ladenschlusszeitenflexibilisierungseuphorie noch mehr Schichtdienst zu machen, die diese Antikapitalisten empören. Es ist die allgemeine Unausweichlichkeit des Systems. Es scheint tatsächlich keinen Ausweg aus der Kapitallogik innerhalb des Kapitalismus zu geben - das ist es, was als Problem empfunden wird, vor allem in seinen Konsequenzen für das Kulturelle.

Dieser Antikapitalismus verdankt sich - ähnlich wie die Zukunfts-Techno-Euphorie oder ein antimoderner Kulturpessimismus - keiner politischen Position, sondern kulturellem Interesse. In welchem kulturellen Kontinuum will ich eigentlich leben und Sinn stiften? Wie kann ich Sinn stiften, wenn er von einem Großtrend - Humangenetik, Untergang des Abendlandes - dementiert wird? Was wird aus »dem Menschen« - diesem Idealsubstrat, das nach wie vor in der gedachten Mitte jedes Feuilletons stehen muss? Klon oder Kapitalfunktion? Liest das noch Leitartikel?

Bezeichnend war eine Jubel-Rezension des neuen Buchs von Noam Chomsky durch Fritz J. Raddatz in der Zeit. Nicht, dass im neuen Chomsky etwas grundsätzlich anderes stehen würde als in allen anderen Chomskys. Nicht, dass man sich die zentralen Wahrheiten Chomskys nicht auch irgendwann während der letzten 20 Jahre von so manchem Autonomen-Stammtisch in - sagen wir - Marburg hätte abholen können. Aber heute, ein Jahr nach dem »Schwarzbuch Kapitalismus« von Robert Kurz, drei nach Viviane Forrester, geht jemandem wie Raddatz anlässlich des Kapitalismus an und für sich der Arsch auf Grundeis.

Zugleich würde man sich etwas vormachen, wenn man glaubte, die Zunahme antikapitalistischer oder kapitalismuskritischer Beiträge in Tageszeitungen und Wochenfeuilletons sei politisch im Sinne der Tendenz dieser Texte zu verstehen. Genauso gut könnte man deren Häufigkeit in einem ganz anderen Sinne auslegen. Da es keine politische Basis für ein antikapitalistisches Handeln mehr gibt, kann die antikapitalistische Position heutzutage in die unter liberalen und pluralistischen Bedingungen mögliche Meinungsvielfalt eingetragen werden. Sie ist mit keiner realpolitischen Konsequenz verbunden. Ein edler Ekel vor allzu geschäftstüchtigen jungen Leuten adelt heute auch Kolumnisten, die ansonsten der CDU nahe stehen. Antikapitalismus hilft z.B. gegen nouveaux riches und verpflichtet nicht weiter. Deswegen findet er ja auch auf den Kulturseiten statt.

Nun hat aber nicht nur ein abstrakter Antikapitalismus Konjunktur, ein Raddatzscher Horror vor einer auswegslosen Welt des Profits oder eine moralistische Watsche gegen allzu stromlinienförmige junge Autoren. Am Anfang des Auftrags, diesen Artikel zu schreiben, war ein auch in der Jungle World verbreitetes Gefühl, dass die Kritik, die hier formuliert wird, dann, wenn sie prinzipiell nicht mehr anderswo nicht erscheinen könnte, Legitimationsdefizite bekäme. Anders gefragt: Wenn es nicht die antikapitalistische Kritik ist, die uns letzten Endes von der BP unterscheidet, denn wir wissen ja, dass es einen Unterschied gibt, was ist es dann?

Tja. Da gibt es nur eins: Stil. Stil nenne ich jetzt mal in einem etwas gewaltsamen Konstrukt alle Teile eines Arguments, die nicht in seiner streitenden, Folgen beanspruchenden Seite aufgehen. Alles, was sich aus der Darstellung, dem Kontext, aber auch den kulturellen Prägungen, Individualismen, Lebensformen und damit zusammenhängenden Poetiken der AutorInnen ergibt. Man kommt nicht umhin zu sagen, dass es wohl der Stil in diesem Sinne wäre, der Stil einiger Artikel, der den Unterschied macht. Ein Teil dieses Stils, den man sich nach wie vor nicht in der BP vorstellen könnte, kommt direkt aus dem relativ gemeindehaften Kontext. Die AutorInnen wissen für wen sie schreiben, wen sie erreichen, an welchen Diskussionen sie teilnehmen.

Dieser technische und kontextspezifische Aspekt des Stils ist aber nur die kleinere Differenz der Jungle World-Texte im Unterschied zu den Texten in großen Tages- und Wochenzeitungen mit ihrer stets universellen Ansprache. Der größere, wenn auch damit zusammenhängende Teil dieser Stildifferenz ist in der Tat der tribalistische Aspekt. Man spricht auf eine bestimmte Weise, weil man - wie restbeständig auch immer - mit dem, worüber und wie man spricht, lebt. Diese irreduzible Verbindung von Leben und Argument, wie metaphysisch ihre Konstruktion auf den ersten Blick auch erscheinen mag, ja wie romantisch, ist tatsächlich der nicht exportierbare Rest, das Spezifikum. Aber dementieren dies nicht wiederum Sonderfälle der BP wie die Berliner Seiten der FAZ?

Die Frage, die sich nun erhebt, ist natürlich, ob es sich dabei um ein leeres oder beliebiges Spezifikum handelt. Um nichts weiter als die konkrete Individualität, in die nun mal jedes Argument sich hüllt. Oder ob es eine spezifisch linke oder anderweitig mit dem Anspruch der Jungle World zusammenhängende Spezifik ist. Da die Probe aufs Exempel darin bestand, zu fragen ob man sich bestimmte Jungle World-Texte in der BP vorstellen könnte - und wir reden hier von den Fällen, wo man das weitgehend verneinen kann -, spricht einiges dafür, dass es sich bei diesen Stilismen tatsächlich um genau den genuin linken Anteil an der Darstellung von Argumenten handelt, die - man denke sich jetzt ein paar zusätzliche Anführungszeichen - von der BP für »gefährlich« gehalten werden. Oder für unpassend. An ihnen müsste etwas authentisch Linkes sein, das sich - anders als bloß globale linke Positionen, mögen sie auch so fundamental sein wie die von Chomsky - dort nicht aushalten lässt.

Wenn es denn so wäre, ließe das zwei Schlüsse zu. Zum einen den schmeichelhaften, dass es noch so etwas wie eine linke Lebensform gibt: Verhaltens- und Darstellungsformen, die nicht in den abstrakten Argumenten aufgehen, die sie hervorbringen. Eine existenzielle Verknüpfung zwischen Denken und Leben, die sich in der Form nicht verbergen lässt. Dies wäre dann aber auch die Legitimation für all die Karlkrausisten, die an der Grammatik die Gesinnung erkennen wollen. Die andere Folgerung wäre die, dass die AutorInnen und RedakteurInnen der Jungle World objektiv einen Tribe darstellen, böser formuliert: eine Sekte. Und alles, was sie an irreduziblen Umgangsformen hervorbringt, ist letztlich dem Realitätsverlust, der Verbunkerung und der kollektiven Einsamkeit in einer Welt geschuldet, in der man nun mal, wenn man handelt, zunächst ökonomisch handelt. Und da gibt's dann AkteurInnen mit je und je besseren oder schlechteren Absichten, über die uns dann Brand Eins schön layoutete Geschichten erzählt. Von Unternehmern sogar, die Nick Drake hören. (Schockierend, wenn ihr mich fragt).

Auch wenn es nahe liegt zu sagen: Die Wahrheit liegt bürgerlich in der Mitte oder marxistisch in der Synthese. Nämlich in der - möglichst reflexiven - Anerkenntnis des notwendig sektenhaften Charakters einer prinzipiell gedachten Opposition und ihrer begrüßenswerten wie grotesken Konsequenzen im täglichen Leben, die natürlich die Gestalt der Argumente mitbestimmen. Jenseits solcher Selbstverständlichkeiten kann man die Konstellation aber auch anders darstellen. Jahrelang hat der Universalismus der Linken ihr den Blick auf die eigene Sektenhaftigkeit verstellt, auf deren verblendende Nachteile, ebenso wie auf die Vorteile ihrer Stärke als subkultureller Zusammenhalt.

Das war falsch, als es noch ein Kontinuum der Subkulturen und der politischen Praxis gab. Heute, wo die Attraktion einer rein ökonomischen oder leer selbstverwirklichenden Handlung weitgehend den Bereich von Handeln und Leben in den öffentlichen Images und auch den meisten subkulturellen Szenen usurpiert hat, ist es dagegen nicht das Falscheste, die Argumentizität der Auseinandersetzungen stärker zu machen als ihre Stilismen.

In der BP gedruckt zu werden und gleichzeitig mit den VertreterInnen aktueller Öffnungen zu diskutieren, ist daher nicht das Schlechteste, wenn man nicht selber Opfer des Symptoms wird, dass es gerade dort so viele alte Männer sind, die Antikapitalismus als Form von Kulturpessmismus entdecken - während alle gut aussehenden jungen Menschen die Ökonomie begehren. Die Jungle World hat aus der paradoxen Erkenntnis, dass man irgendwie ein universalistischer Tribe zu sein gezwungen ist, den richtigen Schluss gezogen, jede Auseinandersetzung, die zumindest vorgibt, nur aus Argumenten zu bestehen, auch anzunehmen und plural zu diskutieren - statt wieder einen Verein zu gründen, in dem man unter sich ist.

Allerdings landet man auf lange Sicht auch im Dialog mit den BP-Feuilletons in einem Verein. Denn es sind die Kulturseiten, auf denen in letzter Zeit alle möglichen politischen Dialoge erwünscht sind. Dialoge, in denen auch linke Positionen ihren Platz haben und - bei Sonderfällen wie den Berliner Seiten oder zeitweilig dem Magazin der SZ - subkulturelle Stile. Doch so wie auch andere, gar nicht unbedingt »links« zu nennende, politische Positionen jenseits des Regierungspragmatismus sich mittlerweile auf den Kulturseiten wiederfinden, so kann man an der Öffnung der Kulturseiten auch die Schließung der Politik- und Wirtschaftsseiten erkennen - in einem viel weiteren Sinne als nur in Bezug auf ein paar Zeitungen.

In diesem Sinne wäre eine andere Antwort auf die Ausgangsfrage, dass man eine Jungle World macht, um Artikel, die möglicherweise identisch auf den Kulturseiten jeder anderen bürgerlichen Zeitung erscheinen könnten, in einem Politikteil erscheinen zu lassen. Also da, wo Argumente einen prinzipiell anderen, nämlich nicht-ästhetischen Status haben, indem sie Konsequenzen beanspruchen.

Anzeige Transformellae Ikeae

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …