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Frank Schäfer: Interview mit Douglas Coupland

Der Müllmann

Douglas Coupland hat weder 57 Katzen noch Zeitungsberge in seiner Wohnung, aber ein Kulturmessie ist er schon. Frank Schäfer befragte den Autor zu dessen neuem Roman »Miss Wyoming«.

Interview: Frank Schäfer

Sie war perfekt geschminkt und im Stil der Zeit frisiert«, steht da schon im allerersten Absatz. Meint er das wirklich ernst? Diese Phrase, die selbst dem »Jerry Cotton«-Schreibsklaven einen aufmunternden Schulterklopfer (»Wird schon noch!«) vom Bastei-Lübbe-Lektor eingebracht hätte? Ganz offensichtlich, denn Kitsch und Kolportage sind in Douglas Couplands neuem Roman »Miss Wyoming« Methode. »Er langte nach dem Wandtelefon neben der Toilette und hieb mit der Handfläche auf den Freisprechknopf. Ein Freizeichen durchschnitt die Stille wie ein Rasiermesser.« Und wie sind wohl die Nächte in diesem Reißer - heiß und feucht? Mitnichten. »Die Nacht war geradezu ungemütlich kühl.« Je nun, wir lassen das jetzt besser. Zumal die Handlungsstruktur der Textoberfläche in nichts nachsteht und ebenfalls mit Pulp-Mustern angereichert wurde.

So sind die Lebensläufe seiner beiden Protagonisten Sue Colgate und John Johnson, die Coupland kontrapunktisch nebeneinander herführt - sie immer wieder unterbrechend und zwischen den verschiedenen Zeitebenen hin- und herspringend -, so dermaßen plakativ parallel, dass beiden von Rechts wegen gar nichts anderes übrig bleibt, als am Ende zusammen in den Sonnenuntergang zu fahren - geritten wird ja leider nicht mehr. »Susans Augen waren so offen und weit wie der kobaltfarbene Himmel über ihnen.« Ja!

Susan ist die titelspendende ehemalige Miss Wyoming, von ihrer ehrgeizigen Mutter schon als Kind für eine Laufsteg-Karriere dressiert. Da das allein längst nicht mehr reicht, wird sie bald auch operiert. Als Teenager-Star einer Dayly Soap wird sie für kurze Zeit berühmt, erweist sich aber als zu untalentiert für die Schauspielerei, bekommt folglich keine seriösen Angebote mehr. Um wenigstens finanziell abgesichert zu sein, heiratet sie kurzerhand einen schwulen Heavy Metal-Star, der eine Green Card und ein lupenreines Hetero-Image braucht. Sie kehrt in die große Öffentlichkeit zurück, fühlt sich als Schein-Ehefrau jedoch etwas unausgelastet und flüchtet sich in den Drogenrausch. Man kennt das. Die Erfolgskurve des Schwermetallers neigt sich schließlich, die Zahlungen bleiben aus. Notgedrungen versucht sie, ihre Schauspielkarriere wiederzubeleben und stürzt nach einem Vorsprechen mit dem Flugzeug ab, überlebt aber als einzige. Sie taucht unter, und während die Medien ihr Ableben betrauern, schläft sie auf Parkbänken und wühlt in den Abfallcontainern der McDonald's-Fillialen nach lauwarmen Burgern. Schließlich trifft sie einen ehemaligen Preisrichter, der sich selbst in die Luft sprengt, nachdem er seinen Zweck erfüllt und ihr ein Kind gemacht hat. Sie entbindet im Wohnzimmer eines ihrer Fans und beschließt nun, die Anonymität wieder zu verlassen, noch einmal neu anzufangen, das Kind aber vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Jetzt trifft sie John, den erfolgreichen Filmproduzenten, der schließlich nur noch Flops zuwege gebracht, sich dann ebenfalls den Drogen ergeben hat, ebenfalls beinahe gestorben und infolgedessen für ein paar Monate als Hobo durch die Lande gezogen ist und der nun auch nach einem Neuanfang sucht. Zu allem Überfluss hatte John während seiner Lungenentzündung einen Fiebertraum, in dem ihm Susan erschien und zum Weiterleben ermunterte. Die beiden sind also füreinander geschaffen. Und als er ihr dann auch noch hilft, das Kind zu finden, das zwischenzeitlich von ihrer bösen Mutter entführt wird, wendet sich wirklich alles zum Guten.

Nun, unter dieser rasanten, an den Haaren herbeigezogenen, sich um Plausibilität gar nicht erst kümmernden, aber recht spannenden Kolportage steckt doch ein Kunstprinzip. Coupland spiegelt hier in der Handlungsstruktur die trivialen Hollywood-Action-Streifen, mit denen Susan und John ihren Lebensunterhalt verdient haben, und demonstriert damit auch auf der formalen Ebene, was inhaltlich immer wieder unter Beweis gestellt werden soll. Nämlich dass Trash, die Überreste oder Fragmente der populären Kultur, eine Funktion erfüllen als Substrat für jegliche Form von Kreativität, in der Kunst wie im Leben. Darum geht es auch in dem Mail-Interview mit Douglas Coupland.

Ihr neues Buch »Miss Wyoming« führt den Beweis, dass sich aus Müll etwas machen lässt. Dass man hier so etwas wie den Bodensatz hat, von dem der kreative Akt ausgeht. Die Protagonisten ernähren sich eine Zeit lang vom Müll, erheben sich schließlich phönixgleich. Und Susans ehemaliger Preisrichter, ihr späterer Geliebter und der Vater ihres Kindes, Eugene, baut Skulpturen daraus. Ist Müll für Sie so etwas wie die Voraussetzung für weiteren, auch künstlerischen Fortschritt?

In vielerlei Hinsicht, ja. Müll erscheint mir in diesem Buch emblematisch für eine in undifferenzierten Fakten und nicht vermittelten Informationen erstickende Welt, die die Identität jedes Menschen angreifen und beeinflussen. Ich finde es heuchlerisch, dass die Gesellschaft so genau unterscheidet zwischen Artefakten und Dokumenten, die sie auswählen und der »offiziellen« Geschichte zuschlagen will, während sie zur gleichen Zeit unglaubliche Mengen von, nun ja, Müll generiert. Ich las im Economist, das ist also ganz unzweifelhaft, dass die vier Bezirke von Los Angeles - LA County, San Bernardino County, Ventura County and Riverside County - im Jahr genauso viel Müll produzieren wie der gesamte indische Subkontinent. Das ergibt also eine Menge von Beweisstücken und Zeugnissen, die man da zurücklässt.

Warum benutzen Sie das in einer so extensiven Weise? Steckt dahinter vielleicht auch so eine Art Chronisten-Attitüde?

Chronist? Nein. Ich bin mir der Unterschiede von hoher, niederer und mittlerer Kultur schon sehr bewusst. Aber ich finde es ignorant und beinahe ein wenig selbstmörderisch von dieser Literatur der Literatur, dass sie das tatsächliche Reservoir tagtäglichen Lebens nicht als Arbeitsmaterial nutzt. Don DeLillo tut das. Kurt Vonnegut - ein paar andere noch. Aber es lässt mich wirklich aufstöhnen und ein Buch zuschlagen, wenn ich bemerke, dass der Autor sich eitel bemüht, seine Arbeit dadurch zu »verewigen«, dass er Daten, Produkte, Plätze und die laufenden Nachrichten einfach auslässt. Und ich habe auch festgestellt, dass solche Autoren nicht in alle Ewigkeit gelesen werden. Ironie des Schicksals!

Sie demonstrieren dieses ästhetische Prinzip oder Axiom auch formal, d.h. in der Struktur des Romans, indem Sie triviale Motive und Versatzstücke verwenden, nicht zuletzt auch eine Erzählweise, die sich an die Kolportage anlehnt.

Die Struktur ist intuitiv, mehr als alles andere. Ich arbeitete mit einer neuen Lektorin zusammen und habe mich bemüht, etwas mit einem dichten Plot zu schreiben - als Reaktion auf die Nachdenklichkeit früherer Romane. In dem Jahr, in dem ich ihn schrieb, liefen und liefen und liefen all diese großartigen Filme - ich fühlte, dass ich da auf der richtigen Fährte war: »Being John Malkovich«, »Run Lola Run«, »Lock Stock« und »Two Smoking Barrels« und so weiter. Der Plot von »Miss Wyoming« scheint sehr streng kontrolliert zu sein, aber es kam so einfach aus mir heraus. Alle meine Bücher sind vollständig in eine Richtung geschrieben, ich halte es nicht für sinnvoll, zurückzugehen und nachträglich neue Kapitel und Paragrafen einzusetzen, allerdings halte ich es bisweilen durchaus für sinnvoll, Charaktere zu streichen.

Sogar Johns Fiebertraum im Krankenhaus, in dem ihm Susan als eine Art Engel erscheint und ihn zum Weiterleben überredet, ist sozusagen Trash-induziert. Offenbar laufen gerade Wiederholungen von Susans Dayly Soap »Meeting The Blooms« im Fernsehen, und er baut sie einfach in seine Vision ein. Darf man daraus schließen, dass solchem Trash mitunter eine nachgerade religiöse oder heilsbringende Funktion zukommen kann?

Da gab es mal diesen Film, »A Thing of Beauty« mit Andie MacDowell, ich habe vergessen, mit wem noch, in dem eine kleine Henry Moore-Skulptur gestohlen wird und schließlich in einem Haufen Müll auf einer englischen Schuttabladestelle endet. Diese Vorstellung hat mich immer begleitet. Wir müssen wirklich immer auf der Hut sein, gerade in den banalsten Momenten, um es nicht zu verpassen, wenn blitzartig Epiphanien und Transzendenz in unser Leben treten. Himmel und Hölle sind nur einen Atemzug entfernt, sagte Andy Warhol mal.

Ist Eugene, der Müllkünstler, so eine Art Alter ego in artibus für Sie?

Woher wissen Sie das? Wahrscheinlich ja. Von all den Charakteren, die ich jemals erfunden habe, ist er wohl am ehesten mit mir identisch. Aber Sie sind wirklich der erste, dem das aufgefallen ist. Ich habe keine 57 Katzen, auch keinen Raum, der mit Zeitungen vollgestellt ist, aber das Leben in Zurückgezogenheit, das Sammeln und das Verarbeiten von Pop-Artefakten sind drei meiner erklärten Charaktereigenschaften. Ich hoffe, ich werde so wie er enden, und wahrscheinlich werde ich das tatsächlich.

Gibt es Beziehungen zwischen ihren Collagen bzw. fotokünstlerischen Arbeiten und ihrem Schreiben?

Nein, wenn ich schreibe wird alles integriert. Bei den Collagen hat man nur visuelle Informationen, die montiert werden müssen. Das ist nicht dasselbe. Ohnehin hat der Vergleich von bildender Kunst und Poesie seine Grenzen.

Ich meinte auch eher, ob beide Disziplinen der gleichen ästhetischen Konfession, der gleichen Poetik gehorchen?

Jetzt schon. Aber wirklich erst in den vergangenen 18 Monaten. Zu viel hat sich verändert in meinem Leben und, Whamm!, da wurde es Zeit für Wahrheit und Wagnis.

Davor gab es also schon substanzielle Differenzen?

Ich dachte früher, ich sollte besser keine bildende Kunst machen, weil es meine schriftstellerische Arbeit beeinträchtigen könnte, da Kopf und Seele nur eine begrenzte Anzahl von kreativen Modulen besitzen, mit denen man Tag für Tag arbeiten kann. Aber mittlerweile halte ich das für Unsinn. Denn alles, jede Art von Aktivität verstärkt die andere. Ich wünschte, ich hätte das fünf Jahre vorher gewusst. Nebenbei, es ist fucking wonderful, bildene Kunst zu betreiben, ohne Monate oder Jahre warten zu müssen, bis es wahrgenommen wird oder man ein Feedback bekommt. Diese Unmittelbarkeit ist berauschend.

Johns romantische Flucht vor und aus der Gesellschaft in der Tradition der Beat-Generation, vor allem Jack Kerouacs, scheitert auf ganzer Linie. Warum? Ist das für Sie ein Anachronismus, ein obsoleter Versuch, am Gründungsmythos der USA zu partizipieren, die Pionierslegende zu reaktivieren?

Zunächst einmal glaube ich nicht, dass eine Flucht à la Kerouac jemals möglich war. Ich meine, Kerouac endete damit, dass er bei seiner Mutter lebte. Es ist eine Selbstüberschätzung der modernen Kultur, dass man sich selbst zurückschreiben kann in dieser On-the-Road-Weise, während zur gleichen Zeit die Kultur sich ausgesprochen feindlich gegenüber jeglichem Versuch dieser Gebärde verhält, wie sie in dem Buch sichtbar wird.

Ist »Miss Wyoming« damit auch so eine Art Gegenentwurf zu Kerouacs »On the Road«?

Nicht eigentlich. Aber es ist eine gute Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht jener Bürger, die immer noch antiquierten Gedanken anhängen, dass es auf diese Weise gehen könne. Ich denke, man braucht mehr Courage und auch mehr Kreativität, sich selbst treu zu bleiben, während man innerhalb einer geordneten Gesellschaft lebt. Wenigstens ist dein Verhalten dann nicht völlig selbstsüchtig und zwecklos, und es gibt eine Möglichkeit die Menschen auf richtige und kreative Weise zu beeinflussen.

Das ständige Wechseln der eigenen Identität, das Ryan, eine wichtige Nebenfigur des Buches, beschwört, die permanente Neuerfindung des Selbst also, halten Sie das für eine zeitgenössische und damit adäquate Anverwandlung des amerikanischen Gründungsmythos?

Ich nehme es an. Der Pioniermythos war real. Er bleibt auch weiterhin real. Ich glaube immer noch an ihn. Er hat nur heute eine andere Gestalt.

Douglas Coupland: Miss Wyoming. Hoffmann und Campe, Hamburg 2001, 336 S., DM 39,90. Erscheint am 16. März

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