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Michael Baute, Stefan Pethke und Angela Schanelec: Filmgespräch zu »Le petit voleur« von Eric Zonca

Keine Entspannung, keine Zerstreuung

Boxen heißt vor allem einstecken können. Über »Le petit voleur« von Eric Zonca unterhalten sich

Interview: Michael Baute, Stefan Pethke und Angela Schanelec

Angela Schanelec: Schön war, wie Esse und Baruet über das Geld geredet haben, das die Prostituierte verdient, die Esse bewachen musste - die Schwierigkeiten, die sie dabei mit dem Rechnen haben. Das war ein über das Voraussehbare hinausgehender Punkt, der den Film reicher gemacht hat. Das hat mich überrascht. Solche Öffnungen finde ich notwendig, um sich für eine Figur zu interessieren, um über sie nachdenken zu können.

Stefan Pethke: Esse geht scheinbar widerstandslos den Weg in diese Diebesbande hinein. Ihm wird Vertrauen zugesprochen, er kriegt einen anspruchsvolleren Job in der Bandenhierarchie, er beflügelt ja auch bald den Nächstniederen. Es geht Schritt für Schritt besser. Dann ist Esse blöderweise Zeuge, als der Boss - dieser widerliche, winzige, aber sehr böse Tony - in eine Situation gerät, wo er sich paranoid, also schwach und beobachtet fühlt. Und dann wird Esse die ganze Verrohung dieser Leute zuteil: die Vergewaltigung, wo Esse von Tony gezwungen wird, ihm einen ... - man kann das ja nicht mal mehr »blasen« nennen, was da passiert: der rammt ihm einfach seinen Schwanz in die Fresse. Von dem Moment an ist die Bandengeschichte für Esse vorbei.

Schanelec: Ich habe mich bei dieser Vergewaltigung ausgeklinkt.

Pethke: Aus Körperlichkeitsgründen? Weil es dir zu gewalttätig war?

Schanelec: Weil es mir zu gewalttätig war. Dieser Tony ist ja von Anfang an derartig ...

Pethke: ... Besorgnis erregend. Ich habe lange nicht mehr so einen Bösen im Film gesehen.

Schanelec: Das war mir zu viel. In dieser Figur des Tony war überhaupt nichts, was etwas anderes als das Böse zugelassen hätte. Dass das bis zu diesem Punkt ging, ist für diese Art des Aufbaus vielleicht richtig, aber mir hat es nichts mehr erzählt.

Pethke: Tony ist Lude, er ist Rassist, er ist ungeheuer brutal - ein Angstverbreiter. Aber er hat von Anfang an etwas von einem Würstchen. Er ist auch eine verzweifelte Gestalt.

Schanelec: Da braucht man aber viel guten Willen, um ihn so zu sehen. Mir war er zu extrem in diese brutale Richtung gezeichnet. Wenn ein Film so weit geht, dann sehe ich nur noch Erfindung und Dramaturgie. Es gibt zu wenig Momente, in denen sich der Film ein bisschen aus seiner Story herausbewegt; Momente, in denen es Öffnungen und Zufälligkeiten, Leben gibt.

Pethke: Aber das sind doch auch dokumentarisch sehr genau beobachtete junge Männer. In dieser Hinsicht finde ich den Film nicht nur exemplarisch und erfunden, sondern total zeitgenössisch und modern. Welche Kleidung die tragen, was das für Taschen sind, was die klauen, bis hin zu den Redewendungen. Das ist mehr als nur ein reines Lehrstück. Was man ja auch denken könnte, wenn man den Film einfach nur zusammenfasst: Ein kleiner Dieb. Aufstieg und Fall. Crime doesn't pay. Das ist der Film ja nicht.

Schanelec: Aber »Lehrstück« finde ich trotzdem keinen falschen Begriff. »Lehrstück« muss ja gar nicht negativ besetzt sein. Die Qualität des Films ist, dass er ein Lehrstück ist, das man in dieser Form erträgt.

Michael Baute: Mit der Benutzung der Handkamera, mit diesem fast soziographischen Cast, mit der genauen Beobachtung von Codes innerhalb dieser Gangstergruppe ist »Le petit voleur« doch eigentlich eher beobachtendes, dokumentarisches Kino. Dann wundert man sich allerdings, dass der Film so wenig Zufälligkeiten und Nebensachen zeigt. Es werden keine Sachen gezeigt, die nicht eine Funktion in der Story erfüllen würden. Dafür ist der Film auch zu schnell. Man sieht Esse - bei dem die Kamera, die Geschichte ja ständig ist - nie zu einer Zeit, in der er nichts macht. Es gibt keinen ruhigen Moment, wo man ihn betrachten könnte, um zu sehen, wie das, was auf ihn einwirkt, von ihm verarbeitet wird. Selbst bei den nahen Einstellungen. Wenn er etwa bei diesem Raub im Hafen das Auto fährt, sieht man ihn zwar allein im Bild, aber man hört permanent die Stimmen aus dem Bild-Off: »Jetzt rechts. Jetzt links fahren. Geradeaus.« Es gibt überhaupt keinen unbeobachteten Moment, immer nimmt er eine Funktion in der Hierarchie ein. Das ist alles extrem aufgeladen.

Mich hat dieses Erzählverfahren an das amerikanische Konzept von Story erinnert. Alles, jeder Moment, ist etwas, was eine Entscheidung herbeiführt. Zonca nutzt diese dichten und dokumentarischen Verfahren wie ein Nicholas-Ray-Film: story, pay-offs, eng, streng und hart. Esse wird dabei vielleicht nicht zu einer psychologischen Figur, aber das will der Film ja auch gar nicht.

Pethke: Das ist ja auch ein Film über das Posing, über das Vorgeben einer Rolle, die kaum, oder nur mühsam, zu erfüllen ist. Tony hat auch etwas von jemandem, der sich anstrengen muss, seine Rolle auszufüllen. Das macht dem keinen Spaß, der ist kein Joe Pesci, kein Sadist. So wie Tony geht es auch Esse, und überhaupt allen Figuren, die ganze Zeit über. Der Schakal ist auch so einer, der ist ja geradezu eine Rampensau. Man kann in diesem Zusammenhang auch ganz gut über diese Narben sprechen. Diese extreme Narbe an der Wange von Tony, der riesige blaue Fleck auf Baruets Rücken, die kaputten Hände von Esse, auch der Schakal ist verletzt - alle haben irgendwelche Verletzungen, Narben. Dabei ist ja auch eine interessante Körperarbeit zu sehen. Sowohl beim Schauspiel, als auch in dem, wie die jungen Männerkörper in ihrer Unterschiedlichkeit gezeigt werden.

Baute: Die Körper sind in »Le petit voleur« Kapital. Wenn Esse im Boxclub von seinem Chef angelernt wird - und er kriegt bei diesem Boxkampf so richtig einen auf den Sack -, erklärt der ihm ja, wie das funktioniert. Ein Boxkampf funktioniert nicht darüber, dass du austeilst, sondern vor allem darüber, dass du einsteckst und keine Angst davor hast, Schläge zu bekommen. Bei dieser ganzen Truppe geht es darum, enorm viel einstecken zu können. Um dann wieder auszuteilen. Immer wieder suchen sie kleine, individuelle Konfrontationen: »Schau mir in die Augen!«, »Guck auf den Boden!«, »Schau mich nicht an!«, »Schau mich an!« Das sind Aufforderungen, wo innerhalb der Gruppe Macht und Stärke bewiesen werden muss.

Pethke: Hierarchie, Abhärtung, Körperstählung. Und Befehlssprache, und zwar ausschließlich: »Du machst das, und Du machst das.«

Baute: Dieser Film ist ja im Auftrag von Arte innerhalb einer Reihe, die »Rechte/Linke« hieß, produziert worden. Dabei sind dann Filme entstanden wie »Ressources Humaines« von Laurent Cantet, oder »Nadia und der große Streik« von Dominique Cabrera. In »Le petit voleur« tauchen diese Worte - »Rechte«, »Linke« - ja auch permanent auf, aber eben in Bezug auf Fäuste ...

Pethke: ... und in Bezug aufs Autofahren. »Rechts, links, fahr da lang, fahr da lang.«

Schanelec: Ich vermute, dass dadurch, dass Zonca den Film innerhalb der Arte-Reihe gemacht hat, auch die Länge festgelegt war.

Pethke: Wenn Zonca gewollt hätte, hätte er auch eine längere Kinofassung machen können. Der hat sich aber gesagt: Ich mach mit dem, was ich an Zeit zur Verfügung habe, etwas, was in sich so stimmig ist, dass es im Fernsehen und im Kino funktioniert. Wie so eine Art offensiv angegangene Selbstbeschränkung.

Schanelec: Aber diese Eindimensionalität der Figuren hat auch etwas damit zu tun, dass man weiß: Man macht etwas für diese Zeitvorgabe. Vielleicht hat er sich gesagt: Ich mache einen komprimierten Film. Daher kommt auch das Zielhafte des Films.

Pethke: Kommt daher nicht auch diese Körperarbeit? Ist das nicht auch eine filmische Möglichkeit, mit wenig Zeit den Spagat hinzukriegen zwischen Eindeutigkeit und Reichtum? Wie sich der Schakal bewegt - der ist doch sofort charakterisiert. Der hat so einen dicken Hals, die Schlagader ist deutlich zu sehen, der echauffiert sich, wirklich wie ein Tier. Der Esse ist immer in einer Buckelhaltung, gebückt, abgesehen davon, dass er auch viel zarter als die anderen ist.

Baute: Der Schakal redet ja auch extrem gestisch und lautmalerisch. Er unterstreicht jeden seiner Sätze, seiner Beobachtungen, seiner Verurteilungen mit Vrooms und Bangs. Er stößt seinen Kopf gestisch vor, er macht einen imaginären Kopfstoß - Bumm! Dann gibt es einen Zwischenschnitt auf einen der Zuhörer - und der zuckt als Reaktion auf dieses gestische Erzählen richtig zurück. An sich ist das ja gar nicht so etwas Supertolles oder Originelles - aber diese Dichte des filmischen Verfahrens, dass man sofort in einem Zusammenhang ist und sofort die Wirkungen dieses Zusammenhangs erzählt werden, das finde ich supertoll. Weniger wird der Zusammenhang an sich erzählt, als die Brutalität, die Angst und die Demütigungen, die da herrschen. Es ist ganz konventionell gemacht, aber in solchen Momenten gelingt dem Film eine sehr große Nähe.

Schanelec: Für mich ging es darum gar nicht. Es geht um ein Ziel. Der Film läuft auf etwas bestimmtes hinaus, und das wird dann auch ganz klar und eindeutig erzählt. In Filmen, die sich stärker öffnen, gibt es so ein Ziel nicht unbedingt - oder es ist verdeckter, rätselhafter, subjektiver, je nachdem, was der einzelne Zuschauer denkt. Ich musste an »Rosetta« von den Dardennes denken. »Rosetta« bestand für mich aus Szenen, mit denen ich nicht gerechnet hatte, der Film war viel unvorhersehbarer. Obwohl »Rosetta« auch ein schneller Film ist, obwohl der Film auch eine sehr schnelle Handkamera hat: Er ist völlig anders erzählt.

Pethke: Der Blick der Handkamera in »Rosetta« ist noch viel enger. Da wird wirklich so etwas wie ein innerer Blick oder ein innerer Zustand aufgelöst in eine Bewegung. Das ist ein ins Bild gesetzter Wahrnehmungsapparat, als würde man mit den Scheuklappen der Heldin sehen. Rosetta kämpft sich durch eine Welt, die sie gar nicht erfasst. In »Le petit voleur« wird zwar auch mit einer extremen Ausschnitthaftigkeit gearbeitet, aber das limitiert sich durch die sehr knappe Narration.

Baute: Es gibt bei »Rosetta« diese Hauptfigur, die einen viel größeren Willen hat als Esse in »Le petit voleur«. Rosetta hat einen Willen, den du nach und nach als eine große Stärke kennenlernst.

Schanelec: Esse sagt sofort am Anfang, was er will und was er nicht will. Und dann macht er das, was er will: Er wird Gangster. Und von da an funktioniert er einfach nur noch. Selbst wenn er am Ende aussteigt, ist es trotzdem immer noch ein Funktionieren. Bei »Rosetta« ist das völlig anders, der Film besteht ja aus der Erzählung des Willens dieser Frau. Selbst in den Einzelheiten sind die Filme völlig konträr. Esse schmeißt seine Arbeit hin, Rosetta kämpft um ihre Arbeit.

Pethke: Aber trotzdem ist Esse - und das macht den Film so atemlos - nur bei der Arbeit zu sehen. Selbst wenn er allein in seinem Zimmer Schattenboxen betreibt, ist das Bestandteil seiner Arbeit. Es gibt keine Entspannung, keine Zerstreuung.

Schanelec: Aber am Anfang arbeitet Esse in einer kleinen Bäckerei, obwohl er nicht arbeiten will. Er will schnell Geld haben. Das heißt, er wird kriminell. Die Kriminalität aber führt fast zu seinem Tod. Wenn man das jetzt alles rausnimmt, und man nimmt einen jungen Mann, der zuerst in einer kleinen Bäckerei arbeitet, und eine Szene später arbeitet er in einer industriellen Großbäckerei, dann erzählst du im Grunde genau das gleiche. Nur: Zum Schluss hat er eine Narbe. Das heißt: Es muss in der Zwischenzeit etwas passiert sein, was ihn von diesem sehr normalen Weg abgebracht hat. Was passiert sein muss, zwischen diesen beiden Szenen, das sehen wir in diesem Film. Aber man könnte sich diese Geschichte auch wegdenken; die kleine Bäckerei macht nach ein oder zwei Jahren zu, weil es kaum noch kleine Bäckereien gibt, und als Bäcker hat Esse nur noch die Chance, in einer Großbäckerei zu arbeiten. Ende. Und das ist das, was der Film über uns heute erzählt, über das Leben, das wir führen und über die Gesellschaft, in der wir leben. Wenn man das als einzig mögliches Ziel erzählen will, dann ist es nichts anderes als Ausweglosigkeit.

Pethke: In diesem Sinne ist Esse auch nur ein kleiner Dieb, beziehungsweise gar keiner. Weil der dann doch zurückkehrt in die Großbäckerei und sich wieder bestehlen läßt.

Schanelec: Aber um das glaubhaft und begreiflich zu machen, und noch etwas darüber hinaus zu erzählen, was uns alle betrifft, dazu ist mehr notwendig. Ich denke an »Das Geld« von Bresson. Im Grunde wird da das gleiche erzählt, aber es ist ein völlig anderer Akt. Das ist einfach größer.

Pethke: Aber um Größe geht es ja bei »Le petit voleur« gar nicht.

Schanelec: Doch, natürlich geht es um Größe ...

Baute: Bresson nimmt die Geldscheine in seinem Film, um sie zirkulieren zu lassen. Das ist ja die Funktion, die Geld klassischerweise hat: ein Schmiermittel. In »Le petit voleur« sieht man zwar auch öfter Close-Ups auf Hände mit Geldscheinen, aber der Film bleibt dabei ja innerhalb seiner kleinen Figurengruppe. Nach dem ersten Einbruch sieht man, wie Sylvain von einem Hehler Geld bekommt, aber wir sehen nicht, wer das ist. Wir sehen nur eine Hand, die Sylvain das Geld gibt. Und dann sehen wir, wie Sylvain zu Baruet geht und ihm seinen Anteil gibt.

Pethke: Die Prostituierte gibt Esse Geld. Esse teilt das Geld mit Sylvain. Die Oma versucht, Esse Geld zu geben. Es gibt fast so etwas wie Bressonsche Close-Ups auf Geld, aber du siehst nicht, wie das Geld ausgegeben wird. Es kommt nicht in Fluss.

Schanelec: Das Interessante bei Bresson ist, dass das Geld wirklich das Mittel zum Zweck ist. Es wandert immer nur, und schließlich löst es sich auf. Es verschwindet. Es ist, als wäre es nicht existent. Damit erzählt der Film »Das Geld« perfekt das Geld.

In »Le petit voleur« wollen alle Geld, und für Geld sind sie bereit, wirklich alles zu tun. Als sich andeutete, dass Esse diese Oma bestehlen will, sie in der Bank und auf ihrem Nachhauseweg beobachtet, und er dann diesen Lappen nimmt und ihn um sein Gesicht bindet, da dachte ich, das will ich eigentlich gar nicht mehr sehen. Wie das dann gemacht wurde, fand ich aber gut: diese Rangelei um die Handtasche. Wie behauptet wird, dass diese extrem gebrechliche Frau soviel Kraft hat, ihre Tasche eine ganze Weile festzuhalten. Dass sie sogar eine Hand frei hat, um ihm das Tuch runter zu ziehen. Dass er als Notlösung zu dieser Eisenstange greift, um sie dann umzubringen - als Notlösung, genau in der gleichen Verzweiflung wie er Sylvain von der Brüstung geschubst hat. Und dass sich das dann über diese Perücke auflöst, über diesen unerwarteten, unermeßlichen Schrecken, der ihn da plötzlich packt - und den Zuschauer natürlich auch - beim Anblick dieser glatzköpfigen, schreienden Frau - das war wirklich sehr gut.

Pethke: Genau an so einer Stelle ist der Film eine absolut moralische Erzählung. Er zeigt diese Kleingangster und sagt: Ihr quatscht und legitimiert eure Kriminalität mit diesem Umverteilungsargument. Aber immer wenn wir die Diebe sehen, dann trauen sie sich nicht, diese Umverteilung wirklich durchzuführen. Sie machen nur die Stellvertreter-Coups. Esse klaut seiner Freundin das Geld, statt seinem Meister, dem kleinen Ausbeuter.

Schanelec: Ja, gut: sonst wäre er ein Held.

»Le petit voleur«, F 1999. R: Eric Zonca. Mit Nicolas Duvauchelle, Yann Tregouet, Jean-Jérôme Esposito Start: 28. Juli

Michael Baute studiert Komparatistik an der FU Berlin.

Stefan Pethke ist Absolvent der Berliner Film- und Fernsehakademie und arbeitet als Regieassistent.

Angela Schanelec ist Regisseurin und lebt in Berlin. Ihr neuer Film »Mein langsames Leben« kommt im Herbst in die Kinos.

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