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diedrich diederichsen: Islamismus als internationale Jugendkultur

Die Moleküle des iXlam

Der terroristische Islamismus ist Teil einer globalen und ausgesprochen zeitgemäßen Entwicklung, kein Produkt einer anachronistischen Kultur.

von diedrich diederichsen

Ich bin kein Islamexperte. Ich war gerade ein Mal in einem überwiegend islamischen Land. Was mir im Folgenden zu den aktuellen Islamdiskussionen einfallen wird, insbesondere zu denen, die den Zusammenhang von Islam und Terror verhandeln, ist dann auch eher der Versuch, einen Teil dieses Themas dem Zugriff sowohl der alteingesessenen wie der vielen frisch aus dem Boden geschossenen Islamexperten dezent zu entziehen und einen Blick auf diese Diskussion zu werfen, der eher von der Jugendkulturbeobachtung kommt. Ein Blick also, der versucht, die fraglichen Phänomene als Teil globaler und ausgesprochen zeitgemäßer kultureller Entwicklungen zu verstehen, statt eine alte und traditionelle Kultur als gegeben anzunehmen und gerade deren Alter und Traditionalismus als Anachronismus und daher Unangemessenheit gegenüber der modernen Welt zu bestimmen. Ein erster Schritt, um aus den kulturellen und kulturalistischen Erklärungsmodellen des Huntington-Paradigmas herauszukommen, wäre die Frage, was ein (relativ neuer) terroristischer Islamismus mit (älteren) bekannten politischen Ideen gemeinsam hat, mit dem Faschismus etwa.

Der häufig gezogene Vergleich der verschiedenen islamischen Fundamentalismen mit den verschiedenen Faschismen ist sicher höchst ungenau und zuweilen auch reine Bequemlichkeit. Was für die Taten gilt, muss nicht auf den Charakter der Bewegung zutreffen. Kann man von den, wenn auch in einem eher moralischen Sinne, vielleicht zu Recht als faschistisch beschriebenen Anschlägen auf einen kohärent faschistischen Urheber schließen? Gewiss tragen die der Bin-Laden-Organisation zugerechneten Gräueltaten einige Züge, die sie mit verschiedenen Elementen bekannter Faschismen vergleichbar machen. Der unbedingte Wille, so viel Schrecken wie möglich an einem Ort so symbolisch wie möglich zu verbreiten, erinnert sowohl an faschistische Attentate (in Italien, Deutschland - Oktoberfest - und anderswo) in der Nachkriegszeit wie an die protofaschistischen Phantasien der Futuristen - und unterscheidet die Anschläge vom 11. September vom Terrorismus etwa linker Organisationen arabischer oder muslimisch sozialisierter Herkunft. Ihr antisemitischer Charakter hat ihnen den Beifall von Neonazis in aller Welt eingebracht. Die spektakuläre Form des Fanals schließlich ist ein von den Ideen Georges Sorels sowie aus einigen Motiven bei den Futuristen zu den frühen Faschisten herübergewanderter Topos. Die nahezu ästhetische Begeisterung für Waffen, Technologie und deren Präzision ist eine weitere, schon häufig erwähnte Ähnlichkeit.

Es fehlt indes vieles andere: die sichtbare Organisation einer bestimmten Bevölkerung, ein klarer territorialer Anspruch, eine über die Ablehnung des Bestehenden hinausgehende totale Staatsidee. Man könnte allerdings sagen, dass in diesem Unterschied die Anpassung des alten Islamismus - wie er im Zuge der iranischen Revolution nach und nach an verschiedenen Stellen der muslimischen Welt sichtbar wurde - an neue Bedingungen zu erkennen ist. Während der Islamismus als Staatsidee in konkreten Staaten auf dem Rückzug ist, gewinnt ein nomadisierter, frei flottierender, postmodern-globaler Islamismus an Boden, und dieser ist einerseits so inhaltlich vage und kulturell unbestimmt wie andererseits medienwirksam. Drastisch verspricht er Unterstützung durch und Zugehörigkeit zu einer transpolitischen Einheit, sodass sich die verschiedensten Leute - kulturell, politisch, klassenbezogen - auf ihn beziehen und ihn lokal mit ihren konkreten Inhalten ausstatten können.

Hier geht es dann nicht mehr primär um die Übernahme eines Staatswesens, sondern um eine globale Infizierung unzufriedener Marginalisierter mit einer hochkonnektiven, vielfältig adaptierbaren Idee von Islam, die eben keine spezifischen Inhalte mehr hat außer einer generell hochreaktionären, protraditionellen, aber vagen Ressentimentgemengelage; eine Idee, die sich aber vor allem durch einen hohen Ton, Radikalität, Ernsthaftigkeit, Männlichkeit und andere klassische Poser-Werte und -Stilismen auszeichnet. Die klassischen Feindbilder - Juden, Frauen, Amis - , auf die sich junge Knallköpfe in aller Welt schnell einigen können, sind Grundpfeiler eines vielfältig nutzbaren Ideengebäudes. Von den tatsächlich gepflegten konkreten Traditionen in den sehr verschiedenen traditionellen islamischen Gesellschaften greift man sich dekontextualisierte, möglichst drastische Elemente, die in ein rabiat nostalgisches Weltbild passen, und pflegt ansonsten allenfalls ein traditionalistisches Brimborium, das aber so designt ist, dass es eben gerade global und kulturübergreifend ankommt - bei Bewohnern komplett zerstörter Bergwelten ebenso wie bei nervös unzufriedenen jungen Städtern. Dazu passt eine Figur wie der heilig-magersüchtige Milliardär, den es zu den Ärmsten der Armen in die Höhlen zieht, um mit ihnen gemeinsam Frauen und Ungläubige zu bekämpfen. Dies alles zusammen bildet eine Klammer für die allerunterschiedlichsten und aus den unterschiedlichsten Gründen abgemeldeten Typen, die neben pubertärem und adoleszentem Heroismus der Zufall eint, dass irgendeine Moschee in der Nähe ihrer Geburtsorte rumgestanden hat - oder auch nicht. Von Indonesien bis Nigeria, von Berlin bis Kapstadt.

Doch was wäre mit einer Vertiefung und Erweiterung des Faschismusbegriffs durch solche Mutmaßungen, wie ich sie oben angestellt habe, für die aktuelle politische Auseinandersetzung gewonnen? Nun, zum einen hätte man die vielen kulturellen Pauschalisierungen, die auf eine Einheit von Terror und Islam und Atavismus und Dritter Welt getunet sind, durch einen historisch-politischen Begriff ersetzt. Man hätte die Ungeheuerlichkeit von organisiertem Frauenhass und beispiellosem Terrorismus einer Weltanschauung und der ihr entsprechenden Politik zugeordnet, anstatt sie im Nebel ethnografischer Zuschreibungen und rassistischer Spekulationen zu belassen.

Zum anderen hätte man auch die viel beschworene Nähe zwischen CIA und bin Laden, Taliban und Russenbekämpfern beschrieben: Diese neuen Faschisten wären als Zuspitzung typischer globaler kapitalistischer Macht(nicht)politik zu sehen, als lebendiges oder organisationshaftes Gesicht von Jahrzehnten US-amerikanischer und europäischer Destabilisierungspolitik in der arabischen Welt. Dass die Schlägertruppen und Saalschützer der Kapitalisten zu Großkriminellen und Faschisten geworden sind und nun auch die zivilisierteren Seiten ihrer ehemaligen Arbeitgeber bedrohen, ist ja auch ein der alten Linken noch vertrautes Denkmodell.

Auf der anderen Seite sind die Unterschiede ebenso gewaltig und das Label Faschismus führt womöglich nicht nur in die Irre, sondern trägt auch zur Rechtfertigung von Feldzügen bei, die sich allein als Kampf gegen den Terror gar nicht mehr legitimieren ließen. Es könnte eher sein, dass am Ende der durch die Anschläge und die US-Antwort in Afghanistan begonnenen Entwicklung ein Faschismus steht, der im Gegensatz zum heutigen Islamismus auch über ein Territorium verfügt oder eines beansprucht. Die über die Welt verteilten Terrorzellen und -zellchen, von denen man so hört, die Spinnerkalifen hier und dort und der eine oder andere Ölmilliardär, der in Kriegskassen spendet, ergeben noch keine einheitliche politische Bewegung - das ist ja auch ihr großer strategischer Vorteil, ihre Verstreutheit und Diversität.

Auffällig ist nur, dass diese Moleküle eines in diesem Sinne künftigen islamischen Faschismus - genauso wie viele westliche Kommentare - die Vagheit und Allgemeinheit der kursierenden Vorstellungen über den Islam nutzen, um mit diesen Projektionen und Imaginationen die Illusion zu erzeugen, es gäbe tatsächlich überall auf der Welt, wo es auch Moscheen gibt, einheitliche und antiwestliche und vor allem antisemitische Aufstände. Dieser neue Islam ist nicht so sehr eine Religion oder eine kulturelle Einheit, sondern das je aktuelle Nostalgiemodell in modernisierten oder teilmodernisierten islamischen Gesellschaften - oder eben in den politisch völlig zerschlagenen Somalias und Afghanistans. Es handelt sich nicht um ein Traditionsreservoir, um ein Festhalten an alten Ordnungen, wie uns immer wieder suggeriert wird, wenn einem etwa Mohammed Atta mit dem Alten vom Berg erklärt wird, sondern um eine Fiktion, die über eine Epoche der Modernisierung hinweg und zurück in eine bessere Vergangenheit projiziert und zurückgeholt wird.

Diese Fiktion bietet eine Menge Raum. In ihren Skripts gibt es Rollen, in denen die unterschiedlichsten Lebenserfahrungen verarbeitet sind. Da gibt es den jungen reichen und westlich geprägten Barbesucher und Hallodri, der ein Erweckungserlebnis hat und plötzlich an einem verkaterten Morgen ernst und innerlich werden will. Etwa so, wie Tausende von westlichen Hermann-Hesse-Lesern, die jedes Jahr im New Age landen. Im Vergleich zum globalen spirituellen Supermarkt erscheint unserem Lebensverkriselten - bis dahin so islamisch wie Sid Vicious anglikanisch - dann plötzlich eine andere Spiritualität, die mit dem Label »eigen« wedelt, viel attraktiver - so attraktiv wie irgendwelchen Kulturnazis die Sonnenwendfeier mit Metsaufen. Es gibt den gemäßigten Unidozenten, der nicht so richtig weiterkommt in seiner Islamic-Studies-Karriere an der Uni von Kuwait und dafür die Juden verantwortlich macht. Es gibt Kids, die in Ussama oder Osama oder wie man den schreibt, einen »eigenen« Star-Wars-Helden sehen, eine klassisch kriegerische Märchenfigur wie sie sieben- bis vierzehnjährige Jungs bis ins hohe Alter verehren. Und schließlich gibt es Massen von chancenlos und ungebildet aufgewachsenen, aber äußerst dustroad-smarten Flüchtlingslagerbewohnern und Opfern afghanischer und pakistanischer, indonesischer und philippinischer, nigerianischer und algerischer Dauerkriege und -krisen, die sofort etwas für gut aussehende kriegerische Männer übrig haben, die ihnen einen einigenden höheren Sinn oder einfach nur eine finanzstarke Schutzmacht versprechen. Auch sie glauben an die einschlägigen Märchen.

Darüber hinaus ist solch ein adaptibler, konnektiver und leerer, aber grandioser und aggressiver Islam natürlich auch ein Identifikationsangebot für alle möglichen sich als Andere fühlenden jungen Bewohner der Ersten Welt. Für algerischstämmige Kids, die in Frankreich Ärger mit der Polizei haben ebenso wie für türkischstämmige junge Deutsche, die sich mit diversen Exklusionen herumschlagen müssen. Aus den USA wissen wir, dass junge männliche Afro-Amerikaner sich schon seit Generationen für Phasen ihres Lebens für Muslime halten. Und das Gesicht des schwarzen Islam wechselt von Generation zu Generation. Ice Cube hat zeitweilig seine Texte gemeinsam mit dem inzwischen verstorbenen Khalid Muhammad zusammen geschrieben, einem antisemitischen Hetzer und Eiferer, der sich auch als al-Qaida-Sprecher gut gemacht hätte. Zur Zeit ist die rigide, gut organisierte und historisch eher dem alten Fundamentalismus der Khomeni-Generation analoge Nation Of Islam wieder out, schreibt die HipHop-Fachzeitschrift The Source, und man identifiziert sich lieber mit einem globalen, nicht schwarz-nationalistischen Islam - was sowohl eine Wende zu einem linken Weltislam à la Malcolm X wie ein Andocken an den globalen rechten Islamismus bedeuten kann, der zur Zeit als einzige Vertretung weltweit vereinigende und vereinheitlichte Bilder offeriert. Und wenn es das Poster mit dem Magersüchtigen ist, der, wie man hört, seit dem Elften wieder etwas zugelegt haben soll.

Vor dem üblichen Alarmismus kann man indes nicht genug warnen. Die Täter vom 11. September sind in ihrer psychotischen Grandiosität noch untypische Avantgardisten dieses locker gesponnenen Netzwerks von Bildern und Vorstellungen. Die je spezifischen Übersetzungen seiner unbestimmten, aber attraktiven Angebote verlaufen noch an sehr wenigen Orten sofort »fundamentalistisch« oder gar »terroristisch«. Im Westen sind sie in der Regel eher spielerisch und allgemein rebellisch. Sie verschmelzen zuweilen mit renitenten Attitudes, die wir lieb gewonnen haben, gehen seltsame Emulsionen ein und können sich mit völlig unterschiedlichen kulturellen und politischen Molekülen auch zu ganz anderen Haltungen verbinden.

Ihre politischen Keime also alleine als Vorstufen zu einem zwingend sich entwickelnden oder schon aufgebrochenen postmodern-islamistischen Globalfaschismus zu deuten, wäre Panik. Solche Diagnosen tendieren dazu, amerikanische Schnellgerichte, russische Tschetschenien-Feldzüge und andere Menschenrechtsverletzungen zu rechtfertigen. Wenn dies Protofaschismus ist, dann immer noch Mussolini minus 30 Jahre oder Deutschland um 1900. Und dass die propagandistisch versierteren (vermeintlichen) Vertreter der Globalisierungsverlierer (islamistisch) sich rechts radikalisieren, droht zur Standardbegründung für die in Wahrheit an dieser Entwicklung mitschuldige Politik ihrer westlichen Gegner zu werden.

Langfristig sind diese weltweit verbreiteten und an immer mehr Pop- und Jugendkulturen angedockten Denk- und Fühlmodelle, all diese Images und Moleküle von Fiktionen und Ideologien um kriegerische gut aussehende Männer, strafende Götter, High-Tech-Gewalt und bärtige Rächer zu Pferde - gegen Juden, Frauen und Freimaurer - aber nicht zu unterschätzen. So wie seit dem Ende der Sowjetunion in den islamischen Ländern die linken Oppositionsbewegungen nach und nach von rechten ersetzt wurden, so könnte auch die globale antiimperiale Phantasie nach und nach reaktionär geentert werden. Die Verschärfung globaler Ungleichheit könnte dazu führen, dass immer mehr Menschen Versionen dieses Angebots annehmen, dessen Ideologie sich durch jeden weiteren Tag, den einer ihrer Anhänger in Unterentwicklung oder gar im Krieg verbringen muss, auf fatale und falsche, aber deswegen nicht weniger wirksame Weise bestätigt.

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