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diedrich diederichsen: Adornos Taschentuch

Adornos Taschentuch

Möglichkeiten und Strategien des Nonkonformismus

von diedrich diederichsen

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Wovon handelt dieses Weihnachtsmärchen? Nonkonformismus scheint heutzutage keine Option zu sein. Doch wie ist die Geschichte dieses Modells verlaufen? Überraschend werde ich auf eine Adorno-Stelle stoßen, wo es so etwas wie eine Ur- oder Vorform gibt: eine Geste aus Begriffen, eine Kommunikation durch Kommunikationsabbruch, ein notwendig ästhetisch gewordenes, von seiner Intention her aber politisches Handeln, das zur Politik und Argumentation nicht mehr kommen kann, weil die rationale Argumentation an die instrumentelle Vernunft gefallen ist. Der gloriose Moment der Geste aus Begriffen und der notwendig ästhetischen Politik wird auch zur Formel des nonkonformistischen Moleküls in seinen ersten existenzialistischen Fassungen - nun aber nicht mehr legitimiert durch die Aporien des kommunikativen Vernunftgebrauchs, sondern durch die inkommensurabel intensiven Erfahrungen junger Menschen mit und ohne Drogen, Sex und Emanzipationsversprechen. Von da an gibt es eine Verfallsgeschichte zu erzählen, eine Geschichte der Desintegration dieses Moleküls. Sie führt uns in die politisch-künstlerische Szene von Los Angeles im Frühjahr 2001 und zu den Figuren der Fernsehserie »Ally McBeal«. Sie träumen den Traum der Rekonstruktion des desintegrierten Moleküls, aber sie wissen es nicht. Am Ende surrt nur noch elektronisch ein posthumanes Klicken und Glitchen - auch darin sollen noch Spuren des vor 50 Jahren gesprengten Moleküls zu finden sein? Aber der Reihe nach ...

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Die Vorstellung ist verbreitet, dass die sozialen Differenzierungen der letzten 40, 50 Jahre, die Entstehung von alternativen Lebensstilen ebenso wie die Karriere von Werten wie Flexibilität, aber auch Differenz und Diversität - und Karriere heißt hier: der umwertende Weg vom dissidenten zum affirmativen Konzept -, dass diese Entwicklungen nicht denkbar gewesen wären ohne die Vorläuferschaft oder Geburtshilfe des Begriffs Nonkonformismus. Eines Konzepts, das sehr stark davon geprägt ist, zum einen existenziell, also durch die Lebensführung selbst, einen Einspruch zum Ausdruck zu bringen und auch zu begründen, zum anderen davon, dass das Gegenüber, dasjenige, demgegenüber es einen Einspruch zu formulieren gilt, seinerseits ein in sich homogenes Gebilde ist, das seine Konformitätsnormen von der eigenen Homogenität und Geschlossenheit stützen lässt, wenn nicht ableitet.

Die beiden Seiten dieses Nonkonformismus scheinen heutzutage, gerade im Lichte der aus ihm hervorgegangenen Subjektformationen eines flexibilistischen Kapitalismus, extrem anachronistisch: Existenzialismus ist nur noch etwas für Naive, wenn nicht sogar der Ansatzpunkt neuer Kontrollregimes, und das zu bekämpfende Gegenüber ist - egal, was man darunter verstehen will - eines bestimmt nicht mehr, nämlich homogen. Seine Imperative laufen folgerichtig nicht auf Konformität hinaus. Es scheint fast, und das ist dann der endgültige Todesstoß für jeden Versuch, den Nonkonformismus noch einmal denken zu wollen, als ob gerade die Nonkonformität das heute Verordnete sei. In Diagnosemodellen wie den von Zizek, Sennet oder Deleuze ist gerade der sich selbst verwirklichende Einzelne in seinem Individualismus, zugespitzt gesagt, ein Untertan im ganz besonderen Sinne. Gerade die »freie« bzw. als eigen empfundene Entwicklung des »zutiefst Menschlichen«, der stets jenseits der oder gegen die Verdinglichung gedachten Eigenschaften und Bereiche (Gefühle, Erfahrungen, Kreativität) sei heute der wichtigste Rohstoff ökonomischer Prozesse.

Naiv stellt sich sofort die logische Frage ein, ob, wenn Nonkonformismus den Forderungen des Herrschaftssystems entspricht, er noch länger seinen Namen verdiene und nicht selber ein Konformismus geworden sei. Müsste man, spinnt man diesen Gedanken weiter, dann nicht von einem Nonkonformismus im Verhältnis zu diesem neuen Konformismus sprechen können? Oder sind das nur irre Phantasmen der persönlichen Abweichung und der in der Person existenzialistisch situierten Handlungsmöglichkeiten, deren gemeinsamer Fehler genau das ist - von der Person als verantwortlich und einheitlich handelndem Subjekt aus gedacht worden zu sein? Von einer Person, die aus freien Stücken menschliche Qualitäten erwerben kann, die politische Konsequenzen jenseits der ökonomischen Verwertung hätten?

Ich werde dieser Frage im Lichte der erwähnten zeitgenössischen Positionen zu Fragen der politischen Dimension von Subjektivität nachgehen und sie persönlichen Erlebnissen sowie Beobachtungen aus Kunst und Popkultur gegenüberstellen. Zunächst aber möchte ich genealogisch einem nicht unwesentlichen Ursprung der mit dem Begriff des Nonkonformismus allemal im deutschen Sprachraum zusammenhängenden Vorstellung auf die Spur kommen. Nicht umsonst nennt Alex Demirovic seine zirka tausendseitige Monografie der Frankfurter Schule »Der nonkonformistische Intellektuelle«.(1) Denn wenn man über Nonkonformismus reden will, fängt man am besten dort an, wo alle wesentlichen Fragen eines Zusammenhangs abweichender Position mit anderem Leben zuerst auf Deutsch - und natürlich auf amerikanischem Boden - diskutiert worden sind. Auch wenn dieses Leben gerade nicht existenzialistisch und eben auch nicht einfach als Sphäre der Erfahrung gegen die der Begriffe und der herrschenden Rationalität gedacht war.

Während der Vorarbeiten zur »Dialektik der Aufklärung« schreibt Adorno am 21. August 1941 an Horkheimer, zunächst auf einen Essay seines Partners Bezug nehmend: »Es geht wirklich eine Erfahrung davon aus - fast könnte man sagen, der Aufsatz stelle eine Gebärde dar noch mehr als einen Gedanken. Etwa wie wenn man, verlassen auf einer Insel, verzweifelt einem davonfahrenden Schiff mit einem Tuch nachwinkt, wenn es schon zu weit weg ist zum Rufen. Unsere Sachen werden immer mehr solche Gesten aus Begriffen werden müssen und immer weniger Theorien herkömmlichen Sinnes.«(2) Diese Gesten aus Begriffen sind notwendig geworden, so Alex Demirovic, bei dem ich diese Stelle gefunden habe,(3) weil es weder möglich sei, die Begriffe, also die aufklärerischen Universalien weiterhin so zu verwenden, als sei die philosophisch geistesgeschichtliche Tradition, die sie hervorgebracht hat, noch intakt, noch sie fallen zu lassen und dem Gegner überlassen.

Es sollte von nun an häufiger darum gehen, so kann man meiner Meinung nach diese Sätze auch weiterdenken, nicht so sehr mit dem politischen Gegner zu diskutieren, sondern sich ihm gestisch mitzuteilen, ihm eine Geste entgegenzubringen. Ein Winken, das - später, von anderen - auch relativ leicht in einen ausgestreckten Mittelfinger transformiert werden konnte, wenn dieser denn aus Begriffen gearbeitet war. In der Feststellung der Unmöglichkeit, die Diskussion in gemeinsamen Begriffen fortzusetzen, scheint mir aber der Kern nicht nur des intellektuellen Nonkonformismus Frankfurter Provenienz vorformuliert, sondern ich erkenne in dieser Geste auch die Urbeschreibung einer Strategie der Coolness.

Vom später prägenden nonkonformistischen Existenzialismus ebenso wie von einer rein politischen Deutung der in den Fünfzigern so populären Vokabel weicht Adornos Formulierung jedenfalls an zwei entscheidenden Stellen ab. Zum einen ist sein Nonkonformismus keiner des Andersseins, sondern er äußert sich in einem Verhalten. Dieses resultiert nicht aus einer unhintergehbaren Essenz des Anders- oder auch Nichteinverstandenseins, sondern aus einer Einsicht, konventionell nicht mehr kommunizieren zu können. Diese Einsicht ist aber nicht nur strategisch. Es geht nicht darum, dass wir unter den gegebenen Bedingungen gestenhaft reden, weil die Lage draußen hässlich und das Wetter schlecht ist, während wir tief drinnen weiter von einem unbeschädigten Glauben an demokratische Werte zehren. Nein, solange, vereinfacht gesagt, demokratische oder anders formulierte universale politische Werte an kapitalistische (oder anders verstanden: falsche) Konkretion gebunden sind, kann ich nicht anders denken und handeln als in der teils kryptischen (weil unvollständigen, elliptischen, lapidaren), teils aber geöffneten, gerichteten, also doch kommunikativen und nicht resignierten Geste. Dies hat weder nur mit meinem Leben zu tun (wie im Existenzialismus) noch nur mit den Begriffen.

Zum anderen erlaubt diese Konstruktion aber auch einen anderen Blick auf die notwendig ästhetische Seite jeder nonkonformistischen Kommunikation, auf die ästhetische Seite der Geste. Diese ist eben kein Gegensatz zu ihrer politischen Wahrheit, keine Maske, keine Strategie, sondern notwendiges politisches Ergebnis der Lage. Ästhetisch wird die Linke, um links und gegenwärtig, politisch und kommunikativ bleiben zu können. Im Klartext mitzudiskutieren hieße, die konkreten Bedeutungen anzunehmen, die den Universalien von den Machthabern aufgezwungen wurden. Die Geste und in ihrer Folge die nonkonformistische Lebensform erlaubten da zu sein, präsent zu sein, politische Positionen zu repräsentieren - ohne sie im immer schon verlorenen Spiel der Realpolitik zu verschleißen. Die Stärkung der ästhetischen Seite ist aber natürlich auch die Voraussetzung für die spätere Desintegration dieses nonkonformistischen Modells.

Die Einsicht, dass Gegnerschaft sich nicht mehr in der rationalen Diskussion mit den Machthabern ausdrücken lässt, dürfte so etwas wie der gemeinsame formale Nenner künstlerischer wie politischer Bewegungen der folgenden Jahrzehnte geworden sein. Daraus folgte eine radikale oder ästhetische Kommunikationsverweigerung, die diese aber kommunizierte, weshalb sie so attraktiv wurde. Die ästhetische und die politisch radikale Version gingen oft ineinander über oder verwechselten sich selbst miteinander. Aber dieser kommunikationspolitisch letzte gemeinsame Nenner ist wahrscheinlich auch der, der heutige so genannte Globalisierungsgegner fast unsichtbar mit der Tradition von Einsichten verbindet, deren globaler Hauptgegner noch ein monolithischer Faschismus oder ein vom industriell-militärischen Komplex bestimmter, fordistisch-konformistischer Nachkriegskapitalismus war. Hier liegt aber auch ein Hauptunterschied zwischen der ersten Generation Kritischer Theorie und der zweiten und ihrem ausdrücklichen Vertrauen auf Kommunikation. Vielleicht kann man so weit gehen zu sagen, dass mit diesem Schritt zum Kommunikationsoptimismus die kommunikationspessimistische und damit auch radikalitätstauglichere Seite der Kritischen Theorie abgeschnitten wurde und nun, spätestens um 1970, einem unordentlichen Wuchern in den verschiedenen - allerdings schon stark existenzialistisch vorgeprägten - Undergrounds zur Verfügung stand.

Die nonkonforme Geste ist unterschiedlich politisch interpretiert oder angelegt worden. Sie kannte die Variante, dass nur eine künstlerische Praxis überhaupt Gesten machen kann, nicht eine intellektuelle, die mit Begriffen operiert. Sie ist durch Reformulierungen gegangen, wie des jüngst verstorbenen Ken Keseys legendäre Warnung, nicht denen ihr Spiel zu spielen. Sie resultierte aber nicht nur in immer wieder neu beeindruckenden Radikalismen der Geste und des gestenhaften Kommunikationsabbruchs, der paradoxerweise Kommunikation verstärken und retten sollte - von der Insel an das Narrenschiff der Moderne - nein, vor allem führte sie zur kompletten Durchtrennung der zwei Nabelschnüre, an die Adorno sie geknüpft hatte: an den Begriff und an die politische Entwicklung. Das geschah zunächst (Fünfziger/Sechziger) dadurch, dass ihre erfolgreichsten, eher exististenzialistischen Vertreter die Geste vor allem an die Lebenserfahrung geknüpft wissen wollten, ans Besserwissen, an das nicht mehr vermittelbare, nur noch in Gesten resultierende Besserwissen qua Besserleben (intensiver und so). Sodann dadurch, dass nach der großen Politisierung die ästhetische und die politische Seite der nun pluralisierten Nonkonformismen nicht mehr zueinander finden konnten (Sechziger /Siebziger/Achtziger), bis die Elemente der Nonkonformität schließlich fragmentiert und desintegriert nur noch als Konsumgegenstände oder Ressourcen der Distinktion auftauchten.

Alles Weitere scheint nun bekannt zu sein. Die Geste hat sich also verselbständigt, sie bleibt auf der anderen Seite der sie bestimmenden Verbindung von politischem, verbindlichem Denken und subjektiver intellektueller und künstlerischer Erfahrung gefangen. Gefangen in einem Pathos der Erfahrung, das weder zum Begriff noch zur Politik findet und schließlich nur noch sich selbst erfährt. Sie ermöglicht keine Schritte mehr in unbekannte Länder, sondern unternimmt nur immer extremer ausgestattete und outrierter gestaltete Bewegungen in das immergleiche bürgerliche Territorium des Selbst.

Doch nicht genug damit, dass die Geste aus Begriffen irgendwann im Solipsismus des leitenden Angestellten gelandet ist - sie hat unter Namen wie Nonkonformismus noch immer einen nicht nur guten, sondern oft genug auch politischen Ruf. Dabei ist der aus dem Nonkonformismus hervorgegangene Individualismus nur die Voraussetzung, auf höheren wie auf niedrigereren Ebenen des globalen Info-Kapitalismus richtig zu funktionieren, nämlich um den immateriellen Konsum zu managen wie auch selbst zu betreiben. Originelle Typen und Querdenker stellen nicht nur die Modelle für einen glamourisierten Gehorsam gegenüber den Imperativen der Flexibilisierung dar, sie versehen, immer noch vom guten politischen Ruf der nonkonformen Geste lebend, diese Imperative mit einem progressiven politischen Gehalt.

So oder ähnlich lauten die Diagnosen der letzten Jahre - teils die eigenen, teils die der anderen. Die Geduld mit als mikropolitische Kämpfe in den Achtzigern und frühen Neunzigern noch notdürftig maskierten Solipsismen scheint am Ende, es gehöre ihnen dringend die Maske ihres Komplotts mit den neoliberalen Welttrends abgerissen. Eine Reihe von Texten, Ereignissen und kulturellen Erscheinungen verschiedenster Art verlangt wieder nach einer Rückbindung der Gesten an Taten und realpolitische Formationen. Und sagt insbesondere der heruntergekommensten kommerziellen Version der individuellen Geste, dem Logo, besonders vehement den Kampf an.

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Man kann diese Diagnosen auf verschiedene Weise anzweifeln: Sind die Selbsterfahrungen tatsächlich notwendig alle solipsistisch? Sind die auf »Nonkonformität« basierenden noch bestehenden politischen Erfahrungen tatsächlich alle dazu verdammt, von einem »'post-politischen' toleranten, multikulturalistischen Regime« des »heutigen Kapitalismus« »neutralisiert« und als »Lebensstil« »absorbiert« zu werden, wie Slavoj Zizek meint? Einem System, das »ganz eindeutig ein Subjektivitätsmodell favorisiert, für das zahlreiche Identitätswechsel charakteristisch sind«?(4)

Doch sind in der neoliberalen Wirklichkeit die individuellen Akteure, die angeblich nur noch als Unternehmer ihrer Lebenszeit und Vertragspartner ihres Sozialen agieren, tatsächlich die Erben des alten Nonkonformismus, oder sind sie nicht eher Erfolgsmenschen alter Schule, die den patriarchalen Unternehmer nur in ein reformiertes Soziales gerettet haben? Vor allem aber interessiert mich: An welcher Stelle des Desintegrationsprozesses jenes fernen, 50 Jahre alten coolen Nonkonformismus sind wir angelangt? Ist irgendjemand da draußen, der ihn umdrehen will? Wie unterscheiden sich schließlich eine Diagnose und ein Modell, die als Realpolitik lediglich Faschismus, Fordismus und Stalinismus kannte, von heutigen Diagnosen und Modellen?

Ich will drei Beispiele für Brennpunkte dieser Fragen und Konstellationen beschreiben: erstens eine Wahlkampf-Party für einen Bürgermeisterkandidaten in Los Angeles. Zweitens einen bestimmten Mechanismus in der insbesondere bei konformistisch-nonkonformistischen Angestellten beliebten Fernsehserie »Ally McBeal«, und drittens schließlich im Anschluss an diese und andere Fernsehsendungen die Beliebtheit der Gerichtsverhandlung als dramatische Form.

Zu Beginn des gerade zu Ende gehenden Jahres hielt ich mich mehrere Monate lang in Los Angeles auf. Ich unterrichtete an einer Kunsthochschule. Viele der heute an diesem Institut Lehrenden haben an der Cal-Arts studiert und sind maßgeblich von der politisch verstandenen, selbstreflexiven und institutionskritischen Kunstpraxis von Michael Asher, Alan Sekula, John Baldessari und Douglas Huebler beeinflusst. Man kann ohne grobe Vereinfachungen von einer linken politischen Tradition dieses Milieus sprechen. In der künstlerischen Praxis der Betreffenden äußert sich diese linke Tradition vor allem dadurch, dass das Gegebene von kulturellen Bildern und Begriffen analytisch zerlegt und aufgetrennt wird und die Bestandteile von Bewusstsein und Bewusstseinsindustrie markiert werden. Im Gegensatz dazu wird die eigene künstlerische Praxis als gleichzeitig offen wie ihrer inhärenten Probleme bewusst inszeniert. Symbolisch, wenn nicht auch praktisch, öffnet sich diese Kunst also einem aufklärerischen Diskurs. Sie greift anderswo tabuisierte Themen aus den Feldern Sexualität, Rassismus, US-Nationalismus und Migration auf und stellt ihre Reflexionen darüber einerseits einer linken und gegenkulturellen Szene zur Verfügung, wie sie gleichzeitig durch entsprechende künstlerische Gesten die Lesbarkeit für eine square, spießige Öffentlichkeit einschränkt. Widersprüche wie der, dass man zuweilen gerade mit »kritischen Positionen« wieder auf dem Kunstmarkt attraktiv sein kann, werden oft zum Inhalt dieser Arbeiten.

In diesem Frühjahr fanden nun die Vorwahlen des Bürgermeisters von Los Angeles statt. Es gab einen rechten Republikaner, dem wenig Chancen eingeräumt wurden. Daneben gab es zwei hispanische Kandidaten, deren einem, dem linkstehenden und mit den neuen mexikanisch-amerikanischen Gewerkschaften eng verbundenen Antonio Villaraigosa, große Chancen eingeräumt wurden. Dann trat noch der Sohn eines bei der afro-amerikanischen Bevölkerung sehr beliebten ehemaligen Senators an, der zum linksliberalen Flügel der Demokraten gerechnet wurde. Und es kandidierte Joel Wachs. Wachs, ein ehemaliger Republikaner, der aber die Partei verlassen hatte, hatte sich in den achtziger Jahren als Stadtverordneter Verdienste um die Versorgung von Aids-Kranken in Los Angeles erworben. Pünktlich zum Beginn des Wahlkampfes hatte der Politikprofi sein schwules Coming-out. Er galt als Freund der Künste, als aufgeschlossener Sammler, der schon vor Jahren in einem seltsamen Gelöbnis geschworen hatte, grundsätzlich ein Viertel seiner Einkünfte für den Erwerb bildender Kunst auszugeben, also immer schon ein privates Kulturbudget vorzeigen konnte.

Bei der afro-amerikanischen Bevölkerung hatte Wachs die schlechtesten Karten, auch die Latinos wollten ihn nicht wählen, stark war er vor allem im Valley und bei den Weißen über 65. Sein politisches Programm umfasste neben der Stärkung der so genannten Creative Community und einer liberalen Unterstützung minoritärer sexueller Orientierungen vor allem neoliberale Bekenntnisse zum Kapitalismus in auch für kalifornische Verhältnisse rigoroser Weise, sowie die Weigerung, die wegen Morden und Foltervorwürfen auf einer besonders berüchtigten Wache unter öffentlichen Beschuss geratene Polizei zu reformieren. Man kann zusammenfassend über diesen Kandidaten sagen, dass er auf den Feldern Avantgardekunst und schwul-lesbische Gleichstellung relativ progressive oder linke, auf allen anderen Feldern, insbesondere der Wirtschaftspolitik und der Innenpolitik, rechte, und zwar dezidiert rechte Positionen vertrat.

Die Entkoppelung linker Themen ist ein auf der ganzen Welt zu beobachtender Trend, ebenso ihre Rekombination mit einer politischen Orientierung, die man früher nicht zu Unrecht reaktionär genannt hätte. Dasselbe gilt für die dissident-existenzialistischen Styles, die in der Nachfolge des Adornoschen Taschentuchs nach und nach alles verloren haben, was sie einst ausgemacht hatte - indem sie den Grund der Geste ganz an die Erfahrung vergeben haben. Sie sind so von ihren politischen, historischen und kulturellen Entstehungsbedingungen getrennt worden, und sie haben kaum noch Archive oder, wenn es sie gibt, ein Wissen um deren Lesbarkeit, das es ihnen erlaubt, die Geschichte dieser Entkoppelungen zu rekonstruieren. Die heute noch übrig gebliebenen Gesten muss man sich vorstellen als reine Taschentücher, ohne Insel, ohne Schiff, ohne Winkende - nur noch das Taschentuch gibt es. Niemand weiß, was es bedeutet und woher es kommt, und dennoch hat es immer noch eine enorme Attraktivität, die es seiner unleserlichen Geschichte verdankt. Wenn man es entfaltet, sieht man, dass ein Nike-Swoosh darauf gedruckt ist.

Was hat dieser Vorgang und diese Entwicklung nun mit dem seltsamen und im übrigen in den Vorwahlen auch chancenlos ausgeschiedenen Kandidaten Joel Wachs zu tun? Nun, während meines Aufenthaltes wurde ich zu einer Fundraising-Party für diesen Kandidaten eingeladen - und zwar nicht nur von einem befreundeten Paar konzeptueller Künstler, nein, so ziemlich von allen, die in der linken, selbstreflexiven Kunstszene von L.A. einen Namen haben. Nahezu alle KünstlerInnen, GaleristInnen, Studierenden und befreundeten Musiker rund um den Pool der konzeptuell, institutionskritisch, ortsspezifisch und selbstreflexiv arbeitenden L.A.-Szene trafen sich zu einer Party für Joel Wachs in einer Galerie, in der gerade eine Mel-Bochner-Ausstellung zu sehen war.

Es handelte sich also nicht um Leute, die wie die Taschentuchbenutzer von heute nicht wissen, was sie tun, es handelte sich nicht um abgespaltene und entkoppelte Teile, die unter einem Regime der Enthistorisierung und Kulturisierung nach und nach füreinander blind geworden sind und ihr ehemaliges Zusammengehören vergessen haben. Nein, die Unterstützer von Joel Wachs waren Teil einer bewussten und reflektierten, in ihrem Beruf ständig historisches Denken performierenden kulturellen Elite. Also Leute, die es offensichtlich mit ihrer eigenen explizit linken künstlerischen Praxis für vereinbar hielten, einen Kandidaten zu unterstützen, der neoliberale Ideologie produzierte, wann immer er außerhalb einer Galerie den Mund aufmachte.

Ich versuchte, mit ihnen über ihr Handeln zu reden. Die Begründungen waren nicht realpolitisch, etwa in dem Sinne, dass Wachs etwas für ihr Business tun könne, wo er doch die bildende Kunst fördere. Wenn dieser Aspekt eine Rolle spielte, dann eher um eine Art persönliche Dankbarkeit für seine Käufe zu bezeugen, eine altmodische Abhängigkeit von dem persönlichen Sammler. Häufiger waren Argumente, die mit Wachs' Schwulsein arbeiteten. Keine große US-amerikanische Stadt habe einen schwulen Bürgermeister. Aber auch das erschien mir unzureichend, erklärte es doch bestenfalls eine milde Präferenz für den Kandidaten und nicht das persönliche Engagement in einem Fundraising-Dinner und den Alltag politischer Arbeit, an dem viele der L.A.-Künstler tatsächlich beteiligt waren.

Es blieb dabei: Ich verstand es nicht. Als würde b-books für Westerwelle mobilisieren, murmelte ich. Natürlich boten sich alle möglichen Mutmaßungen an. Eine war die, dass ein bestimmter Begriff von Queerness tatsächlich eine Integration sehr verschiedener, womöglich einander widersprechender Persönlichkeitsteile ermöglicht und letztlich an ein progressives Projekt anzubinden versucht. Doch Wachs' Schwulsein schien gerade nicht queer in einem Sinne zu sein, wie Aktivisten queerer Politik diesen Begriff verwenden.

Tatsächlich fiel mir aber in allen Gesprächen auf, dass das linke Selbstverständnis der Künstler in ihrem Beruf, die Anbindung an die Semantik eines linken und auch so genannten Projekts in ihrer Arbeit auch sonst in keiner Weise mit ihrem sonstigen Verhalten und ihren Vorlieben in Verbindung stand. Es gab einfach überhaupt keine kulturellen Verbindungen, die über die Semantik der künstlerischen Arbeit herstellbar gewesen wären. Es gab soziale Verbindungen, die über andere Verbindungen entstanden waren, es gab eine Kollegenkultur, eine der Lehrenden wie eine der künstlerisch Arbeitenden, aber es gab keine semantische Beziehung zwischen dem »linken Künstler« und dem »politischen Menschen«.

Wahrscheinlich haben wir es hier also mit einer besonders hoch entwickelten Form von Desintegration zu tun, möglicherweise mit dem aktuellen Stand, nach dem ich vorhin fragte. Diese Desintegration kann man auf der psychologischen Ebene von Persönlichkeitsteilen diskutieren oder auf der sozialen als die komplett voneinander getrennter sozialer Bezugsräume der Betroffenen. Indes wäre es zu einfach, nach einem geheimen niederen Motiv zu suchen, nach einem bloßen Opportunismus. Die meisten haben keine Vorteile von diesem politischen Engagement.

Die psychologische wie die soziale Ebene verweisen auf dieselbe schon erwähnte Desintegrationsgeschichte. Sicher sind die einst als Kampfbegriffe im existenzialistisch-linken Gegenmilieu entstandenen Ideologeme von der Selbstverwirklichung und der irreduziblen Individualität entscheidend in dieser Desintegrations- und Entkoppelungsgeschichte wirksam geworden. Sie bildeten das Interface, das den Druck sozialer, ökonomischer und politischer Entwicklungen in eine sich noch als intakt empfindende existenzialistische Innenwelt übersetzte. Die selbständige Wucherung der Selbstverwirklichung im sich berufsmäßig selbst verwirklichenden Künstler hat offensichtlich dazu geführt, dass er die Überzeugungen, in deren Namen er seine künstlerischen Entscheidungen trifft, nicht mehr auf abstrakte oder allgemeine Prinzipien zurückführt, die er dann wiederum bei seinen politischen Entscheidungen zum Einsatz bringt.

Natürlich ist meine Verwunderung über ein solches Handeln einer unausgesprochenen Kohärenzvorstellung geschuldet, wie menschliche Wertvorstellungen auszusehen hätten. Diese scheine ich ganz besonders bei solchen Subjektivitätsmodellen vorauszusetzen, die sich selbst thematisieren, wie dies bei konzeptuell arbeitenden Künstlern der Fall ist. Denn diese haben ja eine oft elaborierte Theorie von dem, was sie da tun, und das scheint meiner Meinung nach offensichtlich eine Garantie dafür zu sein, dass sie die dabei anfallenden begrifflichen Abstraktionen konsequenziell und womöglich auch normativ anlegen. Ich scheine, wenn ich mich über die Diskrepanz von nicht nur symbolischer künstlerischer Orientierung, sondern auch expliziter und explizit politischer Theorie künstlerischen Handelns auf der einen Seite und dem politischen Handeln auf der anderen Seite so stark wundere, davon auszugehen, dass Konsequenz und Kohärenz Eigenschaften eines aufgeklärten Subjetks sind, Inkonsequenz und Widersprüchlichkeit hingegen unaufgeklärten und begriffslosen Subjekten zukommen.

Nun ist im Zuge postmoderner Subjektkritik oft als Zwang und Machteffekt verrissen worden, was schon in der Kritischen Theorie als Identitätsprinzip nicht besonders gut angeschrieben war. Die integrierte und konsequente Gesamtpersönlichkeit erschien je und je als Variante des autoritären Charakters oder als unerwünschte Schließung prinzipiell offener und beweglicher Verhältnisse, als ein Imperativ für Untertanen, dem freie Geister schon seit den Sechzigern Walter Benjamins berühmten Satz entgegenhielten: »Immer radikal, niemals konsequent!« Authentisch sein zu müssen und sich auf Authentizität zu berufen, galt auch im Rahmen der subkulturellen Debatten der Achtziger und Neunziger als regressiv bis reaktionär, als Reduktion der Person und der Persönlichkeit auf eine hierarchisch militärische Binnenlogik. In feministischen Diskursen der unterschiedlichsten Provenienz, ob sie mit Luce Irigaray essenzialistisch von dem Geschlecht, das nicht eins ist aus argumentieren oder mit Judith Butler anti-essenzialistisch gegen die Schließung in einer authentischen Weiblichkeit, galt die Berufung auf Authentizität außerdem als machistisch und phallogozentrisch.

Es ist nun ein gegen postmoderne Linke oft stereotyp vorgebrachtes Argument, ihre Diskurskritik und ihre dekonstruktive Auflösung von Identitäten mache politisches Handeln unmöglich und arbeite letztlich den Verhältnissen unter postfordistischen Bedingungen zu - von Terry Eagleton zu Slavoj Zizek haben wir es oft gehört. Doch in den Neunzigern hat es viele Revisionen auch von postmoderner und dekonstruktivistischer Seite gegeben, der relativen Härte des Gegenstands Politik und der Notwendigkeit in diesem Kontext zumindest strategisch Rechnung tragend. Ich denke etwa an die Erfolgsgeschichte von Gayatri Spivaks Slogan vom »strategischen Essenzialismus«. Was für die (politische) Analyse und die Kritik des Diskursiven galt, musste nicht unbedingt dann noch gelten, wenn ein gewünschter politischer Effekt Vorrang haben konnte. Ja, insbesondere in feministischen, antirassistischen und postkolonialen Diskussionen konnte man erleben, wie es zu einer sozusagen postmodernen Politisierung kam, die Subjektkritik und politische Handlungsfähigkeit zusammendenken wollte - und meine L.A.-Künstler sind ein Beispiel für eine solche Entwicklung.

Das Verstörende scheint nur zu sein, dass man ihr Handeln weniger so beschreiben muss, wie es altlinke Kritik an postmoderner Politik immer getan hat, als eines, das zu Unvernunft und Abenteurertum und letztlich zu politischer Handlungsunfähigkeit führe. Ihr Handeln ist eher eine besonders irritierende Herstellung von Handlungsfähigkeit. Ja, politischer Handlungsfähigkeit. Nach Aktenlage des Klasseninteresses, wenn man so will. Und dies ist natürlich ein genereller Zug verschiedener Stadien der Desintegration des Nonkonformismus: dass die desintegrierten Teile sehr schnell zurückfinden zu Strategie und Pragmatismus. Ja, dass man erkennen kann, dass das langsame Auseinanderbrechen unter jeweils sehr spezifischem Realitätdruck zustande kam. Ist also die linke Postmoderne nichts als die Verklärung der politischen Niederlage des Nonkonformismus und dessen Ergebnis, des Desintegrationsprozesses?

Die kognitive Dissonanz als Errungenschaft postmoderner Linker wird bei diesem L.A.-Beispiel in ihrer ganzen Pracht vorgeführt, schön und praktisch und effektiv und in ganz verschiedenen Feldern auf absolut zeitgenössischem Niveau.

Meanwhile konnte man dagegen in für die unteren Schichten gedachten Modellen wie den notorischen »Big-Brother«-Shows und Mittagstalkshows in den letzten Jahren erleben, wie erlebnisorientierte Freizeitkultur und Selbstverwirklichungsrhetorik - »Ich bin ein Mensch, der...« - zu einem besonders harten Authentizismus zusammenschmolzen, der die konsequente und kohärente Persönlichkeit gnadenlos einpauken wollte. Es geht in allen RTL2-Showformen strukturell ja immer nur darum, dass sich wieder irgendwo einer verstellt hat und man sich auf keinen Fall verstellen darf, sondern viel mehr so sein muss, wie man wirklich ist. Je unklarer ist, aufgrund welcher biografischen, politischen, lebensweltlichen, beruflichen Konstanten und Sicherheiten es so ein vorrangiges »wirklich« in dem gibt, was man »wirklich« sei, desto brachialer wird der Imperativ, die eigene Echtheit zu performen. Passend zu solcher Selbstdisziplinierung erfreut sich auch offene Repression bei der Gestaltung von Persönlichkeit steigender Beliebtheit. Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf fordert eine strengere Kindererziehung, und Angela Merkel freut sich auf Schuluniformen.

Kognitiv dissonant zu leben, erscheint so gesehen als ein Klassenprivileg: Der Gewinn für seine Nutznießer besteht darin, dass sie im unangemessenen, dissonanten Verhältnis der eigentlich Harmonie beanspruchenden Persönlichkeitsteile (wie Überzeugung und Lebensstil) das Geglaubte (aber nicht zu Realisierende) wenigstens noch im Blick haben, dass sich ihr Bewusstsein noch leisten kann, ihrem Sein zu widersprechen. Auch wenn es sich nicht mehr einbilden darf, Schmerzen zu verursachen.

Wir haben es bei diesen unterschiedlichen Entwicklungen aber nicht nur mit einer klassengesellschaftlichen Lösung von Flexibilisierung zu tun - die einen dürfen im Nichtzusammenpassen der Lebensteile eine Chance erkennen, die anderen müssen dem unbedingt psychisch entgegenarbeiten und kontrafaktisch Identität bunkern -, sondern auch mit einem Problem der Verwechslung von Deskription und Norm in Intellektuellenkreisen. Denn die postmoderne Kritik des Authentizismus ist ja zunächst eine Kritik der Beschreibung von Subjektivität als Expression von Eigenem. Dass die Subjekte ihren Diskurs nicht hervorbringen, heißt nicht auf einer normativen Ebene, ja nicht: Sei unauthentisch, sondern kritisiert das Beschreibungsmodell authentisches Subjekt. Aus dieser Kritik der Beschreibung zu folgern, es sei daher auch auf der Ebene des Verhaltens wünschenswert, der Korrektur des Beschreibungsmodells aus eigenen Anstrengungen entsprechen zu müssen, ist ein folgenschweres und verbreitetes Missverständnis. Tatsächlich laufen viele Leute mit einer so verstandenen »postmodernen Moral« herum und wehren sich gegen die Zumutung, auf politische Konsequenzen einer ihrer vorübergehenden »Überzeugungen« hingewiesen zu werden, mit der Bemerkung, das sei ihnen zu authentizistisch. Oft wird das wiederum mit Konzepten von Deleuze/Guattari, dem Imperativ »Seid Vielheiten!« begründet oder neuerdings durch den großen Erfolg des Buchs »Empire« von Negri/Hardt mit dem darin gefundenen Revival des Begriffs der Multitude als einem angemessenen neuen Modell, wie mit den politischen Widersprüchen der eigenen Existenz umzugehen sei.

Diese mit dem Begriff der Multitude verbundenen Vorstellungen sind natürlich nicht gleichzusetzen mit jenen aus der Verwechslung von Norm und Deskription entstandenen postmodernen Moralstrategien. Sie lenken aber den Blick darauf, dass man nicht darum herumkommt, genauer nach dem Wie der Koexistenz zu fragen, die all solchen Modellen gemeinsam ist. Genauer gesagt: nach genau der politischen Dimension dieser Koexistenz- und kognitive-Dissonanz-Modelle, nach der Politik der Verknüpfung und - wenn man so will - auch nach der Reintegration der abgespaltenen Teile. Vielleicht geht es auf symbolischer Ebene ja um nichts anderes: Ein Bild, ein Modell zu finden, das aus den bestehenden Subjektivitätslagen einen neuen nonkonformen Zugang zu Politik und gesellschaftlicher Realität wenigstens zu imaginieren in der Lage ist. Das Taschentuch lassen wir erstmal in der Wäsche.

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Eine TV-Serie, die die junge, zeitgenössische Angestelltenkultur am schönsten und genauesten zu treffen scheint, ist »Ally McBeal«. Ihr Erfolg liegt genau darin, dass sie unausgesetzt darauf hinweist, dass die emotionale Integration der abgespaltenen Lebens- und Vorstellungsteile moderner kognitiv dissonanter Praktiker sich für die Betroffenen keineswegs erübrigt. Abwesende integrative Instanzen werden ständig als Problem empfunden. Sehr häufig kommt es in »Ally McBeal« daher zu Fällen von Regression in frühere kindliche Vorstellungen von Ganz- und Geschlossenheit. Die Akteure und Akteurinnen haben alle möglichen Marotten und Ticks, sie sind abergläubisch, exzentrisch und wunderlich, wenn es darum geht, sich als integrales Subjekt zu rekonstruieren. Es gibt aber eine seltsame Instanz in »Ally McBeal«, die die postmodernen Subjekte immer wieder heilt und mit sich selbst versöhnt - die afro-amerikanische Kultur. Einer der Chefs der Anwaltskanzlei muss sich nur vor den Spiegel stellen und an die Musik von Barry White denken und wird sofort wieder »er selbst«. Ally hat im Gerichtssaal eine Vision und der schwarze Richter erscheint als Al Green, und seine Rechtssprechung erhält einen Sinn. Hochzeiten und Todesfälle werden generell nach afro-amerikanisch-baptistischem Ritus begangen, Gospelchöre treten sowohl real wie in den vielen Halluzinationen der Hauptfigur stets auf, um ein Machtwort der Wahrheit und des gesunden Menschenverstandes zu sprechen. Kurz: die historische Rolle der afro-amerikanischen Musik und der afro-amerikanischen Kirche, Menschen zu heilen, die zunächst durch Sklaverei, später durch eine rassistisch organisierte Gesellschaft psychische Schäden genommen hatten, wird in der Serie explizit auf die Seelsorge um typische Vertreter postmoderner Angestellten-Subjektivität übertragen.

Soul wird aber darüber hinaus zum Nachfolger genau der Geste, mit der man sein eigenes Verhältnis zur Welt zusammenfasst, zum Taschentuch, mit dem die Gestalten aus »Ally McBeal« winken. Oder nochmal anders: Soul und der Gospelchor sind vielleicht auch so etwas wie ein ersehntes Publikum, das seine Gesten sieht und beantwortet, ein idealer imaginärer Gesellschaftskörper, mit dem Ally und ihre Kollegen gerne kommunizieren würden, wenn sie ihre je spezifische Leere spüren.

Warum gerade Soul? Warum hat eine Kirche (und deren säkulare Ableger und Varianten), die die Subjektivität von Gedemütigten versorgen musste, nun eine solch zentrale Funktion in der Welt dieser ansonsten skrupellosen neoliberalen Rechtsanwälte?

Nun, die afro-amerikanische Theorie kennt seit W.E.B. DuBois den viel diskutierten Begriff des »Double Consciousness«, und der hat weniger mit der Psyche von primär Gedemütigten zu tun, sondern realistischer mit dem Seelenleben von Menschen, die in - mindestens - zwei völlig verschiedenen Welten zu leben gezwungen sind. Double Consciousness beschreibt nicht das Problem einer gespaltenen Persönlichkeit, sondern das einer, die ständig unterschiedlichen Bewertungen und Reaktionen auf gleiches Verhalten ausgesetzt ist und daher in dem Bewusstsein lebt zu spielen. Darüber wird sie entweder unglücklich und neurotisch, oder sie nimmt diese Lage an und spielt mit ihr und erfindet noch ein paar zusätzliche Rollen. Diese unterscheiden sich von dem »normalen« Rollenspiel des Alltags dadurch, dass sie in ein Selbstbild eingefügt werden müssen, das nicht nur mit verschiedenen situationsspezifischen Rollen umzugehen gelernt hat - wie wir alle, die wir uns trotzdem immer vor dem Hintergrund einiger stabiler Instanzen bewegen. Der Double Conciousness unterworfene Akteure konnten nie von der stabilen Referenz einer Normalität ausgehen. Double Consciousness wird ebenfalls als Chance, als »künstlerische Kondition«, aber auch als permanenter Horror beschrieben. Sein Gegenüber, sein Komplement ist die emphatische Betonung der Aufgehobenheit in der Gemeinde, in Gott, ist die Anrufung von Soul auch im Wortsinn als Seele. Seele als die Formel für die göttliche Bestimmtheit individueller Kontingenz.

Afro-amerikanische Religion kann man als Religion unter erschwerten Bedingungen beschreiben - nicht weil das Leid, das es zu kompensieren gilt, größer wäre, sondern weil die Klientel aus in einem ganz besonderen Sinne welterfahrenen Subjekten besteht, die die kulturelle Konstruiertheit ihrer Persönlichkeit nicht nur durchschaut haben, sondern damit ständig umgehen müssen. Sie sind also noch aufgeklärter als der konventionell aufgeklärte Atheist, der Gott durch den Menschen ersetzt hat. Die Afroamerikaner, das ist immer wieder gesagt worden, haben immer schon ein postmodernes Bewusstsein, sind aber gleichzeitig zum Glauben bereit. Das erkennen wir bei »Ally McBeal« wieder. Ally McBeal und ihre Freunde sind auch zum Glauben bereit, aber eigentlich nur an das Zitat eines Glaubens, eines Glaubens - und da bleiben sich die Beal-Menschen ganz authentisch selbst treu -, der hip ist und mit dem man nichts falsch machen kann, in keinem der vielen und widersprüchlichen Kontexte.

Man könnte sich natürlich versucht fühlen, in genau solchen Phänomenen des Religiösen und Sekundär-Religiösen den Nonkonformismus zum Konformisms des normal-gespalten-zynischen Bewusstseins zu erkennen. Es würde auch gut etwa zu zeitgenössischen Diskurskonstellationen passen wie der seltsamen Allianz von Katholiken und Linken unter den gegenwärtigen Gegnern der Gen- und Reproduktionstechnologien, zu dem viel verwendeten Bonmot vom Papst als letztem Antikapitalisten oder zu der Verbreitung esoterischer Ideengebilde unter so genannten Globalisierungsgegnern, aber auch zur Freundschaft von Jan Delay und Xavier Naidoo.

Aber auch diese Beschreibung hat einen Haken. Sie nimmt den therapeutischen Effekt der Religion und ihre Nähe zu der psychologischen Funktion, die Welterklärungsmodelle immer schon hatten, unabhängig von ihrer Richtigkeit für den welterklärerischen Gehalt dieser neuen Allianzen von Linken und Gläubigen oder von Gospel und Postmoderne. Tatsächlich aber ist die politische Qualität einer anderen, nicht zynischen Verknüpfung oder Integrationsmethode nicht allein oder womöglich gar nicht an ihren psychologischen Effekten zu messen. Die politische Qualität läge, wenn man sie nicht nur strategisch in Mobilisierungseffekten erkennen will, doch wohl darin, wie so ein alternatives Modell mit der Tatsache umgeht, dass die Subjekte schon alles über sich wissen, dass man ihnen nichts Neues mehr erzählen kann, dass Verona Feldbusch viel klarer selbstexplikativ als Alice Schwarzer erzählen kann, wie sie funktioniert.

Verona Feldbusch weiß alles über sich, aber nichts über den Zusammenhang, in den sie so gut passt. Schwarzer weiß alles über diesen Zusammenhang, aber nichts über Leute, die so genau wissen, wie sie funktionieren, aus welchen Teilen sie in welchem Verhältnis zusammengesetzt sind. Sie weiß nicht oder berücksichtigt nicht, dass man denen nichts sagen kann, weil sie das ultimative Näheverhältnis ihres objektiven Faktenwissens und ihrer affektiven und psychischen Struktur ständig erleben: als Umgang mit sich selbst. Dass dieser Umgang mit sich selbst aber einer ist, der wie der Umgang mit einer objektiven Sache, über die man Kenntnisse haben kann, funktioniert, ist die aktuelle Stufe des guten alten kapitalistischen Verdinglichungsprozesses - die Stufe, über die man offensichtlich nicht mehr mit den Betroffenen sprechen kann, weil sie es eben schon wissen, weil sie auch noch bereit wären und teils bereit sind, auch diese Erkenntnis zu akzeptieren, ohne sie zu verbinden mit dem Teil, für den sie gedacht ist. »Ich bin doch das Weibchen«, sagt Verona.

Vergleichbare Zustände sind unter anderen Vorzeichen und anderen Verbreitungsgraden aus der Literatur wohl bekannt, nur eben nicht als Massenphänomen. Es ist eine dem Dandyismus nahe Erscheinung, und sie ist auch schon oft »behandelt« worden. Nietzsches Vorschlag vom aktiven Vergessen ist nur einer von vielen, der Allys zitierter Gospelgeborgenheit gar nicht so unähnlich ist. Aktives Vergessen bringt aber bestenfalls einen Neuanfang. Gegen das Gefühl allergrößter Nähe und umfassenden Wissens über die Welt hilft aber keine Regression, sondern nur das Dementi dieses Wissens durch die Erfahrung des eigenen Nichtwissens über die äußere, über die eigentlich objektive Dimension von Welt. Ein solches Aufschließen der ansonsten in ihren solipsistischen Selbstverhältnissen schon das Gefühl von Objektivität erlebenden Subjekte kann es nur durch externe Orientierungen geben. Durch die Erfahrung von Zusammenhängen, die innen nur als Paranoia bekannt sind: die Anwendung der aus dem objektivierten Innen bekannten Verknüpfungsregeln auf die äußere Welt. Wie aber macht das jemand, der sich als Multitude kennt?

Es ist kein Wunder, dass wir neue Subjektmodelle seit den Neunzigern nicht mehr in erster Linie durch neue Pop-Musik oder Kunst, sondern durch Fernsehserien kennenlernen und beschreiben. Diese Serien sind nicht nur durch bestimmte verbreitete neue Formen einer mit kognitiver Dissonanz souverän jonglierenden alltagsdandyistischen Angestelltensubjektivität auffällig, sie folgen auch bestimmten Regeln, die man für formatbedingt halten kann, aber die auch konstitutiv für die Plausibilität gerade dieser Bewusstseinstypen sind. Viel Studiodreh, wiederholte und meist kleine Innenräume, Stadtlandschaften, die meist zu stereotyopen Establishing Shots gerinnen - all das macht die Welt sehr klein. Die Größe und Widersprüchlichkeit dieser neuen urbanen Innenwelten kann nur überleben, weil die Außenwelt in allen Aspekten auf wenige zusammenfassende Stereotypen zusammenschnurrt und jeder weitere Kontakt als psychotisch, angstbesetzt oder anderweitig verhängnisvoll erlebt wird. Auch wenn man darüber lachen und die eigene soziale Unfähigkeit erfolgreich zur vielschichtigen narzisstischen Persönlichkeit schlagen kann.

Noch mehr als für »Ally McBeal« gilt das für das Quartett in »Seinfeld«, der erfolgreichsten US-amerikanischen Serie der Neunziger: Für eine Freizeitgemeinschaft, der jeder Ausbruch aus ihrem sozialen Gefängnis zum Desaster gerät. In der letzten Folge treten alle Vertreter der Außenwelt vor Gericht auf und rechnen mit den angeklagten »Seinfeld«-Charakteren ab, deren solipsistisch-episodenhaftes Stolpern durch ein zu Studiosettings geschrumpftes klaustrophobes New York von Karikaturen reduzierter funky Bassfiguren zusammengehalten wird, einer noch sehr viel weiter zugespitzten Schwundstufe afro-amerikanischer Musik als je ein Gospelchor oder ein Barry-White- oder Aretha-Franklin-Auftritt bei »Ally McBeal«.

Doch gibt es in diesen engen, bereits architektonisch und gestalterisch zum Solipsismus einladenden Welten eine Instanz, die Heilung anbietet, Heilung in Form einer organisierten Reintegration von Persönlichkeitsteilen. Eine Therapie, die als Fernziel zu versprechen scheint, die Macken und Marotten wieder an die Unterstützung einer gerechten Sache anzuschließen (und damit auch die Rekonstruktion des Nonkonformismus, dessen durch die Gegend gewirbelte Einzelteile heute die Persönlichkeiten des Serienpersonals tyrannisieren): Diese Instanz ist eben das Gericht. Und anders als die »Seinfeld«-Charaktere sind die »Ally McBeal«-Figuren nicht nur Opfer des Gerichts, sondern dessen Gestalter, sie sind Anwälte.

Moral und generell die Bewertbarkeit menschlichen Handelns wird an Experten und Zuständige delegiert. Die Akteure stehen ihren Lebenswelten so fremd gegenüber, dass sich nichts von allein versteht. Die Quelle der Komik ist sehr oft die Nichtigkeit oder Flüchtigkeit des vor Gericht verhandelten Gegenstands. Natürlich spielt auch in diese Ausweitung der Verhandlungszone ein genuin progressiver Gedanke hinein: Alles ist benennbar, diskutierbar und lässt sich in eine politische Forderung verwandeln. Wer etwas politisch durchsetzen will, führt am besten einen Musterprozess. Die Diskussion mit Richtern, Anwälten, Sachverständigen und gelegentlich auch Gospelchören ist eine Version von: »Das Private ist politisch«. Es ist aber auch das politische Handeln einer Sorte Superindividualisten, die in derart komplexe, in sich widersprüchliche Personen zerfallen sind, dass ihnen kein Außenmanagement mehr gelingt. Es muss umständlich organisiert werden, am besten nach den genauen, risikoarmen Verfahrensregeln, die einen Prozess vor Gericht auszeichnen. Einspruch! Warte mal! Moment!

Anwälte entsprechen also dem heutigen Stand der Desintegration etwa so wie Abenteurer und Gangster auf der einen und Kommissare auf der anderen Seite dem Zustand der Welt zu Zeiten des alten Nonkonformismus. Das Gericht aber ist ein in vielerlei Hinsicht besonders zeitgemäßer Ort. Zum einen wird in den Verhandlungen in »Ally McBeal« jenes als politisch proklamierte Private oft bis zur Groteske gesteigert als allgemeinen Werten zugänglich dargestellt und so erst wieder anschlussfähig an Außenwelten. Die in den verschiedenen Nonkonformitätsmodellen (ästhetisch) eingeschlossene Gerechtigkeitsidee entweicht aus den solipsistischen Selbsten und irrlichtert durch die privaten Verhältnisse als gleichzeitig fremde wie vertraute Instanz. Man unterwirft sich ihr, handelt mit ihr oder zweifelt sie an - ganz so wie im Umgang mit der von Tracey Ullman dargestellten Analytikerin.

Zum anderen aber ist das Gericht als das bessere Parlament eine verschüttete Erinnerung an die US-Bürgerrechtsbewegung und damit an die Hochzeit des NoKo. An alle ihre Erfolge (Gleichstellung der Afro-Amerikaner, Legalisierung der Abtreibung etc.) erinnert man sich in Amerika unter den Namen von Gerichtsurteilen (Roe vs. Wade, Brown vs. Board of Education etc.). Oft hat man das Gefühl, dass diese entkoppelten Anwaltspsychen sich erhoffen, gegen sich selbst und gegen ihre Subjektivitätsformen oberste Urteile zu erwirken, die zur Reintegration zwingen - sei es zum handlungsfähigen, normalen bürgerlichen Subjekt, sei es zur nonkonformistischen Person, die ihre Macken wieder mit deren politischen Gründen verknüpfen kann. Dieses groteske Gericht ist die Antwort auf den Wunsch nach einer Synthese aus Parlament und Psychoanalyse. Hier soll die politische wie psychologische Anamnese der Genese stattfinden.

Das Elend politisch handlungsunfähig oder nur zynisch handlungsfähig gewordener Subjekte lässt sich also nur durch den Gewinn einer Dimension der Erfahrung bekämpfen. Erfahrung in einer für diese Figuren angemessenen Weise, also so, dass sie nicht einfach nur etwas Neues lernen. Denn wissen tun sie ja schon alles. Alles? Alles über sich, aber nichts über die Objekte als »objektive« Objekte. Diese Schritte müssten so organisiert sein, dass sie unbedingt das eigene Milieu verlassen. Die alte Castro-Idee der erzwungenen Milieuwechsel fällt einem ein als Weg in die Welt jenseits der Produktion von rein konform-nonkonformer, marktförmiger Subjektivität.

Das bedeutet aber auch, dass keine Geste, die nur »wir« sagt - wir Nonkonformen etwa - und mit diesem Wir auf existierende Gemeinsamkeiten verweist, eine etwaige neue oder tatsächliche Nonkonformität meinen kann. Dies müsste eher ein Wir sein, wenn denn überhaupt ein solches, das genau die Distanzierung von der Distanz mitvollzieht, die im Milieuwechsel und anderen womöglich gewaltsam herbeigeführten Akten der Erfahrung steckt. Vielleicht ist gerade das Bild von einem ewigen Prozess, einer Gerichtsverhandlung um Dinge des Alltags, um die Nähe zu Objekten wirklich treffend für so ein Durcharbeiten zur Wirklichkeit, eine für Rekonstruktion, eine Anamnese der Zerfallsgenese der aktuellen Formen von Subjektivität - und sogar ihrer Vorteile und Errungenschaften. Vielleicht lässt sich Erfahrung angemessen tatsächlich im mühselig komischen, auch peinlichen Modus des Gerichtsverfahrens organisieren, denn schließlich stellt das Gerichtsverfahren gegen und rund um Gefühle und poetische Empfindungen Höhepunkt wie Aufhebung des existenzialistischen Nonkonformismus dar. Es versucht einerseits das Nichtobjektivierbare der Erfahrung tatsächlich zu objektivieren und zu regulieren, andererseits bringt es den auch noch so kleinen und schwachen Regungen die größtmögliche Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit entgegen. Es entreißt dem Existenzialisten und erfahrungsversessenen Individualisten dessen wertvollste private Besitztümer und sozialisiert sie, bewertet sie, stellt ihre Anschlussfähigkeit her.

Dann wiederum kann diese mühselige Reintegration erfahrungsfähiger Subjekte ja schon alleine deswegen nicht funktionieren, weil in der Zeit, in der sie mühselig herbeigeführt wird, Geschichte weitergeht, ohne den Subjekten frei zu geben, ohne die Verhältnisse außer Kraft zu setzen, die zu ihrer Desintegration geführt haben. Vielleicht ist also diese ideale amerikanische Gerichtsverhandlung vor allem ein Bild für den ewigen Traum davon, frei zu werden von der Pflicht, seine Außenseite zu verteidigen und zu definieren, sei es in Gesten der Negation, sei es als Anpassung oder Konkurrenz, dafür dass man einmal Zeit hat, alles noch einmal genau sagen und hören zu können, nach vernünftigen Regeln und mit vernünftigen Leuten, ein Bild für den Umgang mit den Erfahrungstrümmern unserer Subjektivität: sowohl für den angemessenen und würdigenden Umgang mit den Früchten ihrer Feinfühligkeit, Zerstreutheit und Widersprüchlichkeit, wie auch für die Bemühungen, diese wenn nötig zu reintegrieren, zur Wirklichkeit zu führen, zu politisieren. Für das Bauen von Motorbooten, das die Einrichtung eines dauerhaften Fährverkehrs zwischen Ozeandampfer und Insel ermöglicht.

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Aber selbst wenn dieses Bild irgendeine Idee seiner politischen Umsetzung nach sich ziehen könnte, bleibt es immer noch unvollständig. Ungeklärt bleibt dabei, wer am Ende mit wem durch Geste oder Kommunikationsabbruch oder durch ein Zeigen des Problems noch kommuniziert. Wer ist das Gegenüber, das dem rekonstruierten Nonkonformisten zuhört? Wer teilt seine neuen Erfahrungen? Wer könnte das sein, wenn nicht Al Green oder eine Gospelgemeinde zur Verfügung stehen? Wieder nur irgendein Vater? Idealiter ist es wohl der Gedanke, gegen jede konkrete ökonomische Realität und ihre Zwänge und ihren Zeitdruck, Verfahren zu installieren, die Zeit schaffen und in letzter Instanz Gerechtigkeit jenseits der Ökonomie durchsetzen.

Doch mit wem streiten wir uns um drei? Wenn es ein Gericht ist, das die Verbindungen von Erfahrungen und Begriff reorganisiert, dann ist auch der Rechtsstaat nicht fern. In seiner ganzen Pracht, schillernd zwischen Phantasma und Propaganda-Objekt, in dessen Namen alles mögliche legitim ist, ständig bedroht aber auch begehrt als womöglich letzter linker Bezugspunkt für einen Durchbruch zur Realpolitik, als Startrampe der Democratie à venir, die ja auch bei Derrida, ihrem Erfinder, gerne an internationale Gerichtshöfe gebunden ist, an die Definition und Verfolgung von Völkerrecht und Verbrechen gegen die Menschlichkeit etwa.

In der Regel ist der Zuhörer aber etwas, das weit schlimmer ist als nur so ein alter phantasmatischer Vater wie der Rechtsstaat, nämlich vielmehr eine Moderne, die nicht nur das Privileg, Zeit für die Rekonstruktion eigener Werte aufwenden zu können, immer geiziger verwaltet, sondern auch immer größeren Teilen der Bevölkerung das Privileg entzieht oder zu entziehen droht, sich die eigene Desintegration von außen, wie in einer Gerichtsverhandlung, anzuschauen. Die altmodische Repression ist zurück und verschont auch die Händler von Ich-Aktien nicht mehr. Es gibt keine langen Studienzeiten mehr, keine experimentellen Lebensformen und keine große Unterbrechungen und Pausen. Auch der letzte Aussteiger hat sich längst von den Reiseseiten des stern zurückgezogen. Zeit und Aufwand für die Pflege des Narzissmus geht schließlich auch denen aus, die ihn immerhin schon als Ressource entdeckt haben. Ego is selling, but who's buying?

Die eingangs erwähnten Diagnosen von Zizek, Sennet und anderen lassen sich nicht davon trennen, dass selbst eine Selbstverwirklichung zu kommerziellen Zwecken immer noch mehr mit dem alten nonkonformistischen Modell zu tun hatte und mobilisieren konnte als die auf der Rückseite der kommerzialisierten Nonkonformismen entstandenen neuen Imperative der Selbstdisziplinierung an Arbeitsplätzen und anderswo. Möglicherweise wird einem jetzt auch klar, dass in diesem Angestelltendandyismus doch mehr von den wertvollen Bestandteilen des bürgerlichen Utopismus und Hedonismus aufbewahrt war, als es die linken Aggressionen und Analysen der Neunziger gegen die verantwortungslosen Hyperindividualisten und Selbstvermarkter mitbekommen wollten. Diese Aggression war dagegen auch ein Symptom der Desintegration, die man nur bei den anderen erkennen wollte. Wenn der Dandy und der Moralist sich als Gegner gegenüberstehen, ist bei beiden etwas schief gelaufen. Unter gesunden oppositionellen Verhältnissen können sie mühelos miteinander verschmelzen. (Doch kann es die geben?)

Passend zu einer neuen Selbstdisziplinierung, erfreut sich auch offene Repression steigender Beliebtheit. Nicht erst seit den Anschlägen in den USA sind rabiatere, sicherheitspolitische Konzepte wieder hoffähig. In den USA sitzen schon länger fast zwei Prozent der Bevölkerung im Gefängnis, fast fünf Prozent stehen unter irgendeiner Form von staatlicher Überwachung - der aktuelle Abbau von Bürgerrechten ist weitreichend. Und ich brauche wohl gar nicht erst die Namen Schill und Schily zu nennen, um auch die deutsche Begeisterung für die Rückkehr zur Repression zu illustrieren. So wäre der alte Entstehungsgrund des existenzialistischen Nonkonformismus, nämlich Repression und Erfahrungsverhinderung durch kulturelle und legale Normen nicht nur noch da, sondern im Trend.

Wer heute nonkonformistisch existenzielle Erfahrungen mit politischer Objektivität machen wollte, hätte also gar keine Schwierigkeiten. Zwar sind Lebensformen, die einen solchen Trend benennen, romantisieren oder ritualisieren, nicht unbedingt in Sicht. Aber man hätte die Chance, die existenzielle Dimension des Politischen überall da wiederzuentdecken, wo Repression auch als Dementi einer letzten Endes wohlwollenden Toleranz gegenüber anderen Lebensformen funktioniert. Einer Toleranz, wie sie vielleicht in den Siebzigern und Achtzigern manchmal auch die Mainstream-Kultur prägte, wo Repression etwas Bestimmtes verbietet, was einst erlaubt war oder das erlaubt sein sollte. Dies ist durchaus wieder möglich. Gerade auch in einer Gegenüberstellung neuester Repression mit den Neunzigern und den Freuden ihrer durchgeknallten Konsumkultur.

Doch lassen sich diese Erfahrungen nicht mehr ohne weiteres in ein - utopistisches - Bild erwünschter Verhältnisse eintragen. Die so beschriebenen Nonkonformisten machen ihre Erfahrung ex negativo. Es folgt nicht direkt etwas aus ihnen, außer Gegnerschaft. Und diese Gegnerschaft sieht, wo man sie noch findet, seit Jahrzehnten gleich aus, bringt die gleichen Umgangsformen, Träume und sonstige Produktionen hervor, scheint sich nicht zu entwickeln, nicht zu lernen. Vom Häuserkämpfer zum Globalisierungsgegner hat sich nicht so viel verändert - was die Strahlkraft auf den Rest der Gesellschaft betrifft. Die ewigen Früchte des Zorns, der ewige Punk, die ewige schlechte Laune. Die Gesten sind nicht mehr aus den Erfahrungen gewonnen, die ein kritischer Theoretiker mit dem Verhältnis von Begriffen zur Welt und der Verständigung gemacht hat, sie sind auf dem existenzialistischen Level festgefroren. Ihnen sind die Ästhetik und deren politischer Grund verloren gegangen, die ganz bei den Ich-Aktionären gelandet ist.

Gegen die Trostlosigkeit, mit der Erfahrungen heute gemacht werden, wäre genau danach zu fragen, was wem verboten ist und welche Selbstverwirklichungen das flexible unternehmerische Subjekt unter neoliberalen Bedingungen in Angriff zu nehmen ermuntert bis gezwungen wurde - und welche nicht. Der Befund von einer relativen Unordnung der Lebensform und der geschmacklichen Avanciertheit von Personen, deren berufliche und politische Produktion eher konservativ ist, bleibt zu formal und ist nur etwas wert, wenn er auf das spezifische Management eingeht, mit dem zum Beispiel abgespaltene Persönlichkeitsteile und Wertsphären auf einander bezogen werden, welches Integrationsmanagement also herrscht - wenn revolutionäre Künstler etwa Westerwelle zum Bundeskanzler machen wollten.

Wir haben gesehen, dass weder die kognitive Dissonanz per se progressiv noch das Einfordern von Konsequenz in der Subjektorganisation per se reaktionär ist. Ebenso wenig sind Flexibilismus und Nonkonformismus notwendig an bestimmte Inhalte gebunden. Beide sind in erster Linie formale und strukturelle Befunde, die sich gerne von Formen der Wirtschaftsorganisation ableiten und entsprechend zu deren Formalismen als harte und nicht hintergehbare Bedingungen ihrer Inhalte zu verstehen wären. Dem ist aber nicht notwendig so. Wahr ist allerdings, dass die jeweilige Strenge oder Lockerheit in der Verarbeitung des jeweiligen Erfahrungsmaterials schon für Modalitäten verantwortlich ist, die auf die entsprechenden Inhalte abfärben. Wer also unter noch so gouvernemental organisierten Bedingungen ökonomisierter Freiheit eine Lockerheit erfährt, auch wenn sie sich noch so sehr als eine falsche Freiheit, als »Freiheit der Laborratte«, erweisen sollte, kennt trotzdem einen anderen und weiteren Erfahrungsmodus als der, der immer im Gefängnis des Authentizismus und der Repression sitzt. Diese Erfahrungsteile aber, so würde ich womöglich unzulässig optimistisch folgern, sind potenziell auch immer wieder mehr als nur Indikatoren von Privilegien. Grundsätzlich sind sie Rezeptoren, die potenziell auch für alles andere offen sind.

Reintegration kann selbstverständlich nicht Rückkehr heißen. Die »Geste« ist natürlich kein absoluter Ursprung. Ihr Verfall ist nicht nur Verfall. Dass es einen populären Nonkonformismus in der Nachfolge des intellektuellen geben konnte, war eine historisch womöglich singuläre Erscheinung. Dass die »Geste aus Begriffen« und die aus gerade noch nicht zum Begriff gelangten Vorstellungen einander ähnlich sahen, war vielleicht ein Zufall. Entstanden war diese Konstellation aus dem produktiven Missverständnis, dass die eigenen pubertären Nöte und die Emanzipation und die Bürgerrechte anderer auf derselben Ebene verhandelt werden können. Dass Politik, die man gar nicht verstehen muss, auf einer pubertären Ebene zur Geste wird, von der aus man eigentlich andere Dinge in Angriff nehmen will. Doch diese Kette von Projektionen und Übertragungen, Missverständnissen und Hoffnungen hatte eine sehr lange Nachwirkung, hinterließ Realität aller Art. Seit ungefähr zehn Jahren ist in ähnlich diffuser Weise an die Stelle der langsam weggefadeten Politik die Technologie getreten, das Image, das Gesicht, die Projektion von Technologie. Die realen und phantasierten Statuswechsel und -verschiebungen von Subjekten und Objekten, der Umbau ihrer Konstruktion, die an diesen Techno-Images hängen, all das enthält noch immer Spuren der alten Idee, dass persönliche Veränderung mit der der Gesellschaft verbunden ist - der Nonkonformist ist ins Techno-Imaginäre eingespeist.

Nur ist er inmitten der Infosphären unversehens zum Nichtwissenden geworden. Er weiß nicht wie sein existenzialistischer Urahn besser, weil er mehr erlebt, sondern immer weniger, obwohl er viele Infos hat. Er ist auf Gnostik und Agnostik, auf Paranoia und Intuition, auf Verschwörungstheorien angewiesen. Dennoch drängt es immer wieder Leute zum Handeln, zur Politik, zur Bewegung, der Schritt wird vollzogen, das Modell rekonstruiert. Nur, dass es jetzt nicht mehr vom besseren Wissen - in der ersten Fassung der Begriffe, in der zweiten der Erfahrung - aus dem vorbeifahrenden Schiff zuwinkt, sondern im Schiff sitzend, verzweifelt Ausschau hält, ob da nicht irgendwo eine Insel ist oder gar einer, der winkt.

Anmerkungen:

(1) Alex Demirovic, »Der nonkonformistische Intellektuelle«, Frankfurt 1999

(2) Adorno an Horkheimer, 21. August 1941, in: Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Bd. 17, S. 153

(3) Demirovic, S. 51

(4) Slavoj Zizek, »Die Tücke des Subjekts«. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2001.

Dank an die Auftraggeber früherer Versionen: Robert Schmidt (Berlin), Ulf Wuggenig (Lüneburg), Olia Lialina und Florian Schneider (make-world, München)

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