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Douglas Coupland: Zeitgeist

Zeitgeist

Douglas Coupland über seine Bilder

von Douglas Coupland

Beautiful Stains

Es fällt mir leicht, Dinge gut aussehen zu lassen, und ich habe da auch keine Skrupel. Meine Jahre auf allen Ebenen innerhalb der globalen Medienmaschinerie haben mich in den Stand versetzt, alles und jedes zu »art directen«. Weniger einfach fiel mir die Integration sowohl einer persönlichen, als auch einer kritischen Dimension in bildnerische Arbeiten.

Ich bin 39. Mit dem Alter kommen unausweichlich Sorgen und diverse Blessuren - keiner ist davon frei. Was mich besonders verwundert hat, ist, wie tief das Leid von Menschen aus meinem unmittelbaren Leben beides verändert hat: mein Verhältnis zur Welt und die visuellen Arbeiten, die ich als Antwort auf sie kreiere.

Ich bin gleichermaßen bestürzt über die Kraft und Hartnäckigkeit, mit der sich unterdrückte Gefühle und Sehnsüchte Bahn brechen. Das ist Neuland für mich. 1998 hätte ich das noch nicht für möglich gehalten. Zwischen 1990 und 2000 entstanden fast keine bildnerischen Arbeiten. Als Schriftsteller kanalisierte ich meine gesamten Emotionen eher in Worte als in optische Artefakte.

Die Arbeiten dieser Ausstellung stehen - soweit ich das beurteilen kann - für eine aufkeimende Freude am Spielerischen. Es sind bewusst kritische Versuche, durch die Verknüpfung von Geist und Seele neue Formen zu schaffen. So etwas zu behaupten, finde ich einerseits peinlich, aber auf der anderen Seite auch inspirierend - diese gewisse Mischung aus Ironie und Commitment, die momentan den Zeitgeist prägt. Aber ich glaube, man erreicht die andere Seite des Spiegels oder die Zukunft nicht, ohne genau diese moralische Landschaft durchquert zu haben.

Japan 1964

Vor ein paar Jahren gab es auf dem Titelblatt einer amerikanischen Zeitschrift ein Foto von Marilyn Monroe, aufgenommen von Bert Stearns. Das Ungewöhnliche an diesem Bild war, dass es sich um die Vergrößerung eines Kontaktabzugs handelte. Offenbar hatte Monroe es so sehr gehasst, dass sie versuchte, es auf dem Abzug mit einem scharfen Gegenstand zu zerkratzen. Sie versuchte auch, es mit gelber Tinte unkenntlich zu machen.

Unnötig zu erwähnen, dass das so entstandene Bild bei weitem interessanter war - und sicherlich ein überzeugenderes Psychogramm der Monroe -, als es ein normales Foto hätte sein können. Laut Truman Capote geben die Dinge, für die wir uns schämen, die besten Geschichten her.

Wir in Nordamerika schämen uns kollektiv für die Siebziger und versuchen so zu tun, als hätten sie nicht stattgefunden. In Japan dagegen werden die amerikanischen Siebziger von den Jugendlichen auf stilistisch und psychologisch interessante Fragmente durchforstet. Gleichzeitig versuchen die Japaner allerdings, die Fünfziger und frühen Sechziger auszuradieren, was sie wiederum für mich interessant macht.

1978

In den späten Siebzigern war endgültig klar, dass sowohl Kunst als auch Design in eine Krise geraten waren, hinsichtlich ihrer Fähigkeit, neue Formen zu schaffen - Formen, die genug ästhetische Sprengkraft besaßen, um ins Bewusstsein der Massen einzubrechen. Anders gesagt, die zahlreichen akademischen Schulen und Ismen des Jahrzehnts berührten niemals das Leben der Menschen außerhalb der Akademien. Die Designgegenstände, denen man als normaler Bürger stattdessen begegnete, waren groteske und bemühte Detroit-Ungetüme. Die Kunst, die man sah, war minimal bis hin zur Unsichtbarkeit.

In den Siebzigern zog sich Roy Lichtensteins Pop-Explosion zurück in eine Welt aus minimalistischen Punktfeldern - Spiegel, die nichts spiegelten als einen leeren, stilisierten Himmel - dekorative Variationen über frühe modernistische Themen wie Art Deco. Ich bin nicht sicher, ob dieses Stilmittel von Lichtenstein nur gewählt wurde, um einer dem Minimalismus verfallenen Intelligenzschicht gerecht zu werden, oder ob er einfach glaubte, die Zeit verlange das so.

Ich frage mich auch, was passiert wäre, hätte Lichtenstein länger gelebt als nur bis 1998, bis hinein in den postideologischen freien stilistischen Fall des Digitalzeitalters ... Wie dem auch sei, in Überlegungen wie diesen manifestiert sich wohl einer jener höchst interessanten Punkte, an dem die Kunst das kollektive Bewusstsein einer Gesellschaft antizipiert.

Toxic Butterflies

Ich wuchs in einer militaristischen Familie auf. Mein Bruder ist Tierpräparator. Die meiste Zeit meines Lebens bin ich von Waffen und Tod und militärischen Insignien umgeben gewesen. Meine Sicht der Welt ist verzerrt und entstellt durch den Kalten Krieg und seinen psychologischen Fallout - und doch ging ich arroganterweise davon aus, ich hätte mich komplett selbst erschaffen. Falsch.

Vor ungefähr einem Jahr, in einer sehr bewegten Phase meines Lebens, brachte ein Freund einige Schmetterlingspostkarten aus Asien mit - ich musste einfach all diese Militaria und Markennamen, die mir schon lange die Galle überlaufen ließen, darauf auskotzen. Die Ergebnisse waren ziemlich überraschend. Erst im Nachhinein konnte ich erkennen, was diesem Akt vorausgegangen war: ein tiefer gehendes Misstrauen gegenüber der allgemeinen Vorstellung von Schönheit und das Wissen über das Toxische, das selbst in der simpelsten modernen Geste enthalten ist.

Graduates

In meinem letzten Jahr in der High School passierte etwas Seltsames. Alle schönen Mädchen der Klasse entdeckten die Religion für sich und zogen sich dadurch von der Wirklichkeit zurück, um in eine Art Traumwelt abzutauchen. Und sie waren scheinbar nie mehr wieder richtig »da«. Ich bin mir nicht sicher, ob ihr Verschwinden ein Zeichen von Verdorbenheit oder Reinigung war.

In Nordamerika wird der High School-Abschluss als Höhepunkt des irdischen Lebens betrachtet. Alles Folgende wird wie eine Art stetigen Abstiegs behandelt. Soweit ich mich erinnere, haben High School-Studenten mehr mit Embryos gemein als mit Menschen. Wenn wir die Jugend also in dieser Weise verherrlichen, was verherrlichen wir da wirklich?

Wenn du dir das Abschlussporträt eines Highschool-Studenten anschaust, so ist es, als betrachtest du eins von den Ultraschallbildern, die man bei Schwangeren macht. Die Person ist einfach noch nicht richtig »da«, ich meine, ihre Persönlichkeit ist noch nicht geprüft oder geformt oder »poliert« von den Erfahrungen des Lebens. Du siehst in eine Eierschale hinein, siehst auf eine wundervolle Kreatur, die gerade erst erwacht, die gerade erst das wird, wozu sie bestimmt ist.

Anxiety

Wie die meisten Leute meines Alters habe ich als Kind Hunderte - wenn nicht Tausende - von Comic-Heften gelesen. Und wie bei den meisten Lesern gab es auch bei mir verschiedene Phasen: erst Charlie Brown, dann Uncle Scrooge, dann Archie, dann Horrorcomics und so weiter. Mit Superhelden hatte ich nie viel am Hut, aber meine Horrorphase war lang - seltsam, denn heute verschwende ich nie mehr einen Gedanken an dieses Genre, und ich mag auch keine Horrorfilme.

Comic-Hefte sind wie Kinderkaufläden, scheinbar harmlose, auf zielgerichteten Konsum eingestellte Laufräder; Simulatoren künftigen Lebens. Die Sache mit Comics ist, dass man im Grunde Angst und Schrecken - als höchste emotionale Zustände - an Kinder verkauft, und das muss man direkt auf dem Cover klar machen, sonst würde niemand das Heft kaufen. In Horror- und Superheldencomics ist es einfach, Schrecken zu erzeugen.

Bei Comics mit jüngerer Zielgruppe ist der Schrecken mit etwas mehr Zuckerguss überzogen, aber vorhanden ist er trotzdem: Tiere oder halb menschliche Kreaturen verkörpern Situationen, die, gerade wenn man sie vergrößert oder verkleinert, in oft brutaler Klarheit kenntlich werden; und diese Bilder speisen unmittelbar die Nacht- und Tagträume des kindlichen Universums.

Aus dem Amerikanischen von Jens Friebe

***

Ausstellung:

Douglas Coupland: »Beautiful Stains - Fotoprints« in der 2yk-Galerie, Am Flutgraben 3, 12435 Berlin-Treptow

Vernissage:

Freitag, 30. August, 18 Uhr (Einladung und Voranmeldung unter www.zentrale-intelligenz-agentur.de erforderlich)

Geöffnet:

Samstag, 31. August, 18 Uhr: Open End: Lange Nacht der Museen

Sonntag, 1. September bis Donnerstag, 5. September, 14 bis 18 Uhr

Buch:

Douglas Coupland: Alle Familien sind verkorkst, Hoffmann und Campe, 336 S., 19,90 Euro

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