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Frank Schäfer: Neues von Douglas Coupland

Kranker geht’s nicht

In seinem neuen Roman plottet sich Douglas Coupland um Kopf und Kragen.

von Frank Schäfer

Es vergeht kein Jahr, in dem Douglas Coupland nicht einen neuen mehrhundertseitigen Roman erscheinen lässt, und das bekommt seinem Werk einfach nicht. Er müsste sich mal besinnen, schreibt er denn überhaupt keine Essays oder Kurzgeschichten? Mit »Alle Familien sind verkorkst« hat er's wirklich übertrieben, einen Roman geschustert, der sich in Handlung schier erschöpft. Und den Leser gleich mit. Der plot ist so penetrant furios, verwickelt, rasant und bar jeder Wahrscheinlichkeit, dass man ihn besser hätte auf fünf, sechs Heftchen verteilen und im Bahnhofskiosk verhökern sollen, oder meinethalben auch eine hübsche Staffel Soap Operas daraus drehen. Aber man kann das den Menschen doch nicht im Ernst als Literatur verkaufen wollen. Und dann auch noch im Hardcover.

Man muss das wenigstens ansatzweise referieren, sonst glaubt einem keiner. Wade, der Taugenichts dieser verkorksten Familie kehrt nach vielen umtriebigen Jahren zurück, um seine geschiedenen Eltern zu besuchen. Auf dem Weg zu Dad kehrt er noch in seine alte Lieblingsbar ein, lernt eine willige Blondine kennen, geht mit ihr aufs Hotelzimmer und lässt sich danach ihre Telefonnummer auf die Hand schreiben.

Anschließend besucht er seinen Vater, Ted, von dem er Jahrzehnte lang nichts gehört hat, weil er einst nach einer Schlägerei mit ihm das Elternhaus verlassen hat. Ted ist erfreut über den Besuch, will ihm seine Geliebte Nickie vorstellen, die lässt vor Schreck die Drinks fallen, und beim Aufsammeln der Gläser entdeckt Ted ihre Telefonnummer auf der Hand seines Sohnes.

Wade flüchtet zu seiner Mutter Janet. Sie essen zusammen zu Abend, bis Ted, bewaffnet und völlig außer sich, durch die Tür stürmt. Wade stellt sich schützend vor seine Mutter, während der Vater abdrückt. Die Kugel durchschlägt Wades Körper, dringt in Janets Lunge. Beide werden gerettet, aber ein paar Monate später stellen sie fest, dass Wade HIV-positiv ist und sowohl Janet als auch Nickie angesteckt hat. Und Nickie dann wohl auch Ted. Vielleicht sagt man schon zu viel, wenn man noch verrät, dass die Aidskranken schließlich an den Schweizer Pharma-Milliardär Florian geraten, der eine schwarze Schönheit in Uganda aufgetan hat, die gegen den Virus resistent ist und in einer Blutsbrüderschaftsszene, die von Karl May stammen könnte, erst Janet und dann auch dem Rest der Familie das Leben rettet. Gegen Teds zwischenzeitlich lebensbedrohlich wuchernden Leberkrebs hat Florian auch noch die rettende Pille.

Vielleicht sollte man zudem erwähnen, dass die Familie durch glückliche Zufälle in den Besitz jenes Briefes geraten ist, den Prinz William seiner Mutter Lady Di ins Grab geworfen hat und der für selbigen Florian bestimmt ist, welcher aus dem in der Gummierung gebundenen prinzlichen Speichel dereinst - gegen einen wohl nicht allzu geringen Obolus - viele kleine Williams klonen möchte. Aber die edle Janet hat längst den Brief ausgetauscht und das Orginal ihrer hier noch nicht erwähnten Tochter Sarah mitgegeben, einer gefeierten, contergangeschädigten Wissenschaftlerin, die mit dem Space Shuttle auf dem Weg ins All ist und den Brief dort endgültig entsorgen soll.

Wie gesagt, Coupland plottet sich um Kopf und Kragen. Und man ist froh, wenn der Roman zum Ende kommt. Wäre er noch 50 Seiten länger gewesen, wäre dem Autor bzw. seinem Pharma-Milliardär sicher auch noch ein Mittelchen gegen Sarahs fehlende Hand eingefallen. Natürlich ist das eine Farce, eine groß angelegte Albernheit, die man als solche vielleicht noch hingenommen hätte, wenn man nur wüsste, wofür. Dass die Familie niemals, nicht mal in Amerika, nicht mal im Süden, so heil war, wie es Präsidentengattinnen und andere Ideologen gern hätten, ist doch eine Vorabendserienweisheit, muss man das noch einmal duplizieren?

Also wenn Coupland tatsächlich so etwas wie eine Satire schreiben wollte, dann rennt er zumindest offene Türen ein. Und dagegen sprechen dann doch die in der Mehrzahl wirklich gelungenen Rückblenden, die ganz ernst und anrührend von Janets ebenso wohl behüteter wie bedrückender Fifties-Kindheit, ihrer frühen und genauso einengenden Ehe und schließlich ihrer zaghaften Emanzipation infolge der Krankheit erzählen. Diese Passagen sind literarisch von Belang, weil sie sich Zeit lassen für ihre Figuren, die Dialoge, die jeweilige Atmosphäre. Alles andere ist nur gehetzte Radaufabuliererei, auf die sich jeder anonyme Arztroman-Schmierer genauso gut versteht.

Und auch sprachlich geht es bisweilen bedenklich in diese Richtung. »Im Fahrzeug«, heißt es da etwa, »in dem es heiß wie in einer Backstube war, ließ Howie den Motor an.« Ja, im Fahrzeug, wo denn sonst? Oder: Wades Loser-Bruder Bryan, eine Karikatur des Versagers, ein Strichmännchen, »brodelte still vor sich hin wie ein vergrätzter Angestellter kurz vor dem Tobsuchtsanfall, das Gesicht verkniffen und zerfurcht wie ein dressierter Schweinebraten«. So? Und wenn zwei Schwippschwägerinnen sich nicht ausstehen können, dann zeigt Coupland, dass er den Sound der schwarzen Serie aber so was von drauf hat: »Zwei mit Handschellen aneinander gefesselte Katzen hätten mehr Freundlichkeit verströmt.«

Vor allem aber entgleitet ihm die subkutane Struktur des Textes. Da gibt es Anspielungen auf Filme, etwa auf »Zeit des Erwachens« oder die »James Bond«-Reihe, die nichts bedeuten. Da skizziert er an mehreren Stellen ein Horrorfilmsetting - es ist unnatürlich heiß in Florida, und die Feuerameisen werden verhaltensauffällig -, verliert dann aber irgendwann das Interesse daran, ohne dass sich daraus ein semantisches Surplus ergeben hätte. Das alles ist nur da um der Kuriosität willen und keinesfalls ästhetisch zwingend.

Eine schöne, wahre Stelle hat das Buch dann aber doch. Wade ist mit Ted und Bryan unterwegs, um Prinz Williams Abschiedsbrief zu verticken. Sie bekommen sich auf der Fahrt wieder einmal in die Haare, und der aidskranke Wade steckt einen Finger in den Mund und droht seinem Vater, ihn zu berühren und damit anzustecken. Ted verliert die Nerven und baut einen Unfall. Alle bleiben unverletzt, aber der Streit geht weiter:

»'Du bist der schlechteste Fahrer des ganzen verdammten Landes. Du hast den Wagen in den Sumpf gesetzt, nur um nicht von mir angefasst zu werden.'

'Du klingst wie 'ne Seifenoper.'

'Das hier ist keine Seifenoper, es ist das wahre Leben ...'«

Das ist es leider nicht. Ted hat recht. Hier klingt alles wie eine Seifenoper.

Douglas Coupland: Alle Familien sind verkorkst. Hoffmann und Campe, Hamburg 2002, 336 S., 19,90 Euro

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