Invaders From Earth
Zur Ideologie, zum Mythos und zur Realität der Raumfahrt.
von Marcus Hammerschmidt
Ihrer Ideologie nach ist die Raumfahrt ein Unternehmen, zu dessen Begründung immer wieder die folgenden, teils einander widersprechenden, teils einander ergänzenden Versatzstücke gehören.
Erstens: Die Raumfahrt erzeugt durch die extremen Anforderungen an die Zuverlässigkeit, Stabilität und Belastbarkeit der Hardware einen Innovationsdruck, der früher oder später der gesamten Menschheit zugute kommt. Um Raumfahrzeuge sinnvoll zu steuern und um mit ihnen zu kommunizieren, um die Erdatmosphäre zu verlassen oder um gar zu anderen Planeten zu reisen, braucht man Tricks und Techniken, die am Ende für alle nützlich sind.
Das bringt nicht nur elementare Neuerungen wie die Teflonpfanne (die mit der Raumfahrt nichts zu tun hat) und den Auslösemechanismus für Airbags (der tatsächlich mit der Raumfahrt zu tun hat), sondern auch eine Perspektive für die gesamte Menschheit. Wenn der Planet eines Tages unbewohnbar wird, in Teilen oder als Ganzes, für eine »überschüssige« Anzahl von Menschen oder für alle, sollten wir vorbereitet sein. Die Raumfahrt hilft dabei enorm.
Zweitens: Die Raumfahrt ist ein soziales Unternehmen von nie gekannten Dimensionen. Sie ist verbindet Völker und stiftet Frieden, da sie wie kein anderer technologischer Bereich von der Zusammenarbeit der Menschen aus verschiedenen Gegenden der Welt profitiert. Wer daran zweifelt, soll sich nur die Weltraummissionen mit internationalen Besatzungen anschauen, die heutzutage eher die Regel als die Ausnahme sind.
Auch die international anerkannten Verträge, wie zum Beispiel der »Vertrag über die Grundsätze zur Regelung der Tätigkeiten von Staaten bei der Erforschung und Nutzung des Weltraums einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper« aus dem Jahr 1967, beweisen den zivilisierenden Einfluss der Raumfahrt auf die Staatengemeinschaft.
In einer rauen Umgebung wie dem Weltraum, die von jedem in hohem Maß Teamgeist und Anpassungsbereitschaft verlangt, kann sich niemand Partikularinteressen auf Kosten der anderen leisten. So begriffen ist Raumfahrt per se zivil. Und ökologisch. Die Aufnahmen des »blauen Planeten« aus dem All ließen beim Publikum bereits eine Ahnung von der Verletzlichkeit der Erde erwachsen, als es den Begriff des »ökologischen Bewusstseins« noch gar nicht gab.
Drittens: Auch ohne allzu hehre Ziele bietet der Weltraum eine Gelegenheit, die man einfach nicht verpassen darf. Schon die Ausbeutung des Mars oder eines Asteroidengürtels könnte allen Menschen ungeheuren Reichtum bringen. Schon heute ist die Raumfahrt für das Wohlergehen der Menschen auf der Erde unverzichtbar; sie beschert uns viele Dinge, von denen der Bürger nichts ahnt, die er aber täglich nutzt, als seien sie immer schon da gewesen. Das Satellitenfernsehen gibt es nun einmal nicht ohne Satelliten.
Viertens: Andererseits, so heißt es oft, solle man die Sache mit den Nutzaspekten der Raumfahrt nicht so eng sehen. Die Raumfahrt trage wie alle wirklich wichtigen Unternehmen der Menschheit ihren Zweck in sich selbst. Allzu kleingeistige Überlegungen zur Frage, »was es denn kostet«, lenkten nur von der Tatsache ab, dass die Raumfahrt quasi anthropologische Bedürfnisse bediene, nämlich die Neugier und den Forscherdrang des Menschen selbst.
Die moderne Zeit begann, als in der Renaissance der Mensch seinen Kopf durch den Papphimmel steckte, den er sich selbst mit einem langweiligen, wissenschaftlich nicht korrekten und alten ideologischen Vorurteilen verpflichteten Bild des Universums bemalt hatte; die Raumfahrt sei die Voraussetzung für eine zweite Renaissance. Die Menschheit unterliege wie alle anderen biologischen Arten der Evolution, sie habe eine umso größere Verantwortung, als sie den Gang der Evolution selbst bestimmen könne, und die Raumfahrt sei nichts anderes als der notwendige, evolutionäre Schritt, der auf uns wartet.
Säkulare Religion, militärische Realität
Spätestens an dieser letzten Stelle kippt die Ideologie der Raumfahrt unversehens in den Mythos. Eng miteinander verwandt, sollte man beides dennoch auseinander halten. Die erwähnten Versatzstücke der Ideologie haben einen weitgehend rhetorischen Charakter, sie sollen in der öffentlichen Auseinandersetzung für die argumentative Durchsetzungsfähigkeit sorgen, Budgets locker machen, Entscheidungen rechtfertigen.
Der Mythos der Raumfahrt ist eher eine spezielle Form der Esoterik, die mit dem Unbegründbaren hantiert. Im Weltraum warten die letzten Wunder; die eigentliche Bestimmung des Menschen liegt dort. Denn dort, und nur dort, wird er in der Begegnung mit sich selbst, mit höheren Wesen, anderen Intelligenzen oder irgendeinem numinosen X endlich zum Begriff seiner selbst, zu perfektem innerem und äußerem Frieden und zur Erlösung finden. Die heiligen Schriften und die passenden Bilder zu dieser Religion liefert ein Kunstgenre, das sich Science Fiction nennt.
In der Tat könnte man einen ganzen Zweig jener Kunstgattung als Kirche dieser Religion begreifen. Die Verehrung des Heiligen kann in ekstatischer (»Odyssee 2001«, Kubrick / Clarke), skeptischer (»Solaris«, Lem) oder sogar satirischer Form (»Stars my destination«, Bester) erfolgen, aber um Verehrung im Kontakt mit dem Heiligen geht es immer. Was diese Kirche von den traditionellen Kirchen unterscheidet, ist ihre Hinwendung zur Technologie und ihre warmherzige Umarmung der instrumentellen Vernunft. Es handelt sich um eine in fast allen Punkten säkulare Religion.
Aber wenn die Bewertung des Mythos eine Sache der Theologie bleiben muss, wie kommentiert dann die Realität der Raumfahrt ihre eigene Ideologie? Auf raue Weise. Das Gerede von der grundsätzlich zivilisierenden Wirkung der Raumfahrt wird schon von einem Blick auf das erste Raumfahrzeug widerlegt.
Dabei handelte es sich um die deutsche A4 (V2), die bei ihrem ersten erfolgreichen Start am 3. Oktober 1942 eine Höhe von 90 Kilometern über der Erde erreichte. Der Bau, die Entwicklung und der Einsatz der V2 kosteten 26 000 Menschen das Leben, 20 000 starben als Arbeitssklaven in Peenemünde und im so genannten Mittelwerk, 6 000 bei den Angriffen auf London, Paris und belgische Städte.
Es ist heute zweifelsfrei erwiesen, dass Wernher von Braun, der leitende Ingenieur bei der Entwicklung der Rakete, besonders befähigte Gefangene im Konzentrationslager Buchenwald persönlich aussuchte, um sie für seine Ziele zu requirieren. Von den Zuständen in den Konzentrationslagern, in denen nahe der Labors und Startrampen die Arbeitssklaven vor sich hin vegetierten, wussten er sowie alle anderen leitenden Ingenieure und Techniker.
Heute steht auf der Insel Usedom der Nachbau einer V2, die auf ihrem Leitwerk das Pin-Up trägt, wie es auch für die historische Rakete verbürgt ist: eine Frau, bis auf die Netzstrümpfe nackt, sitzt auf einer Mondsichel.
Der Autor Rainer Eisfeld gab seinem Standardwerk zum Thema (»Mondsüchtig«, Rowohlt 1996) den Untertitel: »Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei«. Würde man die Raumfahrt allein an ihrem Beginn messen, so lautete das Fazit: Eine kleine, brutale Ingenieurselite benutzte im Dienst eines faschistischen Terrorsystems zehntausende Sklaven und die modernste verfügbare Technik, um pubertäre Männerträume von Omnipotenz wahr zu machen. Noch während sie dabei über Massen von Leichen ging, pflegte sie bereits den Mythos, das alles habe im Grunde nur friedlichen Zielen gedient, der Erforschung des Weltraums.
Nun könnte man einwenden, eine andere Gesellschaft oder ein anderer Staat bringe die prinzipiell friedensfördernden Wirkungen der Raumfahrt besser zutage als die Nationalsozialisten. Die Siegermächte des zweiten Weltkriegs, allen voran die USA und die UdSSR, nutzten jedoch das Raketenerbe des NS, um es sofort in ihre eigenen politischen Strategien zu integrieren und, auf dem technologischen Potenzial der V2 aufbauend, um das Bedrohungsarsenal des kalten Krieges zu entwickeln. In der Kuba-Raketenkrise wäre aus dem kalten beinahe ein heißer Krieg geworden.
Die so genannte zivile Raumfahrtentwicklung kann man als ein Abfallprodukt der militärischen begreifen, denn nicht nur gehen nahezu alle Raketendesigns nach dem Zweiten Weltkrieg letztlich auf das der faschistischen Terrorwaffe V2 zurück. Zudem waren die späteren Raketentypen im Osten wie im Westen in vielen Fällen Weiterentwicklungen bzw. Modifikationen militärischer Raketen, sie unterstützten militärische Missionen oder dienten selbst als rein zivile Trägersysteme (wie die Mondrakete Saturn V) zum Zweck der politisch-technologischen Machtdemonstration.
Dass der Weltraum bis heute militarisiert ist und von militärischen Strategen sogar mehr Aufmerksamkeit als je zuvor erfährt, zeigen die Diskussionen über das US-amerikanische SDI (das heute NMD heißt) sowie die dazu vorliegenden Pläne. Auch die UdSSR und ihre Nachfolgestaaten nutzten und nutzen ihre Raumfahrt, um militärisch im All präsent zu sein. Bei der Esa ist das nicht anders, nur redet sie nicht darüber. Was sie dort zu tun gedenkt, wird verschleiert und verzerrt, doch mit nur wenig Aufwand lässt sich die militärische Relevanz problemlos freilegen.
Die Raketentechnologie wie die gesamte Raumfahrt ist Herrschaftstechnologie per se. Jede gelungene Raumfahrtmission ist im technologischen Zeitalter eine Demonstration des Willens, über die eigenen Landesgrenzen hinaus Herrschaft auszuüben. Der Weltraum ist der ideale Feldherrenhügel; Raketen sind die tödlichste Artillerie. Wer auf dieser Welt politisch etwas werden will, benötigt die Raketen- und die Nukleartechnologie, und am besten macht er sich eine Kombination aus beidem zunutze.
Ökologische Rettung, soziale Kosten
Jeder Raketenstart belastet die Atmosphäre mit schädlichen und klimarelevanten Verbrennungsprodukten. Es wurden bereits nukleare Sprengsätze im erdnahen Weltraum gezündet (1958 und 1962), Weltraumbahnhöfe, Forschungseinrichtungen für die Raumfahrt, Produktionsstätten für Raumfahrt-Hardware sind wegen all ihrer Lecks, Pannen, Unfälle sowie den ganz normalen Betriebsvorgängen in der Regel ökologische Alpträume.
Zudem hat die Raumfahrt eine ganz neue Art von ökologischer Belastung erst selbst geschaffen: den so genannten Weltraummüll. In erdnahen Orbits sind Objekte bis zur Größe einer ausgebrannten Raketenstufe unterwegs, und sie stellen bereits jetzt eine ernsthafte Gefahr für die Raumfahrt selbst dar. Im Internet kann man den Effekt eines 0,3 Millimeter großen Lacksplitters besichtigen, der ein Sichtfenster der Raumfähre Discovery beinahe durchschlug. Die ISS musste bereits mehrfach ihre Bahn ändern, um dem Weltraummüll auszuweichen. Beileibe nicht alle herumfliegenden Teile können geortet und verfolgt werden, und im Extremfall könnte der Einschlag einer erbsengroßen Schraube den Tod aller Besatzungsmitglieder und das Ende eines Milliarden Euro oder Dollar teuren Projekts bedeuten.
Besonders unangenehm ist der Müll im Weltraum, wenn er radioaktiv ist. Im Jahr 1964 stürzte ein amerikanischer Satellit mit etwa einem Kilogramm Plutonium 238 ab und verteilte es gerecht über die ganze Welt. Überreste können bis heute auf jedem Kontinent der Erde festgestellt werden.
Weitere Unfälle mit radioaktivem Material im Weltraum folgten, und wäre die 1997 gestartete und zwei Jahre später erneut an der Erde vorbei schleudernde Raumsonde »Cassini« mit ihren 32,8 Kilogramm Plutonium an Bord im erdnahen Weltraum havariert, hätte sich die Welt auf ganz neue Krebsstatistiken einstellen können.
Was die Ökosphäre anderer Planeten angeht, so kümmert sie die Raumfahrer von der Erde einen Dreck. Raumsonden, Orbiter, Rover und Lander haben oft genug radioaktive Heizelemente und/oder thermoelektrische Generatoren zur Energieerzeugung an Bord, die ebenfalls mit radioaktiven Materialien bestückt sind.
»Cassini« soll im nächsten Jahr den Saturn erreichen und wird nach der Beendigung der Mission seine Plutoniumlast der Atmosphäre des Planeten anvertrauen. Die Raumsonde führt eine von der Esa verantwortete Teilsonde namens »Huygens« mit, die den Saturnmond Titan erforschen soll und die ebenfalls radioktive Heizelemente an Bord hat.
Noch gar nicht erwähnt sind dabei die Kosten der Raumfahrt. Allein das Apollo-Programm kostete 25,5 Milliarden Dollar, das ist für ein (von 384 Kilogramm Mondgestein abgesehen) weitgehend ergebnisloses Propagandaunternehmen sehr viel. Die jährlichen Unterhaltungskosten der internationalen Raumstation ISS sind höher als das gesamte Jahresbudget der Esa.
Aber auch das europäische Satellitennavigationsprogramm Galileo verschlang bereits in seiner »Defintitionsphase« 3,4 Milliarden Euro. Es ist wahr, dass die unbemannte Raumfahrt weitaus billiger ist als die bemannte, aber mit dem für sie verwendeten Geld ließen sich so einige Sozialetats finanzieren.
Was die beschworene Nützlichkeit der Raumfahrt für irdische Zwecke angeht, so bleibt auch hier außer der Propaganda nicht viel übrig. Die Behauptung, die Raumfahrt habe die Miniaturisierung des Computers bis hin zum PC erzwungen, ist barer Unsinn. Das offenkundige Missverhältnis zwischen der Behauptung von den »unzähligen Spin-Offs« und deren tatsächlichem Nutzen im Alltag ist schnell erklärt. Die extremen Bedingungen im Weltall erfordern Spezialisierungen, die auf der Erde gerade keinen Sinn haben. Bezeichnenderweise wirkt die Raumfahrt in einem sehr wichtigen Bereich geradezu als Innovationsbremse.
Während die Erde sehr wohl energieeffizientere Solarzellen und andere alternative Energiesysteme gebrauchen könnte, die unter extremen Bedingungen funktionieren (etwa in der Wüste), besteht die Raumfahrt seit Jahrzehnten auf der Weiterbenutzung der schon erwähnten Nukleargeneratoren. Weltraummissionen, die von neuartigen Solar- und Brennstoffzellen selbst nahe des Pluto noch mit Energie versorgt werden könnten, hätten sehr wohl einen direkten Einfluss auf Verbesserungen dieser Technologien für den Alltagsgebrauch auf der Erde. Aber gerade hier versagt die Raumfahrt.
Individuelle globale Kommunikation wäre immerhin ohne Kommunikationssatelliten nur schwer denkbar, aber schon die Schwesterapplikation, globale Navigation, bringt so viele Möglichkeiten zum destruktiven Gebrauch mit sich, dass auch das harmlose Telefongespräch mit dem Verwandten in Übersee davon kompromittiert werden kann.
Bleiben noch die Fantasien von der Massenauswanderung ins Weltall für den Fall, dass die Erde unbewohnbar wird. Bereits die heutige Raumfahrt leistet einen robusten Beitrag zur globalen sozialen und ökologischen Verwüstung, sowohl in ihrer zivilen als auch in ihrer militärischen Form. Die Bereitstellung adäquater »Auswanderungskapazitäten« für »die Menschheit« würde den Ökosystemen den Rest geben – selbst dann, wenn man in einer extremen Brutalisierung der Klassengesellschaft »die Menschheit« als eine handverlesene Elite von Superreichen auffassen würde, die sich das Ticket auch leisten können. Denn darum würde es wohl bei dieser apokalyptischen Vorstellung am Ende gehen.
Der Weltraum ist faszinierend, genauso wie die Technologie, die man braucht, um ihn zu erforschen oder zu bereisen. Es ist denkbar, dass eine grundsätzlich andere Gesellschaft Möglichkeiten findet, die negativen Nebenwirkungen der Raumfahrt zu vermeiden.
Aber was immer die Marketingabteilungen behaupten: So, wie die Raumfahrt heute betrieben wird, ist sie in der Regel nicht nützlich. Die Ausnahmen können unter den aktuellen Bedingungen nicht von der Regel getrennt werden, und an einer Veränderung dieser Bedingungen haben gerade die Raumfahrteliten kein Interesse.
Europas Griff nach den Sternen
Die größten Beitragszahler des jährlichen Budgets der Esa (2,3 Milliarden Euro im Jahr 2000) sind Frankreich mit 29,2 und Deutschland mit 25,7 Prozent. Als Generaldirektor amtiert seit 1997 der Italiener Antonio Rodota. Sein beruflicher Werdegang ist insofern interessant, als er die enge Verflechtung von privaten, halbstaatlichen und staatlichen Firmen und Organisationen in der europäischen Wirtschaft geradezu beispielhaft verdeutlicht.
Als Elektroingenieur ausgebildet, führte sein Weg über verschiedene italienische Rüstungs- und Raumfahrtunternehmen (Selenia, Compagnia Nazionale Satelliti, Alenia-Spazio) bis an die Spitze der Esa. Als er zum Generaldirektor gewählt wurde, war er außerdem Direktor der Raumfahrtabteilung der Finmeccanica (Italien), Managing Direktor von Quadrics Supercomputer World Ltd. (Italien/UK) und Direktor bei Arianespace.
Obwohl es sich bei Arianespace um eine kommerzielle Firma handelt, kann man sie kaum privat nennen. Selbstverständlich wird die Weiterentwicklung der Ariane öffentlich gefördert. Gebaut wird die Rakete von der EADS, einem industriell-militärischen Konglomerat, das nicht nur die Ariane im Angebot hat, sondern auch den zivilen Airbus, den militärischen Airbus A 400 M, Raketenwaffen von der Exocet bis zur Taurus und eine Unzahl anderer Produkte, die mit Luft- und Raumfahrt zu tun haben.
Wie man sieht, ist auch die europäische Raumfahrt faszinierend, teuer, gefährlich. Darüber hinaus haftet ihr etwas Streberhaftes an, der besondere Eifer des Emporkömmlings, der in dieser Weise bei den russischen und den amerikanischen Kollegen nicht beobachtet werden kann.
Die öffentlichen Verlautbarungen der Esa hören sich manchmal an wie die Prahlereien eines Neureichen, der der neuen Nachbarschaft beweisen will, dass er es drauf hat. Jeder gelungene Start, wie zum Beispiel des »Mars Express« vom 2. Juni, wird mit einem »Wir-sind-wieder-wer«-Pathos verkündet, das einen aufgestauten Gruppennarzissmus durchscheinen lässt. Der Start des »Mars Express« war nicht nur einfach der gelungene Auftakt zu einer wissenschaftlichen Marsmission, sondern er brachte, wie es atemlos beglückte Raumfahrtingenieure verkündeten, »Europa auf den Weg zum Mars«.
Zur Klärung der Ursachen dieses europäischen Raumfahrtstolzes lohnt sich ein Blick auf die wichtigsten Beitragszahler zum Budget der Esa. Was sich heute als politisches und kulturelles Kerneuropa neu definieren möchte, nämlich Frankreich und Deutschland, hat ganz bestimmte, meist historisch bedingte Gründe, sich in der Hochtechnologiesparte Raumfahrt besonders zu engagieren.
In Frankreich ist der Fall relativ simpel. Die Grande Nation mit ihrer glorreichen Geschichte betrachtet die Raumfahrt und vor allem das Trägersystem Ariane als eines der Gebiete, auf dem sie den Verlust eines ganzen Kolonialreichs von Vietnam bis Algerien wettmachen kann. Die politische Klasse braucht europäische Raketen mit französischen Frauennamen aus dem gleichen Grund, aus dem sie nuklear angetriebene Flugzeugträger, Nuklearraketen, strategische Bomber und viele Atomkraftwerke braucht. Der Status einer verhinderten Supermacht verlangt es.
Dazu passt sehr gut, dass eine der letzten überseeischen Kolonien Frankreichs, nämlich Französisch-Guyana, die Startbasis für die Arianeraketen bildet, geostrategische und technologische Ambitionen fallen hier auf wundersame Weise zusammen.
In Deutschland ist es etwas komplizierter. Die deutschen Raumfahrer verstehen ihre Heimat als Wiege der Raumfahrt, haben aber das Problem, dass der frühere Raketenruhm von seinem historischen Kontext, dem Nationalsozialismus und den Leichenbergen in Mittelbau-Dora nicht getrennt werden kann.
Das sorgt mitunter für seltsame Verrenkungen. Noch 1992 plante das DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt) allen Ernstes unter der Schirmherrschaft der Bundesregierung einen Festakt zum Erstflug der V2 vor 50 Jahren. Immerhin erregte das Vorhaben solchen Unmut, dass es nicht durchgeführt wurde, am Ende fühlten sich die Deutschen wieder einmal missverstanden.
Dass es für diese Form des Geschichtsverständnisses teilweise Unterstützung aus rechtsextremen technologie-euphorischen Kreisen in den USA gibt, ist angesichts der Nachkriegskarriere Wernher von Brauns und seiner Komplizen nicht überraschend. Noch 1993 gab eine gewisse Marsha Freeman ein Buch heraus (»How We Got to the Moon: The Story of the German Space Pioneers«), in dem versucht wurde, die untrennbare Partnerschaft des NS-Apparates und der deutschen Raketeningenieure als ein Konstrukt der Stasi resp. des KGB zu entlarven.
Rainer Eisfeld hingegen hat detailliert und zu Recht Brauns Schilderungen, er sei als begeisterter, aber unpolitischer Ingenieur lediglich missbraucht worden, nachhaltig erschüttert. Zu deutlich war der SS-Sturmbannführer von Braun in die Vernutzung und Vernichtung der zum Bau der Raketen benötigten Gefangenen verwickelt.
Das hat die Verantwortlichen der deutschen Weltraumforschung aber noch nie so richtig angefochten. Bezeichnend ist die Tatsache, dass selbst Programme aus der Nazizeit mit offensichtlicher militärischer Relevanz in der Bundesrepublik Deutschland ohne Bedenken weiter betrieben wurden.
Etwa der »Sänger«, ein Programm (oder eine Vielzahl von Programmen), benannt nach dem Raumfahrtingenieur Eugen Sänger, der in der Zeit des Zweiten Weltkriegs einen so genannten »Antipodengleiter« plante und zu konstruieren begann. Der »Sänger« wäre de facto ein Raumgleiter geworden, der die US-amerikanischen Städte an der Ostküste bombardieren sollte. Die Deutsche Forschungsanstalt für Luftfahrt e.V. (später DFVLR, heute DLR) hatte keine Probleme damit, das ehemalige Forschungsgelände Sängers (die Raketenversuchsanstalt Trauen) für ihre Nachkriegsversuche zu verwenden, unter anderem zur Entwicklung und zum Test der dritten »Europa 1«-Stufe.
Währenddessen bastelte man bei der Firma Junkers zwischen 1961 und 1964 fröhlich an einem explizit »Sänger« getauften Raumfahrtzeug. Das Unternehmen Astrium, entstanden aus der früheren Dasa, arbeitet noch heute an einem unbemannten »Hopper«, der auf Sängers Ideen zurückgeht und als Nachfolger für die Ariane V im Gespräch ist. Dem Vernehmen nach soll sich Eugen Sänger für noch unpolitischer als Wernher von Braun gehalten haben.
Trotz all dieser deutschen Sonderbestrebungen wussten die deutschen Raumfahrteliten natürlich genauso gut wie die französischen, dass sie allein nichts erreichen konnten. Als im Jahr 1975 die Esa gegründet wurde, waren Deutschland und Frankreich die enthusiastischsten Unterstützer. Seit die Sowjetunion nicht mehr besteht, sind die Chancen auf Erfolg noch größer geworden, und viele der Aktivitäten richten sich mittlerweile eindeutig gegen die USA.
Die weiterhin zu beobachtende amerikanisch-europäische Zusammenarbeit im Weltall scheint ein Auslaufmodell zu sein, aus der einst autarken Esa ist ein aggressiverer Konkurrent geworden. Das ist nicht nur an den unaufhörlichen Reibereien zum Status der Zusammenarbeit bei der Internationalen Raumstation zu beobachten. Die fortschreitende Verwandlung Europas in eine Staatsnation findet im Weltraum ihren deutlichsten Niederschlag in einem ganz anderen Projekt: Galileo.
Der Sinn und Nutzen Galileos
Galileo ist zuerst einmal nichts anderes als ein satellitengestütztes Navigationssystem, von ähnlicher Machart und Struktur wie das amerikanische GPS (Global Positioning System) und das russische Glonass (Global Orbiting Navigation Satellite System).
Selbst Weltraumfans fragen sich, ob es angesichts der schon zwei bestehenden globalen Systeme noch ein drittes, europäisches braucht, aber gerade diese Frage beantworten die Befürworter sehr entschieden. Sie sind sehr wohl der Meinung, dass Europa als Staatsnation von kontinentaler Größe und Bedeutung ein eigenes globales Satellitennavigationssystem genauso braucht wie eine global einsetzbare militärische Eingreiftruppe (zurzeit im Kongo). Denn Europa habe Interessen von globaler Reichweite, die gefördert, verwaltet und geschützt werden wollen.
Die Bedeutung dieses Projekts für die europäischen Integrationsstrategien kann gar nicht überschätzt werden. Antonio Rodotà, der Generaldirektor der Esa, sagte zum Beispiel im Januar 2002, Galileo sei die erste wirklich europäische Infrastruktur, die im Gegensatz zur Eisenbahn und zum sonstigen Verkehrsnetz nicht in nationale Verantwortungsbereiche zerfalle. Es werde dem amerikanischen GPS überlegen sein und Europa einen technologischen Quantensprung erlauben.
Rodotà behauptet damit nichts anderes, als dass sich Europa in technologischer Hinsicht zuerst im Weltraum, und nicht auf der Erde, konstituiert. Denn mit Galileo sind dieselben »chirurgischen« Schläge möglich, die die Amerikaner in Afghanistan und im Irak und die Russen in Tschetschenien ausführen.
Das wenig diskutierte Schwesterprogramm GMES, das sich auf »Globale Umwelt- und Sicherheitsüberwachung« spezialisieren soll, ist das notwendige Fernerkundungskomplement zu Galileo. Was GMES feststellt, soll unter Zuhilfenahme von Galileo verwaltet werden. GMES, so hofft man, wird die Flüchtlingsströme, die scheinbar spontan überall in den armen Gebieten der Welt auftreten, kontrollierbar machen, der Festung Europa, die sich immer strikter nach außen abriegelt, zum Wohlgefallen.
Offiziell geht es natürlich um etwas ganz anderes, um neue Möglichkeiten für Shopping und Freizeit sowie um ökologische und soziale Verantwortung. Zu diesem Zweck hat man sich auch die Nichtregierungsorganisation Médecins Sans Frontières an Bord geholt, die im Austausch für die Erkundungsdaten aus dem All nur zu gern bereit ist zu bestätigen, dass man ohne die Esa eigentlich gar keine sinnvolle Arbeit mehr leisten könne.
Aber wer glaubt schon, dass Europa allein in der »Definitionsphase« für Galileo 3,4 Milliarden Euro bezahlt, um Nichtregierungsorganisationen die Arbeit zu erleichtern oder die Orientierung von Extremsportlern zu verbessern?



Facebook
Twitter
Weitere

