Ferien in Temelin
Das Atomkraftwerk im tschechischen Temelin ist das umstrittenste der Welt. Für die Betreiber ist es das sicherste. Eine Reportage
von Stefan Rudnick, Heiko von Schrenk und Stefan Wirner
Ganz Österreich rebellierte gegen die Inbetriebnahme des tschechischen Atomkraftwerks Temelin. Wie denkt die Bevölkerung des Dorfes Temelin darüber? Jungle World hat nachgefragt und nachgesehen.
Durch die idyllische Landschaft des Bezirks Pisek nähern wir uns dem Zielort. Als wir die Grenze zu dem Bezirk Ceske Budejovice, in dem sich Temelin befindet, überschreiten, wird der Straßenbelag schlechter. Das hatten wir nicht erwartet. Sollte der Bau des Kraftwerks zu Nachteilen für die Infrastruktur des Bezirks geführt haben?
Temelin
Temelin ist ein kleines Dorf mit einem Fußballplatz, einer Kirche, einer Postfiliale und einem kleinen Rathaus. Auf dem Marktplatz wird gerade eine Kirmes aufgebaut, ein Hund bellt. Alles wirkt wie ausgestorben. Oder soll man sagen: wie nach einem Gau?
»Die Wahl des Standortes für das Kernkraftwerk muss vielen Verordnungen und Fachkriterien (dazu gehören zum Beispiel die Geologie, die Seismizität, die Hydrologie und die Metereologie) gerecht werden, die aus den Vorschriften der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) hervorgehen. Das Temeliner Gebiet entspricht nicht nur diesen Kriterien, sondern auch dessen Lage ist hinsichtlich des Stromversorgungssystems geeignet. In Südböhmen steht kein größeres Kraftwerk, und Stromlieferungen aus anderen böhmischen Regionen verursachen hohe Übertragungsverluste.« Das kann man in der Broschüre »Energie aus Südböhmen«, herausgegeben vom Informationszentrum des Atomkraftwerks Temelin, nachlesen.
Dann treffen wir im Dorf doch auf eine Menschenansammlung beim Spritzenhaus der Feuerwehr. Ist ein Notfall eingetreten? »Nein«, erklärt uns Anna Valentová. »Die Feuerwehr macht einen Ausflug.« Stolz zeigen uns die Feuerwehrleute das neue Feuerwehrauto. Und auch wir bewundern es. »Es hat acht Millionen Kronen gekostet. Dieses Modell gibt es nur zwei Mal in Tschechien. Der andere Wagen steht in Prag«, erklärt uns Valentová.
Sie ist um die 50 Jahre alt, wurde in Krefeld geboren und lebt seit 18 Jahren in Temelin. Auf die Frage, wie sie es findet, in der Nähe des Kraftwerks zu leben, sagt sie: »Man kann nichts mehr dagegen machen.« Gab es Proteste gegen das Kraftwerk? »Nein, das sind alles …«, sie sucht nach einem deutschen Wort, »na ja, Trottel hier.«
Der Bau des Kraftwerks wurde 1986 begonnen. »Den Leuten wurde damals das Land einfach weggenommen.« Dass die Österreicher gegen Temelin demonstrieren, findet sie gut. Und dass dies von antitschechischen Ressentiments begleitet wird? »Ich kann nichts sagen, denn ich finde Proteste richtig.«
Dann lernen wir noch den Bürgermeister kennen, Stanislav Helige, er ist parteilos. Wir lächeln uns an, jemand fragt, ob wir russisch können. »Njet«, sagen wir. Dann eilt es plötzlich, die Spritztour der Feuerwehr beginnt. Und wir machen uns auf den Weg zum Kraftwerk.
Kühltürme und Brennstäbe
Von weitem sind schon die Kühltürme zu sehen. Tag und Nacht stoßen sie ihren Dampf aus. Sie sind das Wahrzeichen der Gegend, mehr als etwa die Türme des Schlosses von Orlik. »Ähnlich wie in den konventionellen Kraftwerken wird die Dampfkondensationswärme in Kernkraftwerken als Abwärme abgeleitet. Beim KKW Temelin erfolgt dies mit Hilfe der Kühltürme, die 155 Meter hoch sind und die Form eines Rotationshyperboloides haben.« (Informationsbroschüre)
Steht man auf dem Parkplatz neben den Türmen, versteht man sein eigenes Wort nicht mehr, so laut rauscht das Wasser. Gerade seilt sich ein Arbeiter von den Türmen ab. Was tut er? Muss er die Türme putzen? Ein Mann vom Wachschutz mustert uns erst grimmig, dann aber lacht er.
Wir fahren ins Informationszentrum, das im neu renovierten Schlösschen Vysoky Hradek, direkt neben dem Kraftwerk, eingerichtet wurde. Vor dem Haus wurde ein kleiner Garten angelegt, der eher an das Schloss Sanssouci erinnert als an ein Atomkraftwerk. Die Bäume sind so zugeschnitten, dass sie wie Raketen aussehen.
Die Mitarbeiterin am Empfang ist nett und bittet uns zu warten. Im Kinosaal läuft der Informationsfilm gerade auf tschechisch, für uns gibt es dann die österreichische Version. Also sehen wir uns erst die Ausstellung an. Hier gibt es Brennstäbe zu besichtigen, auf einer Übungstafel kann man einen Gau verursachen, aber nur, wenn man sich wirklich Mühe gibt.
Die zweite Mitarbeiterin, die uns nach oben bringt, lächelt uns an und geht sehr langsam voran. Führt sie uns in ein geheimes Verlies? Eine schwere Stahltür verschließt den Kinosaal. Wegen der Strahlengefahr? »Wegen Feuer«, sagt die Mitarbeiterin.
Im Saal zeigt sie uns erst die Nebelkammer. Hier werden natürliche Strahlungen sichtbar gemacht. Denn Strahlung ist so natürlich wie Luft. Einen Beleg für diese These liefert auch die Informationsbroschüre. »Es scheint unglaublich zu sein, aber den wirklich ersten Kernreaktor hat die Natur selbst bereits vor zwei Milliarden Jahren geschaffen. In einem Gebirgsstock, der sich in der Gegend von Oklo im afrikanischen Staat Gabun befindet, ist das Uran sowie das Wasser in so einer günstigen Menge und Verhältnis vorgekommen, dass es zu der gleichen Kernreaktion gekommen ist, die in den heutigen Reaktoren stattfindet. Dieser Ort ist zu einem wichtigen Beispiel für das Stadium der Verbreitung von hochradioaktiven Spaltungsprodukten von der Stelle ihrer Entstehung in die Umgebung geworden.«
Wir fragen die Mitarbeiterin, ob die Radioaktivität rund um das Kraftwerk höher ist als anderswo. »Temelin ist nicht Tschernobyl«, sagt sie. Diesen Satz kennen wir bereits aus der Informationsbroschüre. Es ist der wichtigste Satz in Temelin und Umgebung.
Der Film, den wir mit 3-D-Brillen ansehen, ist mit einer Musik unterlegt, die von der Band Kraftwerk abgeguckt scheint. Der Hauptdarsteller soll offenbar ein Student sein, er trägt Latzhosen. Er scheint über den Sinn der Welt nachzudenken, bis sich eine Tür öffnet, die ihn ins Paradies der friedlichen Nutzung der Kernenergie führt. Die Brennstäbe ragen so weit aus der Leinwand, dass man meint, sie greifen zu können.
Die Blockwarte
»Der Betrieb des Reaktorblocks wird mittels eines modernen digitalen Kontroll- und Steuersystems aus der Blockwarte geleitet. Das Personal in der Blockwarte bilden der Blockleiter, der Leiter der Blockwarte, der Operator des Primärteiles und der Operator des Sekundärteiles. Die Kontrolle vor Ort nehmen die einzelnen Mitarbeiter der Anlagen vor, die mit dem Personal der Blockwarte bei der Durchführung der einzelnen Kontrolltätigkeiten und Überprüfungen zusammenarbeiten. Diese Arbeiten werden auf Grund des Betriebsplanes vorgenommen, der täglich genehmigt wird. Den Betrieb des ganzen Kraftwerkes überwacht der Schichtingenieur.« (Informationsbroschüre)
Das sicherste Kraftwerk der Welt
Der Student schaltet das Licht aus und ein und denkt darüber nach. Er hat verstanden. Atomkraftwerke erzeugen Strom. Uns hat der Film überzeugt. Temelin ist so sicher wie Fort Knox. Mindestens. »Wissen Sie, dass … der Temeliner Reaktor jeden Tag ca. drei Kilogramm Uran spaltet? … das Kernkraftwerk Temelin jedes Jahr mehr als zwölf Millionen Tonnen Braunkohle einspart? … der Kernabfall 3,5 Millionen Mal geringer als Abfall aus fossilen Brennstoffen (Kohle) bei gleicher Stromerzeugung ist? … der hochradioaktive Abfall, der 99 Prozent der Strahlung enthält, lediglich ein Prozent dieser Menge ausmacht?« (Informationsbroschüre)
Mit der Gewissheit, dass man hier ohne Bedenken Urlaub machen kann, fahren wir zurück in unser Domizil. Wir grübeln nach über den Sinn der Technik und die Zukunft der Menschheit. Und ärgern uns über die Bedenkenträger von Greenpeace, die auf einer ihrer Internetseiten die bisherigen Störfälle im sichersten Kernkraftwerk der Welt auflisten.
»26. Oktober 2000: Im ersten Reaktorblock fallen vier Hauptzirkulationspumpen im Primärkreislauf aus.
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November 2000: Der Reaktor wird nach einem Störfall erneut abgeschaltet. Nach Angaben der tschechischen Atomsicherheitsbehörde kommt es zu der Panne während eines Tests des Kühlsystems.
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Dezember 2000: Nach einem Pumpenausfall im nichtnuklearen Sekundärkreislauf des Atomkraftwerks wird die Kettenreaktion gestoppt.
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Dezember 2000: Wegen einer undichten Turbinenklappe im nichtnuklearen Sekundärkreislauf wird der erste Reaktorblock heruntergefahren.
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Januar 2001: Panne im sekundären Kreislauf des Kraftwerks
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Januar 2001: Brand im nichtnuklearen Teil des Kraftwerks
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Januar 2001: Nach mehreren Pannen und Vibrationen an der Turbine wird das Kraftwerk abgeschaltet.
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Januar 2001: Ein Riss in einem Turbinenrohr wird entdeckt.
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Februar 2001: Nach mehreren Reparaturen wird der Betrieb wieder aufgenommen.
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März 2001: Brand im zweiten Reaktorblock
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März 2001: Öl tritt aus einer undichten Stelle des Turbinentrakts aus.
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April 2001: Hunderte Liter Öl laufen aus, das Kraftwerk wird für zehn Tage abgeschaltet.
(Unvollständige Liste, Quelle: Greenpeace)



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