Peer to Peer
Eine kurze Geschichte der Internettauschkultur.
von Janko Röttgers
Früher oder später wird die Geschichte Napsters ihren Weg ins Kino finden, ein Copyright-Catfight, inszeniert von Hollywoods Traumfabriken. Es wird die Geschichte des Napster-Gründers Shawn Fanning sein, eindrucksvoll und schillernd erzählt. Geboren als Resultat eines Quickies auf einer Geburtstagsparty, aufgewachsen ohne Geld und intakte Familie. In die Welt des Cyberspace flüchtend, um dort seine Mission darin zu finden, unsere Musikkonsumgewohnheiten gehörig umzukrempeln. Wir werden sehen, wie er ins Visier der Musikindustrie gerät, sich vor Gericht verteidigen muss, die Massen mobilisiert. Er wird Kampf um Kampf verlieren, Konflikte mit Metallica ausfechten und schließlich mit ansehen müssen, wie seine Erfindung stirbt, zerquetscht von Heerscharen von Anwälten. Was für eine Story.
Nach 90 Minuten werden wir aus unseren bequemen Kinosesseln aufstehen. Wir werden uns gut fühlen, voll von warmen Erinnerungen. Napster war schließlich auch unsere Geschichte. Wir erweckten es zum Leben, gemeinsam mit Millionen anderen Nutzern. Wir werden uns an diesen Rausch erinnern, der uns überkam, als wir die ersten MP3 mit Napster herunterluden – und an die wenig später einsetzende überraschende Begeisterung, als ein völlig Unbekannter mit komisch klingendem Nutzernamen etwas von unserer eigenen Festplatte lud.
Wenn wir später nach Hause kommen, werden wir, anstatt wie sonst den Fernseher anzuschalten, unser Notebook zur Hand nehmen oder uns vor unseren schicken i-Mac setzen. Wir werden ins Netz gehen und etwas tun, was wir eine ganze Weile nicht mehr getan haben, nämlich uns ein Tauschbörsenprogramm herunterladen. Vielleicht wird es Kazaa sein, irgendein Gnutella-Programm oder auch dieses neue Ding, von dem wir neulich auf Wired.com gelesen haben.
Wir werden es installieren, starten, ein paar magische Sekunden warten, bis das Programm die Verbindung zu seinem Netzwerk aufbaut. Dann werden sie wieder da sein, ganz wie früher: Zigtausende von Nutzern, beschäftigt mit einem rastlosen Austausch von Bits und Bytes. Musik, Filme, Programme, Bücher – alles wird verfügbar sein, zum Download angeboten von Menschen wie dir und mir.
Und alles wird umsonst sein. Vielleicht werden wir nach dem Soundtrack des Films suchen, den wir gerade im Kino gesehen haben oder vielleicht auch nach dem Film selbst. Mit Sicherheit werden wir irgendetwas finden, was uns interessiert. Dabei werden wir plötzlich abermals diesen seltsamen Rausch fühlen, und dann wird uns klar: Napsters Geschichte ist mitnichten an ihrem Ende angelangt. Nicht nach dem Untergang der Tauschbörsenfirma, und mit Sicherheit nicht nach 90 Minuten Hollywoodvergnügen. Tatsächlich geht es jetzt erst richtig los.
Napsters Aufstieg
Als Shawn Fanning 18 Jahre alt war, verbrachte er viel Zeit im IRC, einem Internet-Chat-Netzwerk, das von den technisch versierteren Nutzern frequentiert wird, die einen Bogen um die Hauptrouten der Datenautobahn und ihren kommerziellen Communities machen. Dort traf er sich mit seinen Freunden, die allesamt Mitglieder einer Gruppe namens w00w00 waren. Offiziell firmiert w00w00 als »Security Team«, doch tatsächlich handelt es sich dabei um eine der zahllosen Hackergruppen des Internets. Wohlgemerkt, Hacker sein bedeutet nicht zwangsläufig, dass jemand destruktive Tendenzen besitzt. Oftmals ist es einfach nur eine Kombination aus Neugier und technischem Sachverstand.
Die w00w00-Mitglieder hatten sehr unterschiedliche persönliche Hintergründe und kamen aus allen Teilen der Welt, verbunden nur über E-Mail und ihre regelmäßigen Chat-Runden. Die Gruppe verdiente sich mit dem Aufdecken einer kritischen Sicherheitslücke des AOL-Instant-Messaging-Programms einigen Ruhm innerhalb der globalen Hacker- und IT-Sicherheits-Community. Doch ihre Mitglieder arbeiteten auch an kleinen Tricks und Hacks, etwa um erweiterte Zugriffsrechte auf die Server ihres Lieblings-IRC-Netzes zu erlangen.
Bis heute ist nicht ganz klar, welche Rolle Fanning wirklich in der Gruppe spielte. Offenbar war er an den meisten Hacks der Gruppe nicht aktiv beteiligt. Doch 1998 begann er ein Projekt, dass ihm den uneingeschränkten Respekt seiner w00w00-Freunde einbringen und dabei die Musikindustrie in eine tiefe Krise stürzen sollte. Fanning hatte beobachtet, dass seine Kommilitonen in seinem Studentenwohnheim der Universität Boston viel Zeit damit verbrachten, MP3-Dateien aus dem Netz zu laden.
Zu diesem Zeitpunkt waren die Lycos-MP3-Suchmaschine und das Musikportal Scour.com dafür die beliebtesten Anlaufstellen. Bei beiden handelte es sich um klassische Suchmaschinen, und beide ließen ihre Nutzer mit den gleichen Problemen kämpfen. Die meisten Websites mit MP3-Dateien stellten nach wenigen Wochen ihren Betrieb ein – entweder auf Betreiben der Musikindustrie, oder, weitaus wahrscheinlicher, weil sie einfach zu viel Bandbreite brauchten.
Fanning wollte dieses Problem umgehen, indem er auf Vermittlungsinstanzen wie Suchmaschinen und Webserver verzichtete und MP3-Fans direkt miteinander verband. Diese Struktur wird in der Welt der Informatik Peer to Peer (P2P) genannt, weil dabei gleichwertige Programme (Peers) zusammengebracht werden, anstatt sie alle mit einer zentralen Instanz zu verbinden. Fanning begann im Herbst 1998 mit dem Programmieren seines Projekts und erkannte bald, dass er etwas sehr Wichtigem auf der Spur war. Dies war seine erste größere Programmierarbeit. Schnell wurde sie so zeitraubend, dass er sein Studium abbrach und sich ganz dem Projekt widmete, das bald als Napster berühmt werden sollte.
Im Sommer 1999 vollendete Fanning die erste Napster-Version. Er lud das Programm auf einen Webserver und gab die Adresse an einige seiner IRC-Freunde weiter. Dabei bat er sie, das Programm umfassend zu testen, es jedoch vorerst nicht weiter zu verbreiten. Seine Freunde probierten es aus, waren sofort davon angetan und konnten der Versuchung nicht widerstehen, die Software an ihre Freunde und Freundesfreunde weiterzuleiten. Nach wenigen Tagen verzeichnete Napsters Testversion bereits Tausende von Nutzern und stieß an ihre Kapazitätsgrenzen. Bald sah sich Fanning gezwungen, einige seiner w00w00-Freunde zu bitten, ihm beim Erstellen einer neuen Version zu helfen, die mehr Nutzer zur gleichen Zeit verkraftete.
Angetrieben von dem überwältigenden Erfolg des ersten Tests begann Fanning, das Projekt zu professionalisieren. Mit Hilfe seines Onkels gründete er eine Betreiberfirma für Napster. Die junge Firma gewann schnell Investoren für sich und zog nach Kalifornien um. Innerhalb weniger Monate gewann man von dort aus Hunderttausende von Nutzern. Doch mit diesem rasanten Wachstum tauchte Napster auch schnell im Blickfeld der Musikindustrie auf. Am 7. Dezember 1999 wurde Napster von der Recording Industry Association of America (RIAA) wegen Copyright-Verletzungen verklagt.
Der Industrieverband forderte 10 000 Dollar für jeden Song, der jemals über Napster getauscht worden war. In den kommenden Monaten folgte eine langwierige juristische Auseinandersetzung mit vielen Rückschlägen und einigen wenigen temporären Siegen. Doch überlassen wir diesen Teil der Geschichte mit seinen spektakulären Showdowns mit Metallica und all den anderen pikanten Einzelheiten doch irgendwann einfach Hollywood. Es gibt schließlich genug über die Technologie und ihre sozialen Folgen zu berichten.
Napsters Problem war eines seiner wichtigsten Merkmale. Um die Nutzer mit Community-Funktionen wie etwa den zahllosen Chaträumen und einem großen, zentral durchsuchbaren Index aller angebotenen MP3 zu versorgen, basierte das System auf einer Reihe von Servern. Zwar tauschten die Nutzer ihre MP3-Dateien direkt untereinander aus, doch die Server waren ein entscheidender Baustein in der Architektur Napsters. Keine Server, kein Napster – das war der einfache Grundsatz, auf dem die Klagen gegen die Firma aufbauten.
Wie Stille Post
Anfang des Jahres 2000 wollte Justin Frankel beweisen, dass Tauschbörsen auch ohne zentrale Instanzen funktionieren können – ohne Server und ohne eine Start-Up-Firma wie Napster, die sich kurz zuvor in einer weiteren Finanzierungsrunde 15 Millionen US-Dollar gesichert hatte.
Also tüftelte er an einem dezentralen Tauschsystem, dass er Gnutella nannte. Frankels System funktionierte so ähnlich wie das Kinderspiel Stille Post; anstatt seine Suchanfragen an eine zentrale Datenbank zu richten, fragte ein Nutzer ganz einfach andere Netzteilnehmer. Diese suchten in ihren persönlichen Dateisammlungen nach dem gefragten Inhalt und reichten die Suchanfrage wiederum an andere Nutzer weiter. Frankel veröffentlichte eine erste Gnutella-Version am 14. März 2000 im Netz. Wenig später berichtete die bekannte Geek-News-Website Slashdot.org über das Programm, und abermals fanden sich in kürzester Zeit Tausende, um die Software sofort auszuprobieren.
Diese Geschichte ist nicht ganz ohne Ironie, war Frankel doch ein Angestellter von AOL. Der Mediengigant hatte Frankels Firma Nullsoft ein halbes Jahr zuvor gekauft. AOL war nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass einer seiner Angestellten ein Programm veröffentlichen würde, dass von der Netzpresse schnell als »Napsters Zukunft« gehandelt wurde.
Innerhalb weniger Tage zwang man Nullsoft dazu, das Projekt einzustellen und aus dem Netz zu nehmen. Doch für ein kontrolliertes Ende des Versuchs war es längst zu spät. Das Gnutella-Netz florierte und bot Tausenden von Nutzern den freien Austausch unzähliger Dateien. Nach einigen Code-Analysen und ein bisschen heimlicher Hilfe von Nullsoft war bald auch Gnutellas Protokoll – jene Regeln, die den Fluss der Daten im Tauschnetz bestimmen – entschlüsselt und dokumentiert. Nur wenige Tage später tauchten bereits die ersten von anderen Entwicklern programmierten Gnutella-Clients im Netz auf.
Doch schon bald mussten Gnutella-Nutzer erkennen, dass ihr neues Tauschnetz bei weitem noch nicht perfekt war. Im Juli 2000 gewann die Musikindustrie eine erste Runde im Rahmen ihrer Versuche, Napster juristisch zum Stilllegen seines Angebots zu zwingen. Ein Richter erließ eine einstweilige Verfügung gegen die Firma und verlangte, alle illegalen Dateitransfers innerhalb von zwei Tagen zu stoppen. Tausende von bald heimatlosen Tauschbörsennutzern besorgten sich die Gnutella-Software, um weiter Dateien tauschen zu können und brachten damit das gesamte Netzwerk zum Stillstand.
Der Napster-Mitbegründer Jordan Ritter hatte eine gute Erklärung für dieses Phänomen. »Gnutella ist buchstäblich ein Broadband-Killer, es kann problemlos die gesamte Internet-Infrastruktur in die Knie zwingen«, erklärte er damals. Das Problem lässt sich grob folgendermaßen beschreiben: Da jeder Nutzer seine Suchanfragen an eine Handvoll anderer Nutzer weiterleitete und diese Nutzer sie wiederum weiterleiteten, wuchs die Zahl der Empfänger dieser Suchanfragen exponentiell an. Die Infrastruktur des Internet bedrohte dies nicht wirklich. Doch es reichte aus, um Gnutella praktisch unbenutzbar zu machen, sobald eine bestimmte Anzahl von Nutzern mit dem Netzwerk verbunden war.
Acht Millionen Nutzer
Niklas Zennstrom und Janus Friis waren sich dieses Problems recht früh bewusst und glaubten, eine Lösung dafür gefunden zu haben. Pünktlich an dem Tag, an dem Napster mit einer einstweiligen Verfügung abgestraft wurde, gaben die beiden den Start eines neuen Tauschnetzwerks namens Kazaa bekannt. Etwa einen Monat später war Kazaa schließlich marktreif und scheinbar immun gegenüber Gnutellas Problemen. Anstatt einfach nur Nachrichten von Peer zu Peer durchzureichen, setzte Kazaa auf ein mehrschichtiges Netzwerk. Gewöhnliche Nutzer bauten eine Verbindung zu so genannten Ultrapeers auf – rechenstarken Computern mit einer schnellen Internet-Anbindung, die eine Art temporären Server darstellten.
Im März 2001 wurde Napster dann gerichtlich dazu verpflichtet, alle urheberrechtlich geschützten Inhalte auszufiltern. Dies gab Kazaa einen kräftigen Popularitätsschub. Als Fannings Tauschbörse einige Monate später gezwungen wurde, den Betrieb endgültig einzustellen, war Zennstroms und Friis System bereit, allen MP3-Fans eine neue Heimat zu bieten. Wer vorher nur Napster genutzt hatte, entdeckte nun mit Kazaa eine völlig neue Dimension des Online-Tauschs.
Hier ging es nicht mehr nur um Musik. Programme, E-Books und sogar Filme ließen sich kinderleicht aus dem Netz laden. Da Kazaa den Download von mehreren Quellen gleichzeitig erlaubte, war plötzlich auch das Herunterladen großer Dateien kein Problem mehr. Bald tauchten die ersten Hollywoodfilme im Kazaa-Netz auf, einige sogar vor ihrer Kinopremiere.
Hollywood und die Musikindustrie reagierten darauf genauso, wie sie sich auch schon gegen Napster zur Wehr gesetzt hatten. Sie verklagten Friis und Zennstrom. Doch anstatt sich in einem langwierigen und kostspieligen Gerichtsverfahren zu verteidigen, verkauften die Kazaa-Erfinder ihre Software ganz einfach an ein unbekanntes Unternehmen mit Firmensitz auf der als Steuerparadies bekannten Insel Vanuatu.
Seitdem haben Coypright-Inhaber versucht, Kazaa und seine Verbündeten in aller Welt dingfest zu machen. Doch sobald sie scheinbar einen Verantwortlichen ausgemacht haben, tauchen neue Spuren auf einem anderen Kontinent auf. Die Entscheidungen der lokalen Gerichte sind zudem nicht immer im Interesse der Musik- und Filmindustrie. So entschieden Richter in Kalifornien wie auch in den Niederlanden, dass der Vertrieb einer Software wie Kazaa legal ist, da die Hersteller nicht über die Taten ihrer Nutzer wachen können.
Wichtiger als dieser juristische Streit ist der technologische Effekt, den Kazaas Erfolg hatte. Nachdem sich das Netzwerk als fähig erwiesen hatte, Millionen simultaner Nutzer zu versorgen, übernahmen auch andere P2P-Entwickler die Ultrapeer-Struktur. Am bemerkenswertesten ist dies im Falle des Gnutella-Netzwerks. Seit 2001 arbeitet eine Hand voll kleiner Firmen und einige Hobbyisten gemeinsam daran, Justin Frankels ursprüngliches Gnutella-Protokoll zu modernisieren und weiter zu entwickeln. Allein durch informelle Kontakte und eine offene Mailingliste miteinander verbunden, haben sie so ein modernes Netzwerk erschaffen, dass die Fehler der ersten Stunde längst hinter sich gebracht hat.
Heutzutage verkraftet Gnutella ohne größere Probleme Hunderttausende von Nutzern und ist gleichzeitig juristisch praktisch unverwundbar. Da verschiedene Programme das Netzwerk auf der Grundlage eines offenen Protokolls bilden, gibt es niemanden, der das Netz abschalten könnte. Und da es dezentral operiert, ist auch das Ausfiltern unliebsamer Inhalte unmöglich.
Unterdessen wachsen die Nutzerzahlen verschiedener Tauschnetzwerke beständig. Die Gesamtzahl der P2P-Nutzer ist schwer zu schätzen, doch allein Kazaa und seine Verbündeten bedienen rund um die Uhr zwischen 3,5 und vier Millionen Nutzer. Die Zahl der gelengentlichen Nutzer ist möglicherweise zehn oder 20 Mal so groß.
Rund 2,5 Millionen Menschen laden sich jede Woche die Kazaa-Software aus dem Netz. Mit mehr als 310 Millionen Downloads ist Kazaa zu einem der beliebtesten Programme aller Zeiten geworden. Overnet und E-Donkey, beide bekannt als Netzwerke zum Tauschen von Filmen, besitzen zusammen etwa 2,7 Millionen simultane Nutzer. P2P-Neuling Blubster kann 250 000 Nutzer für sich verbuchen. Direct Connect, beliebt unter Hardcore-Tauschfans, die jeden ausschließen, der nicht ein paar Gigabyte zum Download anbietet, kommt auf 180 000 Nutzer. Gnutella liegt in diesen Tagen ebenfalls bei etwa 180 000 miteinander verbundenen Rechnern.
Außerdem gibt es eine Reihe kleinerer Netzwerke mit einigen Tausend Nutzern. Einige halten diese Größe über Jahre, andere wachsen möglicherweise zu etwas weitaus Größerem heran. Schließlich gibt es immer noch ein Netzwerk so genannter Open Napster Server – Enthusiasten nutzen Napsters Technologie, um in ihrem Wohnzimmer eigene Server zu betreiben – mit schätzungsweise weiteren 200 000 Nutzern. Insgesamt dürften in diesem Moment rund sieben bis acht Millionen Menschen auf der ganzen Welt damit beschäftigt sein, fleißig Dateien über P2P-Netze zu tauschen. Es ist gut möglich, dass sich diese Zahl innerhalb der nächsten ein oder zwei Jahre verdoppelt.
Klagen und Kontrolle
Einen kurzzeitigen Einbruch verzeichneten die weltweiten P2P-Nutzerzahlen im Sommer des letzten Jahres. Der Grund dafür war die Klagekampagne, mit der die US-Musikindustrie Tauschbörsenfans verunsichern wollte. Ein juristisches Schlupfloch erlaubte es der RIAA, Internet-Anbieter zur Herausgabe von Kundendaten zu verpflichten. Nachdem sich die RIAA so die Namen und Adressen einiger besonders aktiver P2P-Nutzer besorgt hatte, folgten mehrere Klagewellen. Insgesamt 382 Tauschbörsennutzern wurde eine Klageschrift zugestellt. Weitere geschätzte 150 bis 200 Nutzer einigten sich mit dem Industrieverband außergerichtlich auf die Zahlung von durchschnittlich 3 500 US-Dollar, als ihnen in einem Brief eine kostenschwere Klage in Aussicht gestellt wurde.
Ins Visier des Industrieverbands geriet jedoch nur eine Reihe von Nutzern, die im Durchschnitt rund 1 000 Dateien auf ihrem eigenen System zum Download freigegeben hatten. Nach einer ersten Schrecksekunde räumten deshalb zahllose P2P-Fans ein bisschen auf ihrer Festplatte auf. Kaum dass die Zahl der angebotenen Dateien auf eine unkritische Größe reduziert war, wagten sie sich dann in Scharen wieder zurück in die gewohnten Tauschgefilde.
Nach nur wenigen Wochen waren die meisten P2P-Netze wieder so groß wie eh und je. Zu allem Überfluss entschied dann im Dezember ein Washingtoner Gericht, dass die RIAA die Daten der verklagten Nutzer unrechtmäßig ermittelt hatte. Die Klagekampagne war vorerst gestoppt. Vertreter der Musikindustrie in Deutschland hielt das nicht davon ab, auch hierzulande mit Rechtsschritten zu drohen.
Bemerkenswerter als die rechtlichen Details des gescheiterten Feldzugs ist jedoch der Imageschaden, den sich die Industrie mit den Klagen eingehandelt hat. Die US-Plattenfirmen drohten selbst Teenagern. Immer weniger Musikfans verstehen eine Industrie, die jene vor Gericht zieht, die eigentlich von ihr als Kunden umworben werden sollten.
Immer mehr Menschen begreifen dagegen Tauschbörsen ganz selbstverständlich als Teil ihres Alltags, trotz legaler Auseinandersetzungen und wiederholter Werbe- und Aufklärungsfeldzüge der Urheberverbände. Und immer mehr Menschen haben sich daran gewöhnt, so etwas wie eine permanente Standleitung zu einem riesigen Reservoir populärer Kultur zu besitzen. Schließlich kann kein Plattenladen die Musikauswahl eines P2P-Netzwerks überbieten. Und bald wird auch die Videothek um die Ecke im Vergleich zum durchschnittlichen Filmtauschnetzwerk wie ausgestorben aussehen.
All dies passiert zu einer Zeit, in der die Zukunft des geistigen Eigentums auf dem Spiel steht. Konfrontiert mit den Problemen wie auch den Chancen der digitalen Welt, hat sich die Urheberrechtsindustrie dazu entschlossen, ihre Kontrolle auszuweiten. Der Zugriff auf Musik, Filme, Texte und Datenbanken wird mehr und mehr auf der Grundlage einmaliger Nutzungslizenzen reguliert. Traditionelle Nutzungsrechte wie das der Privatkopie werden durch Kopierschutztechnologien auf Umwegen ausgehebelt.
Öffentliche Institutionen wie etwa Bibliotheken haben schon jetzt gewaltige Probleme damit, ihrem Auftrag gerecht zu werden. Wie sollen sie der Öffentlichkeit Zugang zu Wissen ermöglichen, wenn diese Öffentlichkeit in Länderzonen und Nutzergruppen aufgeteilt ist und die Abrechnung per One-Click-Mechanismus durchgeführt wird? Entwicklungsländer brauchen den öffentlichen Zugang zu Wissen möglicherweise mehr als alles andere. Dennoch werden sie über Kreditvergaben dazu gezwungen, restriktiven Urheberrechtsabkommen wie dem der World Intellectual Property Organization (WIPO) zuzustimmen, die das Umgehen von Kopierschutzmechanismen verbieten und damit den Zugriff auf Wissen monopolisieren.
Die Öffentlichkeit ist sich möglicherweise nicht aller Details und Konsequenzen dieser Konflikte bewusst. Dennoch hat sie bereits Stellung bezogen. Ausgerüstet mit P2P-Programmen hat sie sich dafür entschieden, den Content-Konzernen dieser Welt den Rücken zu kehren und das Reich der Piraterie zu betreten.
Schade eigentlich, dass all dies in Hollywoods Napster-Film unter den Tisch fallen wird. Schließlich ist es doch eine verdammt gute Story, nicht wahr?
Von Janko Röttgers erschien im Herbst: Mix, Burn & R.I.P. – Das Ende der Musikindustrie.
Heise Verlag, Heidelberg 2003. 183 Seiten, 16 Euro. Das Weblog zum Buch findet sich unter http://www.mixburnrip.de



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