Lob der Deflation
in die presse
von Anton Landgraf
Er gilt vielen als finstere Gestalt und seine fatale Wirtschaftspolitik als eine Ursache für den Untergang der Weimarer Republik. Doch spätestens seit den Protesten gegen Hartz IV ist auch der ehemalige Reichskanzler Heinrich Brüning wieder aktuell. Seitdem bemühen sich einige konservative Ökonomen, ihn zu rehabilitieren.
So erklärte der Präsident des Münchner IFO-Instituts, Hans-Werner Sinn, die Deflationspolitik von Reichskanzler Brüning habe »die Löhne gedrückt und Deutschland damals wieder wettbewerbsfähig gemacht«. Und die Finanzial Times Deutschland zitierte kürzlich Michael Hüther, den Präsidenten des Instituts der deutschen Wirtschaft, der in sinkenden Stundenlöhnen und unbezahlter Mehrarbeit eine »positive Deflation« erkennen will. War Brünings radikale Sparpolitik also doch der richtige Weg, um die Wirtschaftskrise zu beenden? Und ist sie es vielleicht heute auch?
Der verhasste Reichskanzler erhöhte die Steuern, senkte staatliche Leistungen und setzte sich für niedrigere Löhne ein: Niedrige Preise sollten deutsche Produkte auf dem Weltmarkt wieder attraktiv machen, lautete sein Kalkül. Durch den vermehrten Export würden der Bedarf an Arbeitskräften und irgendwann auch die Einkommen wieder steigen.
In die Höhe schnellte damals allerdings nur die Arbeitslosigkeit. Sozialdemokraten wie Oskar Lafontaine warnen seitdem unentwegt vor den Folgen der Deflationspolitik Brünings: Zuerst verschärfte sich die Wirtschaftskrise, dann kamen die Nazis an die Macht. Hans Eichel und seine Kollegen würden nun geradewegs den Irrsinn von Brüning wiederholen.
Die Folgen von Brünings Politik taugen allerdings nur bedingt für aktuelle Debatten und Vergleiche: Die internationale Wettbewerbsfähigkeit spielte für das Dritte Reich keine große Rolle. Die Nationalsozialisten forcierten eine Autarkiepolitik, um sich vom Weltmarkt abzukoppeln. Und dass sie mit gigantischen Arbeitsprogrammen und Staatsaufträgen auf Pump in kurzer Zeit die Binnennachfrage wieder aktivierten, düfte auch Sozialdemokraten kaum gefallen.
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