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Bernhard Schmid: Der Spurenleser

Der Spurenleser

In seinem neuen Roman »Origines« beschreibt Amin Maalouf, wie er nach seinen in alle Welt verstreuten Ahnen fahndete.

von Bernhard Schmid

Der libanesisch-französische Schriftsteller Amin Maalouf ist vor allem durch seinen Roman »Samarkand« und sein auch ins Deutsche übersetztes Buch »Der Heilige Krieg der Barbaren – Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber« bekannt geworden. Maalouf, der sich in Frankreich auch durch seinen Essay »Die mörderischen Identitäten« einen Namen gemacht hat, geht nun in seinem neuen, eben in Frankreich erschienenen Buch »Origines« den Spuren seiner Vorfahren in zweiter und dritter Generation nach, deren Abkömmlinge über die halbe Welt verstreut leben.

Deswegen heißt der Roman, der in Frankreich den Literaturpreis Prix Méditerranée erhielt und in der Türkei bereits in sechster Auflage erscheint, »Origines«, was übersetzt so etwas wie »Herkünfte« heißt. Amin Maalouf schreibt über sich selbst: »Ich bin von einem Nomadenstamm, der seit jeher eine Wüste von der Dimension der ganzen Welt durchzieht. Unsere Länder sind Oasen, die wir verlassen, wenn die Quelle vertrocknet, unsere Häuser sind Zelte im steinernen Kostüm, unsere Staatsbürgerschaften sind eine Angelegenheit von Daten oder von Schiffslandungen.«

Im Mittelpunkt der Erzählung steht Maaloufs Großvater Botros. Nicht zufällig sprach Amin Maalouf in einem jüngst ausgestrahlten Interview sofort von ihm: »Mein Großvater war ein Rebell, ein freier Mann.«

Formell zeichnet sich Amin Maaloufs Roman dadurch aus, dass er hin und her springt zwischen dem Genre des Tatsachenromans, in dem der Autor als Ich-Erzähler den Fortgang seiner eigenen Recherche erzählt, und den historischen Beschreibungen des Werdegangs anderer Personen, die seine Vorfahren sind. Daneben finden sich noch an zahlreichen Stellen Dokumente wie Briefe und Zeitungsartikel, die an manchen Stellen für eine Fülle an Details, teilweise aber auch für Langatmigkeit sorgen.

Das Heimatdorf von Maaloufs Familie liegt in 1 200 Meter Höhe im Libanongebirge, und man sieht von dort auf das Mittelmeer hinunter, das bis an den Horizont reicht. Diese Perspektive hat die Mentalität seiner Vorfahren ausgefüllt, meint Amin Maalouf – hier, wo in jeder Familie ein Kind in Beirut beerdigt sei, ein anderes in Ägypten, ein drittes in Argentinien, in Nordamerika oder Australien.

In jungen Jahren verließ Maaloufs Großvater Botros gegen den Willen seines Vaters Tannous das Dorf und ging nach Beirut, um bei amerikanischen presbyterianischen Missionaren die Schule zu besuchen. Das war zwar unerhört, denn die Familie gehörte der griechisch-katholischen Bevölkerungsgruppe an, während die Missionare Protestanten waren. Doch der Vater akzeptierte schließlich die Entscheidung und schickte seinem Sohn Geld auf die Schule.

Botros heiratete die Tochter eines Libanesen, der sich zum Protestantismus bekehrt hatte, und es kam ihm eine Idee: Er ließ seine Kinder nicht taufen. Eine Ungeheuerlichkeit in der damaligen Zeit, die Botros in den Ruch der Gottlosigkeit geraten ließ. Doch er blieb stur: Bei ihrer Volljährigkeit sollten die Kinder die freie Religionswahl haben.

Botros Bruder Gabriel hatte sich mittlerweile als Händler in Kuba niedergelassen und schien mächtig Erfolg zu haben; in Briefen forderte er Botros immer wieder zum Kommen auf. Daher stammt die Familienlegende, Botros sei eigens nach Kuba gereist, um den in Schwierigkeiten geratenen Gabriel aus einer ernsthaften Patsche zu befreien. Amin Maalouf beschreibt, wie er selbst nach Kuba flog und mehrere Monate dort verbrachte, um das genau herauszufinden. Da seinem einstigen Großonkel anscheinend ein mächtiges Vermögen gehört hatte, mussten doch noch Spuren zu finden sein! Und Maalouf wurde auch tatsächlich fündig. Er fand zunächst Gebäude, die auf vergilbten Fotos zu erkennen waren, dann Dokumente und später Zeitzeugen – am Ende sogar einen noch lebenden 80jährigen Verwandten, von dessen Existenz niemand im Libanon mehr wusste.

Manches stellte sich für Maalouf in der Wirklichkeit ein wenig anders dar als vermutet. Der Besuch Botros’ diente wohl weniger dazu, seinen Bruder aus Schwierigkeiten zu retten – vielmehr sollte er es Botros ermöglichen, ein neues Leben zu beginnen, da ihm der Libanon zu eng zu werden schien. Doch der Bruder, obwohl erfolgreicher und hart arbeitender Geschäftsmann, war noch ganz am Anfang: Botros musste auf dem Dachboden im Stroh übernachten, und nach einiger Zeit wurde ihm alles zu viel. Später kaufte sich Gabriel einen wahren Palast im Zentrum von Havanna. Doch da hatte Botros sich bereits wieder für ein Leben im Libanon entschieden, wo er weiter an der Umsetzung seiner Ideen vom gesellschaftlichen Fortschritt arbeiten wollte. Gabriel seinerseits sollte am Ausgang des Ersten Weltkriegs seine Liebe zu schnellem Autofahren zum Verhängnis werden; er stürzte seine Limousine in einen Fluss und ertrank. Die von ihm begründete Handelsdynastie sollte zerfallen.

Im Libanon versuchte zur selben Zeit der Rückkehrer Botros, im Sinne seiner Ideale von Aufklärung und Freidenkertum zu wirken. Er gründete eine Lehranstalt namens »Universelle Schule« in seinem Heimatdorf, an der – für die damalige Zeit unerhört – Jungen und Mädchen jeglicher Konfession gemeinsam unterrichtet werden. Botros ging bis zu seinem Lebensende als einziger barhäuptig und locker gekleidet durch das Dorf und scherte sich nicht darum, dass manche ihn zum Gottlosen erklärten.

Botros träumte von politischen Reformen und sah sich als »osmanischen Bürger« eines Reiches, das er sich als einen multinationalen Staat, dessen Bürger alle gleichberechtigt sind, mit liberaler Verfassung erträumte: Die Vernunft sollte regieren. Einiges erfährt man als Leser von den Reformbewegungen im frühen 20. Jahrhundert, bevor das Osmanische Reich unterging. Der Autor schreibt: »Es war vor kaum 100 Jahren (…) Kein einziger der Staaten des gegenwärtigen Nahen Osten existierte bereits, und der Name dieser Region war noch nicht erfunden – man sagte normalerweise ›die asiatische Türkei‹. Seitdem sind viele Menschen für vorgeblich ewige Vaterländer gefallen, und viele andere werden noch sterben.«

Viele seiner Ideen überlebten Botros nicht: Sein Bruder Theodoros, der Priester, nutzte die Abwesenheit seiner Witwe, um ins Haus zu schlüpfen und die sechs Kinder eilig zu taufen. Bei der nächsten Volkszählung durch die französischen Protektoratsbehörden revanchierte sich der protestantische Teil der Verwandtschaft, und ein zu Hause weilender Onkel ließ die Kinder bei den Behörden als Protestanten registrieren. Der älteste Sohn von Botros, Amin Maaloufs Onkel, wurde während seines Studiums in den USA gar zum militanten katholischen Fundamentalisten.

Maalouf kündigt im Nachwort seines Buches an, seine Nachforschungen künftig fortsetzen zu wollen. Er möchte sich dann der Generation widmen, die während der schlimmsten Jahre des Libanons, im Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990, verstreut wurde.


Amin Maalouf: Origines. Editions Grasset, Paris 2004. 486 S., 21,50 Euro