Wolfgang Reinke: Keine Arbeit, aber Trompeten

Keine Arbeit, aber Trompeten

Einmal im Jahr spielen in Guca Blaskapellen aus Serbien und ganz Europa um die »Goldene Trompete«.

von Wolfgang Reinke

Was unterscheidet das »Festival der Goldenen Trompete« in Guca von einem gewöhnlichen deutschen Volksfest, etwa dem Bierfest auf der Frankfurter Allee in Berlin? Nichts, möchte man denken, wenn 350 000 Menschen eine 3 000-Seelen-Gemeinde in Westserbien in den Ausnahmezustand versetzen und Hunderttausende Liter Bier, Schnaps und tonnenweise Gegrilltes verzehren. Zugegeben, wenn die ersten Trompeten zu hören sind, ist man froh, dass wenigstens die Musik besser ist.

Am Mittwochabend, gleich nach meiner Ankunft, laden mich ein paar junge Männer zum Trinken ein. Warum auch immer, ich frage sie jedenfalls, ob sie aus Kroatien sind, und ernte bierselige Empörung. Sie alle dienen in der jugoslawischen Armee. Milos, einer der Wortführer, erzählt später immer bereitwilliger von seinem Hass auf Albaner, Kroaten und Schwule. Ich bin ein wenig beunruhigt, wie dieses Festival werden wird, denn vor allem die männlichen Besucher offenbaren ein tiefsitzendes Trauma, das aus einem Jahrzehnt des Krieges, politischer Instabilität und wirtschaftlichen Niedergangs resultiert und sich in radikalem Nationalismus äußert.

Am Donnerstag bin ich schon wach, lange bevor um sieben Uhr die Zündung einer Sprengladung auf einem Hügel oberhalb der Stadt den Festivalbeginn ankündigt. Milos und seine Freunde trinken immer noch, haben mich die ganze Nacht immer wieder geweckt und zum Mittrinken aufgefordert. Jetzt laden sie mich zum Essen ein. Es gibt Gulasch aus einer großen Kiste mitgebrachter Armeekonserven. Nur ihren Rakija, den serbischen Schnaps, lehne ich nicht ab und stürze mich dann ins Geschehen. Die ersten Kapellen, deren Mitglieder sich überwiegend aus der Minderheit der Roma rekrutieren, ziehen bereits spielend durch die Stadt und offenbaren die charmante Seite des Festivals. Überall beginnen Menschen, spontan zu tanzen, und ich werde zu zahlreichen Rakijas eingeladen.

Die Preise haben sich innerhalb einer Sunde fast verdoppelt, und der Budenzauber ist zu vollem Leben erwacht. T-Shirts mit Bildern von Radovan Karadzic werden neben Trillerpfeifen, Luftballons und Cevapcici angeboten. Die Geräuschkulisse in den Restaurantzelten, die jeweils Platz für mehrere hundert Gäste bieten, ist unvorstellbar. Nicht selten spielen fünf Bands gleichzeitig auf engstem Raum und ziehen auf der Suche nach zahlungskräftigen ZuhörerInnen von Tisch zu Tisch.

Nachts, als sich die Straßen bereits leeren, betreten einige Romafamilien eines der Zelte, fragen nach Essensresten, schauen den letzten Tanzenden zu oder bewegen sich selbst schüchtern im Rhythmus. Ihre Kinder, von denen viele eine Plastiktrompete um den Hals tragen, träumen jetzt vielleicht davon, selbst einmal um die »Goldene Trompete« spielen zu können. Der Sieg bedeutet Prestige und ein volles Auftragsbuch mit Terminen für Hochzeiten und andere Feste. Musiker zu werden, ist für viele Roma die einzige Hoffnung, um aus ihrer Armut auszubrechen.

Analphabetismus, mangelnde medizinische Versorgung und eine niedrige Lebenserwartung gehören ebenso zum Alltag der Roma in Serbien wie Übergriffe rechter Militanter oder die willkürliche Räumung ihrer Siedlungen durch die Polizei. Roma sind in Serbien keine anerkannte Minderheit, da sie im früheren Jugoslawien keinen »Mutterstaat« hatten. Mit dem Auseinanderbrechen des Landes ab Anfang der neunziger Jahre gerieten sie zwischen die Fronten der verfeindeten Bevölkerungs- und Interessensgruppen. Verstärkt wurde und wird diese Situation vor allem durch die prekäre wirtschaftliche Situation. Die Beschäftigungsquote unter den schätzungsweise 700 000 serbischen Roma beträgt heute drei Prozent.

Für ihr musikalisches Können werden die Roma-Musiker in Guca respektiert. Gleichwertige Menschen sind sie in den Augen vieler nicht. Dieser jahrhundertealte Rassismus stellt in Serbien keine Ausnahme dar, sondern noch immer die Regel. »Sie stinken«, glaubt Katarina, eine Ökonomiestudentin aus Belgrad. »Ich beschäftige sie nicht, weil sie zu faul sind. Aber als Musiker sind sie super«, meint Misko, Restaurantbesitzer und Möbelfabrikant aus Guca.

Es ist ihre Musik, welche alle Menschen in Guca für ein paar Tage miteinander verbindet. Am Sonntag sind meine Ohren restlos vom Lärm der Trompeten und Tubas betäubt, meine Nase ist verstopft vom Grillgeruch, der sich über die ganze Stadt gelegt hat. Ein Durchkommen in den Straßen ist kaum möglich. Am Abend füllt sich ein letztes Mal das Stadion zum »Wettbewerb der Goldenen Trompete«. Die Situation kippt, als die Festivalleitung beschließt, den Wettbewerb zu unterbrechen. Die Menge stürmt die Bühne und skandiert »Srbija, Srbija!« Vereinzelt ausgestreckte rechte Arme veranlassen mich zum Gehen.

Dass sich Srcan Asimovic mit seiner Band Pljacka Treceg aus Bojnik gegen die 19 Mitkonkurrenten durchgesetzt und die »Goldene Trompete« gewonnen hat, erfahre ich erst nachts, als ich mich wieder ins Stadion traue. Und obwohl eine letzte Sprengladung das Ende des Festivals schon signalisiert hat, ziehe ich noch zwei Stunden mit den Siegern und einer tanzenden und ausgelassenen Menge durch Guca.

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