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Birgit Schmidt: Heute links, morgen Krebs

Heute links, morgen Krebs

»Alte Freunde« heißt der neue Roman von Rafael Chirbes. Einen Aufbruch in bessere Zeiten verspricht er nicht.

von Birgit Schmidt

Eine Sache ist es, mehr oder weniger hilflos gegen ein Regime zu kämpfen, das gegen eine demokratisch gewählte Regierung geputscht, ungefähr eine Million Menschen massakriert und eine weitere Million ins Exil getrieben hat, eine andere ist es, aus persönlichen Gründen unglücklich zu sein. Es sind auch zwei verschiedene Paar Schuhe, ob jemand für eine sozialistische Gesellschaft kämpft oder dies getan hat und nun darunter leidet, oder ob jemand leidet, weil sich der älteste Sohn zu Tode gespritzt hat, oder weil er oder sie fürchtet, dass das Muttermal im Gesicht gar keins ist, sondern eine bösartige Wucherung. Der Sozialismus war nie wesentlich mehr als der Versuch, die menschliche Gesellschaft vernünftig und gerecht zu organisieren; der Kampf gegen Franco und gegen die Falange nie mehr als die tief empfundene Notwendigkeit von vielen, sich ihre Würde zu bewahren. Niemand hatte ihnen oder hat uns jemals versprochen, dass wir im Sozialismus nicht altern, nicht krank werden und nicht sterben würden. Allen, die ihre fünf Sinne beisammen haben, ist klar, dass man auch in der vernünftigsten aller Gesellschaftsformen gegebenenfalls an Depressionen erkranken kann, Krebs bekommt, dass der Alterungsprozess unaufhörlich voranschreitet und dass Kinder manchmal vor ihren Eltern sterben.

Doch seit dem Erscheinen des letzten Romans von Rafael Chirbes, »Alte Freunde«, ist zumindest im deutschen Feuilleton von diesem Wissen nichts mehr zu spüren. »Der Rausch der Revolution« – ruft die Süddeutsche Zeitung hämisch aus und weiß sofort: »dann folgt der Katzenjammer«. Für die SZ steht mit dem neuen Chirbes endgültig und zweifelsfrei fest: Wer einmal gegen den Faschismus und für die Revolution gekämpft hat, muss heute folgerichtig unglücklich sein.

Für die Zeit hat die Rezensentin Katharina Döbler nicht einmal den Titel von Chirbes’ vorhergegangenem Roman gelesen (aus »Der Fall von Madrid« macht sie »Der Tod von Madrid«), und sie verwechselt das Wohnzimmer der Kommune I mit dem faschistischen Spanien, wenn sie schreibt: »Die Achtundsechziger sind Leute, die 1968 um die zwanzig Jahre alt waren und keinesfalls über dreißig, denn dann wäre ihnen schon nicht mehr zu trauen gewesen. Sie haben Unruhe verbreitet, zum Aufbruch gedrängt, gegen die guten Sitten verstoßen, am bestehenden Fundament und Strukturen gerüttelt, und mancherorts haben sie sogar ein bisschen richtige Revolution versucht.« Die taz ist verständnisvoller, findet die Geschichten der einzelnen Protagonisten in »Alte Freunde« aber unerträglich und den Roman selbst scharf, mitleidlos und desillusionierend.

All diese Häme, dieses Lächerlich-Machen, dieses resignierte Abwinken haben wir der Tatsache zu verdanken, dass der beste der spanischen Gegenwartsautoren, Rafael Chirbes, nun nach »Der lange Marsch« und »Der Fall von Madrid« den dritten Teil einer Trilogie vorgelegt hat, in dem er die spanische Gesellschaft und ihre Befindlichkeiten analysiert. In »Alte Freunde« treffen sich die Kinder derjenigen, die in »Der lange Marsch« unter Franco ausharrten oder zum Kampf gegen ihn rüsteten, und auch sie sind alt geworden unterdessen.

Die ehemaligen Freunde, die sich in einem Restaurant in Madrid treffen, sind ungefähr so alt wie Chirbes selbst, und sie haben die Probleme, die Menschen in diesem Alter haben. Vielleicht haben sie auch einige mehr oder auch einige weniger als andere Leute, es fehlt ihnen und uns die Vergleichsmöglichkeit. Fest steht nur: In ihrer Jugend gehörten sie einer revolutionären Gruppierung an, die gegen Franco kämpfte, aufflog und ins Gefängnis kam. Verraten wurden sie von einem der ihren, von Narciso, der diesen Verrat allein deshalb beging, um mit der Frau zusammen zu sein, in die er gerade verliebt war. Dass Amalia, seine damalige Ehefrau, hochschwanger und allein im Gefängnis zurückblieb, hat sie verständlicherweise bitter gemacht den Männern gegenüber. Als Frau fortgeschrittenen Alters frequentiert sie nur noch ihre Freundinnen und die Psychiater. Rita hingegen kommt gar nicht auf die Idee, am Essen teilzunehmen. Auch sie kann ihren Ex nicht mehr sehen, nachdem der wenig Lust verspürt hat, sich um die gemeinsamen Kinder zu kümmern, und Pau, das älteste von ihnen, ging am Heroin zugrunde.

Elisa lebt nicht mehr; sie starb an Krebs. Pedrito hat ihren Tod und die Tatsache, dass sie ihn seinerzeit zurückwies, nie verwunden; er kompensierte dies, und so wurde aus ihm ein erfolgreicher Bauunternehmer. Auch Carlos ging in das Dorf Denia zurück, wo er erfolglos zu schreiben versucht; Demetrio malt, ist HIV-positiv und muss seinem Freund, den er nicht mehr liebt, beim Sterben zusehen. Nur Guzmán geht es ganz gut, denn mit der Kunstgalerie seiner Ehefrau gelingt es ihm, aus dem politischen Aufbruch von einst einen Gewinn zu schlagen.

Man muss vermuten, dass Chirbes vieles von dem, was er beschreibt, in den letzten Jahren selbst erlebt hat. Schließlich hat jede und jeder, der/die auf die 60 zugeht, schon Freunde an den Tod verloren. Manchmal sterben Menschen, die jünger waren als wir selber, manchmal sind es welche, ohne die man selbst nicht weiterleben möchte. Was aber dieses Unglücklichsein, das zum Leben gehört wie Krebsangst, unglückliches Verliebt Sein, Suchtverhalten und Panikattacken, mit dem ehemaligen revolutionären Engagement der Protagonisten zu tun haben soll, bleibt schleierhaft.

Offensichtlich ist auch der große Linke der spanischen Literatur, ein wenig müde geworden; womöglich trauert er um eine/n Geliebte/n oder um ein Kind. Der Roman deutet ganz darauf hin. Aber einen Zusammenhang zwischen dem ehemaligen revolutionären Engagement seiner Helden und Heldinnen und ihrem heutigen Unglück gibt es dort nicht. Den gibt es nur im deutschen Feuilleton. Lest dieses Buch, schreit es uns entgegen, und lernt die Botschaft des Dichters: Wer heute links ist, kriegt in 20 Jahren Krebs! Ob das die Botschaft ist, die ein geläuterter Chirbes mittlerweile selbst überbringen möchte, und/oder ob er mit »Alte Freunde« die im Korruptionssumpf der langjährigen Regierungspartei Spaniens, Psoe, versackte ehemalige Linke Spaniens attackiert, das müssen seine LeserInnen selbst entscheiden.


Rafael Chirbes: Alte Freunde. Antje Kunstmann Verlag, München 2004, 238 S., 19,90 Euro

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