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Sergio Bologna: Arbeiter, Maschinen, Migration, Kultur

Arbeiter, Maschinen, Migration, Kultur

Acht Thesen zu einer militanten Geschichtsschreibung.

von Sergio Bologna

1. Die Lage des militanten Historikers. Bis jetzt sind wir davon ausgegangen, dass die Subjektivität des militanten Historikers, der Umstand, dass er Teil der revolutionären Klassenbewegung ist und dadurch spezielle Methoden geschaffen hat, eine hinreichende Voraussetzung ist, um militante Geschichtswissenschaft betreiben zu können. Wir hatten folglich angenommen, dass sowohl die Organisation der Forschung als auch die der kulturellen Produktion in selbst organisierten Räumen stattfinden sollten – in der Parallelgesellschaft der revolutionären Klassenbewegung.

Die Subjektivität des militanten Historikers wird aber auch von seinen materiellen Bedingungen bestimmt, von verfügbaren Ressourcen, von der Forschung und von öffentlicher Finanzierung ausgeschlossen zu sein – wenn nicht de jure, dann sicher de facto. Die Nutzung alternativer Quellen, die Aneignung alternativer Methoden ist oft die Folge seiner Ausgrenzung. Daraus folgt, dass ein militanter Historiker sich heute so organisieren muss, dass er die Chance auf gleichen Zugang zu Ressourcen und Quellen, zu akademischer Forschung und zu öffentlichen Geldern hat. Wenn es ein latentes Berufsverbot (1) gibt, müssen wir es aufhalten, uns darauf einstellen und es bekämpfen!

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2. Die Geburtsfehler der militanten Geschichtswissenschaft. In Italien wurde Ende der fünfziger Jahre in der Debatte, die das Ende der klassischen »Arbeiterbewegung« begleitete, in den frühen Schriften von Montaldi (2) die moderne militante Geschichtswissenschaft geboren. Anders gesagt: eine Geschichtswissenschaft, eng verbunden mit den praktischen und theoretischen Problemen, die die neue Klassenzusammensetzung für die traditionellen Strukturen der Partei und der Gewerkschaft aufwarf.

Ihr größter Geburtsfehler bestand in der Neigung, »minoritäre« Erfahrungen zu stark zu überhöhen – als ein Mittel, das Tempo der Polemik gegen den Stalinismus zu erhöhen –, so sehr, dass sie damit endete, eine linke Version der »ketzerischen Geschichte« zu sein, in der Art, wie sie von Cantimori (3) geschrieben wurde. Das war eine Nebenwirkung, aber sie hat sich als langlebig erwiesen, wie man in mancher Geschichtsschreibung des Anarchismus, des Rätekommunismus und der bordighistischen Bewegungen (4) sehen kann.

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3. Die Arbeiteruntersuchung. Die Arbeiteruntersuchung war die spezielle Form, an der sich die militante Geschichtsschreibung zu Anfang der sechziger Jahre mit den Quaderni Rossi (5) zu messen hatte. Die militante Geschichtsschreibung musste hier ihre Rückständigkeit im Vergleich zu anderen Disziplinen erkennen – wie etwa der Industriesoziologie, die viel schneller die neue Klassenzusammensetzung zur eigenen Legitimation benutzte.

In dieser Periode genoss die Soziologie eine unumstrittene Hegemonie unter den wissenschaftlichen Disziplinen, während die militante Geschichtsschreibung als Nachhut, als zweitrangig übriglieb. Mit der Arbeiteruntersuchung musste sich die militante Geschichtsschreibung auch mit dem Problem der mündlichen Quellen und dem des Verhältnisses zwischen Subjektivität und Geschichte im Allgemeinen auseinandersetzen.

Diese Problematik wird in der Beziehung zwischen Spontaneität und Organisation zusammengefasst, die die erste wichtige deutende geschichtswissenschaftliche Kategorie war, welche die militante Geschichtswissenschaft der frühen Sechziger erfolgreich einführen konnte. Die Neugier auf die Erfahrungen mit den Arbeiterräten, sowohl denen der frühen Zwanziger als auch denen der Dreißiger und Fünfziger in den Ländern Osteuropas, kam aus der Überzeugung, dass es möglich sei, die Verbindung zwischen Spontaneität und Organisation als eine grundsätzliche Kategorie für die Geschichte der Arbeiterbewegung anzuwenden.

Die andere bedeutende Kategorie, die in diesem Zeitraum gerade mal flüchtig erahnt, aber nicht entwickelt wurde, ist das Verhältnis zwischen der Verweigerung der Arbeit und technologischen Innovationen. Dies hatte seine Ursache in der durch die humanistische Tradition geringen Vertrautheit der italienischen Historiker mit den Problemen der Technologie.

Die Industriesoziologie, selbst in ihren ultralinken Varianten, ist ungeeignet, einen theoretischen Rahmen zu liefern, in dem die Verbindung zwischen Klassenbewegungen und Innovationen in Maschinerie ihren Platz hätte finden können. Sie sieht nicht die Verbindung zwischen individuellem Verhalten und der Klassenzersplitterung, und sie sieht auch nicht die Neuzusammensetzung der Klasse.

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4. Politische Klassenzusammensetzung. Nur wenn die Kategorie der Klassenzusammensetzung definiert oder, eher, angewandt wird, wird die militante Geschichtswissenschaft ihre kindliche Unordnung hinter sich lassen und erfolgreich das Terrain sowohl der »Sozialgeschichte« als auch der Geschichte der politischen Institutionen zurückgewinnen. Das Konzept der Klassenzusammensetzung ist, solange es seinen Zweck erfüllt, gleichzeitig allumfassend und deshalb widersprüchlich. Es ist nur ein Dietrich, der alle Türen öffnet. Es hat in der militanten Geschichtsschreibung das ersetzt, was in der Theorie von Gramsci, speziell in der gramscianischen Schule der Geschichtswissenschaft, die Vorstellung von Hegemonie war.

Dies bedeutet, dass sie noch immer in der »postgramscianischen« Begrifflichkeit gefangen ist. Wenn die militante Geschichtsschreibung dem langen Fegefeuer des Postgramscianismus entkommen will, muss sie es meiden, dass der Begriff »politische Klassenzusammensetzung« von der Unbestimmtheit der Erben Togliattis vereinnahmt wird (6). Dann müssen die Unklarheiten und die Begrenztheit dieses Begriffs aufgezeigt werden und er muss klarer definiert werden.

Wenn man genauer hinsieht, wurde der Versuch unternommen, die Kategorie »Klassenzusammensetzung« mit neuen Begriffen zu definieren, passend zu einer Gesellschaft, die nicht mehr bäuerlich, nicht mehr feudal ist und etwas von der Kategorie »bürgerliche Gesellschaft« enthält. Wenn wir »politische Klassenzusammensetzung« gesagt haben, meinen oder meinten wir nicht nur die technische Zusammensetzung, die Struktur der Arbeiterklasse und der Arbeitermacht, sondern auch die Verwobenheit mit Formen der Kultur und des Verhaltens sowohl des Massenarbeiters als auch aller Gesellschaftsschichten, die man dem Kapital zuordnen könnte.

Hierzu gehört der Arbeiter, seine bäuerliche Vergangenheit, seine Verbindung (oder sein Bruch) mit der Großfamilie, seine Vergangenheit als »Gastarbeiter« (der in Kontakt mit höher entwickelten Technologien und mit Gesellschaften kam, die ein weiter entwickeltes Kommando über die Arbeiterklasse hatten), mit seiner Vergangenheit als politischer oder gewerkschaftlicher Militanter oder seiner Vergangenheit als Mitglied eines katholischen Clans. All das wird umgesetzt in die Aneignung des (Klassen-) Kampfes, in politische Vernunft, in eine Fülle von Subkulturen, die sich gegenseitig beeinflussen, während gleichzeitig der Prozess der Vermassung der Arbeiterschaft und ihre Fragmentierung und Zerstreuung über das Territorium stattfindet.

Die Technik und die Organisation der Arbeit verändern diese kulturellen Vergangenheiten und bringen sie ans Licht. Die Subjektivität der Massen übernimmt sie und setzt sie um in Kampf, Arbeitsverweigerung und Organisation. Die politische Klassenzusammensetzung ist zuallererst ein Ergebnis, der Endpunkt eines geschichtlichen Prozesses. Aber dialektisch und gleichzeitig ist sie der Ausgangspunkt einer politischen Bewegung. Innerhalb dieser Bewegung interpretiert die Arbeiterschaft, die dem Kapital zugeordnet ist, die produktive, soziale und politische Organisation der Ausbeutung und setzt sie in die Organisation ihrer eigenen Unabhängigkeit (Autonomie) um. Von diesem Ausgangspunkt der Entstehung der Arbeiterklasse kann man in der inneren Entwicklung des Proletariats dessen Aktionsprogramm erkennen.

Die Kritik am Leninismus, was die Autonomie des Politischen angeht, beginnt hier – aber leider besteht hier immer noch ein Stillstand, und sie ist noch keinen Schritt vorangekommen. Der Bruch mit dieser Haltung muss sowohl praktisch als auch politisch sein. Sicherlich kann der militante Historiker – um aus der Post-Gramsci-Phase herauszukommen – seinen Blick auf das antagonistische Verhalten richten, auf die tatsächlichen Brüche in der Verbindung zwischen Demokratie und Entwicklung. Auch auf die Kraftanstrengungen, die die Arbeiterklasse unternimmt, um ihre Autonomie auch über die Verhandlungen um den Preis der Arbeitermacht hinaus zu behaupten.

Der Historiker kann auch seinen Blick auf die gesellschaftlichen Gegensätze im institutionellen System des demokratischen Prozesses richten, auf die Normen, die das Konfliktverhalten in entwickelten Industriestaaten begrenzen, auf die Krisen etc.… Auch wenn er die Kategorie der Zusammensetzung der Arbeiterklasse unter Berücksichtigung dieser Realitäten noch weiter verfeinert, wird der militante Historiker niemals in der Lage sein, auf wissenschaftlicher Ebene das vorauszuahnen, was auf der Ebene der politischen Praxis noch nicht geschehen ist.

Anders gesagt: Für die militante Geschichtsschreibung wird es nur dann ein Entkommen aus der Nach-Gramsci-Phase geben, wenn die Bewegung der revolutionären Klasse in Italien sich von der Nach-Togliatti-Phase, der Phase als Minderheits- und Splitterguppen gelöst hat, wenn das Problem der Beziehung zum Programm auf den richtigen Weg gebracht wird und wenn die Kritik am Leninismus ersetzt wird durch eine Alternative zum Leninismus.

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5. Wissenschaft und Maschinerie. Wenn wir akzeptieren, dass die Verbindung zwischen Arbeiter und Maschine eine der grundlegenden Beziehungen ist, die die militante Geschichtsschreibung erforschen soll, dann müssen wir uns darüber klar sein, dass wir damit eine bestimmte Vorstellung von Wissenschaft übernehmen.

Wenn wir annehmen, dass alle naturwissenschaftlichen Kenntnisse bereits in die Maschinerie eingeschrieben sind, wenn wir gar annehmen, Wissenschaft und Technologie seien das Gleiche, dann beginnen wir das Problem der Wissenschaft als separater Institution, die relativ unabhängig von der Technologie ist, als zweitrangig anzusehen. Diese Unabhängigkeit war die Grundannahme, auf der die traditionelle Geschichtswissenschaft, einschließlich der kommunistischen, ihren Diskurs wie ihre intellektuellen Sichtweisen aufbaute.

In der Tradition der Arbeiterbewegung ist die Annahme, dass »Wissenschaft« eine besondere Kategorie sei, der Ausgangspunkt für die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Technologie, von Forschung und Anwendung derselben, von Forschung und Maschinerie. Es ist dieser Unterschied, der am Ursprung einer Definition des intellektuellen Arbeiters als »relativ unproduktiv« steht, gesellschaftlich neutral und ein potenzieller Verbündeter der Arbeiterklasse.

Nehmen wir nun im Gegensatz dazu den Standpunkt der Arbeiterklasse zur Wissenschaft ein: Wissenschaft als Maschinerie, folglich Wissenschaft als eine Macht, die der Klasse feindlich gegenüber steht, so Marx’ treffender Ausdruck in den »Grundrissen« (7), der intellektuelle Arbeiter als ein produktiver Arbeiter, der Teil des Kreislaufs der Vergesellschaftung des Kapitals ist, oder innerhalb des Apparates der Legitimation des Kommandos ist. Ein Arbeiter, der sich von sich selbst befreien muss, bevor er daran gehen kann, Bündnisse mit dem Proletariat zu suchen. Ein Arbeiter ohne Verbündete, der fähig ist, aus einer autonomen Haltung heraus von der Verweigerung zugeschriebener Rollen Gebrauch zu machen.

Auf diese Weise ist er in der Lage – bereits in der Form der abstrakten intellektuellen Arbeit –, eine Kraft zur Eigeninitiative, spezielle Formen der Organisation, der Verweigerung, der Organisation der Massen zu entwickeln. Schließlich: Wissenschaft und Technologie als Einheit gesehen, materialisieren sich in der Maschinerie, die eine »feindliche Macht« gegenüber der Klasse ist. Beide, Wissenschaft und Technologie, sind Objekte eines parallelen Prozesses der Befreiung der Arbeiterklasse wie auch der Intellektuellen, sei es konkret oder potenziell. Arbeiterklasse und Intellektuelle werden sich nicht eher in einer antagonistischen Weise bewegen, als bis mächtige und kraftvolle kognitive Prozesse innerhalb dieses Gegensatzes ausgelöst werden, die selbst ein Produkt des Konflikts sind. Eine latente Erfindungskraft befreit sich selbst und wird in spezifisches Wissen, neue Technologien und neue Wissenschaften umgesetzt.

Innerhalb dieses reichen Feldes des Wissens muss der militante Historiker lernen, seine methodologischen Instrumente zu suchen.

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6. Die Geschichte der politischen Institutionen und die Sozialgeschichte. Während der ganzen sechziger Jahre, und, für manche Kollegen, noch während der siebziger Jahre war das Beziehungsproblem zwischen politisch-institutioneller Geschichtswissenschaft und Sozialgeschichte, man könnte sagen, brillant gelöst: durch die Gleichsetzung von Fabrik und Gesellschaft.

Es hat keinen Sinn, das zu wiederholen, was dazu in Primo maggio 2 (Winter 1973/74, S. 1 bis 8) gesagt wurde. Die Gewissheiten der sechziger Jahre haben sich in die Zweifel der Siebziger und in die Krise und die Erneuerung des Marxismus verwandelt. Die militante Geschichtswissenschaft, und besonders die Geschichtswissenschaft, die sich noch auf eine marxistische Struktur der Kategorien stützt, findet sich gewaltsam zur Seite gestoßen. Das lässt das Feld offen für traditionelle geschichtswissenschaftliche Strömungen, die, unerschütterlich und mumifiziert in ihren akademischen Festungen, es wagen, sich weit über das Gebiet zu erstrecken, das früher einmal, wenigstens in Italien, das bevorzugte Jagdgebiet der militanten Geschichtswissenschaft war – z.B. in der Oral History.

Das Ergebnis dessen ist das, was wir zur Kenntnis nehmen mussten, als die Grenzen für die angelsächsische Oral History geöffnet wurden: Dass genau die Geschichtswissenschaft, die an den Rändern der Arbeiterklassen des Westens mit derselben Fremdheit herumjagt, als ob sie sich in den Wäldern des Amazonas aufhielte, in der Lage ist, sich selbst als eine innovative Strömung auszugeben.

Die Krise des Marxismus ist nicht nur auf der Ebene der Untersuchung von Klassen erkennbar, wo auf die eine oder andere Weise das Problem des Verhältnisses der Zivilgesellschaft zur gegebenen Produktionsweise immer noch große Bereiche der Übereinstimmung findet und neue Forschungshorizonte eröffnet, parallel zu dem, was für gewöhnlich als »Sozialgeschichte« bekannt ist, und, innerhalb der offiziellen Gruppierungen, den Punkt der geringeren Reibung mit der militanten Geschichtswissenschaft darstellt. Die Krise des Marxismus, und somit die Krise der militanten Geschichtswissenschaft, ist besonders in der Analyse des Staates und in der Beziehung zwischen dem Staat und der Wertschöpfung bemerkbar.

Hier spiegelt sich die Krise des Leninismus, oder, in anderen Worten, die ungelöste Beziehung zwischen Klassenzusammensetzung und dem Programm, dem uneingelösten Programm der zeitgenössischen revolutionären Organisation. Bis diese Krise gelöst ist, bleibt die militante Geschichtswissenschaft, die sich mit dem Staat und seinen politisch-institutionellen Apparaten befasst, das schlüssigste Modell der Wirtschaftsgeschichte der modernen Welt, der Geschichte der Geschäfts- und der Finanzbourgeoisie und der Geschichte der öffentlichen Einrichtungen, deren Ziel die Konsolidierung und Aufrechterhaltung des Prozesses der kapitalistischen Wertschöpfung ist.

Folglich ist die militante Geschichtswissenschaft in dieser schwierigen und vorläufigen Phase in der Lage, bereits bestehende Bündnisse mit der Geschichte des ökonomischen Denkens und der Ökonomie im engeren Sinne des Wortes zu begründen. Aber sie darf nicht vergessen, dass, falls Bündnisse und Konvergenzen möglich sind und diese in der Lage sind, die Krise der Wirtschaftsgeschichte in einem positiven Sinne zu beschleunigen, dies dazu führen kann, sich selbst von den Interpretationsschemata der Neoklassik und des Keynesianismus zu befreien.

Gleichzeitig muss sich die militante Geschichtsschreibung immer noch mit den ernsten Problemen auseinandersetzen, die sich aus der gegenwärtigen Krise des marxistischen Kategorienapparates und der Krise der Kritik der politischen Ökonomie ergeben. Theoretische Arbeit dazu ist sowohl möglich als auch notwendig, es ist eine Frage von Leben und Tod für die militante Geschichtsschreibung

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7. Proletarischer Internationalismus. Bisher wurde dies alles auf einer Ebene der Zusammenarbeit und der Solidarität zwischen Organisationen analysiert, die sich ideologisch nahe stehen, entsprechend einem Interpretationsschema, das vollständig institutionell ist. Wir sollten aber auf das Problem der internationalen Zerstreuung der italienischen Arbeiterschaft zurückkommen.

Die Geschichte des italienischen Proletariats wird solange eine unvollständige Geschichte sein, bis es eine Geschichte der proletarischen Auswanderung gibt – von den Vereinigten Staaten über Kanada und Südafrika, von Deutschland über Belgien, Mittel- und Westeuropa bis Australien und Afrika. Sie wird solange unvollständig sein, bis es eine Geschichte des kulturellen und politischen Wandels, der inneren Veränderungen, der schrittweisen Schichtung der vielfältigen italienischen Emigrationsgemeinschaften gibt; bis die Beziehungen zwischen ihnen und dem einheimischen Proletariat, der Produktionsweise und den lokalen Staatsapparaten erforscht wird.

Dieser Mangel an Aufmerksamkeit durch die italienische Geschichtswissenschaft ist die Folge eines politischen und organisatorischen blinden Fleckes. Lasst uns zum Beispiel die Geografie der internationalen Zerstreuung der italienischen Arbeitskraft in Beziehung setzen zur Geografie der antifaschistischen politischen Emigration. In bestimmter Hinsicht sind sie unterschiedlich: Das Proletariat wanderte nach Westen, die politische antifaschistische Emigration in die Sowjetunion. In anderer Hinsicht sind sie sich ähnlich, ohne sich zu berühren: Es gibt mehr Kontakte zwischen den italienischen antifaschistischen Emigranten und den bourgeoisen antifaschistischen Gruppen im Ausland als zwischen den Erstgenannten und den italienischen proletarischen Einwanderergemeinschaften im Ausland.

Besonders in den USA müssen wir – jenseits der heroischen Periode der IWW (8) und der ersten Welle der Einwanderung – die Bewegungen und die inneren Veränderungen der italienischen Gemeinschaften untersuchen. Warum erlangten sie Kontrolle in den Gewerkschaften und in wichtigen Sektoren der Arbeitermacht in den Vereinigten Staaten – auch über deren dunkle Machenschaften? Wie entstand dies aus der Zivilgesellschaft und aus den exportierten Subkulturen? Dies alles hat zu tun mit dem Problem der Gewalt in den Konflikten zwischen den Klassen(interessen) in den Vereinigten Staaten, aber es hat auch mit dem Problem der Gewalt im Allgemeinen zu tun.

Vor allem sollten wir die Migrationsmuster organisierter Gruppen, von Gemeinschaften, von Familienclans und Gruppen aus einzelnen Dörfern erforschen und sie mit der Migration von Einzelpersonen vergleichen. Wir sollten genau klären, wann die Auswanderung ganzer Familienclans gegenüber der Auswanderung nur der Männer bevorzugt wurde und welchen Effekt dies auf die Geschichte der italienischen Familie als einer Institution der Kontrolle und eines Produktionsverhältnisses hatte. Es müsste auch untersucht werden, welche Bedeutung dies bei der Versorgung verschiedener kapitalistischer Einrichtungen – besonders in Europa – mit einer billigen, willigen und flexiblen Arbeitskraft hatte.

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8. Das schnelle Veralten der militanten Geschichtsschreibung. Da die militante Geschichtswissenschaft ihre Stärke aus den kognitiven Werten und Thesen bezieht, die aus den Bewegungen der revolutionären Klasse entstehen, und da diese Bewegung in der letzten Zeit Anzeichen eines extrem schnellen Veraltens zeigt, da die militante Geschichtswissenschaft immer der Zeit hinterherhinkt und die Arbeit der Historiker langsam vorangeht, muss man das Problem des Veraltens der Intervention des Historikers, vor allem wenn die Intervention militant ist, auf die Tagesordnung setzen.

Dies ist auch ein Problem der Formen des Ausdrucks. Der Essay, die Rezension, das Buch finden zunehmend nur noch ein entferntes Echo in der Gesellschaft. Es wäre es wert, dass wir uns selbst fragen, ob wir nicht vielleicht unsere Darstellungsformen grundlegend ändern sollten und ob es nicht vielleicht mehr Sinn hätte, gemeinsam an einem Film zu arbeiten oder an einem Lied, als an einem Essay oder einem Buch.

Dieses Problem kann nur durch kollektive Neu-Organisation der militanten Historiker und derjenigen geschehen, die sich professionell den Methoden und Instrumenten einer anderen Form des Ausdrucks widmen. Auf diesem Feld hat die Bewegung (9) hunderte von selbst organisierten Initiativen hervorgebracht. Was ansteht, ist, dass wir uns selbst Instrumente geben, mit denen wir in der Lage sind zusammenzuarbeiten. Es kann keine militante Geschichtswissenschaft ohne eine »Politik des Kulturellen« geben.


Im Original erstmals publiziert unter dem Titel »Otto tesi per la storia militante« in Primo Maggio, Nr. 11, Winter 1977/78, S. 61-63.


Anmerkungen des Übersetzers

(1) Im Original deutsch.

(2) Danilo Montaldi, der Begründer der italienischen Oral History. Seine Studie über die Fabrikbasismilitanten der fünfziger und sechziger Jahre, Militanti Politici di Basi (Turin 1971), ist ein Klassiker der italienischen Soziologie.

(3) Delio Cantimori (1904–1966), der PCI nahe Sthender Ideen- und Religionshistoriker, auf Deutsch liegt vor: Italienische Häretiker der Spätrenaissance, Basel 1949.

(4) Amadeo Bordigha (1890–1970), wichtiger Intellektueller des italienischen Linkskommunismus.

(5) Quaderni Rossi, marxistisches soziologisches Journal, das von Raniero Panzieri und Romano Alquati gegründet wurde und sich vornahm, mit Hilfe der Marx’schen Arbeiteruntersuchung die Klassenzusammensetzung der neuen Welle an Fabrikmilitanz zu untersuchen, die im Italien der frühen sechziger Jahre stattfand. Vgl. Quaderni Rossi (Hg.): Arbeiteruntersuchung und kapitalistische Organisation der Produktion, München 1972; Claudio Pozzoli (Hg.): Spätkapitalismus und Klassenkampf. Eine Auswahl aus den Quaderni Rossi, Frankfurt 1972; Romano Alquati: Klassenanalyse als Klassenkampf. Arbeiteruntersuchungen bei Fiat und Olivetti, Frankfurt 1974.

(6) Pallmiro Togliatti, geb. 1893, war bis zu seinem Tod 1964 Vorsitzender des PCI.

(7) Im Original deutsch.

(8) IWW, Industrial Workers of the World, militante Gewerkschaft in den USA, deren Mitglieder auch als Wobblies bezeichnet werden. Gegründet 1905. Propagierte direkte Aktion und hatte vor allem ungelernte Arbeiter, Frauen und Black Americans als Mitglieder. Vgl. Gisela Bock: Die andere Arbeiterbewegung in den USA 1909–1922. Die I.W.W. Industrial Workers of the World; München 1976.

(9) Gemeint ist die italienische Autonomia. Das deutschsprachige Standardwerk zur Autonomia-Bewegung ist Nanni Balestrini, Primo Moroni: Die goldene Horde. Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien, Hamburg/Berlin 1994. Zur Theoriegeschichte des Operaismus vgl. jetzt Steve Wright: Den Himmel stürmen; Hamburg/Berlin 2005.


Primo Maggio erschien von 1973 bis 1988 und ist eine Geschichtszeitschrift, die sich nach dem Abklingen der ersten Welle der Arbeiterkämpfe in Italien historischen Fragen widmet, ohne eine klassische Theoriezeitschrift zu sein, vgl. Sergio Bologna: »Die Zeitschrift Primo Maggio der siebziger Jahre. Ein Beitrag zur Geschichte des Operaismus«, in: Karsten Linne, Thomas Wohlleben (Hg.): Patient Geschichte. Für Karl Heinz Roth, Frankfurt/Main 1993, S. 297–306.


Übersetzung: Bernd Hüttner. Die englische Rohfassung erstellte Ed Emery/London.

Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Bernd Hüttner, Gottfried Oy, Norbert Schepers (Hg.): Vorwärts und viel vergessen. Beiträge zur Geschichte und Geschichtsschreibung neuer sozialer Bewegungen.

AG SPAK Bücher, Neu-Ulm 2005, 176 S., 11 Euro. Das Buch erscheint dieser Tage

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