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Jan-Frederik Bandel und Theo Janssen: »Ewig hungrig, geil und müde«

»Ewig hungrig, geil und müde«

Die Kneipe »Palette« war im Hamburg der sechziger Jahre der Treff der Dropouts und Beatniks. Ein Gespräch mit uta juster, die von Hubert Fichte unter dem Namen »Heidi« zu einer Zentralgestalt seines berühmten Romans gemacht wurde

von Jan-Frederik Bandel und Theo Janssen

Uta Juster, wie sind Sie in die »Palette« geraten?

Ich bin in einem kleinen Dorf dreißig Kilometer hinter Stade aufgewachsen. So fuhr ich immer in die nächste große Stadt: nach Stade. Und da hab’ ich ein paar Typen kennen gelernt, die mir erzählten, in Hamburg gibt’s ein ganz tierisches Lokal, fürchterlich verrufen und wahnsinnig spannend. Da musste ich unbedingt hin. In der Bahn traf ich noch jemanden, der die »Palette« kannte und der sagte: »Da kannst du als Mädchen unmöglich alleine reingehen, das geht gar nicht! Vergiss es!« Ich bin hingekommen – und hab’ mich nie wieder irgendwo so prompt zu Hause gefühlt. Ich hatte das Gefühl: Jetzt bin ich da, ich brauche nirgends mehr hinzugehen.

Wie kam das?

Nun, wir sind in den Fünfzigern aufgewachsen. Wir durften nicht rauchen, wir durften nicht die Füße auf den Tisch legen, wir durften nicht auf den Boden aschen. Das konnten wir in der »Palette« alles tun! Es war auch okay, wenn jemand da hingespuckt oder das Bier an die Wand gekippt hat. Es war der einzige Laden, den ich je erlebt habe, wo überfüllte Aschenbecher vom Kellner genommen und unter dem Tisch den Leuten über die Füße gekippt wurden. Wer sich nicht auskannte, hatte schmutzige Füße. Es war ganz anders dreckig, als es zu Hause sein durfte. Unser Leitspruch lautete: »Ewig hungrig, geil und müde, asozial und arbeitsscheu.« Wir haben die Nächte durchgemacht, dann und wann hatte jemand irgendwo ein Zimmer oder Geld. Im Sommer konnte man an die Alster gehen, sich den Parka über den Kopf ziehen und im Rasen schlafen. In der »Palette« hab’ ich auch öfter geschlafen. Im letzten Raum, Palette Süd, war so eine Holzeckbank: Wenn man sich ein bisschen krumm machte, ging das. Parka oder Pelzmantel über den Kopf. Manchmal bin ich wach geworden, da hatten tausend Leute ihre Jacken und Mäntel in die Nische auf meinen Mantel geworfen, die ahnten ja nicht, dass ich darunter schlafe. Im Winter, wenn’s arschkalt war, waren wir weniger in der Palette Süd, sondern möglichst dicht am Kachelofen.

Also, die »Palette« war eine warme Höhle, man fühlte sich geborgen?

Es kamen auch keine Touristen rein, Leute, die nur mal gucken wollten. Wenn, dann sahen sie mal in den ersten Raum und waren auch schon wieder weg. Bis zu uns da hinten kam kaum jemals jemand. Es gab ein paar Schülerinnen und Schüler, die, wenn sie die Schule geschwänzt haben, da rumsaßen. Es war auch eine Bühne für Selbstinszenierungen: In der »Palette« konnte man der sein, den man darstellen wollte. Da konnte man sich so inszenieren, wie man sich sehen wollte.

Aber die auffälligste Inszenierung haben Sie zusammen mit jemandem auf die Bühne gebracht, der Sheriff hieß, oder?

Sheriff hieß eigentlich Peter und war, als ich ihn kennen lernte, Kellnerlehrling. Und privat spielte er eben den Sheriff – nur schwarze Cowboyklamotten, Stetson, noch eine Nummer cooler als alle anderen. Das hat mir wahnsinnig imponiert. Kurz darauf bin ich mit ihm abgehauen: Wir wollten nach Libyen. Eigentlich wollte er ja mit seiner damaligen Freundin, so einer rothaarigen Sekretärin, da runter fahren. Aber die Dame wollte unbedingt ihr weißes Kosmetikköfferchen mitnehmen in die Wüste. Sheriff sagte: Die Beduinen sind alle gastfreundlich, es gibt viele Stämme, und wenn wir bei jedem eine Woche bleiben, ist das Jahr um. Und dann können wir wieder von vorne anfangen. Aber wir sind nur bis Genua gekommen. Ehe wir losfuhren, hat Sheriff mich zu seinem Deputy gemacht. Und in Genua sind wir in unseren schwarzen Lederklamotten verhaftet worden. Sheriff hatte dummerweise auch noch eine Gaspistole dabei: Als die unsere Sachen durchwühlt haben, haben sie die natürlich gefunden. Na ja, und dann haben sie uns in getrennte Züge verfrachtet und zurückgeschickt.

Sie sind auch gemeinsam mit Sheriff auf Patrouille in Hamburg gegangen, richtig?

Nicht regelmäßig. Wir haben uns ID-Cards gemacht aus Pappe, Kartoffelstempel drauf. Sheriff hieß Blacky King. Dann haben wir Verwarnungen verteilt. Und ansonsten hat Sheriff mir die Hucke vollgesponnen, und ich hab’ ihm alles geglaubt. Ich wollte es glauben. Die »Palette« war ohnehin kein Laden, wo man sich wirklich näher kam. Schon der Name war zu viel.

Was war dort überhaupt Gesprächsthema?

Es wurde viel philosophiert. Wir haben Sartre gelesen, Camus, Allen Ginsberg, Jack Kerouac. »On the Road« war unser Leitfaden. Es fing eigentlich Ende der Fünfziger an mit den Beatniks, man musste einen anthrazitfarbenen Faltenrock haben und einen grauen oder schwarzen, ganz schlabbrigen Pullover. Die Augen möglichst mit Kajal fast zuschmieren, ganz schwarz, die Lippen mit Penatencreme oder Make-up praktisch farblos machen. Ringe unter den Augen waren auch nicht schlecht.

Wie war es mit Drogen?

Zur »Palette«-Zeit war das eigentlich kein Thema. Man konnte kein Haschisch kriegen: Es gab Gerüchte, auf der Reeperbahn würden Marihuana-Zigaretten verkauft, für fünf oder zehn Mark das Stück, aber ich hab’ nie welche gefunden. Haschisch ist eh keine Droge für St. Pauli. Wenn man nachts arbeitet und fit sein muss, tanzen oder sich prügeln oder was auch immer man machen muss, ist es nicht angesagt, den spacigen, friedlichen Kiffer raushängen zu lassen. Außer bei Köhler, dem »Wolli vom Kiez«: Wenn man zu dem ins »Palais d’Amour« kam, stand auf dem Tisch ein goldener Becher mit lauter fertig gedrehten Joints, richtig hübsch, mit kleinen Tüddelchen oben dran: »Greift doch zu, Leute!« Aber das war später. In der »Palette« war Haschisch kein Thema, das einzige waren Speedtabletten, um wach zu bleiben. Wenn man nicht weiß, wo man schlafen soll, und wach bleiben muss, ist es sinnvoll, Speedtabletten zu schlucken. Preludin. Das nannte man Sprechperlen oder Glückspillen. Man fing tierisch an zu sabbeln.

Haben Sie gearbeitet zu der Zeit?

Ich sollte mir eigentlich in Hamburg einen Job suchen. Die Mannequinschule hab’ ich damals gemacht, und gelegentlich hab’ ich auch mal irgendwie was gearbeitet, manchmal nur einen halben Tag. Länger als drei, vier Monate hab’ ich in meinem ganzen Leben nicht zusammenhängend gearbeitet. Es gab in der »Palette« einen Typen, Teppich-Peter: Der war Lehrling bei einem Teppichexporteur, hat das aber ums Verrecken nicht zugegeben, weil es ihm so peinlich war. Er hat allen erzählt, er wäre Stricher. Er ging mit mir in schwule Bars und hat mir den Stricher vorgespielt.

Was gab es sonst noch für Typen in der »Palette«?

Cäsar war eigentlich Kunsttischler und hat dann, glaube ich, noch ein Studium gemacht. Er machte ein bisschen auf ewiger Student. Manche fanden ihn fies, mir hat er imponiert. Er war eine Persönlichkeit, er hatte auch seine Rolle – und die spielte er gut. Er schlief immer in seinem 2 CV auf dem Parkplatz. Einmal hat er mich da auch schlafen lassen. Es war mitten im Winter, es war wirklich derbe kalt, hatte geschneit, die Türen schlossen nicht richtig. Er hatte eine Federbettdecke und meinte, ich könnte ja mit drunter kommen. Das wollte ich aber nicht. Also ist er mit seiner Federbettdecke auf den Rücksitz gegangen und hat geschnarcht wie ein Schneider, und ich hab’ versucht, mich auf den Vordersitzen um die Gangschaltung rumzuwinden. Nur mit einem Parka. Ich hab’ geklappert wie ein Tier, aber ich wollte ums Verrecken nicht unter seine Bettdecke.

Und Mac: Nun, immerhin hab’ ich ihn geheiratet. Er hat mir wohl imponiert. Er und seine Freunde waren wesentlich älter, so 26, 27, jahrelang zur See gefahren. Und er war der Leithammel. Als Frau fliegt man ja immer auf das Alphamännchen. Eigentlich war das das ganze Ding. Die waren nur besoffen, aber tierisch gut drauf dabei. Große Jungs, die Quatsch gemacht haben. Beim Springer-Haus haben sie diese riesigen Betonblumenschalen umgekippt und zum Dammtor gerollt. In der S-Bahn in die Gepäcknetze geklettert, auf dem Fischmarkt Eier geklaut und die Passanten beworfen. Mac sah natürlich auch recht gut aus, sehr männlich, hatte immer rote Cowboyboots, richtig mit Absätzen. Na ja, und ansonsten war meine Familie von ihm sehr angetan: »Den halt dir mal fest, Kind, der passt zu uns.« Zu ihnen passte er auch, aber zu mir nicht. Das haben wir aber zu spät gemerkt. Es war eine dieser typischen Muss-Ehen. Ich war 19, als ich schwanger wurde, die Abtreibung hat nicht geklappt. Wenn ich das Kind gekriegt hätte zu dem Zeitpunkt, hätte man es mir weggenommen, bis 21 wäre ich in ein Arbeitshaus gekommen. Im Grunde waren wir beide nicht so heiß auf eine Ehe. Wir haben aber trotzdem allen Ernstes geglaubt, wenn jemand heiratet, dann verändert er sich automatisch schlagartig. Die Frau wird zur soliden Hausfrau und der Mann zum arbeitssam Schaffenden, denn er hat ja nun eine Familie zu versorgen. Und dann passierte das gar nicht. Da waren wir beide fürchterlich enttäuscht. Dann haben wir gedacht, wir können eine ganz moderne, neue Art von Zusammenleben kreieren, war natürlich auch Blödsinn. Das war 1965, also noch vor 1968, vor der Befreiung. Tja, es hat nicht geklappt.

Mac und seine Seemansgang gehörten für mich aber auch nicht wirklich zur »Palette«. Für mich war die »Palette« Ersatzzuhause, große Freiheit, die lieben Freunde. Dass da zum Teil auch ganz üble Sachen gelaufen sind, hab’ ich nicht gewusst – ich wollte es auch gar nicht wissen. Wir haben unheimlich viel über Philosophie diskutiert. Nächte durch, bis wir so heiser waren, dass wir kein Wort mehr rausgebracht haben. Über Nietzsche und Gott und die Welt. Gedichte geschrieben. Hubert wollte einen Gedichtband mit mir rausbringen. Ich hab’ ihn ausgelacht, keiner hat geglaubt, dass er wirklich Schriftsteller ist. Jeder in der »Palette« hat erzählt: »Ich schreib’ ein Buch!«, »Ich komm’ als Maler ganz groß raus.« »Ja, ja, Hubert, klar schreibst du Bücher.« Er hat auch gesagt, er sei nur studienhalber da, weil er über die »Palette« schreiben will. »Klar, machen wir auch alle.« Wie gesagt: Keiner hat ihn ernst genommen! Ich hätte auch nicht geglaubt, dass wirklich mal ein Buch rauskommt.

Wie war denn die Begegnung mit Hubert Fichte überhaupt?

Wir dachten, er ist ein Spinner – aber er hatte Geld! Er konnte mir eine Cola kaufen, eine Suppe ausgeben. Und er war ja auch ein recht Lieber. Das einzige, was ich an ihm nicht mochte, war, dass er immer versucht hat, meine Männer anzubaggern. Später hatten wir keinen Kontakt mehr. Irgendwann hab’ ich ihn mal auf Sylt getroffen. Ich hatte alleine in den Bunkertrümmern geschlafen, wachte morgens auf, und meine ganzen Klamotten waren geklaut. Die haben mir wirklich die Tasche unterm Kopf weggezogen, während ich gepennt hab’. Nun stand ich da, ohne einen Pfennig am FKK-Strand. Auf einmal kommen mir Hubert und Lore entgegen, beide splitterfasernackt. Wenn man sich nur angezogen kennt und sich plötzlich nackt gegenübersteht, weiß man nicht so recht, wo man hingucken soll. Hubert war ja durchaus attraktiv. Trotzdem, man guckt sich ständig stur in die Augen. Jedenfalls haben die beiden mir zwanzig Mark geschenkt und ich bin doch noch ein, zwei Tage länger geblieben.

Ende 1964 ist die »Palette« dann geschlossen worden.

Zu dem Zeitpunkt war ich schon hochschwanger. Die Verlobung war während der »Palette-Zeit«, die Hochzeit auch: Das war im Oktober 1964. Wir brauchten Trauzeugen. In der Nacht, gegen zwölf oder eins, hatten wir noch keine. Und am nächsten Morgen sollte die Trauung sein. In der »Palette« war keine Sau, die nicht entweder gesucht wurde, keinen Ausweis hatte oder minderjährig war. Da hab’ ich Peggy Parnass angerufen, die kannte ich vom Aktionskreis für gewaltlosen Widerstand, ich war zu der Zeit auch politisch ein bisschen aktiv. Peggy hat das gemacht, und dann bin ich noch rüber ins Kriegsgegner-Büro, da war noch jemand dabei, Flugblätter zu drucken: Der wurde dann der zweite Trauzeuge.

Im Roman deutet Fichte darauf hin, dass Sie in einen Atombunker eingebrochen sind.

Jein! Die haben damals Atombunker gebaut – einer war auf der Wiese an der Kennedy-Brücke. Und damals war es eben alles offen, mitten im Bau – und ich hab’, um da ranzukommen, ein bisschen mit den Bauarbeitern geflirtet: »Erzähl mal, oh, wie spannend, Atombunker und so.« Ich hatte gehört von Friedensspionage und Leuten, die Pläne geklaut hatten, das wollte ich natürlich auch. Aber da waren keine Pläne! Da war gar nichts weiter, nur dieser Bunker halt. Und die Arbeiter haben mir erzählt, was das im Grunde für ein Beschiss ist, dass das so teuer ist und im Falle eines Atomschlags überhaupt nichts nützen würde, weil da nicht mal eine Luftfilteranlage drin wäre, die Luft kam durch ein Rohr direkt von draußen rein – da kannst du auch draußen bleiben. Na ja, es war die Zeit, wo sie erzählt haben, dass eine Aktentasche über dem Kopf echt was bringt.

Was war der Impuls für Sie, sich politisch zu engagieren? Und wieso war der bei den Leuten in der »Palette« so nicht da?

Der Gammler als solcher ist politisch absolut desinteressiert. Der weiß nicht mal, wer Präsident ist. Aber mich hat es halt interessiert! Ich mochte keine Uniformen, ich mochte keine Atombomben. Mein Vater war beim Bund, war Offizier, das war vielleicht auch ein Grund. Jedenfalls war ich beim Verein der Kriegsgegner und hab’ Sammel- und Flugblattaktionen mitgemacht. Aber es sollte ein bisschen mehr passieren, also bin ich diesem Aktionskreis für gewaltlosen Widerstand beigetreten. Da hab’ ich Peggy Parnass und Jakob von Uexküll kennen gelernt. Der Keller, wo wir uns trafen, gehörte einem gewissen Lange, der hier nachher Innensenator war und den Hamburger Kessel zu verantworten hatte. Bei dem haben wir auch mal Plakate gemalt. Er war damals richtig gut drauf, muss sich wohl um hundertachtzig Grad gewendet haben, später. Aber das haben ja einige.

Wir hatten jede Menge Pläne: Peggy wollte die Kriegsschiffe im Hamburger Hafen mit riesigen Ostermarschabzeichen bemalen – aber wir wussten nicht, wie wir rankommen sollen. Es war ja nicht wie bei »Greenpeace«, es gab keine Organisation, die auch mal ein Schlauchboot gehabt hätte. Es war eigentlich immer nur der gute Wille da. Mit Jakob hab’ ich gegen die Bild-Berichterstattung über den Ostermarsch protestiert. Wir sind da zu zweit rein, sie hatten schon die Bullen geholt, wir haben uns hingestellt, die Schilder hochgenommen, und schon waren wir verhaftet. Dann haben sie uns auf die Wache gebracht: »Nun geben Sie doch zu, dass Sie vom Osten finanziert werden!« Aus dem Grund bin ich damals in die NPD eingetreten, da hatte ich dann einen Parteiausweis, und wenn jemand kam und gesagt hat: »Alles Kommunisten, aus dem Osten finanziert, geht doch rüber!« – »Hier, NPD!« Da fiel ihnen nichts mehr ein. Aber nachher haben sie mich bei den Kriegsgegnern rausgeschmissen, weil ich in der NPD war. Und aus der NPD haben sie mich als kommunistischen Unterwanderer rausgeschmissen. Zu den Ostermärschen bin ich danach noch weiter gegangen, damit hab’ ich erst in den Achtzigern aufgehört, als man plötzlich unter SPD-Flaggen marschieren musste. Das war dann doch nicht so mein Ding. In meinem Tagebuch steht vorne ganz groß: »Was auch immer – mit mir nicht.«

interview: jan-frederik bandel und theo janssen


Von den Autoren und Lane Ole Hempel erscheint demnächst das Buch: »Palette Revisited. Eine Kneipe und ein Roman.« Nautilus 2005, 16,90 Euro

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