Home Story 10/06
Für einen ordentlichen Verbandskasten haben wir zwar kein Geld übrig, aber im Gegensatz zu anderen Redaktionen leisten wir uns eine teure Korrekturabteilung. Damit die werten Kollegen vom Stil- und Rechtschreibsyndikat aber nicht übermütig werden, haben wir sie in unsere Abstellkammer gesperrt, die sie sich nicht nur mit dem überquellenden Altpapiercontainer teilen müssen, sondern auch mit einem geologisch nicht erklärbar anwachsenden Berg von Bürostühlen. Es sind alte, defekte, schrottreife ehemalige Sitzgelegenheiten. Der einen fehlt eine Rolle, bei der anderen ist die Rückenlehne durchgebrochen, die meisten sehen noch schlimmer aus. Es müssen Dutzende sein. Woanders wird an anderer Leute Stuhl gesägt, bei uns sägen die Stühle – an unseren Nerven.
Wie nun rechtfertigen wir diesen stetig expandierenden Müllberg, der unsere geschätzten, zur äußersten inneren Kontemplation verpflichteten Wortwächter immer mehr bedrängt? Zunächst müssen Sie wissen, dass wir uns nicht nur keinen Verbandskasten leisten können (wurde das schon erwähnt?), sondern auch keine neuen Bürostühle. So nehmen wir immer dankbar Spenden anderer Redaktionen entgegen, wie zuletzt eine größere Fuhre Bürostühle von einer weltweit agierenden Nachrichtenagentur. Bisher dachten wir, reine Freundlichkeit oder selbstlose Kollegialität sei der Grund dieser Gaben, doch seitdem wir versuchen, unser morbides, hoffnungslos ineinander verkeiltes Stuhlkonglomerat loszuwerden, um den Korrektoren endlich den ihnen zustehenden Luxus und die ersehnte freie Aussicht auf den Altpapiercontainer zuteil werden zu lassen, wissen wir, dass es wohl andere Motive sein müssen. Bürostühle passen nun mal nicht in die Mülltonne, und die vorschriftsmäßige Entsorgung kostet derart viel, dass wir der Korrekturabteilung dafür glatt ein Penthouse aufs Dach bauen könnten. Mit Whirlpool. (»Wir sind einverstanden.« Gez. die Korrektur)
In dieser Zwangslage also befinden wir uns, und so kam es, dass der Herr Geschäftsführer, pfiffig wie er ist, die Überlegung ins Spiel brachte, ob es nicht Redaktionen gebe, die ökonomisch noch schlechter bestellt sind als wir, um ihnen, selbstlos und kollegial wie wir sind, unsere reparaturbedürftigen Stühle zu überlassen. Doch leider ist der Zustand der Ausschussmöbel so schlecht, dass man sie nicht mal einer Obdachlosenzeitung andrehen möchte oder der Bäckerblume. So sind wir also schicksalhaft an den Stuhlschrott gekettet bis ans Ende unserer Tage, und dabei könnten wir schon wieder neue gebrauchen, denn gesessen wird hier viel und leidenschaftlich. Doch auch das ist im Etat nicht vorgesehen. Ebenso wenig wie ein neuer Verbandskasten übrigens. Und Platz haben wir auch keinen mehr. Am Ende werden wir genötigt sein, den ausgemusterten Stühlen ein Penthouse zu bauen, während wir hier auf leeren Bierkästen vor den Bildschirmen hocken. Und wer fragt, wo der Sitz der Jungle World ist, dem antworten wir dann: Oben auf’m Dach, neben dem Whirlpool.



Facebook
Twitter
Weitere

