Michal Hvoreckys: Die Süchtigen

Die Süchtigen

Ein Auszug aus Michal Hvoreckys Roman »City: Der unwahrscheinlichste aller Orte«

von Michal Hvoreckys

Ich wurde am 29. Februar in Bratislava geboren, genau in der Mitte Supereuropas. Ganz zu Beginn jenes Jahrhunderts, das sich gern als das letzte bezeichnete, schon als es noch kaum begonnen hatte. Mein Name ist Irvin Mirsky. Doch eigentlich bin ich Irvin Mirsky II.

Einen Irvin Mirsky hatte es nämlich schon gegeben. Mein älterer Bruder war bei seiner Geburt gestorben, und meine Eltern hatten mir denselben Namen wie ihm gegeben. Sie zwangen mich meine ganze Kindheit lang, regelmäßig auf den Friedhof zu gehen, wo er beerdigt war. Ich musste ein Grab mit meinem Namen besuchen. Sie zogen mir Sachen an, die eigentlich für ihn bestimmt waren. Sie lasen mir aus seinen Büchern vor. Ich spielte mit seinem Spielzeug.

Wenn meine Mutter mit mir redete, hatte ich das Gefühl, sie meine eigentlich meinen Bruder. Mein Vater gab mir oft zu verstehen, ich sei nur das Plagiat eines Ideals, mit dem ich mich nicht messen könnte. Hinter seinen Worten verbarg sich die Kraft einer Illusion – eine Realität der stärkeren Sorte.

Woran meine Eltern wohl dachten, als sie mich zeugten? Wollten sie nur eine Replik herstellen? Gegen den Tod gibt es kein Heilmittel. Aber auch nicht gegen die Geburt.

Meine ganze Kindheit durchlebte ich als jemand anderes. Ich kam mir vor wie ein Ersatz in einer späteren Zeit. Eine Fortsetzung. Ein Sequel. Ich schaute mir selbst zu, als würde ich in einem Film mitspielen, der mir nicht gefiel und den bis zum Schluss zu sehen ich nicht die geringste Lust hatte. Wenn ich eine Weile Spaß an etwas hatte, wurde mir meist schlagartig klar, dass das eigentlich nicht meine Freude war, sondern dass derjenige sich amüsierte, der vor mir hier gewesen war und den ich nur vertrat und imitierte.

Das hört sich an wie eine schlechte Gruselgeschichte – und alles war erst zu Ende, als meine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen. Damals war ich elf.

Lange hatte ich das Gefühl, als wäre ich der einzige Überlebende des Untergangs von Atlantis. Vorher hatte es eine komplette Zivilisation gegeben, einen eigenständigen Kontinent, und plötzlich war alles weg. Ich war als einziger Zeitzeuge übrig geblieben und musste mich nun ganz allein an alles erinnern. Ich war das, was man einen »Staatszögling« nennen könnte. Fürsorgliche Beamtinnen zogen mich mit ihrer so­zialen Pflegemütterlichkeit auf. Von dem Wechsel an ein Internat, wo ich selbstständig werden konnte, war ich deshalb begeistert. Ich brauchte Veränderung.

*

Die meisten meiner Mitschüler hießen nach berühmten Marken. Das war modern, als unsere Eltern jung waren. Man konnte dafür von den Firmen ziemlich viel Geld bekommen, deshalb rissen sich die Familien regelrecht darum. In den Kinderwagen wimmelte es damals nur so von Babys, die nach Autos, Lebensmitteln, Möbeln oder Parfüms benannt waren. Die Mädchen hießen Lancia, Nivea, Novartis, Porsche oder Nestlé; die Jungs Gucci, Evian, Hilfiger oder Renault.

Noch schlimmer dran waren die Kinder, die einen so unerträglich langen Namen wie GlaxoSmithKline, Time Warner Cable oder Doppelnamen wie Thyssen Krupp trugen. Viele Mitschüler mussten zudem während ihrer Schulzeit teilweise mehrmals den Namen wechseln, wenn die von ihnen beworbene Firma verkauft worden oder gar Pleite gegangen war. Die meisten mochten ihre Namen nicht, doch sie konnten ja nichts dagegen tun. Aus ihren Verträgen kamen sie nicht heraus. Deren Auflösung hätte ein Vermögen gekostet. Wenn sie sich vorstellten, mussten sie außer ihrem Namen oft auch einen Slogan aufsagen, wofür es von den Firmen noch mehr Geld gab.

»Hallo, ich bin McDonald’s. Ich liebe es«, stellte sich mir ein Mitschüler vor.

»Irvin? Freut mich, ich bin Apple. Think different«, verkündete meine Banknachbarin.

»Hallo. Hier ist Vichy, weil Gesundheit auch Hautsache ist«, tönte es aus dem Telefonhörer.

Ich selbst bin nur dank der Tatsache verschont geblieben, dass es diese Mode zur Zeit, als mein Bruder auf die Welt kam, noch nicht gab. Ein normaler Name – das ist das Einzige, wofür ich ihm dankbar bin. Bei meiner Geburt bekamen meine Eltern schon in der Entbindungsklinik zahlreiche Angebote, aber ihr Entschluss, mich zu einem Ersatzmann zu machen, war stärker.

Schon damals wartete ich nur noch da­rauf, dass ganze Länder umbenannt und dadurch Staaten wie RedBullgarien, Whirlpolen, Chevrolettland, Pumarokko oder Mazdadonien auf der Landkarte auftauchen würden.

Die Jahre, in denen ich aufwuchs, gaben selbst gern vor, die fröhlichsten aller Zeiten zu sein. Endlich war der Babyboom gekommen. Eine Ära, die der neuen Konsumgeneration gehörte, die in einen Wohlstand hineingewachsen war, wie ihn die Welt bisher nicht gekannt hatte. Ich empfand das überhaupt nicht so. Jeden Tag sollte man in vollen Zügen genießen, aber ich verlor stattdessen einen nach dem anderen. Es war modern, so zu lächeln wie Figuren aus der Werbung, doch mir wollte das einfach nicht gelingen.

Wer von meinen Altersgenossen dazu in der Lage war, der war in seinem eintönigen Leben wenigstens permanent fröhlich. Ich konnte das nie. Ich genoss nur das, was nicht real war.

Mir scheint, dass seit einer bestimmten Zeit jede Epoche mindestens zweimal durchlebt wird. Die zwanziger Jahre. Die Dreißiger. Die Sechziger. Die Achtziger. Die Neunziger. Die Retromode schiebt mit Verspätung ganze Dekaden nach vorn und nötigt sie den folgenden Generationen auf. Künftigen Menschheitsgeschlechtern wünsche ich, dass sich das Jahrzehnt meiner Eltern nicht wiederholen möge. Der Hyperkonsum ist tot – so wie sie selbst auch.

Ich hingegen lebte weiter. Wo es nur ging, versuchte ich, aus meinen Altersgenossen Informationen über ihre Geschwister herauszulocken. Besonders interessierten mich Mitschüler, die einen Bruder hatten, einen einzigen, einen älteren. Ich wünschte mir sehr, dass dieser Bruder sterben möge und sie danach dasselbe durchmachen müssten wie ich. Kindliche Missgunst kann grausam sein.

Nach und nach flossen diese unbekannten Brüder zu einer Person zusammen, zur Traumvariante meines eigenen. Er sah genauso aus wie ich, hatte aber vollkommen andere Eigenschaften. Er lebte in meinem Kopf, und es ging ihm ausgezeichnet. Dafür war ich selbst nur ein entfernter Abklatsch von ihm. Ein Fremder in der eigenen Familie.

Wenn ich an meine Internatszeit zurückdenke, sehe ich sofort das Gesicht von Professor Frank und seinen beiden Kollegen vor mir. Bis heute werde ich diesen Geschmack im Mund nicht los. Er kommt aus heiterem Himmel, ohne dass ich vorher etwas ahnen würde. Trotz alledem kenne ich keine Männer, die ich mehr geliebt hätte.

An meiner Schule gab es den Schwerpunkt Kunst. Obwohl ich immer davon träumte, habe ich nicht gewechselt. Ich kam in die Fotografie-Klasse – immerhin hatte ich schon ein paar Jahre mit meiner Kamera herumgespielt. Wenn man tote Eltern und einen eindrucksvollen Lebenslauf vorweisen kann und nicht völlig neben der Spur ist, würde jede Kunstakademie wenigstens so viel Mitgefühl haben, einen auch ohne Eignungsprüfung zuzulassen.

Sexuelle Kontakte mit Lehrern waren für mich zweifellos reizvoll, und ich habe wirklich lange mit niemandem darüber geredet. Doch andere brachen ihr Schweigen. Genau aus diesem Grund kam mir noch zu Schulzeiten mein erster Partner abhanden: Professor Frank. Sie verhafteten ihn nicht. Ich war zu jung, als dass sich sein Handeln schon als sexuelle Belästigung oder Missbrauch hätte einstufen lassen. Sie versetzten ihn nur an einen anderen Arbeitsplatz, wo es keine kleinen Jungs gab. Es kam mir sehr mutig vor, dass mein Mitschüler seinen Eltern von diesen Erlebnissen erzählt hatte. Aber ich empfand es auch ein bisschen als Verrat.

Der Skandal hielt sich damals in Grenzen. Es war eine andere Zeit. Die Zeitungen durften von solchen Dingen nicht berichten. Und was mein Sexualleben anging, so fanden sich bald zwei Neue, die den frei gewordenen Platz einnahmen. Mit ihrer Wahl lagen sie bei mir richtig. Hartnäckig blieb ich weiter bei meinem Schweigen.

Es gab viele Möglichkeiten, solchen Kontakten aus dem Weg zu gehen oder sie vollkommen zu unterbinden. Doch davon machte ich keinen Gebrauch. Ganz im Gegenteil: Ich selbst forderte es eher heraus. Ich habe nie jemandem etwas ange­boten, dazu war ich viel zu schüchtern, aber ich habe es in Anspruch genommen. Und in gewissem Sinne habe ich es als Auszeichnung empfunden.

Mich zogen die dunklen und geheimnisvollen Dinge an, mit denen sich die Erwachsenen befassten. Ich wusste nicht, was das war und wohin mich das führen würde, aber ich hatte verinnerlicht, dass es als unanständig galt und man dazu Dunkelheit brauchte. Körper reizten mich ohne konkrete Vorstellung, rein instinktiv, nicht deshalb, um mich ihrer zu bemächtigen, denn ich wusste nicht, wie das ging, sondern einfach, um in den Bereich ihrer Strahlung einzutreten, um ihre Wärme und ihren Duft zu spüren. Wenn sich das Geheimnis der Frauen mit einer einzigen Bewegung enthüllen ließe, hätte ich sie nicht gemocht, ich hätte Angst gehabt. In meinem Innern waberte etwas Bedrohliches und Verblendetes, auf der Ebene von Blut und menschlicher Natur. Ich wusste nicht, was Frauen unter ihren Röcken an sicherlich warmen und weichen Stellen verbargen, und ich hatte Angst, es sollte ausgerechnet mir nicht beschieden sein, dieses Geheimnis bis in seine Tiefen zu erforschen. Und so spitzte ich lediglich die Ohren, kniff die Augen zusammen, streckte die Hände aus und stellte mir alles Mögliche vor. Das waren verständlicherweise nur unbestimmte Szenen mit verwischten Umrissen, wie im Nebel, doch ich spürte, in ihnen verbarg sich etwas, das für mich noch sehr wichtig werden würde.

Jene Männer führten mich in diese geheime, erregende Welt ein. Ein abspritzender Schwanz – wenn man zwölf ist, will man das endlich einmal sehen. Und ich sah es. Es war vielleicht ein bisschen seltsam, dass mir ausgerechnet die Lehrer für Mathematik und Religion diese Welt eröffneten – aber sie blieben ja nicht die Einzigen.

Solange meine Eltern noch lebten, war ich kein geschädigtes Kind. Auch kein So­zialfall. Nicht machtlos den Gelüsten von Päderasten ausgeliefert. Mein Vater war zweiter Geiger in der Philharmonie, und meine Mutter gab Klavierunterricht. Beide waren tot, noch bevor ich irgendein positives Verhältnis zur Musik hätte ausbilden können. Ihr Tod machte mir dieses menschliche Betätigungsfeld für immer zuwider. Ich besitze weder ein Radio noch CDs, und das alles fehlt mir überhaupt nicht.

In der neuen Schule war ich anfangs vollkommen verwirrt. So ein Geheimnis zu haben, ist allerdings nicht nur eine Last, darin liegt auch etwas Besonderes, Verschwommenes, Unausgesprochenes. Damals begann mich vieles von jenem Jungen loszureißen, der ich noch ein paar Tage zuvor gewesen war.

Sowohl Frank als auch die anderen beiden waren zärtlich, besorgt, liebevoll und viel weniger egoistisch, als man sich solche Leute im Allgemeinen vorstellt. Dank ihnen fing ich an, mich freier, niemandem und nichts mehr untergeordnet zu fühlen. Ich war wirklich kein ratloser Bursche mehr, und in dem Blick auf meine Mitschüler spiegelte sich nicht mehr dieselbe Unschuld wie vorher. Das war der definitive Schlusspunkt meiner Kindheit. Auf einmal passierte etwas mit mir. Anfänglich begriff ich lediglich, dass ich einen Kreis überschritten hatte, der bisher meine Sicherheitsgarantie gewesen war. Dass ich eine unbekannte Zone betreten hatte, die wie alles Neue gleichermaßen aufregend und beunruhigend war.

Diese Erwachsenen haben mich bestimmt ausgenutzt, aber ich hatte auch das Gefühl, dass sie mich ernst nahmen. Wenn ich unsere damaligen Gespräche heute wieder hören könnte, würden sie mir, glaube ich, genauso außerordentlich und wichtig erscheinen. Eins weiß ich auf jeden Fall: Nie wieder hatte ich später an Gesprächen solche Freude. Einer von den dreien, der Katechet, erlaubte mir, illustrierte Bücher von ihm mit nach Hause zu nehmen. Sie gehörten zu meiner Lieblingslektüre.

*

Als die Polizei auch meine zwei anderen Professoren festnahm, fühlte ich mich vollkommen unfähig, weiterzuleben. Die Welt rückte in noch weitere Ferne, und ein Blick, egal auf was, egal auf wen, konnte mich zum Ausrasten bringen. Ich wusste bereits, dass Fortsetzungen in jedem Fall weniger gelungen sind als Originale. Ein Original lässt sich nicht nachahmen. Ich war eben nur eine weitere Nummer zwei – gäbe es sie nicht, würde sie niemandem fehlen.

Vor der Verhaftung von Franks Kollegen hatte ich mich nicht für Pornografie interessiert. Nur manchmal versteckte ich unter dem Teppich ein Erotikmagazin, vielleicht gerade deshalb, weil es verbotene Früchte waren. Ansonsten reizten mich Fotos von nackten Frauen und Männern nicht. Und sie zu kaufen, war außerdem unnötig peinlich.

In meiner Einsamkeit entdeckte ich allerdings das Surfen im Internet. Hier war nicht zu befürchten, dass sich die Frau am Kiosk als ehemalige Nachbarin entpuppte. Ich lernte, dass ein einziger Klick in eine andere Richtung genügte, um plötzlich einen lebendig gewordenen Traum vor Augen zu haben. Und dann immer und immer wieder. Bis zu diesem Tag war ich ziellos umhergeirrt, und plötzlich tat sich vor mir ein neuer Weg auf. Eine einzige Website veränderte meine Welt.

Innerhalb weniger Sekunden installierte ich ein kostenloses Download-Programm. Peer-to-Peer-Netzwerke. Eine parallele Realität, in der weder Copyrights noch andere Einschränkungen existierten. Plötzlich überall auftauchende Links, jedem zugängliche Daten, empfangen ohne Grenzen. Zum direkten Erkunden bereitgestellte Pics. Weit aufgerissene kollektive Fenster.

Man brauchte nur noch das richtige Wort in die Suchmaschine einzutippen.

Es genügten sogar Zeichen. XXX. Drei X. Und sofort tauchten all diese durchgeknallten Gymnasiastinnen, geilen Amazonen oder ungehorsamen Teenager auf. Mädchen, die dem Text in Miniaturschrift am unteren Rand zufolge auf jeden Fall achtzehn waren, obwohl sie kaum wie dreizehn aussahen. Meine Altersgenossinnen. Unersetzliche Endorphinquellen.

Seit jener Zeit lebte ich zwei Leben: ein öffentliches und ein geheimes, privates. Jeden Tag löschte ich auf den Internatscomputern den Verlauf der besuchten Websites. Innerhalb weniger Sekunden konnte ich jeden Rechner, an den ich mich setzte, so einstellen, dass sich die aufgerufenen Internetadressen nicht nachvollziehen ließen. Wenn es ging, benutzte ich ausschließlich Browser, die die Identität perfekt geheim hielten und mir so die nötige Privatsphäre garantierten.

Trotzdem kamen die Erzieher meiner neuen Vorliebe auf die Spur. Empört stellten sie mich zur Rede, drohten mir, brüllten mich an. Mir ging das am Arsch vorbei. Ich erschrak nur bei dem Gedanken, sie könnten dafür sorgen, dass ich bis zum Ende meines Lebens keinen Computer mehr zu Gesicht bekäme. Als ich glaubte, mit dem Surfen sei es unwiderruflich vorbei, hatte ich das Gefühl, es würde mich in Stücke reißen. Ich ertrug die Vorstellung nicht, nach all den Verlusten auch noch auf das Internet verzichten zu müssen, das Wertvollste, was mir geblieben war. Mein Körper zitterte, bäumte sich auf, setzte sich zur Wehr. Ich war zwar sehr jung, doch ich war fähig, mich selbst in einen Zustand extremer Verzweiflung zu treiben, wie man ihn eher bei einem Erwachsenen erwartet hätte. Ich war gereizt und gleichzeitig erschöpft, und wieder bemühte ich mich, meine Erregung zu steigern und all die Wut, die ich in mir entdeckte, so gut wie möglich zu nutzen.

Zum ersten Mal fand ich mich in einer Therapie wieder. Ich begriff nicht, warum. Anfangs fühlte ich nur sehr undeutlich, dass in gesundheitlicher Hinsicht etwas mit mir geschehen war, wie wenn man bei einer Erkältung am Morgen mit einem dröhnenden Kopf aufwacht. In meinem Hirn spürte ich bereits die ersten Symptome jener eigenartigen Vergiftung. Damals lernte ich den süßlichen Krankenhausgeruch nach Elend, Wunden und desinfizierter Reinheit sehr gut kennen; er bildete auf lange Jahre den Hintergrund für meine Versuche, gesund zu werden. Noch hatte ich keine Erfahrung damit und wusste nicht, wie das in solchen Fällen lief. Da ich gerade eben noch in die Kinderabteilung gehörte, ließen sie mich zuerst einen Fragebogen für meine Altersgruppe ausfüllen. Diese guten Leute ahnten nicht, was ich schon alles hinter mir hatte. Sie wiesen mich an, ehrlich und wahrheitsgemäß auf die Fragen zu antworten:

Wie viele Drogen gibt es auf der Welt?

Stecken Drogen auch in Bonbons?

Wer hat Drogen und Abhängigkeiten erfunden?

Warum werden Drogen hergestellt, wenn sie doch schlecht sind?

Stimmt es, dass Abhängigkeit den Hunger stillt?

Ich antwortete:

Für mich nur eine.

Offensichtlich ja.

Mein Bruder.

Weil sie gut sind.

Meine, ja.

*

Die Schwestern schüttelten nur verständnislos den Kopf und konstatierten, dass ich offenbar ein schwierigerer Fall sei. Ich bekam eine Karteikarte, auf der ich ankreuzen sollte, was ich tun würde, wenn ich wieder gesund wäre:

Kunst

Sport

Handwerk

Abenteuer

Religion

Ich kreuzte Abenteuer an und ergänzte: Tu ich bereits. Die Ärzte deuteten das als gutes Zeichen. Angeblich setze mein innerer Heilungsprozess bereits ein. Ich absolvierte auch eine Konsultation mit einer Psychiaterin, einer sympathischen Frau mittleren Alters mit cremeweiß gefärbten Haaren. Anfangs wusste sie überhaupt nicht, warum man mich zu ihr geschickt hatte.

»Irvin. Dann erzähl mir doch erst mal, wovon du abhängig bist.«

»Bloß von Pornografie«, antwortete ich.

»Wie bitte? Bloß?«

»Ich schwöre, bloß das. Drogen nehme ich keine. Echt. Ehrenwort.«

Sie blätterte in einer dicken Broschüre und las dann eine Weile schweigend darin. Dann maß sie mir Blutdruck und Puls und machte mit den Fragen weiter:

»Gibst du oft unanständige Worte wie cumshot oder blowjob in die Suchmaschine ein? – Benutzt du eine File-Sharing-Software? – Findest du die Schlüsselbegriffe in Slangwörterbüchern im Internet?«

Ich hatte Lust, auf alle ihre Fragen mit »Jetzt ja!« zu antworten.

Zum Schluss drückte sie meine Hand, wie zur Bestätigung einer verschwiegenen Vereinbarung, und sagte: »Ein bisschen wirst du bei uns bleiben, und dann ist alles wieder in Ordnung. Jungs in deinem Alter kommen immer irgendwie davon los. Das Fernsehen hat dich auf Abwege gebracht. Deine Abhängigkeit ist deinem Alter nicht adäquat. Du verbringst viel zu viel Zeit vor dem Computer, das ist nicht gesund. Du solltest mehr draußen spielen, in der freien Natur. Ich denke, du kommst da wieder raus. Dein Blutdruck ist in Ordnung.«

Wenn diese Frau auch nur geahnt hätte, in welchen Positionen ich sie mir gerade vorstellte …

Nach drei Wochen wurde ich entlassen, denn Bett und Zimmer mussten für die vielen anderen Patienten frei gemacht werden. Ich kehrte zurück ins Internat, wo sie mir die Spielekonsole wegnahmen und Fernsehverbot erteilten. Ich durfte nicht nach draußen gehen. Und der Netzanschluss in meinem Zimmer wurde abgeklemmt.

Ich war wütend und tat so, als würde ich heulen. Ich fing damit an, in der Öffentlichkeit permanent meine Mimik und Gestik zu kontrollieren, jedes Lächeln. Ich spürte in meinem Innern einen immer größeren Riss – er tat sich auf zwischen dem, der ich war, und dem, der ich sein sollte. Kalt, ausdauernd und berechnend verstellte ich mich ohne Unterlass. Mit undurchdringlichem Gesicht und überzeugender Stimme belog ich alle um mich herum.

Meine Geschichtslehrerin, fanatisch gläubig, benutzte mich als exemplarisches Beispiel und sagte immer wieder gern: »Seht ihr, auch diesen sündigen Jungen, Irvin, hat Gott lieb. Und obwohl er und auch ihr anderen Gott noch nicht in euren Herzen gefunden habt, wird Gott euch das vergeben, und eines Tages werdet ihr euren Weg zu ihm finden. Dann wird nicht nur er euch, sondern werdet auch ihr ihn lieben.«

Mein Fall sprach sich schnell in der ganzen Schule herum, wodurch ich auch die letzten Freundschaften zu Mitschülern einbüßte. Sie zeigten mit Fingern auf mich, lachten laut, machten anzügliche Gesten und verspotteten mich. Anfangs war ich über diese Entwicklung unglücklich, doch dann stellte ich fest, dass mir die neue Situ­ation durchaus entgegenkam – ich brauchte einfach keine Gesellschaft mehr. Und schließlich war es mir völlig egal. Gleichaltrigen wich ich aus, denn keine ihrer Aktivitäten weckte mehr mein Interesse. Ihr beschränktes Denken und ihre Spiele konnten mir gestohlen bleiben. Sie erschienen mir langweilig und peinlich, ihnen fehlte die Vorstellungskraft, die ich mir durch das Internet aneignete, und ihre Sehnsüchte kreisten um lauter Kindereien. Sich vorzustellen, kennen zu lernen und einander näher zu kommen – das alles dauerte furchtbar lange und langweilte mich. Im Netz brauchte ich nicht Schritt für Schritt vorzugehen, alles war direkt verfügbar. Nach außen hin änderte sich nicht viel, doch mein Inneres war völlig umgekrempelt. Keiner Sache konnte ich mich mehr mit der gleichen Begeisterung widmen wie vorher. Es war wie ein Erwachen, ein neuer Anfang.

Ich stellte fest, dass mir im Internet auch die wildesten Auswüchse menschlichen Verhaltens gefielen, und ich bedauerte, wenn sie von irgendetwas eingeschränkt oder unterdrückt wurden. Auch das vernünftigste Nachdenken löste in mir nicht das Gefühl von etwas Unanständigem oder gar Empörung aus. Ich konnte mir beim besten Willen nicht einreden, dass die Gemütslage, die mich am Computer packte, etwas anderes war als reine Freude.

Ich ging heimlich ins Netz. Wieder kamen sie mir auf die Schliche. Und danach wieder. Es machte mich nicht einmal mehr wütend. Während der Therapien sah ich Dutzende, später Hunderte Männer, die genauso dran waren wie ich. Und auch Frauen. Pornografie war schon längst nicht mehr nur ein Problem der Männer.

Ich machte mich mit den Patientenrechten vertraut und nutzte die Vorzüge der ­sozialen Netze. Die Ärzte zwangen mich, »Beichten« zu schreiben, Briefe, in denen ich mich pathetisch vom Internet lossagte und mich nach der Befreiung meiner Seele sehnte. Ich musste hirnrissige, herzzerreißende Gebete aufsagen, Mantras gegen die Abhängigkeit. Laut verkündete ich, ich sei machtlos und bereue meine Taten über alles. Dabei dachte ich das genaue Gegenteil. Allerdings ging es in Wirklichkeit langsam, aber sicher bergab.

Einmal hing ich aufgrund meiner Erschöpfung drei Tage lang an Infusionen. Ich bekam regelmäßig Magnesiumspritzen zur Stärkung des Organismus. Sie sagten mir immer wieder, ich müsse die Fixierung loswerden, dieses zwanghafte Bedürfnis.

Eine Sucht ist im Prinzip eine Erkrankung des Gehirns, eine schwere Störung im Nervensystem, eine Veränderung der Gene. Deshalb probierten sie an mir auch eine harte Aversivtherapie aus. Sie zeigten mir ununterbrochen bestimmte Filmchen und glaubten, sie könnten mir dadurch meine Vorlieben austreiben. Sie ahnten nicht, dass ich all diese Streifen längst kannte. Sie schafften es nicht, mein Gefühl von Freude zu neutralisieren. Sie verstärkten es sogar noch!

Die Ärzte kamen immer wieder zur selben Diagnose. Oft diktierte ich in Gedanken, was sie in die Akte schreiben sollten: »Der Patient lässt nicht von seinen Gewohnheiten ab, obwohl die schädlichen Folgen klar zu Tage treten. Das Fehlen der Reizquelle äußert sich in psychischen und physischen Symptomen. Die Konsequenzen werden bei lang andauernder Abhängigkeit ähnlich sein wie bei Kokain.«

»Nur braucht man sich keine neue Nase machen zu lassen«, fügte ich in Gedanken hinzu.

Die anderen Patienten konnte ich nicht ausstehen. Sie erinnerten mich viel zu sehr an mich selbst. Sie waren labil, starrköpfig, unselbstständig und intrigant. Dauernd beschwerten sie sich oder gaben sich ihrem Selbstmitleid hin, beobachteten sich, beschäftigten sich mit sich selbst. Und alle wollten sie gesellschaftlich eine Rolle spielen.

Ich begriff nicht, um was es ihnen ging. Und das Einzige, was mich an ihnen interessierte, waren neue Informationen über Websites mit tollen Contents, Anleitungen zum schnelleren Downloaden, Tipps zu leistungsfähigerer Software oder zum Verschlüsseln. Kaum irgendwo habe ich so viel über meine Vorliebe gelernt wie bei den Entziehungskuren. Ähnlich tauschten sich auf der Nachbarstation die Fixer über ihre Erfahrungen mit Herstellung und Verkauf aus.

Viele Diagnosen über meine Mitmenschen konnte ich schon mit einem Blick in ihr Gesicht stellen. Leute von meinem Schlag fanden sich nicht zufällig an solchen Orten wieder. Die Augen verraten schrecklich viel. Ich lernte Frauen kennen, die die neuesten Antibiotika gegen Angina schnüffelten. Kinder, die abhängig von Mobiltelefonie waren. Männer mit dem zwanghaften Bedürfnis, 24 Stunden am Tag Fantasy-Kartenspiele zu spielen. Vereinsamte Mütter und Hausfrauen, die ihr Leben nach dem Schicksal von Telenovela-Figuren ausrichteten. Jungs, die auf Spielekonsolen fixiert waren. Alte Männer, die literweise Mundwasser mit Mentholgeschmack tranken. Junge Mütter, die ihren Babys Schnuller mit Heroin gaben, damit die sich beruhigten und endlich aufhörten zu weinen. Börsenmakler, die sich unaufhörlich in höchst riskante Transaktionen stürzten. Spielsüchtige, die in Online-Casinos ihre Ehefrauen und Kinder verzockt hatten. Weibliche Sexoholics im Teenager-Alter, die so viele Orgasmen täglich brauchten, dass man sie chemisch auslösen musste. Fettleibige Väter, die pro Tag zehn Kilo Fleisch aßen. Ich sah Zimmer voll mit diesen Menschen; sie waren still, sie waren klapprig, sie waren völlig saft- und kraftlos, ein jeder mit seinem eigenen Leiden, seiner Paranoia, seinen Wahnvorstellungen, dem Flüstern und Schreien der geheimnisvollen Stimmen in seinem Kopf.

»Hallo, alles klar? Gehst du zum Detox?«

»Grüß dich. Wie lange bleibst du noch hier? Ich nur noch eine Woche.«

»Zum wievielten Mal bist du in der Geschlossenen? Auch schon zum zehnten?«

»Wollen wir nicht mal zusammen zum Chefarzt gehen? Ich will endlich nach Hause!«

Einer war früher Vorstandsvorsitzender einer Bank gewesen. Ein anderer war noch vor kurzer Zeit durch ähnliche Gänge gewankt. Es war eine Universität gewesen, und er war der Rektor. Eine Dritte hatte früher einmal als Pressesprecherin einer multinationalen Handelskette gearbeitet. Eine Tür weiter lag an Infusionsschläuchen ein seines Amtes enthobener Bischof.

Meine Bekannten. Bessere hatte ich nicht. Andere Leute hatte ich nie kennen gelernt. Alles Gute in ihrem Leben war mit der Vergangenheit verknüpft, alles Schreckliche mit der Gegenwart und alles Unsichere mit der Zukunft. Wir duzten uns, denn so waren die Regeln. Wir waren einander wirklich gleichgestellt: einträchtig an der Schwelle zur selben Katastrophe.

Als ich Mexx das erste Mal traf, träufelte er sich auf dem Klo mit einer Pipette gerade irgendwelche Tropfen ins Auge.

»Ich nehm keine Drogen«, sagte er zu mir, als er mich sah. »Ich experimentiere nur mit einem veränderten Bewusstseinszustand. Ich bin Künstler.«

»Ich bin kein Arzt. Ich weiß, du bist Künstler und nimmst Drogen. Ein ganz gewöhnlicher Junkie eben. Aber warum tust du vor mir so, als würdest du dir das Zeug ins Auge tropfen? Du wolltest es doch trinken.«

»Du hast Recht«, gab er patzig zurück und kippte den Inhalt des Fläschchens auf ex. »Willst du auch? Ich hab noch ’ne Packung.«

»Ich trink diese Scheiße nicht. Ich gehör’ überhaupt nicht hierher. Ich bin nur zu Besuch. Klar?« Dann hielt ich es nicht mehr aus und fing an zu lachen.

»Machst du einen Entzug?«

»Bist du wahnsinnig?«, log ich.

In Wahrheit versuchte ich es wieder einmal. Aber Abhängige schauen nicht gern jemandem zu, der probiert aufzuhören oder der sogar schon längere Zeit damit ­Erfolg hat: Es ist deprimierend zu wissen, dass acht von zehn über kurz oder lang rückfällig werden.

Mexx’ Spezialität waren Pillen, von denen man epileptische Anfälle bekam, wenn man sie mit Alkohol hinunterspülte. Also tat er genau das – das Ergebnis war’s wert. Die Krämpfe dauerten bloß ein paar Tage. Danach war alles wieder in Ordnung. Mexx war der einzige Mensch, dem ich während all der Jahre in den Sanatorien ein wenig näher gekommen war. Die jeweiligen Gruppen der verschiedenen Abhängigkeiten hatten nur Verachtung füreinander übrig.

Auf der Station gab es auch Ego-Googler, eine eigenständige Kaste, ähnlich wie mein Fall, jedoch nicht besessen von anderen, sondern von sich selbst. Durch sie erfuhr ich, dass Google längst keine bloße Internet-Suchmaschine oder eine von Milliarden Websites war. Es hatte bereits unvergleichlich größere Bedeutung, war in Sprichwörter eingegangen und zu einer universellen Metapher geworden.

Du kannst vor nichts mehr sicher sein. Sobald irgendwas im Internet auftaucht, stöbert Google es auf. Findet Einzelheiten heraus. Überprüft die Relevanz der Quellen. Ergänzt Links. Sortiert die Details nach Wichtigkeit. Fügt Fotos hinzu. Filme. Geräusche. Und benötigt dazu genauso wenig Zeit, wie du brauchst, bis dir klar wird, dass du ein Problem hast.

Es sind Fakten, aus denen du dich nicht rauswinden kannst. Nachrichten, die du nicht leugnen wirst. Gib deinen Namen in die Suchmaschine ein, und du wirst dich auf dem Präsentierteller wiederfinden. Dabei beobachtet dich, wer auch immer das will. Und vielleicht ergänzt er gerade wertvolle Informationen über deine Vergangenheit.

Mach dich auf Erklärungen gefasst. Dein Chef. Dein Rechtsanwalt. Deine Freundin. Deine Mutter. Deine Tochter. Die Freundin deiner Tochter. Der Vater der Freundin deiner Tochter. Der Polizist, der vom Vater der Freundin deiner Tochter gerufen wurde. Alle werden sie Fragen stellen. Lange und gründlich.

Städte, in denen du angeblich noch nie gewesen bist. Sachen, die du ganz sicher nicht anziehen würdest. Firmengelder, die du garantiert nicht veruntreut hast. Hotelzimmer, in denen du bestimmt nicht geschlafen hast. Drogen, die du angeblich nie im Leben genommen hast. Stellungen beim Sex, von denen du deinem Partner gegenüber immer behauptet hast, dass du sie ekelhaft findest.

Geschiedene Ehen. Zerstrittene Familien. Fristlose Entlassungen. Aufgekündigte Freundschaften. Bankrotte Firmen. Verra­tene Passwörter. Veröffentlichte Privatnummern.

Die Leute, die in die Klinik gekommen waren, um diese Probleme loszuwerden, brachten mir sehr viel bei. Wir konnten keine Freunde sein, dafür waren wir uns viel zu ähnlich. Ihre Geschichte steckte voller Diagnosen, und meine auch.

In den Kliniken konnte man alles Mögliche auftreiben. Ich ergänzte dort meine Filmsammlung um mehrere Raritäten. Wenn ich gewollt hätte, wären auch DVDs mit Filmen, die erst nächstes Jahr ins Kino kommen würden, verfügbar gewesen. Musikalben, die noch gar nicht erschienen waren. Computerspiele, deren höchste Levels bislang überhaupt nicht fertig gestellt waren. Neue Drogensorten. Technikspielzeug. Alles für die Wracks des hoch entwickelten Konsums, für die Nebenprodukte der fortgeschrittenen Globalisierung. Ich hatte kein Interesse. Das, wonach ich suchte, konnte von nichts überboten werden.

Während dieser Aufenthalte erfuhr ich, ob ich wollte oder nicht, ab und zu auch Neuigkeiten aus der Welt. Terroristische Anschläge. Bürgerkriege. Protestbewegungen. Einmal traf ich jemanden aus Bratis­lava, der mir unbedingt erzählen musste, welche Entwicklung meine Geburtsstadt genommen hatte, nachdem sie sich vom Rest des Landes abgespalten hatte.

»Wir haben einen neuen Trend gesetzt. Mit dabei sind jetzt noch Rom und Wien, und Istanbul hat es auch vor! Wir haben die Ära der freien Städte eingeläutet, die nicht mehr mit der Provinz verbunden sein wollen. New York beneidet uns und träumt von einer ähnlichen Entscheidung«, berichtete er mir begeistert.

Ich begriff nicht, was er wollte. Es betraf mich nicht.

Ich genoss meine Kuraufenthalte. Über die Therapie machte ich mich in Gedanken lustig und freute mich darauf, bald wieder zu surfen. Ich lernte, mich in dieser Welt zu bewegen. Ich war mir über mich selbst im Klaren. Ich war mir über alles im Klaren: über mein Leben und meinen Tod, der kommen würde.

Einst hatte ich vor dem Monitor voller Obszönitäten vier, fünf, sechs und schließlich sieben Nächte in der Woche verbracht. Die Jahre gingen vorüber, und ich war lange Zeit davon überzeugt, dass ich mit Pornografie kein echtes Problem hätte.

Direkt nach dem Abitur besorgte ich mir eine Stelle als Assistent in der Public-Rela­tions-Abteilung einer Softwarefirma, denn dort gehörte es zu meinen Aufgaben, im ­Internet zu surfen. Natürlich passte ich an meinem Arbeitsplatz auf. Aber ich gewann einen Überblick.

Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich mich täglich mit Pornografie abgab. Ich weiß nur, dass es schrecklich viele waren. Ich genoss das mehr denn je und beharrte darauf, mir darüber keinerlei Sorgen machen zu müssen.

Meine felsenfeste Überzeugung, nicht abhängig zu sein, beruhte auf der allgemein verbreiteten Vorstellung, die man sich von Pornofreaks machte: abstoßende, schleimige Prolls mit eingefallenen Wangen, die kilometerweit stinken – das war das Klischee. Und das entsprach gewiss nicht dem, wie ich mich selbst wahrnahm. Ich hatte immerhin eine gemütliche Wohnung, eine ordentliche Arbeit und achtete auf persönliche Hygiene. Mich selbst als abhängig zu bezeichnen, erschien mir noch grausam, unbarmherzig und niederträchtig, als ich mich schon längst im freien Fall befand. Ich lebte von einem Tag zum anderen. Manchmal stellte ich mir vor, wie das alles enden würde, und ich wurde von schrecklicher Angst erfasst. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.

Oft arbeitete ich beim Surfen die Charts der gewagtesten Seiten ab. Keine dieser Hitlisten blieb jedoch lange aktuell. Schon ein paar Stunden oder höchstens Tage später hatten sie sich geändert. Ich merkte das sofort und besah mir umgehend die Neuzugänge.

Ich schaute mir alles an, was ich schaffen konnte. Tausende von Körpern kannte ich besser als meinen eigenen. Ich sah unglaublich viele. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, dreht sich mir der Magen um.

Statt auf die Bremse zu treten, beschleunigte ich unaufhörlich.

Internet-Kamikaze.

Ein hoffnungsloser Fall.


Gekürzter Vorabdruck aus dem zweiten Kapitel von Michal Hvoreckys Roman »City: Der unwahrscheinlichste aller Orte«. Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch. Tropen, Berlin 2006. 256 S., 19,80 Euro. Das Buch erscheint dieser Tage.

Buchpremiere: Freitag, 10. März, 20 Uhr: Michal Hvorecky liest mit seinem Übersetzer Mirko Kraetsch aus dem Roman. Anschließend Musik von DJ Timur aus Bratislava. Im Münzsalon, Münzstr. 23 in Berlin-Mitte. Anmeldung unter office@muenzsalon.net

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