Home Story 14/06
Irgendetwas ist anders. Die Luft in den Räumen der Redaktion wirkt bewegter, reiner und frischer. Sogar wenn die Fenster geschlossen sind, ist eine dezente Brise zu spüren. Fast wie von selbst geht die Schlussredaktion von der Hand, Analysen werden kurzfristig noch verschärft, gute Bildideen durch bessere ersetzt. Heiterkeit hat Einzug gehalten.
Der Schreibtisch eines Kollegen, der montags seinen freien Tag hat, blendet einen. Kein Papierchen, keine Tabakkrümel sind zu sehen. Gewöhnlich versetzt er seinen Arbeitsplatz, der die meiste Zeit des Jahres nach hartem Schaffen aussieht, nur dann in einen vergleichbaren Zustand, bevor er in Urlaub geht. Derlei Pläne sind jedoch weder seinen nächsten Kolleginnen und Kollegen noch dem Herrn Geschäftsführer bekannt. Nur eines können diese geheimnisvollen Vorgänge bedeuten: Der Frühjahrsputz hat begonnen.
Die für diese Woche angesetzte Rundumerneuerung der Redaktionsräume wird radikaler und gnadenloser ausfallen als alles bisher da Gewesene. Seit Tagen macht der Herr Geschäftsführer Überstunden, um die Liste der benötigten Reinigungsmittel zusammenzustellen. Chlorextrakte, Scheuermilch, Geruchsvertilger, Teppichreiniger, Entkalkungsmittel, Essigessenzen und Zitronensäuren, Mikrofasertücher und Zahnbürsten stehen darauf. Ein Industriestaubsauger und ein Sandstrahlgerät sind bereits angeliefert worden, ein Container samt Schuttrutsche ist bestellt.
In diesem Jahr wird nichts verschont, auch nicht das Mobiliar. Hektisch kleben Redakteurinnen und Redakteure rote Punkte auf die Gegenstände und Bücher, welche vorläufig in den Räumen in der Bergmannstraße verbleiben sollen. Der Duden aus der Korrektur ist nicht darunter. Zu verstaubt, zu unkritisch. Der Mainstream ist die Sache der Kollegen jener Abteilung nicht. Das Internet, welches etwa zu zwei Dritteln ausgedruckt in Stapeln und Haufen herumliegt, kommt ebenfalls weg. Diverse Geschäfts- und Privatwagen rollen heran, welche die Mengen von Altlasten an diverse Orte Berlins verteilen sollen.
Wenn Sie diese Zeitung in der Hand halten, wird die Jungle World bereits nicht mehr sein, was sie einmal war. Spüren Sie schon den Hauch von Frühlingsduft, die frische Brise zwischen den Seiten, die scharfsinnigen Gedanken, die sich plötzlich wie von selbst ihren Weg bahnen? Dann wird die Jungle World der Zukunft Sie umhauen.




