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Dagmar Schediwy: Blut und Bande

Blut und Bande

Die Verklärung der Familie in der Diskussion um das »Aussterben der Deutschen«.

von Dagmar Schediwy

Als man den kleinen Constantin im Krankenhaus untersuchte, litt er unter Kopfläusen, Krätze und Erfrierungen. Sein zweijähriger Bruder Benjamin war da bereits seit Monaten tot. Die Eltern, die sechsfache Mutter Sandra S. und ihr Lebensgefährte, hatten das Kind qualvoll verhungern lassen.

Die Leidensgeschichte der Geschwister aus Gen­thin in Sachsen-Anhalt wurde Anfang März im Spiegel dokumentiert. Nur 20 Seiten weiter wird im selben Heft das hohe Lied auf die Blutsbande gesungen. In der »Unter Wölfen« betitelten Story heißt es »Oh­ne Familie verlernt die Gesellschaft die Liebe«. Kinderlosigkeit sei zur neuen Leitkultur geworden. Die »Genussgeneration« sei angetreten, den eigenen Bauch­nabel anzubeten, und produziere damit den »biologi­schen Supergau«. Damit, so wird suggeriert, gingen auch Altruismus und solidarisches Verhalten flöten. »Eine Gesellschaft braucht auch ein Minimum an wachsenden Familien, damit die Selbstlosigkeit, die in den Familien produziert wird, in der Gesellschaft spürbar wird«, wird die zentrale These von Frank Schirrmachers neuem Buch zitiert.

Die neokonservative Apologetik von Familienglück und Kindersegen ist nicht nur deshalb ärgerlich, weil sie statistische Daten einseitig interpretiert und den Zusammenhang zwischen der Geburtenrate und der materiellen Situation von Familien geflissentlich übersieht. Nicht zufällig wurde 2005, dem Jahr mit der geringsten Geburtenzahl seit 1945, Hartz IV eingeführt.

Skandalös ist sie auch deshalb, weil sie über 30 Jah­re feministischer Kritik an der Kleinfamilie schlichtweg ignoriert. Denn der Feminismus hatte darauf hingewiesen, dass es die Frauen sind, die die Selbstlosigkeit und die Fürsorge in den Familien produzieren. Erziehen, aufziehen, anziehen, versorgen, zuhö­ren, auf­muntern, verpflegen, pflegen, trösten: alles weibliche Reproduktionsarbeit. Angeblich erbracht aus Lie­be und weil die Natur die Frau dazu vorgesehen hat.

Dass sich das heute wesentlich geändert habe, ist zwar ein Credo der Backlash-Ideologie, lässt sich aber mit Fakten kaum belegen. Noch immer flüchten Männer mit der Geburt ihres ersten Kindes aus den Familien: Die Zeit, die sie danach mit Frau und Kind verbringen, sinkt dramatisch und signifikant. Noch immer übernehmen Frauen den Großteil der Erziehungsarbeit. Und noch immer sind es zu fast 100 Prozent weibliche Familienangehörige, die Eltern und alte Verwandte pflegen. Um das zu erklären, grei­fen die neuzeitlichen Verfechter der Kleinfamilie zu einem uralten Trick aus der patriarchalen Mottenkiste: der Idealisierung. Frauen, so wird – wieder – gesagt, seien qua genetischer Ausstattung fürs Soziale prädestiniert. Ihre angeborene »emotionale Intelligenz« habe sie – zum Segen für die Gesellschaft – auf Selbstaufopferung und Fürsorge programmiert.

Erstaunlicherweise scheint die Propagandisten der Tugend aus dem Schoß der Familie die Nähe zur nationalsozialistischen Familienideologie nicht zu schrecken. Dabei lässt sich gerade an den Biografien der obersten Nazi-Schergen zeigen, wie irrig die The­se von der humanisierenden Wirkung der Familie ist. Denn die Männer der nationalsozialistischen Machtelite waren in der Mehrzahl weder Einzel­kinder noch kinderlos. Einige von ihnen wurden sogar als ausgesprochen liebevolle Familienväter beschrieben. Das hinderte sie nicht an der Planung und Durchführung von Krieg und Massenmord. Das galt für die großen wie die kleinen unter den »willigen Vollstreckern«. Nichts deu­tet darauf hin, dass ihr Familienstand sie vor der Ausführung von Gräuel­ta­ten zurückschrecken ließ. Im Gegenteil: Gerade der Hinweis auf die eigenen Familien in der Heimat spornte die deutschen Soldaten zu Massakern an den Frauen und Kindern anderer Bevölkerungen an.

Man sollte die neuerliche Verklärung der Blutsbande auch deshalb nicht unwidersprochen lassen, weil sie den Horror, der sich tagtäglich in Familien abspielt, negiert. Damit sind nicht nur die spektakulären Fälle von Vernachlässigung, Folterung und bewusster Tötung der eigenen Kinder gemeint, die sich in letzter Zeit häufen. Oder die Amokläufe von Vätern, die im Ehestreit die ganze Familie auslöschen. Gemeint sind die alltägliche Gewalt an Frauen und Kindern, die es trotz zunehmender gesellschaftlicher Ächtung nach wie vor gibt, und die Fälle von Kindesmisshandlung, deren Häufigkeit in den letzten Jahren sogar gestiegen ist. Gemeint ist der sexuelle Missbrauch von Kindern, bei dem die Täter fast immer im familiären Umkreis zu finden sind. Und auch die sub­tileren Formen von Missbrauch: Etwa die narzisstische Funktionalisierung von Kindern für die psychische Stabilisierung ihrer Eltern, wie sie zum Beispiel die Schweizer Psychoanalytikerin Alice Miller beschreibt.

»Es ist seit Jahrtausenden üblich und erlaubt, dass Kinder zur Befriedigung verschiedener Bedürfnisse gebraucht werden. Sie eignen sich zur Entladung aufgestauter Affekte, als Container für ungewollte eigene Gefühle, als Projektionsscheiben der eigenen Konflikte und Ängste, als Prothesen für das angeschlagne Selbstwertgefühl, als Quelle der eigenen Macht und Lust.«

In ihren Büchern schildert sie Erwachsene, die sozial erfolgreich und beliebt sind und doch über Depressionen, Selbstentfremdung, Gefühle der Leere und Sinnlosigkeit klagen. Diese »begabten Kinder« hatten durchweg Eltern, die an einem star­ken Gefühl der Selbstunsicherheit litten. Sie benutzten ihre Kinder, um doch noch ein Gefühl see­lischer Stabilität zu erlangen. Was sie seinerzeit nicht bei ihren Eltern bekommen hatten, holten sie sich nun bei ihrem Kind. Hier versuchten sie, sich die Bewun­derung und den Respekt zu verschaffen, die sie bei den eigenen Eltern vermisst hatten. Dabei frustrier­ten sie zwangsläufig das Bedürfnis ihrer Kinder nach Spiegelung, Beachtung, Verständ­nis und Respekt. Die so aufgewachsenen Kinder lernten um ihres psy­chischen Über­lebens willen schon frühzeitig, Gefüh­le des Zorns und der Wut auf die Eltern zu unterdrücken, bis sie eine Lebenskrise zur Konfrontation mit der Wahrheit ihrer Kindheit zwang.

In solchen Analysen bleibt allerdings die Wechselwirkung zwischen der gesellschaftlichen Situa­tion der Eltern und ihrem Erziehungsverhalten ausgespart. Dies gilt vor allem für die Mütter. Je weniger Glücks- und Verwirklichungsmöglichkeiten Frauen traditionell hatten, desto eher missbrauchten sie ihre Kinder für ihr eigenes zerstörtes seelisches Gleichgewicht. Dies hat die in den fünfziger Jahren geborene Frauengeneration der Babyboomer als Konsequenz aus ihrer eigenen Familiengeschichte begriffen. Je besser die Frauen dieser Generation ausgebildet waren, desto eher realisierten sie, dass zum Kinderhaben die psychische Entlastung durch einen guten Beruf und einen empathischen Partner notwendig ist. Wo eines von beiden fehlte oder durch die Entscheidung zur Familiengründung gefährdet schien, verzichteten sie lieber auf ein Kind.

So sind die Gründe für Kinderlosigkeit auch am wenigsten in einer hedonistischen Lebenseinstellung, Egoismus oder der Angst vor materiellen Ein­bußen zu suchen. Zu diesem Ergebnis kamen jeden­falls Studien aus den neunziger Jahren, die die Grün­de für bewusste Kinderlosigkeit bei Frauen untersuchten. Die meisten waren in Familien aufgewachsen, die dem Ideal der »heilen Familie« entsprachen. Sie hatten Mütter erlebt, die sich in der Dreifachbelastung von Haushalt, Beruf und Kindererziehung aufrieben, und Väter, die dies nicht durch Übernahme von Haushaltspflichten und Kinderbetreuung kompensierten. Deshalb wollten sie im eigenen Leben das Opfer ihrer Mütter nicht wiederholen.

Auffällig ist, dass sehr viele dieser Frauen aus sozialen Berufen kamen. Auch privat waren sie oft sozial engagiert. Nicht wenige entlasteten Freundinnen und Verwandte bei der Kinderbetreuung und hatten am Umgang mit Kindern Spaß. Dabei stellten sie hohe Ansprüche an die Mutterrolle. Die meisten waren der Auffassung, Kinder sollten die größtmögliche emotionale und materielle Zuwendung erhalten. Immerhin 40 Prozent vertraten die Auffassung, dass Frauen auf eine Berufstätigkeit verzichten sollten, solange die Kinder sie brauchten.

Ähnliches ist auch aus amerikanischen Selbst­hilfeorganisationen Kinderloser zu berichten. Die meisten Mitglieder hatten sich die Entscheidung gegen Kinder nicht leicht gemacht und über Jahre jeden Aspekt sorgfältig abgewogen. Aber auch sie hatten hohe Standards, was die Erziehung von Kindern betrifft. Letztlich waren sie zu dem Ergebnis gelangt, das sie selbst diesen Standards nicht genügten.

Genauso wie die Entscheidung gegen Kinder kann auch die Entscheidung für Kinder egoistischen Motiven entspringen. Sie können eine fehlende Identität und einen fehlenden Lebenssinn ersetzen. Sie werden benutzt, um einen Partner zu binden und kriselnde Beziehungen zu festigen. Sie sollen dafür sorgen, dass man im Alter nicht allein ist und immer jemanden zum Knuddeln hat. Sie sol­len ein Gefühl des Gebrauchtwerdens vermitteln. Sie werden geboren, um den Erwartungsdruck der eigenen Eltern zu vermindern. Sie sollen als Ersatz für erwachsene Partner herhalten, wo die Brüchigkeit von Beziehungen immer mehr zur Regel wird.

Ganz gleich, welche alten oder neuen Ideologien das Kinderhaben zur patriotischen Pflicht ausrufen und bei Zuwiderhandeln mit Strafe drohen: Ein Kind bekommen zu wollen, ist in den meisten Fällen nach wie vor eine Entscheidung, die zwei Menschen aus höchst privaten Gründen treffen. Es ist – auch wenn uns einige Medien etwas anderes weismachen – keine Katas­tro­phen­schutz­übung zur Rettung der Nation.

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