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Daniel Erk: Gefährliches Vollwissen

Gefährliches Vollwissen

Googeln fördert den gesunden Zweifel an den Quellen und demokratisiert das Wissen. Ein Plädoyer für den schnellen Überblick.

von Daniel Erk

Fachidiot, Nerd, Erbsenzähler – es gibt viele Begriffe für diejenigen, die sich gemeinhin in der Trutzburg des Wissens und der Kompetenz wähnen. Und ebenso gibt es viele gute Gründe, dieser Trutzburg und ihren Argumente und Einsprüche schwenkenden Bewohnern zu misstrauen – und folgt man nur dem ewigen Lied des Skeptizismus, dessen Strophen von Herrschaftswissen und Zensur, von Deutungshoheit und XY-Zentrismus handeln.

Doch auch jenseits des Politischen gibt es gute Gründe, sich gegen Detailversessenheit und für den Überblick zu entscheiden. Genau genommen lassen einem Gesellschaft, Wissenschaft und Weltwissen in diesen Dingen längst keine Wahl mehr. Die Frage ist vielmehr, ob man reinen Herzens und geraden Rückens die Abkehr von Perfektion und von der Illusion der Perfektion vollzieht – oder ob man sich gewollt blinden Auges zum Sisyphos des Wissens macht. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Man muss sich auch diesen Sisyphos des Wissens als glücklichen Menschen vorstellen – die leuchtenden Augen des Nerds, der akut über Carl-Barks-Comics, Märklinkataloge oder Futurama-Folgen doziert, geben davon Zeugnis.

Dennoch sollte man sich langsam von dem Gedanken verabschieden, dass sich aus Fach- und Detailwissen irgendeine Art von Überlegenheit – und sei sie nur argumentativ oder rhetorisch – ableiten lasse. Im Gegenteil: Das »Prinzip Halbwissen« ist derart erfolgreich – im Übrigen nicht erst seit der Erfindung von Google oder Wikipedia –, dass kaum einer ohne es auskommt. Es wird nur hartnäckig verleugnet.

Was zunächst wie die endgültige Kapitulation vor der Habermas’schen neuen Unübersichtlichkeit scheint, ist ein Konzept von Wissens­aneignung, das eine lange und hoch geachtete Tradition hat. Was bieten Enzyklopädien anderes als halbwegs gepflegtes, ad hoc veraltetes und von allen Widersprüchen bereinigtes Halbwissen? Wozu soll die schöne Tradition der Rhetorik noch gut sein, wenn nicht, um mit wenig Wissen viel Effekt zu erzielen? Man mag argumentieren, dass durch das Internet eine gewisse Beschleunigung und größere Verbreitung des Halbwissens stattgefunden hat, ja. Zur Verteidigung gegen eine immer komplexere Welt mag es aber dienen.

Vielmehr: Ist der halbwissende Allrounder, der zwar kein Fachgebiet sein Eigen nennen darf, dafür aber mit Unbekannten solide umzugehen und diese im Handumdrehen wenigstens grob einzuschätzen vermag, nicht wesentlich besser für das 21. Jahrhundert gerüstet als der tatsächlich weltfremde, auf sein Fachgebiet zurückgezogen lebende Experte? Als der Pedant, der drei Tage braucht, ehe er sich zu einer Aussage durchringen kann? Ist Kompetenz­vor­täu­schungs­kompetenz nicht schon immer ein Herrschaftsinstrument gewesen, das allerdings bislang nur denjenigen zur Verfügung stand, die Forschungsstellen und Hofgelehrte zu bezahlen vermochten? Ist die Klage über das Halbwissen nicht letztlich eine Klage über die Demokratisierung von Wissen, die – das ist wohl der übliche Preis – mit einer gewissen Verflachung einhergeht?

Halbwissen wird sehr gerne und sehr zu Unrecht in einem Atemzug mit Ignoranz oder fehlender Bildung genannt. Beides geht am Kern der Sache weit vorbei. Der Anspruch auf so etwas Abstraktes wie »Vollwissen« – als Summe allen Fachwissens – ist vollkommener Unsinn. Diese Illusion aufzugeben, ist nicht, wie das alte Eliten gerne sehen würden, eine Frage von fehlendem Anspruch, sondern von Anstand. Auf diesem »Vollwissen« zu beharren, ist letztlich einfach nur unaufrichtig – und in vieler Hinsicht auch dumm. Wer immer dieses »Vollwissen« kanonisieren zu können glaubt, kann maximal einen einseitigen Status quo von temporärer Gültigkeit verfassen. Oder prägnanter ausgedrückt: Jemand, der ernsthaft glaubt, im Besitz umfassenden Wissens zu sein, irrt zwangsläufig.

Die Überlegenheit dessen, der weiß, dass er wenig, vielleicht zu wenig, aber immerhin etwas weiß, liegt auf der Hand. Schließlich wird das Ideal, möglichst viel zu wissen, damit ja nicht aufgegeben. Es wird nur relativiert. Halbwissen als Prinzip gewordenes »Ich weiß, dass ich eigentlich so gut wie nichts weiß« hilft so zum einen, Distanz zu wahren, und zum anderen, gedankliche Freiheit zu entfalten.

Ministerien stellen heute für ihre Analyse- und Planungsstellen bewusst Mitarbeiter ein, die vom jeweiligen Fachwissen vollkommen unbeleckt sind. Derart befreit, sind sie in der Lage, überschaubare Themengebiete zu formulieren und darauf aufbauend Strategien zu entwickeln, während der mit Fachwissen beladene Kollege noch immer rätseln würde, ob nicht doch Verordnung K wichtiger sein könnte als Verordnung D. Das läuft dann unter »Komplexitätsreduktion«. Nur auf den ersten Blick ist verwunderlich, dass in diesem Fall das Halbwissen näher an der Macht ist als das Fachwissen. Nicht Wissen ist Macht, sondern Handeln. Zu viel Wissen lähmt letztlich.

Das Prinzip Googeln funktioniert in den Grundzügen ganz ähnlich wie die ministerialen Strukturen, nur dass einem statt eines hoch bezahlten Expertenstabs das Wissen der an das Internet Angeschlossenen zur Verfügung steht. Dieses googelbare Weltwissen mag unvollständiger, zusammenhangloser und bisweilen ideologischer formuliert sein, als man dies von herkömmlichen Nachschlagewerken gewohnt ist – zum Nachteil gereicht ihm dies aber nicht.

Der Zweifel an der Quelle ist eher Vor- als Nachteil. Allein die Frage, ob nun eher dem ersten der von der Suchmaschine ausgespuckten Resultate zu trauen ist oder ob es auf der Suche nach des Pudels Kern vielleicht doch den Aufwand wert sein könnte, auch die Suchergebnisse der nächsten vier Seiten zu begutachten, führt in letzter Konsequenz zu einem sehr bewussten und kritischen Prozess der Selektion der Quellen. Zudem wiegt einen die Gleichzeitigkeit möglicherweise widersprüchlicher und oft unvollständiger Angaben zum gesuchten Topos keinen Augenblick in der Sicherheit, etwas »wirklich zu wissen« oder – ein noch größerer Irrtum – gar »die Wahrheit« gefunden zu haben.

Man ist bei der Bewertung der Quellen beinahe ausschließlich auf seinen gesunden Menschenverstand angewiesen. Jede Quelle steht für sich, alle Quellen stehen nebeneinander. Direkter und eindrucksvoller kann man die Relativität von Wissen kaum vor Augen führen. Was also bleibt, ist die Einsicht, dass man findet, was man sucht, dass man sich aus dem vorhandenen Wissen – völlig unabhängig von Google oder der Wikipedia – immer das Wissen herauspickt, das sich in die eigenen Denk- und Argumentketten am leichtesten integrieren lässt, und dass – banal, aber relevant – alles eine Frage der Perspektive ist. So ist der Weg zu einem ordentlichen Halbwissen (für Absolventen sozialwissenschaftlicher Fächer ist dies im Prinzip die Quintessenz ihres Studiums) vor allem der dilettantische Versuch, einen roten Faden in die Weltwahr­nehmung eines zusammenhanglosen Haufens wildfremder Menschen zu bringen. Ein verwegenes Unterfangen, ja. Das aber dann legitim und annehmbar wird, wenn sich wenigstens der Autor darüber im Klaren ist, was er da tut.

Von Friedrich Nietzsche ist überliefert, dass »das Halbwissen siegreicher [ist] als das Vollwissen: es kennt die Dinge einfacher, als sie sind, und macht daher seine Meinung fasslicher und überzeugender.« Um dies zu wissen, muss man keine einzige Semesterwochenstunde auf Philosophie verwendet haben. Es reicht vollkommen aus, das Wort »Halbwissen« richtig in das Suchfenster einer Suchmaschine tippen zu können. Und dann zu wissen, was man daraus macht.

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