Kommentierte Brände
Analysen zu den Riots in den Banlieues. Eine Bücher- und Broschürenschau von Bernhard Schmid.
von Bernhard Schmid
In den letzten Monaten haben sich einige neue Buch- und Broschürenveröffentlichungen daran gemacht, so manche Mythen im Zusammenhang mit den Banlieues in Frage zu stellen.
In seinem 2006 erschienenen Buch über »städtische Pariaräume« (»Parias urbains. Ghetto – Banlieues – Etat«) geht der französische Soziologe Loïc Wacquant, der in Kalifornien lehrt, der verbreiteten Redeweise von den »französischen Ghettos« auf den Grund. Er forschte jahrelang in französischen Trabantenstädten und US-amerikanischen Schwarzenghettos – also an zwei Orten, die von bürgerlichen Journalisten und Laien oft miteinander verglichen werden.
Wacquants Befund überrascht nicht, die Gleichsetzung von beidem ist natürlich Unsinn. Zwar handelt es sich jeweils um soziale Räume, die durch die Gesellschaft entwertet wurden und in die anderweitig Unerwünschte aus den Unterschichten abgedrängt werden. Aber hier enden die Gemeinsamkeiten auch schon.
Wie Wacquant auf 330 Seiten herausarbeitet, haben die Banlieue und das US-Ghetto sonst kaum etwas miteinander gemein. Das Kriterium, das der räumlichen Trennung zugrunde liegt, ist im einen Fall sozialer und finanzieller Natur, während es im anderen unmittelbar an der Hautfarbe festgemacht wird. In den Banlieues leben Menschen äußerst unterschiedlicher Herkunft mit gleich niedrigem Einkommen unmittelbar nebeneinander. Dagegen leben im Ghetto einer US-Großstadt wie Chicago, das der Autor zum Vergleich heranzieht, nahezu ausschließlich und homogen Schwarze zusammen. Auch die schwarze Mittelschicht lebt zum Teil dort, während es in Frankreich keinen spezifisch maghrebinischen oder schwarzen Mittelklassenwohnort gibt.
Zudem unterhält das Ghetto einer US-Metropole deutlich weniger Interaktionen mit seiner Außenwelt als die Banlieue, da fast alle Institutionen der Community innerhalb dieses Wohnbezirks angesiedelt sind. Die Erwerbstätigkeitsquote im Ghetto ist ungleich niedriger, der Anteil staatlich Alimentierter und vom Erwerbsleben völlig abgekoppelter Personen (ledige Mütter etc.) ungleich höher als in einer französischen Vorstadt.
Die Gewalt, die sowohl in der Banlieue als auch im Ghetto stärker verbreitet ist als im Rest der Gesellschaft, ist ebenfalls nicht zu vergleichen. Das hängt mit der legalen Präsenz von Schusswaffen in den US-Städten zusammen.
Entgegen alarmistischen Warnrufen vieler Medien, die mit dem Begriff des Ghettos etwas Ähnliches suggerieren wollen, ist eine Angleichung beider Welten bisher nicht in Sicht.
Diese Dinge hat Yann Moutier-Boutang, der die Zeitschrift Multitude herausgibt, offenkundig nicht berücksichtigt. Denn er zieht in seinem Buch (»La Révolte des banlieues ou Les habits nus de la République«), das Ende 2005, also unmittelbar nach den Unruhen, erschien, einige Vergleiche zur Situation in den USA. Dabei knüpft er positiv an dortige Ethnizitätskonzepte an, die er dem abstrakten republikanischen Universalismus französischer Prägung entgegensetzt. Der Begriff der »nackten Kleider« lehnt sich an das Märchen »Des Kaisers neue Kleider« an, gemeint sind die staatsoffiziell erhobenen Ansprüche von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die in den Augen des Verfassers durch die Revolte demaskiert wurden.
Die offiziell vom französischen Staat vertretene Doktrin, dass unter Angehörigen der Republik nicht aufgrund von Herkunfts- oder anderen Kollektivkriterien, sondern nur zwischen abstrakt gesetzten Individuen unterschieden werden darf, kritisiert der Autor zu Recht als eine Verschleierung der tatsächlichen Hierarchien und Ausgrenzungsmuster in der französischen Gesellschaft.
Ein Abkömmling einer ehemaligen Kolonie hat eben im realen gesellschaftlichen Leben, also beim Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Wohnraum usw. keine gleichen Bedingungen. Deshalb müsste man den republikanischen Gleichheitsgedanken dringend an die Realität einer Immigrations- und postkolonialen Gesellschaft, die nicht frei von Diskriminierungen ist, anpassen und ihn durchsetzungsfähig machen.
Moulier-Boutang jedoch beklagt, dass die Republik »farbenblind« sei und verteidigt damit de facto die Idee ethnisch definierter Kollektive, wenn auch in emanzipatorischer Absicht. Diese sollen nach dem englischen Muster der »Integration von Communities statt Individuen« und dem US-amerikanischen Vorbild der affirmative action als Subjekte handeln können und Teil der globalen »Multitude« werden. Dass in Frankreich solche Ideen, wie zum Teil bei Nicolas Sarkozy unter dem progressiv klingenden Vorwand des Kampfs gegen Diskriminierungen, auch von Rechts vorgebracht werden, erwähnt der Verfasser nur am Rande, etwa wenn er Sarkozy mangelnde Konsequenz vorwirft.
Dabei ist Sarkozys Vorstellung höchst zweischneidig. Er plädiert tatsächlich für eine Abkehr vom abstrakten Republikanismus, um eine »positive Diskriminierung« nach dem Vorbild der affirmative action betreiben zu können. Aber zugleich will er damit auch das in Frankreich bestehende Verbot abschaffen, in Statistiken ethnische, konfessionelle oder auf die Abstammung bezogene Kriterien zu benutzen. Der Minister möchte endlich die ethnische Herkunft von Straftätern offiziell erfassen können. Das zeigt die Risiken eines solchen Plädoyers.
In Broschürenform oder als Sonderausgaben von Zeitschriften sind bisher mehrere Sammelwerke zur Analyse der Banlieue-Unruhen publiziert worden. Schon früh, im Dezember 2005, erschien die libertäre Zeitschrift Ni patrie ni frontières des gleichnamigen Zirkels (»Weder Vaterland noch Grenzen«) mit einer beeindruckenden Kompilation von Materialien zu den Riots. Ein Großteil davon besteht aus schriftlichen Stellungnahmen unterschiedlicher Kräfte der Linken, die mit einer Einführung oder kritischen Kommentaren versehen wurden. Sehr misstrauisch zeigen sich die Verfasser insbesondere gegenüber der Behauptung einer angeblichen »ethnischen« Dimension der Unruhen. Jenen, die ein ethnisch definiertes »Wir« nach den Riots propagierten, halten sie entgegen, dass auch der Leiter der Pariser Bereitschaftspolizei ein Schwarzer sei.
In der Ablehnung einer ethnischen oder gar religiös-konfessionellen Analyse wissen sie sich mit anderen Autoren einig, zum Beispiel mit den beiden prominenten Arbeitssoziologen Stéphane Beaud und Michel Pialoux, die in dem Sammelband »Une révolte en toute logique« (Paris 2006, erschienen bei L’Archipel des Pirates) den Zusammenhang zwischen Veränderungen in der Arbeitswelt und dem Leben in der Banlieue sowie den dortigen Unterschichtsrevolten untersuchen.
Beaud und Pialoux betonen: »Die schwerste Strafe, die (im Zusammenhang mit den Riots) verhängt worden ist, vier Jahre für das Anzünden eines Möbellagers, trifft einen 20jährigen Zeitarbeiter (…), Sohn eines französischen Arbeiters, der in einer Vorstadt von Arras wohnt.« Anders ausgedrückt: Sie trifft einen Weißen, wie er weißer nicht sein könnte. Dennoch sehen die Autoren insgesamt eine überproportionale Beteiligung von Immigrantenkindern an den Riots, aber wohl deshalb, weil deren soziale Situation eine andere ist als die vieler Sprösslinge von Herkunftsfranzosen.
In der Arbeitswelt beobachten die beiden Autoren, dass es für Jugendliche aus muslimischen Familien seit dem 11. September 2001 ungleich schwerer geworden sei, eine Beschäftigung zu finden oder zu behalten. Als Beispiel führen sie den Flughafen von Roissy an, den größten Arbeitgeber im Nordosten von Paris, in dessen Einzugsbereich auch Clichy-sous-Bois liegt. Systematisch werden gegen bestimmte Bewerber »Sicherheitsbedenken« geltend gemacht. Außerdem sei seit dem Ende des Internetbooms im Jahr 2002 die globale Arbeitsmarktsituation drastisch schlechter geworden, für viele Migrantenjugendliche habe das zur Folge, dass die vorher bestehenden »Schlupflöcher« kleiner geworden seien oder nun ganz verschlossen sind.
Auch die linksradikale Zeitschrift Oiseau-Tempête (Sturmvogel) widmete im Frühjahr 2006 eine ganze Ausgabe, ihre Nummer 13, dem Thema Unruhen in den Banlieues. Der Titel ist Programm: »Brände ohne Worte. Man hat uns den Islam und den Terrorismus angekündigt und die soziale Frage ist gekommen!«
Die Verfasser wissen sich dabei übrigens mit den höchsten Vertretern der Analyse-abteilung im Polizeiapparat einig. Im Dezember 2005 hatten nacheinander der hohe Polizeifunktionär Pascal Mailhos und die Direktion der Renseignements généraux (RG), die den deutschen Verfassungsschutzämtern ähneln, in den Zeitungen Le Monde und Le Parisien die von konservativer Seite manchmal behauptete Steuerung der Riots durch Islamisten klipp und klar dementiert. Die Direktion der RG sprach stattdessen von »einer Unterschichtsrevolte«. Zumindest diese Feststellung bietet noch ein wenig Anlass zur Hoffnung.




