Wenn er zurückkommt
platte buch
von Michael Saager
Joan Didions Buch »Das Jahr magischen Denkens« erzählt vom Leben zweier Menschen, die, man glaubt es der amerikanischen Journalistin und Romanautorin gerne, einander alles waren, 40 Jahre lang. Vorbei.
John Gregory Dunne stirbt am 30. Dezember 2003 an einem Herzinfarkt. Quintana, die Tochter des Ehepaars, liegt zur selben Zeit auf der Intensivstation. Lakonisch heißt es: »John redete, dann redete er nicht.« Bevor Didion diesen Satz niederschreiben kann, schreibt sie lange Zeit nichts, außer: »Das Leben ändert sich schnell. Das Leben ändert sich in einem Augenblick. Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf.« Das klingt nüchtern, präzise und fassungslos; sentimental klingt es nicht. Das ganze Buch hat diesen Tonfall. Das allein ist schon bemerkenswert. Und hat sicherlich viel mit schriftstellerischer Disziplin zu tun, doch mindestens genauso viel mit der Anlage des Buchs als kritische Selbstbefragung, als Versuch, dem Geschehen einen Sinn abzuringen.
Didion durchforstet auf der Suche nach Klarheit historische und psychologische Studien zum Thema Tod und Trauer. Sie beobachtet sich genau, schildert die extremen Wellen des Leids und die Strudeleffekte, die auftreten, wenn man allzu früh erinnerungsschwere Orte aufsucht. Und sie beschreibt ihr magisches Denken; ein Denken, das den Tod des Anderen nicht zu denken bereit ist: Johns Schuhe kann sie nicht weggeben. Er wird sie brauchen, wenn er zurückkommt.
Keinen Moment lang hält man die Autorin für verrückt. Der Tod eines geliebten Menschen ist vielleicht das Extremste, das man sich vorstellen kann; und bizarr anmutende Verhaltensweisen sind nichts anderes als angemessene psychische Reaktionen darauf.
Wirklich glücklich wird Didion wahrscheinlich nie wieder werden. Kurz nach dem Erscheinen des Buches im Jahr 2005 stirbt ihre Tochter Quintana.
michael saager
Joan Didion: Das Jahr magischen Denkens. Claassen, Berlin 2006, 252 S., 19 Euro




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