Home Story 22/07
Schon wenn er das Wort »Nein« hört, verzieht er in letzter Zeit schmerzverzerrt das Gesicht. Man müsse, mault der Thema-Redakteur, »auch mal Dinge gut finden, nicht nur immerzu nörgeln«. So einen Unsinn redet er immer öfter, wenn man ihn lässt. Er scheint, während wir nicht richtig auf ihn aufgepasst haben, seine Zeit mit sonderbaren Leuten zu verbringen, sodass er inzwischen klingt wie das Heer der ausnahmslos alles bejahenden Plapper-on-demand-Medienkasper, die das täglich frisch bedruckte Altpapier vollschreiben. »Optimismus-Flow«, »Zukunftsfähigkeit«, »Wirtschaftsstandort Deutschland« oder »Konjunktur-Wellness«, das sind die Worte, mit denen er neuerdings permanent um sich wirft.
Dabei stolziert er bramarbasierend herum und gebärdet sich, als habe er gerade sein Bachelor-Schmalspur-Philosophiestudium (»Seneca für Unternehmer«) summa cum laude abgeschlossen: »Es ist dem Seelenfrieden förderlich, sich an etwas zu erfreuen.«
Wer so daherredet, sagt der Korrektor warnend, dem sei nicht zu trauen. So einer werde künftig auch mal Pressesprecher der Atom- oder Chemieindustrie. Da dürfe er dann solchen Schlunz in die Kamera hineinsprechen: »Die Bürger müssen sich über den Störfall keine unnötigen Sorgen machen. Wir haben alles im Griff. Im Übrigen ist es dem Seelenfrieden förderlicher, sich an etwas zu erfreuen.«
Während die einen, allen voran natürlich der Korrektor, begriffen haben, dass nur die erbarmungslose und unnachgiebige Kritik den einzigen und steinigen Pfad zu Wahrheit und Erkenntnis markiert, sitzt der Thema-Redakteur grinsend an seinem Arbeitsplatz, wo er versonnen und wie entrückt die zwitschernden Vögel vor seinem Fenster anstarrt. Ein Speichelfaden hängt ihm an der Unterlippe. Vermutlich hat er gerade seinen Seelenfrieden. Besonders intelligent schaut er dabei nicht aus der Wäsche.
Lebensfreude, Frohsinn, Seelenfrieden. Irgendwer sollte unserem Thema-Redakteur mitteilen, dass es sich bei derlei Lebensphilosophie nicht gerade um das neueste Modell handelt, sondern im Gegenteil um die ziemlich abgestandene Soße, die den Leuten, die obenrum im Hirnkastel nicht besonders großzügig ausgestattet sind, beispielsweise auch in deutschen Volksmusikdarbietungen als Lebensmotto angeboten wird: »Lebensfreude, Spaß und Ausgelassenheit! Heißen Sie die Dingolfinger Zipfelbuben mit uns willkommen! Mir san die lustigen Holzhackerbuam …«




