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Jutta Sommerbauer: Der Poet geht

Der Poet geht

Der Roman des bulgarischen Schriftstellers Vladimir Zarev schaut mit Verachtung auf die neue postsozialistische Gesellschaft.

von Jutta Sommerbauer

Die Wege von Arm und Reich – sie kreuzen sich in der Großstadt Sofia. Es sind die Straßen der bulgarischen Großstadt, auf denen sich die Dreistigkeit und brutale Arroganz der bulgarischen Neureichen eindringlich materialisiert. Vladimir Zarev nennt so ein Beispiel, das für die Sofioter zum Symbol einer Gesellschaft der Ungleichen geworden ist: Die Graf-Ignatiev-Straße ist eine schmale Straße in der Innenstadt Sofias, auf der die Straßenbahn verkehrt und ein Fahrverbot für Autos gilt. Oder besser: gelten sollte. »Dort fahren ständig Jeeps und Mercedes durch, ob­wohl es verboten ist. Die Polizei hält sie nicht an«, erzählt Vladimir Zarev. »Wenn ich jedoch mit mei­nem Skoda durchfahre, dann werden sie mich anhalten und bestrafen. Aber die, die Millionen gestohlen haben, werden nie bestraft. Denn sie haben sich ­Behindertenausweise zu besorgen – ganz so, als ob die Behinderten die reichsten Leute Bulgariens wären.«

Vielleicht waren es die Beschwerlichkeit des postsozialistischen Alltags und die unzähli­gen kleinen Demütigungen, die er mit sich bringt, die Zarev seinen Roman über die bulgarische Trans­formation schreiben ließen. »Verfall«, so der Titel des Buches, stellt zwei Wendeschicksale einander gegenüber – den Werdegang eines erfolglosen Schrift­stellers und den eines erfolgreichen Geschäftsmanns.

Der 60jährige Vladimir Zarev ist eine imposante Erscheinung. Groß, kräftig, mit weißem Haar und akkurat gestutztem Vollbart. Bedächtig sitzt er, um­geben von Bildern, Ikonen und dunklem Interieur, auf einem Stuhl im Wohnzimmer seiner Wohnung in Sofia. Zarev ereifert sich nicht, wenn er über die Wende spricht, seine Stimme ist dunkel und gedämpft. Einzig der eindringliche Ton seiner Rede zeigt an, wie sehr ihm das Thema am Herzen liegt.

Vieles von dem, was er im Gespräch über die bulgarische Transformation erzählt, findet sich in seinem Roman wieder – in der Biografie des scheiternden Schriftstellers Martin. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Vladimir Zarev ist keineswegs ein gescheiterter Autor, in Bulgarien ist er sogar ein literarischer Star. Aber mit der randständigen Rolle der Intellektuellen in der neuen Zeit ist er dennoch nicht zufrieden.

»Die Intellektuellen wurden auf den Hinterhof unserer Gesellschaft geworfen«, kri­tisiert er. Das alte politische System habe die Intellektuellen zwar nicht besonders ge­mocht, ihnen jedoch »den Hof gemacht«. Damit sei es nun vorbei. »Nach der Wende wurde die Rolle der Intellektuellen geschwächt, man hat ihre Worte nicht länger beachtet. Das Wertesystem brach zusammen, und damit hatten die Intellektuellen verloren, denn sie standen an der Spitze des damaligen Wertesystems, so der Schriftsteller.

Um Geld, oder besser gesagt: um den chroni­schen Geldmangel, dreht sich Martins Leben. Ständig ist er auf der verzweifelten Suche nach ein paar Münzen, vor allem um Alkohol, Bier und Rakia zu kaufen, die der Alkoholiker für sein Wohlbefinden nun mal braucht.

Seit der Wende steht es schlecht um den Schriftsteller. Immer wieder ist er auf der Suche nach neuen, durchweg brotlosen Jobs; die Ehe mit seiner Frau Veronika, einer Uni­ver­­sitätsangestellten und Feministin, ist zerrüttet. Seine Töchter haben sich von ihm abgewendet: Die Ältere ist in die USA ausgewandert, nichts als sporadische E-Mails sind von ihr geblieben; die Jüngere, stark sehbehindert und später auch noch drogenabhängig, kehrt schließlich auch Bulgarien den Rücken und emigriert in die USA.

Bei einem seiner erfolglosen Versuche, an Geld zu kommen, setzt Martin das Wochenend­haus der Familie am Rande der Stadt aufs Spiel. Er vertraut auf den Plan eines zwielichtigen Antiquitätenhändlers, der ihm ein großes Geschäft vorschlägt. Der riskante Plan geht nicht auf – er verliert Eigentum wie Bargeld. Schließ­lich betrügt Martin noch seinen besten Freund, einen erfolgreichen Geschäftsmann. Und auch die Arbeit an seinem lange geplanten Roman mit dem Titel »Verfall« geht nur schleppend voran.

Was das Buch so lesenswert macht, ist der ge­naue Blick auf die postsozialistischen Verhältnisse, dargestellt in den Beobachtungen und Re­flexionen des Antihelden Martin, die den »Ausbruch der Demokratie« und seine Folgen kommentieren. Freilich kommt die Kritik an den neuen Verhältnissen nicht ohne Verklärung der alten Gesellschaft aus. Er berichtet von einstigen Poeten, die sich in einem Café im Keller der Zentralbibliothek treffen, einem – wie Martin es nennt – »Obdachlosenheim« und »Zufluchtsort für die herunter­gekommene und unglückliche Bruderschaft der Schreiber«. Hier schlagen sie die Zeit tot, brüten stundenlang über einem Glas Tee. Die Intellektuellen von früher fristen im sprichwörtlichen Untergrund ihr Dasein – von der Gesellschaft entsorgt, gefangen in sinnentleerten Dialogen.

Parallel dazu wird die Geschichte von Bojan aufgerollt. Im Verlauf der Geschichte wird klar, dass dies der Roman ist, an dem Martin schreibt. Bojan ist der Held der neuen Zeit, dessen Karriere mit der Wende beginnt. Zunächst unauffälliger Fotograf im Innenministerium in der Abteilung »Agitation und Propaganda«, wird er in den Herbst­tagen von 1989 von seinem Vorgesetzten, dem General Atanassov, dazu erwählt, mit der Firma »Union Tobacco« und im Zusammenspiel mit bul­garischen Zöllnern Handel mit unverzollten Zigaretten zu betreiben.

Dies ist der Beginn seiner schnellen Karriere. An­fangs hat er noch Skrupel, doch schon bald gewöhnt sich Bojan an das leicht verdiente Geld, seine neue Macht und seinen Einfluss. »Das kindliche Schamgefühl, das er angesichts des aufgetürmten Geldes anfangs besessen hatte, nahm ab und machte einer von Überdrehtheit und Überheblichkeit genährten Sicherheit, dass ihm das eben zustehe, Platz«, heißt es im Buch. Muss er anfangs das Geld noch berühren, um sich von seiner Existenz zu überzeugen, kommt bald »die Befriedigung eher vom Denken daran«.

Bei einem Geschäftstermin klärt ihn der bayrische großbürgerliche Unternehmer Andorfer über den Kapitalismus deutschen Zuschnitts auf: »Sie möchten sozusagen einen Coup landen, Herr Tilev. Aber Wirtschaft wird nicht mit ›billig kaufen – teuer verkaufen‹ gemacht, sondern mit Redlichkeit.« Kapitalismus sei eine »lange, vernünftige Liebe«, belehrt Andorfer den balkanischen Hitzkopf, sie baue auf Vertrauen und Partnerschaft. Neue Worte für Bojan, der jedoch schnell lernt: Geld ist kein Spielzeug, begreift er da – Geld schafft Ordnung, Geld ist Abstraktion und überlebt in jedem Fall seinen Besitzer. Und fortan lernt er, sich als Geschäftsmann mit weißer Weste zu präsentieren.

Doch dass das Geld auch ohne ihn existieren kann, das will auch er nicht einsehen. Und so überschätzt er sich selbst, als er meint, den Strom des Geldes aufhalten zu können: Als nämlich eine mysteriöse Figur aus der Vergangenheit auftaucht, um einen Teil des Kapitals zurückzufordern, glaubt Bojan, dass er sich über die getroffene Abmachung hinwegsetzen kann. Doch wie das so ist: Daraus wird nichts.


Vladimir Zarev: Verfall. Roman. Aus dem Bulgarischen von Thomas Frahm. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, 512 Seiten, 24,90 Euro

RM16

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