AbonnentInnenworld
Einige Leserinnen und Leser der Jungle World haben ihr Abonnement seit zehn Jahren, also seit der allerersten Ausgabe. Zwei von ihnen bringen uns nun ein Ständchen.
Warum ich die Jungle World von Beginn an und immer noch abonniert habe.
Gegen Identifikation geimpft
Was blieb mir anderes übrig? Nach einem Jahr in Berlin hatte ich noch nicht so viele Freunde – und bevor ich gleich drei auf einmal verlieren sollte, entschied ich mich für ein Abonnement der Jungle World. Vielleicht hätten sie ja dennoch Kontakt mit mir gehalten, der Redakteur dieses obskuren linken Blattes, den ich kannte, und die beiden Leser, die man kaum mit diesem profanen Begriff beschreiben kann, da ich weder früher noch später jemals enthusiastischere Leser einer Zeitung getroffen habe.
Nett sah es auch aus, dieses Spaltprodukt, das sich der antisemitischen alten Kader auf originelle Art und Weise entledigt hatte. Schade war nur, dass der Oberlehrer, wie ihn nur die deutsche Linke lieben kann, der Redaktion der Jungle World noch angehörte. Dabei war er ja der Hauptgrund gewesen, warum ich die junge Welt nur sporadisch gelesen hatte. Später ist er dann doch gegangen, und seine Pirouetten auf dem politischen Parkett haben manche überrascht, dabei blieb er nur seinem selbstverliebten Oberlehrerdasein treu. Dafür kamen andere seines Kalibers mit anderer Ausrichtung nach – es stand also immer etwas in der Zeitung, worüber man sich aufregen konnte.
Wunderbar waren die Ausgaben, in denen sich die Anhänger der Frankfurter mit denen der französischen Schule gefetzt haben, bis beide nicht mehr konnten (was sehr schade war), und man anschließend von »öden Orten« lesen konnte, die einem so manche Bahnfahrt erspart haben. Das Ganze dazu garniert mit ausdrucksstarken Dossiers über den Deutschen Herbst, die das Rauschen aller anderen Zeitungsblätter zum Schweigen brachten.
Auch bittere Stunden gab es, in denen die Jungle World mir Trost spendete, als ich mit Entsetzen zusehen musste, wie sie wieder mal Belgrad bombardierten, und alle fanden’s gut – nur Winnetou und die Jungle World hielten zu mir in meinem einsamen Aufschrei inmitten meines grünen Müezels.
Danach war sie die Rettung in meiner ländlichen Diaspora. Auch wenn ich von dort aus einen leichten Sittenverfall beobachten musste, etwa eine Themenauswahl, die manchmal vom Ticker inspiriert zu sein schien. Aber wo finde ich sonst ein »Deutsches Haus«, das mir sagt, wo ich zuhause bin, oder ein Dossier, bei dessen Lektüre ich mich zur Erholung über Emily Dickinsons Bindestriche amüsieren darf?
Gut, dass nun alles anders wird, denn jetzt wurde ich zehn Jahre gegen Identifikation geimpft. Und was denke ich, als eine mir vollkommen fremde Frau sich mir gegenüber in der bayrischen Oberlandbahn hinsetzt und ein buntes, exotisches Blatt auspackt: Ob ich sie fragen soll, was Markus wohl nächste Woche im Knast mit den Nazis machen wird, oder ob sie zu denen gehört, die die Comics nie lesen?
tobias schrag, berlin
Warum ich die Jungle World von Beginn an und immer noch abonniert habe.
Schnelle Post
Am Anfang war der Name: Aus der jungen Welt der einstigen FDJ eine Jungle World hervorgehen zu lassen, hielt ich für eine den neuen deutschen Umständen bestens entsprechende Idee; das Konzept wandte sich auch optisch und inhaltlich an junge Leserschichten, und so schien es mir sinnvoll, eine neue linke Wochenzeitung zu unterstützen.
Ich meine, alle am Erhalt der Zeitungsvielfalt interessierten Leser sollten, soweit das nötige Kleingeld vorhanden, die fortwährend notleidende linke Presse unterstützen, unabhängig davon, ob sie nun mit allem inhaltlich konform gehen. Als im Ausland lebende passionierte Zeitungsleserin nehme ich die deutsche Tagespresse nur punktuell zur Kenntnis, und da die wenigen deutschsprachigen linken Wochen- und Monatsblätter hier keinen Vertrieb haben, muss man sie abonnieren, wenn man sie lesen will und sich nicht mit dem Internetverschnitt anfreunden kann. Die Jungle World ist bei der Postzustellung übrigens am schnellsten (die Nummer 24 vom 13. Juni erreichte mich schon tags darauf in Venedig).
Ich lese sie nicht immer sofort, weil sich einiges auf meinem Zeitungsstapel anhäuft, aber die tollen Titelseiten laden mich immer zumindest zum Durchblättern ein. Diese Titelblätter halte ich für eine der Stärken des Blattes, sie erinnern mich manchmal in ihrer Qualität an die der italienischen Tageszeitung il manifesto, die berühmt dafür ist und ab und zu Buchausgaben ihrer besten Titelblätter macht. Das könnte die Jungle World auch mal tun: z.B. die 30 besten Titel der letzten 10 Jahre als Sonderdruck für 30 Euro – da käme etwas in die Kasse und es diente auch der Reklame. Ich erfahre nämlich immer wieder, dass das Blatt in Deutschland weitgehend unbekannt ist, sogar bei Berlinern! Ich bin gespannt, ob die angekündigten Veränderungen das Blatt auch in Zukunft weiter lesbar machen.
susanna böhme-kuby, venedig




