Adrian Geiges: Klarer Kampfauftrag

Klarer Kampfauftrag

In den siebziger Jahren in der baden-württembergischen Provinz aufzuwachsen, war kein Spaß. Wer Mitglied in der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) wurde, der Jugendorganisation der DKP, hatte wenigstens ein Ziel vor Augen: Berufsrevolutionär zu werden. Was also liegt näher, als sich von der Partei zur Kaderschulung in die DDR schicken zu lassen? Von der Dialektik des Alltags im Realsozialismus, von Sandy, dem schönsten Gesicht der FDJ, und davon, wie manche Genossinnen und Genossen den Moralbeschluss der Partei umgingen, erzählt ADRIAN GEIGES.

von Adrian Geiges

Hüben

Ich war unterwegs zu Kalle, meinem Kreisvorsitzenden und Freund, wenn auch einem sehr ungleichen. Kalle war im Unterschied zu mir kein »Intellelli«, wie er abwertend Intellektuelle nannte. Er arbeitete als Werkzeugmacher im Großbetrieb. Seinen Bart hatte er von Lenin abgeguckt, dazu trug er schulterlanges Haar und meist rote Hosen, passend zu unserer Weltanschauung. Und noch etwas war anders: Ich beobachtete das Knutschen auf Schülerpartys immer einsam aus einer dunklen Ecke. Kalle hingegen zog viele Frauen durchs Bett – natürlich nur Genossinnen. Nach dem Sex fragte er sie: »Na, wie war’s, mit dem Kreisvorsitzenden zu schlafen?« Aber davon wusste ich damals noch nichts. Und Kalles Freundin Margot auch nicht.

Kalle wohnte bei seinen Eltern, um Geld zu sparen. Trotz der Kälte gingen wir mit Regenschirmen in den Garten des Einfamilienhauses. Hier konnten wir uns abhörsicher unterhalten. »Ich möcht’ heut’ e’ Kadergspräch mit dir führe’«, sagte Kalle. Wir sprachen, wie die meisten in der Gegend, ein Kauderwelsch, das schon kein alemannischer Dialekt mehr war, aber eindeutig noch kein Hochdeutsch. »Adrian, was denksch du über dei’ Perschpektiv?« Ich zuckte zusammen. Kalle wollte mit mir über meine berufliche und politische Zukunft sprechen! Konnte ich jetzt von meinem großen Traum reden? Ich hatte es bisher nie gewagt.

Ich zögerte einen Moment. Dann legte ich los. »Ich bin jetzt drei Jahr’ in de’ SDAJ und mehr als zwei Jahr’ in de’ Partei«, sagte ich. Mit Partei meinte ich die Deutsche Kommunistische Partei, der ich an meinem 16. Geburtstag beigetreten war. »W-w-wie du weisch, g-g-g’hör ich zu de Aktive.« Ich stotterte, wie immer, wenn ich unsicher war. Vielleicht hatte das Stottern angefangen, weil mich als Niete im Sportunterricht keiner in der Fußball- oder Basketballmannschaft haben wollte. Ich wurde immer als Letzter gewählt, das war so erniedrigend. In der SDAJ war es anders, Kalle und die anderen akzeptierten mich. Aber jetzt wollte ich etwas sagen, von dem ich glaubte, dass ich es eigentlich nicht sagen durfte. »Na-natürlich habe mr viele gute Leut’. Und wer was macht, des muss de Partei entscheide’. Aber, offe’ gschtande, ich wü-wü-würd gern mehr mache’. Wie die Ha-ha-hauptamtliche’.« Damit meinte ich die, die mich mehr beeindruckten als alle anderen, die hauptamtlichen Funktionäre. Sie engagierten sich Tag und Nacht, gingen kei- nem Beruf mehr nach, hatten das bürgerliche Leben hinter sich gelassen. Sie waren die Elite der Partei, die Elite der SDAJ. Sie verstanden sich als Berufsrevolu­tionäre.

Ich schämte mich für mein Stottern, gerade in diesem wichtigen Gespräch. Aber ich konnte es nicht unterdrücken, denn ich wusste: Es war dreist, sich selbst für eine Funktion als Hauptamtlicher vorzuschlagen. Die toten Kämpfer drehen sich im Grab um! Das war keine Lehrstelle im Fernmeldeamt oder ein Studienplatz für Physik, worum man sich bewarb. Das war kein Beruf, sondern eine Berufung. Und berufen konnte einen nur die Partei, wer auch immer das war, der dort entschied. Fest stand: Nur die Besten wurden dafür ausgewählt. Aber mit Kalle war ich gut befreundet, warum nicht mit ihm darüber reden? Zumal Kalle gesagt hatte, er wolle ein Kadergespräch mit mir führen.

»Problem isch: Du kommsch aus e’m bürgerliche’ Elternhaus«, entgegnete Kalle. »Aber du hasch dich in den letschten Jahren gut entwickelt, beteiligsch dich an alle’ Aktione’ von de’ SDAJ und von de’ Partei. Auf dei’ Initiativ’ habe mr de’ Minischterpräsident und Altnazi Filbinger mit Eier beworfe’, er isch dann z’rück’trete. Du hasch zwanzik neue Mitglieder für ’d SDAJ gworbe und hasch erfolgreich de’ Schulschtreik organisiert. Mr vertraue’ dir. D’rum frag ich dich heut’: Bisch du bereit, den Weg eines Berufsrevo­lutionärs zu gehe’? Du sollsch dir die Entscheidung gründlich überlege’. Denn des isch ’ne Aufgab’, die mit viel Arbeit und viel Entbehrunge’ verbunde’ isch. Und ’s gibt kei’ Zurück. E’n Berufsrevolutionär kämpft, bis er schtirbt.«

Das klang pathetisch, aber es erfüllte mich mit Stolz, dass Kalle so mit mir redete. Ich merkte, wie mein Puls höher schlug. Kalle war nicht verärgert darüber, dass ich mich selbst vorgeschlagen hatte. Im Gegenteil, die Partei, vertreten durch Kalle, plante die gleiche revo­lutionäre Zukunft für mich wie ich selbst. Natürlich gab es kein Zurück! Natürlich würde ein bürgerlicher Betrieb keinen Revolutionär einstellen. Aber ich wollte nicht in einen bürgerlichen Betrieb, nie! Sich abrackern für Geld? Wir kämpfen für Größeres, für die Revolution. Ein Spießer, wer sich da um Krankenversicherung oder Rente schert! Mal abgesehen davon – wenn wir alt sind, hat der Sozialismus sowieso gesiegt.

»Kalle, du kennsch mich. Ich weiß, worauf ich mich einlass’. Was du mir vorschlägsch, begeischtert mich. Ich bin bereit«, sagte ich mit meiner schrillen Stimme, am Telefon wurde ich gelegentlich für eine Frau gehalten.

»Adrian, was ich dir jetzt sag’, muss absolut unter uns bleibe’. Niemand darf des wisse’, nit deine Klassekamerade’, nit deine Eltern, nit e’mal die andre Genosse’.« Kalle legte eine kurze Pause ein, um seine Worte zu bekräftigen. »Ich weiß, du hasch unsere Klassiker mehr g’lese’ als ich selbscht, kennsch des ganze marxischtischleninischtische Grundlagewisse’. Trotzdem brauchsch du weitere ideologische Feschtigung. Als erschte Schritt in deine Zukunft als Berufsrevolutionär habe mr deshalb beschlosse’: Mr delegiere dich e’ Jahr zur weitere’ Qualifizierung.«

Fragend schaute ich Kalle an. Ich beherrschte das Parteichinesisch. Aber was verbarg sich hin­ter »Qualifizierung, ein Jahr lang«, und warum sollte das so geheim sein? Ich dachte kurz nach und kam auf die am wenigsten dumm klingende Rückfrage: »Wo soll ich mich qualifiziere’?«

»Im sozialischtische’ Ausland. Die genaue Umschtänd’ sin’, wie g’sagt, streng geheim. Aber du wirsch rechtzeitig Direktive’ kriege’.«

Ein Jahr im Sozialismus leben! In geheimer Mission! Ich versuchte, meine Begeisterung zu verbergen, um nicht naiv zu wirken. Schließlich war Kalle fünf Jahre älter als ich und kannte all das in- und auswendig. Kalles Eltern waren Kommunisten, hatten als Antifaschisten schon im Widerstand gegen Hitler gekämpft. Kalles Vater arbeitete als Org-Sekretär des DKP-Bezirks Baden-Württemberg, das hieß, er war zuständig für Personal- und Organisationspolitik, also selbst ein Berufsrevolutionär. Kalles Mutter war Kreiskassiererin der Partei, ehrenamtlich, aber immerhin. Natürlich musste der Besuch einer Kaderschule geheim bleiben, ich verstand das. Als Westdeutscher in einem sozialistischen Land zum Revolutionär ausgebildet zu werden – das war, wie wenn heute ein Amerikaner bei islamischen Terroristen das Bomben lernt.

Kalle lockerte seine »Freiheit oder Tod«-Miene etwas und sagte: »Was das Tollschte isch: Mr werde’ g’meinsam fahre’. Ich bin au’ delegiert.« Lachend fügte er hinzu: »Ich werd’ auf dich aufpasse’.« Ich jubelte. So sehr mich das revo­lu­tionäre Abenteuer reizte – gemeinsam mit jemandem, den ich kannte, fiel es natürlich leich­ter. Außerdem freute ich mich für meinen Freund Kalle. Auch der wird in den Geheimbund der Berufsrevolutionäre aufsteigen. Ich malte mir aus: Während meine Klassenkameraden aus der 13. Klasse ihre bürgerliche Zukunft einrichten, Studienplätze finden oder Zivildienst leisten, widme ich mich der Revolu­tion, lebe ein Jahr im Ausland, sogar in einem sozialistischen. Ich wusste nicht, was ich Eltern und Freunden erzählen sollte. Aber irgend­eine »Legende«, wie Kalle sagte, würde ich mir schon ausdenken. Vielleicht konnte ich einen USA-Aufenthalt vortäuschen.

Nun war ich nicht mehr nur einfacher ­SDAJod­ler, wie wir uns zum Spaß nannten, sondern ein Auserwählter, ein Kader. Sechs ­Wochen später fuhr ich gemeinsam mit Kalle im Zug nach Dortmund zum Vorbereitungs­treffen für das geheime Training im sozialis­tischen Ausland – in der DDR, wie ich mitt­lerweile wusste.

Zum ersten Mal betrat ich die heiligen Hallen des Bundesvorstands der SDAJ – ein unscheinbarer Betonklotz mit Stahltür und Über­wachungskamera, eine Festung der Unbeugsamen inmitten der feindlichen Bundesrepublik. »Wir müssen uns gegen die Neonazis verteidigen und gegen den Verfassungsschutz«, sagte ich mir.

In einem fensterlosen Kellerraum sahen Kalle und ich die drei anderen auserwählten zukünftigen Mitstudenten. Ein schnieker, zwei Meter großer Genosse vom Bundesvorstand »nordete« uns »ein«, wie wir das damals nannten. Er verwandte den ersten Teil seiner Rede darauf, andere Kommunisten anzugreifen, die italienischen und französischen, »die sich mit ihren eurokommunistischen Positionen in gefährliche Nähe zur Sozialdemokratie begeben«. Ich fragte: »Sollte’ mr Kommunischte’ nit zusammenstehe’ gege’ rechts?« Der Redner lächelte nachsichtig: »Wir sind für das breite Bündnis aller linken und demokratischen Kräfte. Aber wir halten nichts von Verrätern. Das werdet ihr auf Schule noch genauer lernen.« – »Auf Schule« – ein neuer Ausdruck für das, was uns bevorstand. Bei allen Zweifeln, die bei mir aufkamen, überwog doch der Stolz, zu diesem verschworenen Kreis zu gehören.

Dann kam der Genosse vom Bundesvorstand zum, wie er sagte, »zentralen Punkt« dieses Vor­bereitungsgesprächs. Dem »Moralbeschluss«. Er hob seine Stimme: »Ihr seid delegiert worden, mit einem klaren Kampfauftrag. Die Theorie und Praxis des revolutionären Kampfes zu studieren – und sie anschließend hier in der Bundesrepublik anzuwenden. Euer Kampfplatz ist hier, nicht woanders.« Er sprach kaum einen Satz ohne das Wort »Kampf«. »Auf Schule werdet ihr mit Kämpfern aus der ganzen Welt zusammentreffen, aus ganz Europa, aus Chile, aus Vietnam, aus Palästina, Afghanistan – und natürlich FDJlern aus der DDR. Was uns dabei wichtig ist: Techtelmechtel werden nicht geduldet.«

Keiner verstand den Zusammenhang zwischen dem letzten Satz und dem Rest des Vortrags, nicht einmal der erfahrene Kalle. Der Redner vom Bundesvorstand versuchte das zu erläutern, drückte sich etwas kompliziert aus. »Wir müssen da auch die Erfahrungen des ­antifaschistischen Widerstands berücksichtigen. Genossen vergaßen über Liebeleien ihren Kampfauftrag, verschuldeten so leichtsinnig den Tod von Hunderten in den Konzentrationslagern.«

Im Prinzip lief der Moralbeschluss auf folgendes hinaus: Wer Liebesbeziehungen eingeht, läuft Gefahr, der Beziehung wegen später in einem anderen Land leben zu wollen. Wir aber sollen nach dem einjährigen Training in der Bundesrepublik kämpfen. Deshalb sind Liebesbeziehungen verboten – und zwar strikt.

Ich akzeptierte das, sah kein Problem darin, ein Jahr wie ein Mönch zu leben, wenn es der revolutionären Sache diente.

*

Drüben

Ein Stück westlicher Pädagogik im Osten, der Klassenraum klein wie eine Wäschekammer, mit brauner Velourstapete und grauem Lino­leum auf dem Fußboden. Wir fünf SDAJler setzten uns im Viereck statt frontal wie in den FDJ-Klassen üblich. Ein Stück Osten bei uns west­lichen Studenten. In der ersten Stunde wurde nichts unterrichtet – es war eine Versammlung. Lehrer Fritz hörte zu, Hund alias Kalle führte das Wort. Er war bereits vorab vom Bundesvorstand der SDAJ zum Delegationsleiter ernannt worden. »Wie alle Delegatione’ werde auch mr drum kämpfe’, den Name vomme revolutionäre’ Vorbild trage’ zu dürfe’. In d’r SDAJ-Delegation an dieser Schul’ isch es Tradition, dass mr um der Ehrenname’ Ernscht Thälmann kämpfe’.«

Was war denn das? Kalle redete manchmal geschwollenes Zeugs, aber dies hier war eine Spur schärfer. Er las einen mit Schreibmaschine getippten Text ab, von DDR-Papier dünn und schmiegsam wie ein Qualitätskondom – der Lehrer musste ihm den Text vorgeschrieben haben.

Diese Geschichten über Ernst Thälmann, den Kalle jetzt Teddy nannte, konnten nur aus einem Kinderbuch stammen. Teddy habe nach hartem Arbeitstag als Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands nachts noch in der Kneipe getrunken, um sich die Sorgen der Arbeiter anzuhören. Dem Nachbarn habe Teddy beim Holzfällen geholfen. Morgens vor dem Frühstück habe er Bücher von Lenin gelesen … »Mr müsse’ uns die revolutionäre’ Eigeschafte’ un Verhaltensweise’ vom Teddy aneigne’. Dazu brauche’ mr höchschte Ergebnisse bei der Aneignung vom marxischtisch-leninisch­tische’ Grundlagewisse’, hohe gesellschaftspolitische Aktivität und e’ niveauvolles geischtig-kulturelles und sportliches Lebe’. Nur so könne’ mr dr Name vom Ernscht Thälmann erringe’.«

»De’ Ernscht Thälmann isch doch e’ Revolu­tionär und kei’ Heilige’«, wehrte ich mich gegen den Kult. Auch Löwe alias Andreas meinte, »das ist Grufti-mäßig«.

Hund rastete aus: »Die Faschischte habe de’ Teddy erschosse’. Und ihr ermordet ihn heut’ e’ zweites Mal, im Geischt! Ihr seid Thälmann-Mörder!«

»Du verharmlosesch selber de’ Faschismus, wenn du e’ kritische Meinung unter Genosse mit Faschismus gleichsetzisch«, schoss ich zurück.

Lehrer Fritz drückte mit seinen Händen Luft nach unten, um zu mäßigen: »Genossen, wir sollten den Meinungsstreit sachlich und vorwärtsweisend führen. Ratte hat Recht: Wir als Marxisten-Leninisten verabscheuen den reli­giösen Kult. Wir müssen uns das Thäl­mann’sche Erbe wissenschaftlich aneignen. Hund hat recht: Es ist eine gute Tradition des SDAJ-Seminars, um den Ehrennahmen Ernst Thälmann zu kämp­fen. Alle Seminare kämpfen hier um einen Ehrennamen. Die Vietnamesen zum Beispiel um den Namen Ho Chi Minh, FDJ-Seminare um den Namen von Wilhelm Pieck oder von gefallenen Antifaschisten aus ihrer Heimatstadt. Mein Vor­schlag: Damit diese Arbeit auf das erforderliche theoretische Niveau gelangt, ernennen wir Ratte zum Propagandisten eures Seminars, machen ihn verantwortlich für die Umsetzung.« Kalle nickte heftig. Zum ersten Mal fiel mir dieses Nicken auf. Zum ersten Mal verstand ich: Kalle hieß hier zu Recht Hund, er folgte dem Lehrer treu wie ein Hund. Über die Aufgabe, die mir angetragen worden war, dachte ich: In der revolutionären Schule geht es zu wie in der normalen Schule, wer den Mund aufmacht, dem wird die Arbeit zugeschoben. Aber von der Sache her war der Vorschlag fein, ich konnte jetzt den Thälmann-Kult in meinem Sinne formen, weniger verherrlichend und mehr wissenschaft­lich.

Es folgte die erste Stunde im Fach »Wissenschaftlicher Kommunismus«. Bürgerlich und vereinfacht ausgedrückt war dies die Politik- Lehre des Marxismus-Leninismus, im Unterschied zur Philosophie (dialektischer und historischer Materialismus) und zur Wirtschafts- Lehre (politische Ökonomie des Kapitalismus und des Sozialismus). An der Jugendhochschule Wilhelm Pieck war es aber nicht angesagt, die Dinge bürgerlich oder gar vereinfacht auszudrücken. Es wurde großer Wert darauf gelegt: Der Marxismus ist nicht einfach eine Idee, wie man die Welt sehen kann; er ist eine Wissenschaft, die die Gesellschaft erklärt; und er ist die einzige wissenschaftliche Erklärung der Gesellschaft.

Den wissenschaftlichen Kommunismus unterrichtete Werner, der mit seinem verschmitzten Lächeln wie ein großer Lausejunge wirkte. Mit etwa 30 war er jünger als die meisten anderen Lehrer an der Jugendhochschule. Zum Einstieg sagte er: »Ich habe eine Drushba-Trasse mitgebracht.« Aus seiner abgenutzten Wildledertasche packte er einen länglichen Karton und aus dem länglichen Karton eine Flasche Rostocker Klarer. Schnapsgläser versteckten sich hinter den Gesammelten Werken von Marx und Engels. »Lasst uns auf die Freundschaft anstoßen!« »Drushba-Trasse«, so nannte sich das Projekt einer 2 750 Kilometer langen Erdgas­leitung in der Sowjetunion, an der auch Jugend­liche aus der DDR mitarbeiteten. Im Gegenzug sollte die rohstoffarme DDR Erdgas bekommen. Junge Tiefbauer und Lkw-Maschinisten aus der DDR reizte nicht nur das Geld, sondern auch das Abenteuer im Ausland. Was der Rostocker Klare mit der Drushba-Trasse zu tun hatte, konnte auch der gut geschulte Lehrer für wissenschaftlichen Kommunismus nicht erklären. Das war vielleicht eher etwas für die Philosophie-Stunde.

Nach dem Freundschaftstrunk wandte sich der Unterricht seiner wissenschaftlichen Bestimmung zu. Lehrer Werner referierte die Dimitroffsche Faschismus-Definition, »aus aktuellem Anlass, die Neonazis erheben in der BRD ihr Haupt«. Auf Karteikarten notierten wir das Zitat des bulgarischen Kommunisten-Führers Dimitroff: »Der Faschismus an der Macht ist … die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meis­ten imperialistischen Elemente des Finanz­kapitals.« Ich war mit diesen Ideen vertraut, wusste über das enge Verhältnis der Nazis zu Großunternehmern wie Thyssen und Flick, über Hitlers Rede vor dem Düsseldorfer Industrieclub 1932, die den Nazis Wahlkampf-Spenden und schließlich die Macht brachte. Als Haus­aufgabe mussten wir einen Abschnitt in Lenins Werk »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« lesen, wichtige Stellen unterstreichen und »konspektieren«, also schriftlich zusammenfassen. Hund und Genossen kannten diesen Begriff nicht. Aber ich, der marxistische Theoretiker vom Pausenhof des Faust-Gymnasiums Staufen, fühlte mich zu Hause in dieser Welt.

Hund moserte, wie die meisten Studenten, über das Essen in der Kantine, die sich »Kulturhaus« nannte. Ich dagegen verzehrte dort ohne Ekel kalte Salz­kartoffeln und ebenso kaltes Jägerschnitzel, das war eine fingerdicke panierte Scheibe Bierschinken. Ratten sind eben Allesfresser.

Bei einem meiner ersten Mittagessen im »Kul­turhaus« stellte jemand mir gegenüber sein Tablett ab und fragte, ob der Platz frei sei. Ich kon­zentrierte mich auf mein kaltes Jägerschnitzel, doch als ich hochblickte, sah ich, es war die hüb­sche blonde FDJlerin, die das Lied von der roten Arbeiterfahne gesungen hatte, die schön wird, wenn sie der Richtige trägt. Heute trug sie allerdings keine rote Fahne, sondern einen kurzen Rock zum FDJ-Hemd und kniehohe Stiefel, was sehr sexy wirkte.

Schon früher war mir aufgefallen: Musika­lische Menschen, dank ihres guten Gehörs, singen auch in Sprachen akzentfrei, die nicht ihre Muttersprache sind. Dies bestätigte sich auch hier. Die FDJlerin hatte in Hochdeutsch gesungen. Aber ihre Muttersprache, so stellte sich jetzt heraus, war Sächsisch. Ich stellte mich als Ratte vor, sie sich als Sandy. Damals lernte ich in der DDR viele Mandys, Candys, Maiks und Riccos kennen. Offenbar beflügelten die Einschränkungen der Reisefreiheit den Wunsch der Eltern, ihren Kindern Namen zu geben, die möglichst international klangen.

Ich fragte Sandy, wie sie das »Eröffnungs-Meeting« vor einigen Tagen gefunden hatte – so nannten die DDRler die Veranstaltung. Wie immer seien leere Phrasen gedroschen worden, klagte sie. Sie finde den Sozialismus gut, ihr behage aber oft nicht, wie er in der DDR umgesetzt werde. Sozialismus lasse sich nur mit kritischen Menschen aufbauen, sie aber züchteten Jasager heran. Sie sprach mir aus der Seele, und ich sagte ihr das, in meinem eigenen Dialekt: »Mr in de’ SDAJ sind da offener, weil mr uns täglich mit ’em Klasse’feind rumschlage’ müsse. Mr könnte’ uns so leere Formle gar nid erlaube’ wie do bei dem Meeting.« Sandy sprach von einigen kritischen, aber prosozialistischen Romanen und Gedichtbänden, die in der DDR erschienen seien. Im Buchladen seien die allerdings meist ausverkauft. Sie könne mir etwas ausleihen. Bevor wir uns über Per­sönliches unterhalten konnten, wurde sie von einem etwa 30jährigen Jugendfunktionär zu einer »Aussprache« weggeholt.

Am Nachmittag forderte Hund mich auf, mit ihm unser Schlafzimmer zu verlassen, das gleichzeitig unser Hausaufgaben- und Studienraum war. Er sagte: »Mr habe’ da e’ Problem.« Seine Augen erstarrten vor Sorge. »Du bisch g’sehn worde’ mit ’ner FDJlerin.« Ich zuckte zusammen: »Ich weiß vom Moralbeschluss. Aber isch Mittagesse’ mit ’ner Frau jetzt auch schon verbote’?«

»Des isch nit des. Aber e’ Lehrer hat mich d’rauf aufmerksam g’macht: Spontane Kontakte zu DDR-Leut sin’ nit erwünscht. S’ geht um unsre Sicherheit, des isch zu g’fährlich für uns Illegale. Mr werde genug Gelegeheit habe’ zu offizielle’ Kontakte’. Denn uns isch, wie alle internationale’ Delegatione’, d’ Klass vomme DDR-Bezirk als Pate’seminar zugeteilt worde. Unser Pate’seminar isch Karl-Marx-Stadt.«

»Mir stinkt’s«, platzte es aus mir heraus. »Vo wege’ Sicherheit. Ich weis nit, wer da vor wem g’schützt werde’ soll. Vielleicht habe paar Leut’ Angscht, dass mir erfahre, wie’s hier wirklich isch.«

Kalle ballte beide Fäuste. »Ich weiß nit, was in der letschte’ Tag’ in dich g’fahre isch. Du redesch wie e’ Antikommunischt.«

»Des isch ’ne Frechheit, des lass’ ich mir nit biete’. Du weisch, dass ich kei’ Antikommunischt bin. Oder isch me e’ Antikommunischt, wemme sei’ Meinung sagt?«

»E’ Antikommunischt isch me, wenn me unterstellt, die Genosse hier wolle’ uns was Falsches vorspiele’. Ich hab’ volles Vertraue in uns’re Genosse von de’ FDJ-Leitung.«

Die Einladung kam schriftlich: Ein paar Tage später erhielten wir ein hektografiertes Blatt, das uns »herzlich willkommen« hieß zum »1. Freundschaftstreffen des SDAJ-Seminars mit seinem FDJ-Patenseminar, dem Seminar des Bezirks Karl-Marx-Stadt«. Alle Teilnehmer sollten »Lieder aus ihrer Heimat singen« und »Köstlichkeiten ihrer nationalen Küche« kochen. Ich jauchzte. Kochen konnte ich gerade mal Kaffee, sofern Kaffeemaschine vorhanden, und die Unterschiede zwischen nationaler Küche der BRD einerseits und der DDR andererseits waren mir auch nicht geläufig.

Als wir den Klubraum des Kulturhauses betraten, überraschte mich: Auch Sandy saß beim Freundschaftstreffen, auch sie kam aus Karl-Marx-Stadt! Innerlich lachte ich über Hund, der mich wegen des Gesprächs mit ihr kritisiert und verlangt hatte, mich auf die organisierten Kontakte zu den FDJlern aus Karl-Marx-Stadt zu begrenzen. Noch mehr freute es mich aber, diese kritische und attraktive Frau wiederzusehen. Ich setzte mich ihr gegenüber. Doch an ein lockeres Gespräch war erst einmal nicht zu denken. Wie ich befürchtet hatte, begann das Freundschaftstreffen mit einem Vortrag des FDJ-Sekretärs, der das Seminar aus Karl-Marx-Stadt leitete. Der Hund des Patenseminars las etwas von einem Zettel ab, wie üblich bei Reden in der DDR. Er folgte dem bekannten Schema: Internationale Lage, der Frieden ist bedroht, Sowjetunion und DDR trotzen den Kriegstreibern. DDR, Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, bis zum Jahr 1990 wird die Wohnungsfrage als soziales Problem gelöst. SED und FDJ, gestählt vom Banner des Marxismus-Leninismus, meistern die neuen Aufgaben. Er stanzte die üblichen Formeln, »in Auswertung der Beschlüsse der 14. Tagung des Zentralkomitees der SED«, »wertvolle Hinweise«, »wir können einschätzen«, »es erfüllt uns mit großer Freude«, »das große Vertrauen, das unsere Partei stets in die Jugend setzt« oder »wir orientieren auf«.

»Gwaddsch ämah nich so rum!« sagte die schöne Sandy plötzlich, was wohl heißen sollte, der FDJ-Sekretär solle nicht so viel herumquatschen. »Dä arme Wärrschdchn von dorr SDAJ wolln uns erschd emah beschnubborrn.« Allein schon diese sprachlichen Unterschiede rechtfertigten die Zwei-Staaten-Theorie, die die DDR vertrat. Zwar waren nicht alle DDR-Bürger Sachsen, aber fast alle Sachsen DDR-Bürger. Ich verstand: Sandy wollte uns armen Würstchen von der SDAJ erst einmal ermöglichen, die DDR-Genossen zu beschnuppern. Das steigerte meine Sympathie für sie. Ich mochte freche Frauen, und sie war frech genug, dem FDJ-Sekretär ins Wort zu fallen. Vor allem aber erreichte sie, dass der Langweiler seinen Vortrag abbrach, den er auf Hochdeutsch mit sächsischem Akzent gehalten hatte.

Nachdem Sandy erfolgreich den offiziellen Teil des Abends beendet hatte, konnte ich ihr persönliche Fragen stellen. Sandy erzählte, sie sei 22 und habe bisher bei Jugendtourist gearbeitet, dem Reisebüro der FDJ. Sie reise selbst gern, vor allem in die »SU«, die Sowjetunion, und finde Reisen den besten Weg zur sozialis­tischen Weiterbildung, besser als öde Vorträge. Aber das sei ihre »persönliche Meinung«, eine in der DDR verbreitete Formulierung, um sich abzugrenzen von den Meinungen, die man sonst auch vertrat, die aber nicht die persön­lichen waren. Als das kollektive Freundschaftstreffen in individualistischem Geplapper versank, beugte sie sich zu mir herüber und sagte mit vorgehaltener Hand: Sie studiere hier und werde FDJ-Funktionärin – vor allem, um die FDJ zu verändern!

Ich lief rot an. Erneut spürte ich: Sandy, das schöne Gesicht der FDJ, sah den Kommunismus ähnlich kritisch wie ich. Und, genauso wichtig: Sie hatte mich ins Vertrauen gezogen. Mich, den sie nur unter dem Decknamen Ratte kannte.

Sollte ich ihr ein Kompliment machen? Mein Schweiß tropfte wie ein lecker Wasserhahn, mein Herz trommelte.

»I-i-ich hab di-di-dich’s letschte Mal si-si-­singe ghört«, stotterte ich. »S’war sehr schön.« Verdammt, ich hatte gestottert. Ausgerechnet bei Sandy. Bei all den Hunderten hier an der Jugend­hochschule war es mir bei Sandy am wichtigsten, nicht zu stottern. Und ausgerechnet bei ihr hatte ich gestottert. Vielleicht deshalb?! Hatte sie meinen Schweiß bemerkt? Vielleicht gar gerochen?! War nun alles vorbei, bevor etwas angefangen hatte?

Bei Quarggeulchen, sächsischen Quarkplätzchen, und Bääbe, Sandkuchen, erwähnte Sandy, ihr Mann sei gerade bei der »Fahne«, so nann­te man in der DDR die Armee. Sie ist verheiratet! Und außerdem gilt der Moralbeschluss! Ich dachte, mit Vernunft besehen sei die Sache klar, ich habe mich nur in meinen Gefühlen verirrt.

Der Moralbeschluss verbot Beziehungen zwischen Genossinnen und Genossen aus verschiedenen Ländern. Aber was galt für Genossinnen und Genossen aus einem Land? Ich hatte über diese Frage nicht nachgedacht. Schlange war die einzige Frau aus der Bundesrepublik, sie hatte zu Hause einen festen Freund und schien unnahbar für andere Männer.

In der Volksrepublik Mongolei schienen liberalere Moralgesetze zu gelten als bei uns Genossen aus der Bundesrepublik. Zu den beiden Mitbewohnern aus dem fernen sozialistischen Land gab es zwei weibliche Mitglieder ihrer Delegation, etwa 30 Jahre alt, dick wie auf einem Gemälde von Rubens. Ihre Gesichter wirkten wie die von Bäuerinnen. Sie trugen Mäntel aus schwarzem Kunstleder, die sie auch in den über­heizten Räumen nicht auszogen. Wegen der Sprachbarriere war nicht zu erfahren, in welchem Verhältnis sie zu den beiden Männern aus ihrem Land standen. Sie wohnten im Frauen­wohnheim. Dorthin kehrten sie jedoch ab der dritten Woche an der Kaderschule abends nicht mehr zurück. Stattdessen blieben sie bei ihren männlichen Genossen, unseren Mitbewohnern. Sie hatten zu diesem Zweck den Kleiderschrank umgestellt, so dass die Betten der Mongolen von unseren Betten aus nicht mehr zu sehen waren. Die Betten der Mongolen blieben nebeneinander stehen, es gab keinen zweiten Kleiderschrank, um sie abzutrennen. Eine Schallmauer gehörte auch nicht zum Mobiliar.

Was hinter dem Kleiderschrank passierte, war auch ohne Kenntnisse der mongolischen Sprache leicht zu verstehen. Sie sprachen sowieso nicht viel. Wir hörten Geräusche, die darauf hindeuteten, dass die Mongolinnen ihre Kunstledermäntel ablegten und auch das, was darunter war. Dann raschelte es, undefinierbar, ob hier Decken oder Körper aneinander rieben. Nach einigen Minuten steigerte sich heftiges Atmen zu einem lauten Stöhnen. Wie bei einem Kanon begann die Stimme einer Mongolin, setzte dann die Stimme der anderen Mongolin ein. Männer mittleren Alters in der Mongolei schienen lange vor der Erfindung von Viagra großes Durchhaltevermögen zu besitzen. Die beiden Paare stachelten sich gegenseitig an.

Mich erregte dies, aber nicht sexuell. Ich schwitzte und empörte mich. Die Genossen aus der Mongolei, denen ich politisch unein­geschränkt solidarisch verbunden war, kannten weder Scham noch Moralbeschlüsse. Irgendwann beendete das eine Paar. Die Mongolin schrie laut, als sei sie erstochen worden. Drei Minuten später folgte das andere Paar. Es blieb unsichtbar, wer den Wettbewerb gewonnen hatte.

Das sollte sich bald ändern. An einem der folgenden Nachmittage klopfte es an der Tür. Eine ganze Delegation trat ein, Hund alias Kalle als Leiter unserer SDAJ-Gruppe, unser Lehrer Fritz, der Lehrer der Mongolen und drei Mit­arbeiterinnen der Schulleitung, mit Stift und Schreibblock. »Rapport« nannte sich dies, eine von nun an wöchentliche Veranstaltung, bei der die Wohnheimbewohner ihren Raum den Inspektoren vorführen mussten. Die Inspektoren monierten Hemden, die zerknittert im Schrank lagen und nicht auf einem Bügel hingen. Außerdem fanden sie ein Tempo-Taschentuch auf dem Boden. Formell rügten sie die Mongolen – wegen Umstellen des Schranks. »Die Hausordnung und die Regeln der sozialistischen Sauberkeit verbieten ein Umdisponieren von Volkseigentum in den Ruheräumen«, sagte eine Mitarbeiterin der Schulleitung streng. »Der ursprüngliche Zustand ist umgehend wiederherzustellen. Für körperliche Schäden bei diesen Rückführungsarbeiten, besonders aber für Beschädigung von Volks­eigentum, tragen die beteiligten Personen die volle Verantwortung.« Die Inspektoren zeigten auf die Hausordnung, die an der Innenseite der Tür aushing. Darin hieß es auch: »Beim Aufenthalt an geöffneten Fenstern ist beson­dere Vorsicht zu wahren.« Das Wohnheimzimmer lag im Erdgeschoss.

Als der Kontrollgang beendet war, blieb Hund alias Kalle als einziger von den Inspektoren zurück, er wohnte ja selbst hier. Löwe, Krokodil und ich stellten ihn zur Rede. Wir fühlten uns durch den Rapport bevormundet. Hund sagte kleinlaut: »Genosse, Disziplin isch wichtig für den Sieg vom Sozialismus«, legte sich aufs Bett und studierte seinen Lenin.

Die Mongolen schoben den Schrank, der sie von uns getrennt hatte, an die Wand zurück. Sonst blieb in dem sozialistischen Schlafkollektiv alles beim Alten.

Ich hielt die DDR für das bessere Deutsch­land, und Kleidung betrachtete ich damals als eine unwichtige Äußerlichkeit. Doch selbst ich erkannte: Im Herbst 1979 produzierte die DDR den hässlichsten Anorak, der je in der Geschichte der Mensch­heit geschaffen worden ist. Das Stück Nylon mit Kapuze glänzte in den Varianten kack­braun, tannengrün und marineblau. Es uniformierte die Teilnehmer des Fackelzugs der FDJ, der anlässlich des 30. Jahrestags der Gründung der DDR durch Berlin führte. Auch die Studenten der Kaderschule wurden damit ausgestattet, wobei für uns SDAJler nur die kackbraune Variante blieb. Die marineblauen Anoraks schie­nen mir am erträglichsten. Das lag vielleicht daran, dass Sandy aus Karl-Marx-Stadt einen trug, als wir uns an den Bussen aufstellten.

Auch in der Demo-Kultur hatten sich Deutsch­land (Ost) und Deutschland (West) unterschiedlich entwickelt. Wie alle Demonstranten erhielt ich ein »Teilnehmerheft« im Streichholzformat:

»Die Fackel ist nur auf Kommando in der vorgesehenen Fackelzündstrecke zu zünden. Die Zündlichter sind in der Marschreihe von innen nach außen durchzugeben … Dein eigenes diszipliniertes Verhalten während der Reise ist eine wichtige Voraussetzung für die reibungslose Durchführung aller Beförderungsaufgaben. Beachte deshalb die Anweisungen deiner Leitung und des Transportverantwortlichen. Beim Transport deines 500er-Blocks im innerstädtischen Verkehr ist ein zügiges Aus- und Einsteigen zu gewährleisten.« An alles war gedacht: »Regelmäßige und ausreichende Nahrungsaufnahme sichert dein Wohlbefinden und trägt dazu bei, dass du die gestellten Aufgaben in körperlich guter Verfassung erfüllst und einen erlebnisreichen Tag verbringen kannst.«

In Berlin angekommen, erfüllte sich mein Wunsch nicht, gemeinsam mit Sandy zu demons­trieren. In der DDR demonstrierte man nicht, wo man wollte. Es demonstrierte auch nicht, wer wollte. Die Demonstranten waren von ihren FDJ-Gruppen, -Kreisen und -Bezirken delegiert worden und in Marschverbände, 500er-Blocks und 50er-Gruppen aufgeteilt.

Anders als bei den Ostermärschen im Westen, wo man drei Tage das Ruhrgebiet oder andere Landschaften durchwanderte, war die Demo-Strecke in Ostberlin relativ kurz. Genau genommen beschränkte sie sich auf einige hun­dert Meter entlang der Karl-Marx-Allee. Statt demons­triert wurde gewartet, sich aufgestellt, wurden Fackeln verteilt und angezündet. Anders als im Westen waren Schilder und Transparente nicht selbst bemalt, sondern im VEB fabriziert und mit schwer zu skandierenden Losungen beschriftet wie »Vorwärts zum 10. Parteitag der SED – für die weitere Gestaltung der entwickelten so­zialistischen Gesellschaft« oder »Klassenbrüder – Waffenbrüder – unser Bündnis mit der UdSSR ist der Unterpfand des Friedens«. Und anders als im Westen wurden die Kartons, Tücher und Stöcke nicht selbst mitgebracht, sondern vor dem Abmarsch ausgegeben.

Nach einigen Stunden Warten durfte sich die 50er-Gruppe, zu der wir SDAJler gehörten, fünf Minuten bewegen – vorbei an einer Tribüne, auf der Erich Honecker und andere Mitglieder der Partei- und Staatsführung uns zuwinkten. Wir schrien mit den anderen »Hoch, hoch« und »DDR – unser Vaterland«. Die Losungen wurden von Vorbrüllern mit Megaphon angestimmt. Aus Lautsprechern dröhnte im Marsch­rhyth­mus:

Lernt im Geiste Thälmanns kämpfen
Für die junge Republik!
Unsre Zeit braucht Herz und Hände,
Und der Frieden braucht den Sieg.
Vorwärts, Freie Deutsche Jugend!
Der Partei unser Vertraun!
An der Seite der Genossen
Woll’n wir heut’ das Morgen baun!
Woll’n wir heut’ das Morgen baun!

Dann war die Demo schon wieder zu Ende. Ich löschte die Fackel, wie die anderen. Die FDJler, denen gerade Schilder und Transparente in die Hand gedrückt worden waren, warfen diese auf einen Haufen. Eine merkwürdige Veranstaltung. Mir gefiel sie trotzdem. Weil auch Sandy die Fackel trug? Ich hatte sie nicht gesehen, da sie zu einem anderen Block gehörte. Doch schon die Vorstellung von ihrem Gesicht, durch die Fackel erleuchtet, ließ mir den Sozialismus der DDR hell erscheinen. War da noch etwas? Hier konnte man zu Musik marschieren, ohne sich als Rechtsradikaler zu fühlen. Schließlich hatten die alten Genossen auf der Ehrentribüne gegen die Nazis gekämpft.


Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Adrian Geiges: Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann. Mein Leben zwischen Mao, Che und anderen Models. Eichborn Verlag, Frankfurt/M. 2007. 314 Seiten, 19,95 Euro. Das Buch erscheint dieser Tage.

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