Home Story 34/07

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Sie wissen, dass auch hier in der Jungle World inzwischen das Diktat der Nichtraucher herrscht. Eingepfercht in kleinen Zellen hocken die Raucherinnen und Raucher beisammen und stricken an paranoiden Weltverschwörungstheorien und Opfermythen. Oder sie denken: Sollen die spießigen Asketen doch in ihrer sterilen Gesundheitswelt mental versauern. Man selbst jedenfalls feiert sich als letzte Bastion des Hedonismus, des »Live fast, die young«, als Hort des Punkrock, der Rebellion, unnachgiebig gegenüber dem globalen Anpassungsdruck der Spaßverderber.

Seit einiger Zeit jedoch tauchen in der Jungle-Küche vermehrt schicke, original italienische Espressokannen auf. Offenbar haben einige der Kolleginnen und Kollegen aus dem rauchfreien Großraumbüro die Nase voll vom miesen Filterkaffee, der hier in astronomischen Größenordnungen gebraut wird. Schön und gut, sagen die Hedonisten aus dem Raucherzoo. Sie haben selbstverständlich nichts dagegen, dass hier im Hause endlich ein anspruchsvollerer Kaffeekonsum einkehrt. Zeit wird es! Sie überlegen nun, Espressotassen anzuschaffen und überdies eine kleine Cocktailbar einzurichten – wenn schon, denn schon!

Doch dass es ausgerechnet die Genussbremsen von der Nichtraucher-Lobby sind, die plötzlich einen auf Edel­italiener machen, das macht die Raucher skeptisch. Und nicht nur das. Sie haben als geübte politische Analytiker natürlich auch den theoretischen Hintergrund erarbeitet. Es heißt, ein Manifest mit dem Titel »Verkürzter Hedonismus« werde demnächst erscheinen und gewiss für Aufruhr sorgen. Es soll auch eine Kampfschrift gegen den in der logischen Konsequenz folgenden Einzug alkoholfreien Biers und fleischfreier Würstchen in die Redaktionsräume werden. Von »Pseudo-Genießertum« ist die Rede. Nicht rauchen, aber Espresso trinken wollen, das sei, so meinen die Rädelsführer, wie damit anzugeben, nach Italien in Urlaub zu fahren und dabei nur über den Gardasee zu surfen. Wie Bücher zu kaufen, aber nur den Umschlagtext zu lesen. Wie eine Prosecco-Trinkhalle! Ja, das sei, so weit könne man gehen, wie ein Taliban im Whirlpool. Hinterrücks durch die kalte Küche, argumentieren die Genussraucher, werde so der emanzipatorische Hedonismus ausgehebelt, untergraben und zur Farce gemacht, zur snobistischen Geste und damit zum Einfallstor der Reaktion umgebogen. Die Spaltung von Kaffee und Zigaretten drohe zudem die Spaltung der gesamten Gesellschaft nach sich zu ziehen.

Sie sehen, liebe Leserinnen und Leser, der Kampf der Kulturen geht in die nächste Runde, und wie immer ist die Jungle World vorne mit dabei. Wir werden Sie auf dem Laufenden halten. »Darauf ein ordentliches Bier«, sagen die Hedonisten. »Stößchen!« antworten die Nichtraucher.

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