Nnniii-nnniii!
Eine Frau mit Heiligenschein sieht man nicht jeden Tag, für gewöhnlich schon gar nicht in der U-Bahn im hochsommerlichen New York. Soll man nun das Wort an sie richten oder nicht? Sprechen oder nicht sprechen? Wovon man jedoch unter allen Umständen die Finger lassen sollte, ist die Notbremse. Die Geschichte einer schweißdurchtränkten Begegnung erzählt rudolph delson
von Rudolph Delson
Maynard Gogarty erzählt uns, was in der U-Bahn passierte, und analysiert ein Dilemma (Anfang August 2000):
Es geht um eine Frau mit Schönheitsflecken und ein Missverständnis mit dem Aufsichtspersonal – das Ganze in einem Lexington Avenue Local in Richtung Norden. Sie war eine von diesen Frauen, die einen mitten ins Herz treffen und es zum Klingen bringen wie eine Glocke. Es ist eine einfache Geschichte. Aber gestatten Sie mir eine Vorbemerkung, eine kurze Vorbemerkung, bevor wir darüber sprechen, was ich falsch gemacht habe? Die Vorbemerkung: Man steigt in eine U-Bahn, und diese Züge sind ein vollkommen eigenständiger Stadtteil, mit anderen Problemen und anderen Hoffnungen, ein ganzes bewegliches Viertel voller Kuriositäten, und – da ist sie! Dieses engelhafte Wesen mit einem Becher Eiskaffee und dem Duft eines außergewöhnlichen Shampoos und einem Lächeln, das einfach … so ist. Jedes Mal, wenn die U-Bahn einen Ruck macht, zittert ihr Heiligenschein. Man muss sich entscheiden: Spricht man sie an oder spricht man sie nicht an? Die Würde – und das ist das Dilemma – gebietet und verbietet beides. Immerhin ist die U-Bahn einer der würdevollsten Orte für den Beginn einer Liebesbeziehung. Unausweichliche Schicksalhaftigkeit sollte ein wichtiges Element der Liebe sein, und Schicksalhaftigkeit ist genau das, was fehlt, wenn … Geschäftsleute aus Battery Park sich bei Partnerschaftsvermittlungen irgendwelche Verabredungen mit aufgeblasenen Society-Weibern kaufen. Oder wenn unproduktive, wabbelige Freiberufler von der West Side, die sich an ihren Kaffeehaustischen festgesaugt haben wie Seeanemonen, den Anzeigenteil der Village Voice nach Inseraten wie »Frau sucht männlichen Polypen« durchsuchen. Und Schicksalhaftigkeit fehlt auch, wenn der Anwalt mit dem Senfatem schließlich bei seiner unscheinbaren, unterwürfigen juristischen Hilfskraft, mit der er monatelang auf Tuchfühlung gearbeitet hat, zur Sache kommt. Oder wenn der Einpacker bei Gristedes sich an die Kassiererin bei Gristedes heranmacht. Liebe sollte nicht das Ergebnis eines gutgeplanten Feldzugs sein und ebenso wenig ein bequemes Bündnis im Abnutzungskrieg gegen die Widrigkeiten des Lebens. Liebe sollte ein unvermittelter, übernatürlicher Aufruhr der Seele sein. Sie sollte sein wie der Klang einer Glocke. Wenn man also in der U-Bahn eine schöne Frau sieht, gebietet die Würde zu handeln und verbietet zu schweigen. Denn wenn eine Frau mit einem Heiligenschein in der U-Bahn auf der anderen Seite des Mittelgangs Platz nimmt, ist das die große Chance auf die wahre Liebe! Jedoch und im Gegenteil – U-Bahn oder nicht – gebietet die Würde, dass wir uns als vernunftbegabte Affen an die Wahrheit halten und nicht irgendwelchen Selbsttäuschungen hingeben, und seien sie noch so tröstlich. Denn die Annahme, dass das Schicksal jedes Mal, wenn eine schöne Frau in der U-Bahn auf der anderen Seite des Mittelgangs Platz nimmt, uns glücklich zu machen versucht, ist nichts anderes als eine tröstliche Selbsttäuschung. Das Schicksal manifestiert sich nicht in zufälligen Begegnungen mit schönen Frauen. Es manifestiert sich immer in Steckenpferden, Lieblingsredewendungen und Hauskatzen, im Nasebohren und in Kreditkartenschulden. In Kreuzworträtseln der Sonntagszeitung und im Streben nach »Spaß«. Mit anderen Worten: Ihr Schicksal sitzt schon viel, viel länger in derselben U-Bahn, als Sie sich vorstellen können. Nicht jede schöne fremde Frau verkörpert eine neue Form von Glück. Schöne fremde Frauen sind wie alle anderen: langweilig, anspruchsvoll, gewaltbereit und übelriechend. Wenn also in der U-Bahn eine schöne Frau auf der anderen Seite des Mittelgangs Platz nimmt, verbietet es die Würde zu handeln und gebietet zu schweigen. Wenn Sie also in der U-Bahn nicht das Wort an eine schöne fremde Frau richten, haben Sie elegant eine andere Form menschlichen Elends vermieden. Sprechen oder nicht sprechen? Das ist die Anatomie des Dilemmas der Liebe und der Würde in der U-Bahn, und das ist auch das Ende dieser Vorbemerkung. Ich saß in einem Lexington Avenue Local in Richtung Norden, einem Zug, der verurteilt war, an der 33rd Street zu halten. Ich war in City Hall eingestiegen, noch immer etwas umflort von einem Frühstück mit der Frau, die sich für die Rechte an meinem Film interessierte, und war auf dem Weg zu meinem Anwalt, um ihm den Vertrag zu zeigen. Es war der Viertelliter Erfolg, der mir alle vier Jahre zuteil wurde. Ich war im schlimmsten Sinn des Wortes in medias res, das heißt, ich war an einem glühend heißen, drückenden Morgen für meinen armseligen Film unterwegs. Meine Achselhöhlen waren … Haben Sie mal mit einem Wassertropfen geprüft, ob der Wok schon heiß ist? Als ich auf dem Bahnsteig der Station City Hall wartete, sagten meine Achselhöhlen, der Wok sei heiß genug. Die Frau, die ein paar Meter entfernt stand, trug ein dünnes, weites, gelbes Kleid und hielt eine Bibel und einen Kühlbeutel in den Händen. Sie hatte die Bibel zugeklappt und drückte den Kühlbeutel an die Brust. Eine fundamentalistische Hitze, keine Frage. Als die U-Bahn schließlich kam, war sie natürlich leer, denn City Hall ist die erste Station. Ich setzte mich aber nicht, sondern zog mein Jackett aus, legte es über den Arm – der Hemdsärmel war durchgeschwitzt – und stellte mich unter die Klimaanlage, damit ich so viel wie möglich von dieser guten, trockenen Luft abkriegte. Um meinen Kopf zu schützen, ließ ich allerdings den Strohhut auf. So weit, so gut! Der Zug verlässt die Station City Hall. Und hält an jeder weiteren Station. Die Türen gehen auf, barbarische Hitze strömt herein, die Türen schließen sich, und es herrscht wieder gekühlte Normalität. Bis zur Spring Street ist die Frau im weiten gelben Kleid so weit abgekühlt, dass sie wieder in der Bibel lesen kann, und ich hole mein Taschentuch hervor und wische mir den Schweiß ab, als ich ein wichtiges Detail bemerke: Am anderen Ende des Wagens ertönt der Alarm der Notbremse. Aber ich tue nichts. Noch nicht. Spring Street, Bleecker Street, Astor Place. Unser Zug fährt zeitgleich mit einem Expresszug in die Union Station ein. Das Schicksal will es, dass ich mich entscheide, nicht quer über den Bahnsteig zu rennen, um den schnelleren Zug zu erreichen. Mir ist zu heiß, und ich habe keine Eile. Mein Anwalt kann warten. Die Fundamentalistin im weiten gelben Kleid allerdings hoppelt davon, um den Expresszug zu kriegen, und in unseren Wagen schlüpft, vom anderen Zug kommend, die Frau mit den Schönheitsflecken. Eine wohlgeformte, zierliche Frau in Schwarz mit zwei Schönheitsflecken auf der rechten Wange. Die Türen schließen sich. Sie setzt sich ans andere Ende des Wagens, direkt unter die Notbremse mit den Koliken. 23rd Street. 28th Street. Schatten und fette Luft. Der Heiligenschein der Frau erzittert im Takt des trillernden Alarmtons der Notbremse. 33rd Street. Beachten Sie die Banalität von Ort und Zeit. 33rd Street. Fünf vor halb elf am Morgen. Mitten in einer urzeitlichen Hitzewelle. Um fünf vor halb elf am Morgen ist die Station 33rd Street von quälender Fadheit. Sie ist ein Nirgendwo. Aber … 33rd Street. Der Zug hält, doch die Türen öffnen sich nicht. Und dann bleibt er, wie vorherbestimmt, stehen. Der Strom wird schwächer und fällt aus, das Licht flackert und erlischt, die Klimaanlage verstummt. Wir, die Passagiere, erleben die U-Bahn, wie sie im Zeitalter der Saurier war. Die einzigen Dinge, die noch funktionieren, sind die Alarmsirene an der Notbremse und die Lautsprecher, durch die eine Schaffnerin mit uns schimpft. Sie wirft einem von uns vor, die Notbremse gezogen zu haben. »Dieser Zug fährt erst mal nicht weiter.« Offenbar hat sie vor, durch alle Wagen zu gehen und den Schuldigen zu suchen. Der Stimme einer Schaffnerin kann man eine Menge entnehmen. Diese Schaffnerin ist schwarz, jung und ruhig, aber nicht unbedingt immer ruhig – man erahnt ein Potenzial für beeindruckende Wutanfälle. »Mal herhören. Wir haben einen Bremszwischenfall, darum bitte Geduld. Bitte Geduld.« Also sitzen wir da, ohne Klimaanlage, fangen an zu schwitzen und hören im Dunkeln das Jammern der Alarmsirene. Draußen stehen die Seelen der Verdammten auf dem Bahnsteig der Station 33rd Street und werden unruhig. Sie warten darauf, in den Zug steigen zu können, sie warten darauf, begnadigt und in das kühle Innere des Zugs eingelassen zu werden, oder vielmehr: in das immer weniger kühle Innere des Zugs. Die Frau mit den Schönheitsflecken sitzt seelenruhig da und nimmt einen Schluck Eiskaffee. Sie trägt Ledersandalen, aber ihre Füße sind wundersam sauber für jemanden, der in einer Hitze, die Beton schmelzen könnte, durch Manhattan gelaufen ist. Ihr Haar ist voll, wellig und ungefähr schwarz, zusammengebunden mit einem weißen Taschentuch, einem makellosen Taschentuch. Geschlossene Augen, weiche Gesichtszüge, zwei Schönheitsflecken auf der rechten Wange. Vielleicht ist sie Spanierin, vielleicht Jüdin. Ein ärmelloses schwarzes Hemd aus irgendeinem elastischen Stoff, das unter den Achselhöhlen ganz zarte halbmondförmige Schweißflecken aufweist – was sehr sexy ist –, und eine weite schwarze Leinenhose. Sie trinkt ihren Eiskaffee durch einen Strohhalm. Ohne Milch, sie trinkt ihn schwarz. Und das Kondenswasser tropft auf ihre Hände. Sie hat eine Papierserviette, ein ganzes Bündel Papierservietten, und sie wischt mit einer davon die Außenseite des Plastikbechers ab, und dann drückt sie die Serviette an die Stirn, um sich zu kühlen. Sommersprossen auf den Schultern. Sie sitzt am anderen Ende des Wagens, direkt unter der nervigen Notbremse. Und ich – ich erkenne die Gelegenheit. Ich brauche nur ein bisschen Mut, um würdig und liebenswürdig zugleich zu sein und den Alarm abzustellen.
James Cleveland (12) beschreibt, wie Maynard aussah, als er im Lexington Avenue Local in Richtung Norden unter der Klimaanlage stand (Anfang August 2000):
Er war so’n großer Weißer mit Klamotten wie ein alter Mann. Nur dass er nicht alt war, nicht alt-alt. Aber er hatte Altemännerklamotten an, so eine von diesen braunkarierten Jacken, die aussehen wie ein Tischtuch, und einen weißen Strohhut mit einem braunen Band und eine rote Krawatte mit so einem Silberding, das sie ans Hemd klemmt. Er sah aus wie so’n Knacker, der in der Kirche immer ganz allein sitzt und denkt, dass er sich besser benimmt als alle anderen, und dich und deine Schwester anstarrt, damit ihr das auch ja merkt. Und das Komische an diesem weißen Typen war: Er machte ein Gesicht, als wär er über irgendwas überrascht. Und als er die Augenbrauen hochzog, hatte er ungefähr fünfhundertfünfundfünfzig Falten auf der Stirn. Wie bei der Notenschrift, wenn sie Extralinien machen, für die hohen Töne. Seine Stirn war wie eine Musik mit allen möglichen viel zu hohen Noten. Und Chief sagt: »Alter, der Typ da sieht aus, als wär er gerade in was Fieses getreten, Alter.« Und ich: »Alter, du sagst viel zu oft ›Alter‹.« Und Chief: »Deine Mutter sagt’s auch zu oft. Der sieht aus, als hätt’ ihm gerade was Kaltes an die Eier gefasst.« Aber die Sache ist: Die Leute beachten einen nicht, außer man macht ihnen Probleme. Und Brittany und Juney und Shawna wollten dem weißen Typen Probleme machen, um zu sehen, ob Chief und ich so viel Schiss kriegten, dass wir abhauten. Also machten sie den Typen auf sich aufmerksam und ließen ihn ein bisschen flippen. Und ich glaube, sie hatten ihn wegen seinem Gesicht ausgesucht.
Maynard Gogarty erzählt unbeirrt weiter, was im Lexington Avenue Local in Richtung Norden geschah (Anfang August 2000):
Also, auf dem Bahnsteig stehen fünf schwarze Kinder und warten darauf, dass sie einsteigen können. Zwei Jungen und drei Mädchen, zwölf, dreizehn Jahre alt, und sie winken mir durch das Fenster zu. Jedenfalls die Mädchen. Nur Zwölfjährige können in dieser Hitze noch so viel Energie haben. Diese drei Mädchen sind absolut … überdreht. Sie sind in dem Alter, in dem sie Heranwachsende und Kinder zugleich sind: Sie verabreden sich mit Jungen und winken trotzdem einem Fremden zu. Alle fünf sehen aus, als würden sie gerade schwänzen – vielleicht eine unendlich langweilige Musikprobe, denn die Jungen tragen Trompetenkoffer. Sie kommen sich verwegen vor, weil sie schwänzen und weil sie sich verabredet haben, und die Mädchen machen einander Mut und necken die Jungen, indem sie einem Fremden zuwinken. Tja. Natürlich winke ich zurück. Natürlich wische ich mir den Schweiß von der Stirn und winke zurück. Worauf die Mädchen mir … ihre gereckten Ringfinger zeigen. Wenn ein zwölfjähriges schwarzes Mädchen einem den Mittelfinger zeigt, weiß man, was das heißt. Aber was hat es zu bedeuten, wenn sie einem den Ringfinger zeigt? Nach diesem kurzen Augenblick amerikanischer Rassendisharmonie rennen die Mädchen lachend den Bahnsteig entlang davon. Ihre Begleiter sehen ihnen nach, mit leerem Blick, und dann sehen sie mich an, mit ebenso leerem Blick. Wenn man lange genug als Lehrer gearbeitet hat und vor allem wenn man ein so subtiler Zuchtmeister ist wie ich, entwickelt man gegenüber solchen Dingen eine gewisse Indifferenz. Ich sehe, dass die Jungen von diesen Mädchen keine höhere Meinung haben als ich – und dann wird mir bewusst, dass ich jetzt das bisschen romantischen Mut habe, das ich brauche. Ich ziehe also mein Jackett an, nehme die Aktentasche und gehe durch den Wagen zu der Frau mit den Schönheitsflecken, entschlossen, die jammernde Alarmsirene zum Schweigen zu bringen. Und jetzt: ein kleiner Exkurs über die Art und Bauweise der U-Bahn-Wagen, die auf der Lexington-Avenue-Linie verkehren. Ich glaube, man nennt sie »Redbirds«. Jedenfalls ein Exkurs. In jedem Redbird-Wagen gibt es vorne rechts und hinten links eine Notbremse, die aus einem kleinen Griff besteht, der wie ein auf dem Kopf stehendes T aussieht und an einem Draht befestigt ist. Man braucht für die Notbremse offenbar nicht viel Kraft, denn um zu verhindern, dass jemand versehentlich daran zieht, ist sie unter einer metallenen Abdeckung verborgen, einer schweren, kantigen Klappe, die man erst anheben muss, um am Griff zu ziehen. Wenn man sie anhebt, ertönt ein Alarm – also, kein richtiger Alarm, eher so eine Art hohes, elektrisches Schnarren, ein raues, durchdringendes Knätschen. Nnniii-nnniii. Ein Ais. Nnniiinnniii. Der Alarm bedeutet nicht, dass jemand die Notbremse gezogen hat, sondern nur, dass jemand die Abdeckung angehoben hat. Ein hartes Rucken des Wagens lässt sie manchmal ein Stück aufklappen, so dass diese Alarmsirene ertönt, bis ein tapferer, kundiger Fahrgast – par exemple moi! – hingeht und die Klappe wieder schließt. Ende des Exkurses. Also. Ich gehe durch den Wagen und bleibe vor der schönen Frau stehen. Ihre Augen sind geschlossen, doch sie schlägt sie flatternd auf, als sie mich kommen hört. Ich bleibe nachdrücklich stehen und versetze der Klappe einen einzigen entschlossenen Schlag. Die Sirene verstummt. Die Frau sieht auf. Für den Bruchteil einer Sekunde erfreuen mich ihre schönen Augen. Sie will gerade etwas sagen, sich vermutlich bei mir bedanken, als ein Schweißtropfen von meinem Handgelenk auf das makellose weiße Taschentuch fällt. Wir beide sehen ihn fallen. »Entschuldigung … ich wollte nur … « Weil ich so bin, wie ich bin, habe ich dramatisch innegehalten, um zu demonstrieren, was ich getan habe. Die ausgestreckte Hand an der Klappe, bin ich erstarrt, um ihr zu zeigen, dass ich ein Gentleman bin. Und darum bleibt, während ich meine Entschuldigung stammle, genug Zeit für einen zweiten Tropfen auf das Taschentuch. Igitt! Sie bedenkt mich mit einem vernichtenden Blick – dem Blick, der in Manhattan bedeutet: »Hau ab, du Perversling!«, einem Blick, der, wenn er von einer Frau mit zwei perfekten Schönheitsflecken kommt, alle Gedanken auslöscht. Es ist, als hätte ich sie um Kleingeld angebettelt und dabei bespuckt. Also ziehe ich mich zurück. Und während ich das tue, denke ich: Warum sitzt diese schöne Frau um fünf vor halb elf am Morgen in einem Lexington Avenue Local? Aber ich ziehe mich zurück. Ich ziehe mich zurück, ich setze mich, ich schwitze, rücke den Hut zurecht und lege die Stirn über meinem Verlierergesicht in Falten. Auftritt (wütend und auf der Suche nach dem Schuldigen): die U-Bahn-Schaffnerin. Sie ist jung und schwarz und trägt eine dieser engen, schweren Uniformen der Manhattan Transit Authority. Sie ist eine vollbusige Schaffnerin, aber die Uniform hat aus ihrem Busen einen flachen Brustpanzer dienstlicher Autorität gemacht. Und die Redbird-Züge sind so konstruiert, dass die Schaffnerin von einem Wagen zum anderen gehen muss, je nachdem, ob der Zug an einer Local- oder Express-Station hält. Ich erwähne das, weil wir offenbar in dem Wagen waren, den die Schaffnerin an den Express-Stationen als Hauptquartier benutzte. Die Tatsache, dass sie in unseren Wagen kam, deutete darauf hin, dass sie schon die hintere Hälfte des Zuges nach dem Schuldigen abgesucht, aber nichts gefunden hatte. Also. Auftritt: die U-Bahn-Schaffnerin. Die Türen zwischen den Wagen gehen immer ziemlich schwer auf, aber sie öffnet sie mit einer schwungvollen Bewegung aus dem Handgelenk und ruft: »Hat hier irgendeiner die Notbremse angerührt?« Die Frau mit den Schönheitsflecken sieht mich an. Sie will sehen, ob ich gestehe, dass ich die Klappe über dem Notbremsgriff geschlossen habe. Ich überlege: Entweder ich stelle mich oder ich werde verraten. Darum sage ich, als die Schaffnerin vorbeihastet: »Madam? Die Klappe über dem Bremsgriff? Ich hab sie zugemacht.« Die Schaffnerin mustert mich voll … Zorn! »Sie haben die Notbremse angefasst.« »Nein. Die Klappe stand offen. Dieser kleine Metalldeckel. Ich habe ihn zugemacht.« »Sie haben die Notbremse angefasst.«
»Nein. Der Zug hatte schon gehalten. Ich hab nur die Klappe zugemacht. Weil der Alarm geläutet hat.« »Der Alarm hat geläutet«, sagt sie mit Abscheu, »und Sie haben die Bremse angefasst.« Und dann … dann dreht sie sich um und macht die Klappe über dem Griff wieder auf.
Was die Notbremse dazu zu sagen hat (Anfang August 2000): Nnniii-nnniii!
Maynard Gogarty erzählt, was in dem Lexington Avenue Local in Richtung Norden passierte (Anfang August 2000):
Die Schaffnerin tut so, als würde sie den Notbremsgriff untersuchen, aber was gibt’s da schon zu untersuchen? Die Frau mit den Schönheitsflecken sitzt einfach da, direkt vor der Schaffnerin. Sie hat die Augen geschlossen und wünscht sich ihre Privatsphäre zurück. Schließlich gibt die Schaffnerin auf, dreht sich wieder zu mir und fragt: »Und Sie sind nicht auf die Idee gekommen, dass der Alarm vielleicht einen Sinn hat? Zum Beispiel, dass irgendwas nicht in Ordnung ist und Sie die Notbremse nicht anfassen sollen?« Sie hat den Deckel nicht ganz geschlossen, und der Alarm plärrt weiter. Aber sie lässt ihn plärren. Sie schließt das Kämmerchen in unserem Wagen auf, das winzige Kämmerchen für die Halte in Express-Stationen, geht hinein und sagt: »Mit Ihnen bin ich noch nicht fertig.« »Aber ich hab gar nichts getan.« »Ich sage Ihnen: Mit Ihnen bin ich noch nicht fertig.« Sie fummelt an ein paar Schaltern herum und telefoniert mit dem Zugführer. Aber dann erwachen die Beleuchtung und die Klimaanlage wieder zum Leben. Sie verlässt das Kämmerchen, verlässt den Wagen, und dann geht die Tür auf, und der Gluthauch der Station 33rd Street strömt herein. Aus den Lautsprechern kratzt ihre Stimme: »33rd Street. Nächster Halt Grand Central. Türen freimachen.« Ihrer Stimme höre ich an: Sie ist mit mir noch nicht fertig. Während ich auf meinen Prozess warte, steigen die beiden schwarzen Jungen mit den Trompetenkoffern ein – keine Ahnung, wo sich die drei Mädchen verstecken. Der eine ist pummelig, der andere mager. Sie setzen sich nicht weit von mir entfernt hin, klappen die Trompetenkoffer auf und bewundern ihre Filzstifte. Das schleppen sie nämlich in ihren Trompetenkoffern herum: riesige Filzstifte.
James Cleveland erzählt vom Fernsehen (Anfang August 2000):
Brittany und Juney und Shawna ließen den weißen Typen flippen. Ich sagte: »Warum wollt ihr uns Ärger machen?« Und Chief sagte: »Hast du die Hosen voll, Alter?« Das fand ich blöd – als ob er was beweisen wollte, das man gar nicht beweisen musste. Aber als die U-Bahn-Türen endlich aufgingen, rannten Brittany und Juney und Shawna zu einem anderen Wagen, und darum stiegen nur Chief und ich in den Wagen mit dem weißen Typen. Und Chief redete ganz laut: »Scheiße, ich werd’s dir zeigen, Alter, Scheiße.« Er redete ganz laut, und ich wusste nicht, ob er Schiss hatte oder nicht, und das fand ich auch blöd. Er sagte: »Mann, Alter, das ist ja scheißheiß hier drin.« Das stimmte, es war heiß im Wagen. Meine Jeans fühlten sich an, als würden sie gerade aus dem Trockner kommen. Und dieser weiße Typ stand da und hatte wahnsinnig viele Schichten von Klamotten an, als wäre er auf einer Safari. Ich hab auf Kanal 14 mal einen Film über die Sahara gesehen. »Gefördert mit Mitteln der Vereinigung der öffentlichen Sendeanstalten.« Es war was über Sklaven in den Salzbergwerken und Timbuktu und Kamelkarawanen und so. Die Nomaden halten sich kühl, indem sie dünnes Zeug in vielen Schichten übereinander tragen. Und der weiße Typ sah so aus, als würde er mit seinen wahnsinnig vielen Schichten dasselbe versuchen. Aber dass viele Schichten einen kühl halten, ist Quatsch, denn dem weißen Typen lief ein Amazonas aus Schweiß übers Gesicht. Das war wahrscheinlich das Kalte an seinen Eiern: sein Schweiß. Die einzigen freien Plätze waren neben dem weißen Typen. Also haben Chief und ich uns da hingesetzt. Und Chief wollte zeigen, dass er keinen Schiss hat, also hat er den Koffer aufgemacht und die Filzer rausgeholt. Und er hat geflüstert: »Na, Alter, wer hat hier die Hosen voll?« Alle haben uns angestiert, und darum hab ich versucht, ganz normal zu sein, nach dem Motto: »Hier gibt’s gar nichts zu sehen, Leute.« Ich hab so getan, als wären die Filzer ganz normal. Aber gerade als ich einen in der Hand hatte, kam die Schaffnerin rein.
Maynard Gogarty erzählt, was in dem Lexington Avenue Local in Richtung Norden passierte (Anfang August 2000):
Die Türen schließen sich. Der Zug verlässt die Station wie ein angeleinter Hund: erst ganz langsam, damit er noch ein bisschen an den bepinkelten Stützpfeilern schnuppern kann, dann immer schneller, durch den Tunnel, wo er schon die bepinkelten Stützpfeiler von Grand Central riechen kann. Und wie der Rest der Passagiere starre ich die Jungen und ihre Filzstifte an und bin sprachlos über ihre … Verwegenheit. Seit Giuliani Bürgermeister ist, sind die Dinger sehr verboten, glaube ich. Da kommt die Schaffnerin zurück, um mich hier und jetzt, auf dem Linoleumboden des Lexington Avenue Local in Richtung Norden, mit ihrem Dienstrevolver zu erschießen. Sie ist trittsicher und ganz offenbar daran gewöhnt, durch den Zug zu gehen, ohne sich festzuhalten. Sie ruckt an ihrem Gürtel, um die Uniform glattzuziehen – als könnte etwas so Enges je verrutschen. Als der pummelige Junge sie sieht, klappt er schnell den Koffer zu, und der andere schiebt den Stift, den er in der Hand hält, zwischen seine Beine.
Die Schaffnerin Yvette Benitez-Birch zitiert ihre Standpauke (Anfang August 2000):
Jonas war der Zugführer, und er fand den Fehler im vorderen Zugteil. Es lag an einer Bremse im dritten Wagen, und als er die Sache behoben hatte, konnten wir wieder normal weiterfahren. Was immer der Mann, dieser herablassende Mann mit dem weißen Strohhut, getan hatte, war jedenfalls nicht der Grund dafür, dass der Zug stehengeblieben war. Aber er hatte was an sich, dass ich dachte: Mit dem muss ich mal ein ernstes Wörtchen reden. Ich sagte: »Mister, ich weiß nicht, wo Sie her sind. Vielleicht darf man da, wo Sie her sind, an der Notbremse herumfummeln. Aber hier in New York möchten wir, dass die Fahrgäste die Finger davon lassen. Verstanden?« Er sagte: »Aber Madam! Ich bin aus New York.« Und ich sagte: »Wenn Sie aus New York sind, sollten Sie wissen, dass Sie die Notbremse nicht anfassen dürfen.« Und er sagte: »Ich hab sie ja auch gar nicht angefasst.« Ich dachte: Ich hab auf das hier keine Lust, ich hab keine Lust, mich mit »Madam« anreden zu lassen. Aber neben ihm saßen zwei kleine Jungs, und der eine sagte: »Der lügt.« Ich dachte: Warum sollte dieses magere Bürschchen den Mann mit dem weißen Strohhut einen Lügner nennen? Ich wusste, dass der Mann nicht die Notbremse gezogen hatte, aber er hatte was an sich, das mir nicht gefiel, und darum dachte ich: Mal sehen, was der Junge zu sagen hat.
Maynard Gogarty erzählt weiter, was in dem Lexington Avenue Local in Richtung Norden passierte (Anfang August 2000):
Der magere Junge sagt: »Der lügt.« Den Ton kenne ich von meinen Schülern: Es ist die Scheinheiligkeit eines Kindes, das von seinen eigenen Verfehlungen ablenken will. Sein pummeliger Freund sagt: »Sei still, Alter.« Aber der magere Junge beharrt: »Nein. Das war nämlich so.« Und dann erzählt er eine tolle Geschichte. Er erzählt der Schaffnerin, dass er und seine Freundinnen auf dem Bahnsteig gewartet haben und dass die Mädchen mich geärgert haben und dass ich wütend geworden bin und die Notbremse gezogen habe, um sie zu schnappen und der Polizei zu übergeben. Der Polizei zu übergeben – was Kinder sich so ausdenken. Aber mitten in der Geschichte und genau im rechten Augenblick, um sie zu untermauern, geht die Tür zwischen unserem und dem nächsten Wagen auf, und die drei schwarzen Mädchen erscheinen – bestimmt auf der Suche nach ihren Begleitern. Sobald sie die Schaffnerin sehen, rufen sie: »Oh, Scheiße!«, und rennen den Weg zurück, den sie gekommen sind. Die schwere Tür schließt sich im Zeitlupentempo. Aber die drei haben ihren Zweck als Instrument des Schicksals erfüllt und die Geschichte des Jungen bestätigt. Die Schaffnerin weiß vielleicht, wie man Leute anschnauzt, aber mit dieser Situation ist sie überfordert. Sie packt die Haltegriffe über ihrem Kopf und blockiert mit ihrer Skepsis und ihrem finsteren Gesicht den Mittelgang. Der Zug bremst ab wie alle Züge bei der Einfahrt in die Grand Central Station. Die beiden schwarzen Jungen sind offenbar der Meinung, die Wahrheit gesagt zu haben, wissen aber nicht, was die Erwachsenen jetzt tun werden. Ich sage: »Madam, ich habe keine Ahnung, was diese Jungen gesehen haben.« Der magere Junge sagt: »Der lügt. Er hat die Bremse gezogen.« Und in diesem Augenblick erhebt die Frau mit den Schönheitsflecken die Stimme. Sie sagt: »Entschuldigen Sie, ich habe hier gesessen und alles gesehen. Der Mann hat nur den Kasten zugemacht. Diese Jungs da wollen irgendwie nur Ärger machen.« Dieses »irgendwie« … sehr sexy. Sexyer als die Schweißflecken unter ihren Achseln. »Irgendwie«, das Passwort zu ewiger Jugend. Aber was für eine prächtige, aufmüpfige Petze! Hilft dem Aufsichtspersonal! Um meinen verschwitzten, vom Pech verfolgten Hintern zu retten! Und wieder frage ich mich: Was macht sie hier?
Maynard Gogarty erzählt um ein Haar zu Ende, was in dem Lexington Avenue Local in Richtung Norden passierte (Anfang August 2000):
Also: ein Lexington Avenue Local in Richtung Norden, dreißig Sekunden vor der Einfahrt in Grand Central Station. Der magere schwarze Junge hat mich beim Aufsichtspersonal verpetzt, worauf die Frau mit den Schönheitsflecken den mageren schwarzen Jungen beim Aufsichtspersonal verpetzt hat. »Die Jungs da lügen, und in ihren Koffern haben sie lauter Filzstifte.« Die Schaffnerin beschließt, die Initiative zurückzugewinnen. Sie sagt: »Miss, ich weiß, dass Mr. Schlaukopf hier« – damit meint sie leider mich – »nicht die Notbremse gezogen hat. Das war irgendeiner weiter vorn im Zug.« Offenbar hat sie das vom Zugführer erfahren, als sie in ihrem Abteil mit ihm telefoniert hat. »Ich habe Mr. Schlaukopf hier nur gesagt, er soll den Kasten mit der Notbremse nicht anfassen.« Sie mustert die Trompetenkoffer der Jungen und sagt: »Und ihr zeigt mir jetzt, was da drin ist.« Und ich, ich habe einen Gedankenblitz. Er zuckt durch den abgestandenen, feuchten, warmen Nebel in meinem Kopf, dieser Gedankenblitz. Also: Wenn ich noch einen Augenblick für Verwirrung sorge, muss die Schaffnerin in ihre Kabine gehen und die nächste Station ansagen. Dann können die Jungen verschwinden, sobald sich die Türen öffnen, und ich habe einen wunderbaren Aufhänger für eine Unterhaltung mit der schönheitsgefleckten Frau, und zwar bis zur 51st Street. Ich weiß, dass sie mindestens bis zur 51st Street fährt, denn wenn sie in Grand Central aussteigen wollte, wäre sie nicht am Union Square vom Express in den Local umgestiegen. Ha! Bin ich nicht schlau? Kühn sage ich zur Schaffnerin: »Meiner Ansicht nach dürfen Sie die Koffer der Jungen nicht durchsuchen.« Die Schaffnerin erwidert: »Mister, ich hab genug von Ihnen und Ihren sogenannten Ansichten. Die beiden Jungs werden mir zeigen, was da drin ist, oder ich rufe die Polizei.« Ich zeige mit der Aktentasche auf die Frau mit den Schönheitsflecken und sage: »Madam, die Dame hier hat sich bestimmt geirrt. Es waren keine Filzstifte. Sie hat lediglich zwei ausgelassene schwarze Jungen gesehen, die …« Und wie ich es vorhergesehen habe, geht die Schaffnerin in ihr Kämmerchen, um Grand Central Station anzukündigen. Na gut, mea culpa! Mea eigene bedauerliche culpa. Ich hätte nicht andeuten sollen, dass bei der Bemerkung der schönen Frau so etwas wie Missgunst im Spiel gewesen sein könnte. Ich hätte nicht andeuten sollen, dass sie die Jungen nur verpetzt hat, weil sie schwarz sind. Ich wollte nur für ein bisschen Verwirrung sorgen. Auf dem Weg zur 54th Street werde ich mich bei der Frau mit den Schönheitsflecken entschuldigen. Leider habe ich vergessen, dass die Mädchen im nächsten Wagen sitzen und die Jungen daher nicht aussteigen werden, jedenfalls nicht ohne ihre Freundinnen. Und eine weitere Möglichkeit habe ich genauso wenig in Betracht gezogen.
Yvette Benitez-Birch sagt durch, dass der Local ab jetzt ein Expresszug ist (Anfang August 2000):
Man muss es den Leuten immer haarklein erklären. Ich sagte: »42nd Street, Grand Central Station. Übergang zu den Linien 4, 5 und 7 sowie zum Pendelzug zum Times Square. Achtung, Fahrgäste, eine wichtige Durchsage: Dieser Zug hält bis 125th Street nur an Express-Stationen. Ich wiederhole: nur an Express-Stationen. Dieser Zug hält nicht an den Stationen 51st Street, 68th Street, 77th Street, 96th Street, 103rd Street, 110th Street und 116th Street. Wenn Sie an einer der Stationen 51st Street, 68th Street, 77th Street, 96th Street, 103rd Street, 110th Street und 116th Street aussteigen wollen, verlassen Sie diesen Zug und steigen Sie in den nächsten Local. Ich wiederhole … « Man muss es den Leuten immer haarklein erklären. Als wir von der 42nd Street weiterfuhren, ging ich wieder in den Wagen, um die Sache zu Ende zu bringen. Der herablassende Mann mit dem Hut war noch da, und die beiden Jungen, die ihn einen Lügner genannt hatten, waren auch noch da, aber die Frau in Schwarz war weg. Sie war an der Station 42nd Street ausgestiegen, um den nächsten Local zu nehmen. Wenn ich ehrlich sein soll: Ich war froh, dass sie weg war. Ich brauche diesen Quatsch nicht. Ich hab schon genug Sorgen. Ich sagte: »Nur komisch, dass ihr nicht alle ausgestiegen seid.« Ich schärfte den Jungs ein, sie sollten sich nicht an öffentlichem Eigentum vergreifen, und sah den herablassenden Mann mit dem Hut an, damit er wusste: Dir ist nicht vergeben, aber du darfst gehen. Und dann ging ich wieder rein und sagte die 59th an.
James Cleveland erzählt das blöde Ende der Geschichte (Anfang August 2000):
Ich warne Sie: Es ist ein blödes Ende. Wenn Sie zum Beispiel einen Film für Dreizehnjährige über Kamelkarawanen in der Sahara machen, dann sollten Sie zwei Karawanen zeigen, die zusammenstoßen und kämpfen. Und wenn die nicht kämpfen wollen, dann müssen Sie eben dafür sorgen, dass sie kämpfen. Worauf ich rauswill: Erzählen Sie keine Geschichten, die ein blödes Ende haben. Und ich warne Sie: Diese Geschichte hat ein blödes Ende. Alle steigen aus, außer mir und Chief und dem weißen Typen. Und der weiße Typ macht ein Gesicht, als wäre das alles genau das, was er erwartet hat. Also sage ich: »He, Mister.« Und Chief sagt: »Halt’s Maul, Alter.« Aber wenn der Typ mit der Krawatte uns hätte stressen wollen, hätte er’s vorher tun können. Ich sage: »He, Mister, da sind keine Trompeten drin.« Und der Typ sagt: »Ich weiß.« Und ich sage: »Warum haben Sie dann gesagt, da wären welche drin?« Und er sagt: »Weil ich nett sein wollte. Passt auf, dass ihr mit den Dingern keine Schwierigkeiten kriegt.« Und dann wollte er wissen, woher wir die Koffer hatten und ob wir wirklich Trompete spielen. Also sage ich: »Wir spielen in einer Band.« Und er sagt: »Hab ich mir beinah gedacht.« Und dann sagt er: »Ich bin auch Musiker, und wir Musiker müssen zusammenhalten. Aber die Trompete ist ein schönes Instrument und verdient euren Respekt. Ihr dürft sie nicht vernachlässigen.« Damit macht er mir Schuldgefühle, weil ich nämlich eigentlich den ganzen Tag hätte üben sollen. Ich hab Ihnen ja gesagt, es ist ein blödes Ende. Die interessanten Sachen kamen erst später, als Chief und ich Brittany und Juney und Shawna abgehängt hatten.
Maynard Gogarty liefert einen Epilog zu dem, was in dem Lexington Avenue Local in Richtung Norden passierte (Anfang August 2000):
Ich habe keinen Epilog zu dem, was in dem Lexington Avenue Local in Richtung Norden passierte. Darf ich mich jetzt also von den res lösen, in deren medias ich bin? Und Ihnen erzählen, wie ich die Rechte an meinem Film verkauft habe? Oder bestehen Sie auf einem Epilog? Na gut, also der Epilog. Es ist ein offenes Geheimnis – was wiederum ein Widerspruch in sich ist –, dass New York etwas Außergewöhnliches ist, dass in Manhattan ein esprit de pays waltet, der über den für die New Yorker angeblich typischen esprit de corps hinausgeht. Dass man in New York niemandem zweimal begegnet, ist nicht romantisch, sondern erschreckend! Denn es bedeutet: Wenn man glaubt, man sei für jemanden bestimmt, wird man immer allein bleiben. Da haben Sie also Ihren Epilog, Sie … Optimist. Das ist der Epilog zu der Geschichte von der Frau mit den Schönheitsflecken, der ich – einmal – im Lexington Avenue Local in Richtung Norden begegnet bin. Wo war ich?
Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Rudolph Delson: Die Notwendigkeit des Zufalls in Fragen der Liebe.
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag München, Zürich 2007. 392 Seiten, 21,50 Euro. Das Buch erscheint dieser Tage.




