Ford Madox Ford: Pariser Rübchen

Pariser Rübchen

Im Ersten Weltkrieg war er Leiter der Abteilung für Transportwesen im britischen Kriegsministerium. Als er am Tag des Waffenstillstands erfahren musste, dass die Alliierten darauf verzichteten, in Deutschland einzumarschieren, um den Feind endgültig zu besiegen, traf ihn der Schlag. Seine Welt brach zusammen. Der Gutsherr Mark Tietjens, Spross einer altehrwürdigen englischen ­Familie, beschloss, fortan nicht mehr zu sprechen. Stumm und gelähmt liegt er nun seit Jahren auf einer überdachten Kranken­liege in unmittelbarer Nähe seines Gutshauses Groby Hall, in dem sein Bruder Christopher mit seiner Lebensgefährtin lebt. Marks französische Ehefrau Marie Léonie kümmert sich fürsorglich um ihn.

von Ford Madox Ford

Von seinem Lager starrte er in das Weidengeflecht, mit dem sein strohgedeckter Unterstand verspannt war; die Wiesen waren eine grüne Un­endlichkeit; vier Grafschaften lagen in seinem Blickfeld; sechs niedrige, grob behauene junge Eichenstämmchen trugen das Dach, auf das die Zweige eines Apfelbaums hingen. Französischer Holzapfel! Die Hütte hatte keine Wände.

Ein italienisches Sprichwort lautete: Wer einen Baum über sein Dach wachsen lässt, lädt sich den Arzt zum täglichen Besuch. So ungefähr hieß es! Er hätte gerne gegrinst, aber das hätte jemand sehen können.

Für einen Mann, der sich nicht mehr von der Stelle bewegte, war sein Gesicht eigenartig walnussfarben; sein Kopf, der sich ins Magermilchweiß der Kissen eindrückte, hätte der eines Zigeuners sein können mit dem dunklen, angegrauten, äußerst kurz geschnittenen Haar, dem sehr sorgfältig und völlig glatt rasierten, vollkommen regungslosen Gesicht. Die Augen bewegten sich jedoch mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, denn in ihnen und den Lidern versammelte sich alles Leben dieses Mannes.

Den Pfad hinab, den man in das kniehohe Gras gemäht hatte und der vom Stall zu der Hütte führte, ging schwerfällig rudernd ein älterer Bauer. Seine überlangen, behaarten Arme schwan­­gen hin und her, als fehlten ihm eine Axt oder ein Holzklotz oder ein voller Sack, um ihn zu einem vollständigen Mann zu machen. Er war von breitem Wuchs und steckte in einer Kniehose aus Cord, die um das Gesäß sehr eng war; er trug schwarze Strümpfe, eine blaue, ärmellose Jacke, die er aufgeknöpft hatte, ein gestreiftes, am schweißglänzenden Hals offenes Flanellhemd, und einen eckigen, hohen Hut aus schwarzem Filz.

Er fragte:

»Woll’n Sie umgedreht werden?«

Der Mann im Bett senkte langsam die Augenlider.

»Woll’n Sie ’nen Schluck Most?«

Wie zuvor senkte der Angesprochene die Augenlider. Der stehende Mann hielt sich mit seiner riesigen Hand wie ein Gorilla an einem der Eichenpfosten fest.

*

Der Mann im Bett – Mark Tietjens – hing seinen eigenen Gedanken nach.

*

Fuchsjagd, der Sport der Könige, nicht halb so gefährlich wie Krieg! Er, Mark Tietjens, hatte sich nie etwas aus der Fuchsjagd, nie etwas aus der Jagd auf Fasanen gemacht, und nie mehr würde er noch einmal an einer Jagd teilnehmen. Nicht, weil er nicht konnte; nein, weil er von nun an nicht mehr wollte … Es ärgerte ihn, dass er sich nie die Mühe gemacht hatte, nachzulesen, was genau Jagos Worte waren, ehe er denselben Entschluss wie jener gefasst hatte … Von jetzt an rede er nie mehr ein Wort …

*

Die Enten auf dem Teich droben auf der Anhöhe machten einen Mordslärm. Im Sonnenlicht stapfte der alte Gunning zwischen Stallwand und Himbeerstauden hügelan. Der ganze Garten lag am Hang. Mark schaute übers Gras hinweg zur Hecke hinauf. Wenn sie sein Bett herumdrehten, schaute er hinab aufs Haus. Ein Haus aus grobbehauenem, grauem Stein.

Wenn sie das Bett halb herumdrehten, schaute er auf die berühmten vier Grafschaften; war es halb in die andere Richtung gedreht, konnte er über eine steile Grasböschung bis zur Hecke an der Straße sehen. Jetzt schaute er hügelwärts über die Spitzen des Grases hinweg, das reif zum Mähen war, über die Himbeerstauden an der Hecke, die Gunning gleich schneiden wür­de. … Rücksichtsvoll waren sie zu ihm, allesamt. Immer dachten sie sich etwas aus, um ihm Abwechslung zu verschaffen. Die er aber nicht brauchte. Er hatte Abwechslung genug.

*

Er hatte dem Land die Transportmittel besorgt, die es brauchte: Das Land hätte die Lebensmittel auftreiben müssen. Hatte es aber nicht, so dass die Kinder lange, dünne Beine hatten und Handgelenke, die wie auf Pfeifenstielen hervorstanden. Diese ganze Generation! … Nicht seine Schuld! Er hatte das Transportwesen organisiert, wie es organisiert werden musste. Seine Abteilung hatte das getan. Seine eigene Abteilung, die er selbst aufgebaut hatte, zuerst als zweiter Sekretär auf Zeit und schließlich als leitender Beamter auf Lebenszeit; er hatte sie aufgebaut, vom Tag seines Dienstantritts vor dreißig Jahren an bis zum Tag, an dem er beschlossen hatte, nie mehr ein Wort zu sprechen.

Oder jemals einen Finger zu rühren! Er musste ja auf dieser Welt, in diesem Land sein. Jetzt aber sollten die anderen für ihn sorgen, denn er war fertig mit allem. … Er kannte die Zuchtlinien jedes Pferdes von Eclipse bis Perlmutter auswendig. Mehr brauchte er nicht. Sie sorgten dafür, daß er alles zu lesen bekam, was es über Pferderennen zu lesen gab. Er hatte Abwechslung genug!

Die Enten auf dem Teich droben auf dem Hügel schrien immer noch, klatschten mit den Flügeln das Wasser schaumig und quakten. Wären es Hühner gewesen, hätte es etwas zu bedeuten gehabt – zum Beispiel, dass ein Hund hinter ihnen her war. Bei Enten hatte es nichts zu bedeuten. Sie wurden einfach toll und steckten sich gegenseitig an. Wie Völker oder das Vieh in einer Grafschaft.

Im Vorübergehen pflückte Gunning von den Himbeerstauden die eine oder andere Fruchtknospe und zerquetschte die blassen Gebilde zwischen Zeigefinger und Daumen. Schaute, ob sie Maden hatten. Das Laub der Himbeere war blassgrün: unter den sonst so robusten Rosazeen war sie eher schwächlich. Das lag aber nicht an Nahrungsmangel, sondern an der Art. Ihre Versorgung mit Nährstoffen funktionierte durchaus, aber vermutlich brauchte sie nicht viel. Gunning fing an, die Hecke mit kräftigen, streifenden Schlägen seiner Sichelhaue zu stutzen. Immer noch wuchsen viel zu viele Brombeeren in der Hecke: in einer Woche würde sie wieder verwildert sein.

Sie hielten die Hecke so niedrig, um ihm etwas Unterhaltung durch die Leute auf dem Pfad zu verschaffen, obwohl sie sie am liebsten so hoch hätten wachsen lassen, dass niemand in den Obst­garten hätte schauen können.

*

Fürsorglich, wie sie waren, hatten sie außerdem am linken Eckpfosten seines Unterstandes ein breites Brett angebracht. Damit ihn die Vögel unterhielten. Dabei hatte sein Interesse eigentlich immer größeren Tieren gegolten! … Eine He­ckenbraunelle, lautlos und unscheinbar grau, saß geisterhaft auf diesem Brett. Sie huschte durch die Hecken, in denen sie sich versteckte. Für ihn war es ein amerikanischer Vogel – vielleicht nur deshalb, weil es da drüben so viele Amerikaner gab, auch wenn er sie nie sah. … So etwas wie eine stumme Nachtigall, schmäch­tig, lang, dünnschnäbelig, fast ohne Zeichnung, wie es sich für einen Vogel gehört, der selten das Licht der Sonne sieht, sondern im tiefen Dämmer dichter Hecken lebt. … Amerikanisch, weil er einen scharlachroten Buchstaben tragen müsste. Fast alles, was er über Amerika wusste, stammte aus einem Buch, das er einmal gelesen hatte – über eine Frau wie eine Heckenbraunelle, die sich heimlich im Gebüsch verkroch und in Schwierigkeiten mit einem Priester geriet. … Aber bestimmt gab es auch andere Typen.

Dieser flattrige, schmächtige, offenkundig puritanische Vogel steckte jetzt sein dünnes Schnäbelchen in das Bratenfett, das Gunning für die Meisen auf das Brett gestrichen hatte. Weidenmeise, Kohlmeise, Schwanzmeise … alle Meisen liebten Bratenfett. Die Heckenbraunelle offenbar nicht; das Bratenfett war an jenem milden Junitag ölig geworden. Die Heckenbraunelle kaute mit dem unteren auf dem oberen Schnabelteil, die beide ganz fettig waren, pickte aber nichts mehr von dem Bratenfett auf. Sie schaute Mark in die Augen. Weil diese sie bewegungslos musterten, stieß sie einen langen Warnruf aus und huschte geräuschlos dorthin, wo man sie nicht mehr sehen konnte. Alle Wesen, die in Hecken leben, nehmen keine Notiz von einem, solange man weitergeht und sie nicht beachtet. Bleibt man aber stehen und blickt sie an, warnen sie die übrige Hecke und huschen davon. Bestimmt hatte diese Heckenbraunelle Junge in Hörweite. Der Warnruf mochte aber auch der ganzen Vogelgesellschaft gegolten haben.

Marie Léonie, geborene Riotor, stieg die Stufen und dann den Pfad herauf. Er erkannte sie an ihrem Atem. In einer langen Schürze aus bedruckter Baumwolle, die ihre Figur verbarg, stand sie mit einem Teller Suppe in den Händen neben ihm und sagte:

»Mon pauvre homme! Mon pauvre homme! Ce qu’ils ont fait de toi!«

Sie hob zu einer atemlosen Rede auf französisch an. Sie war der Typ der großen, blonden Frau, wie man sie in der Normandie sieht; ihr ungewöhnlich blondes Haar war für eine Frau in den Vierzigern üppig und auffällig. Sie lebte jetzt seit zwanzig Jahren mit Mark Tietjens zusammen, hatte sich aber immer geweigert, auch nur ein Wort Englisch zu sprechen, weil sie eine unbezwingbare Verachtung sowohl für die Sprache als auch für die Menschen ihrer Wahlheimat empfand.

Ihre Rede sprudelte. Das kleine Tablett mit dem Teller voll rötlich-gelber Suppe hatte sie auf ein glattes Holzbrett gestellt, das man auf einer Spindel unter dem Bett hervordrehen konn­te; in der Suppe war ein glänzendes Fieber­thermometer, das sie von Zeit zu Zeit bewegte und betrachtete, neben dem Teller eine gläserne Spritze mit einer Maßeinteilung. Ils – Sie – so sagte sie, hätten sich zusammengetan, um ihre Gemüsesuppe ungenießbar zu machen. Sie wollten ihr nicht ihre navets de Paris geben, sondern welche, die rund wie Knöpfe seien; sie schafften es, dass die Karotten unten pourries waren; die Lauchstangen hätten die Konsistenz von Holz. Sie seien entschlossen, ihm die Gemüsesuppe vorzuenthalten, weil sie wollten, dass er Fleischbrühe zu sich nehme. Sie seien Kannibalen. Nichts als Fleisch, Fleisch, Fleisch! Dieses Mädchen! …

In der Gray’s Inn Road habe sie immer Pa­ri­ser Rübchen aus Jacopos Geschäft in der Old Compton Street bekommen. Es gebe keinen Grund, in diesem Boden keine navets de Paris anzubauen. Das Pariser Rübchen sei fassförmig und rund, rund, rund wie ein süßes, kleines Schweinchen bis zu der Stelle, wo es in sein lustiges Schwänz­chen übergehe. Das sei ein Rübchen, an dem man einfach seine Freude habe, das einen auf andere Gedanken bringen und über das man ins Schwärmen geraten könne. Ils – er und sie – seien unfähig, sich von einem Rübchen auf andere Gedanken bringen zu lassen.

Gelegentlich stieß sie zwischen einzelnen Sät­zen hervor:

»Mein armer Mann! Was haben sie aus dir gemacht?«

Ihr Redefluss überströmte Mark wie ein Wasserschwall einen Gitterrost, so dass nur hin und wieder ein paar Wendungen davon bei ihm hän­gen blieben. Es war ihm nicht unangenehm, weil er seine Frau mochte. Sie hatte eine Katze, die sie dazu erzogen hatte, freitags auf Fleisch zu verzichten. In der Gray’s Inn Road, in einem großen Zimmer, das mit unzähligen Miniaturen und Scherenschnitten geschmückt war, die Mitglieder der Familie Riotor und ihrer Nebenlinien darstellten, war das leichter gewesen. Sowohl Mme Riotor mère als auch Mme Riotor grandmère hatten Miniaturen gemalt, und Marie Léonie besaß ein paar verblüffend weiße Skulpturen von dem berühmten Bildhauer Casimir-Bar, der zeitlebens ein Freund ihrer Familie gewesen war und dem nur aufgrund einer Verschwörung nie ein Orden verliehen worden war. Er hatte deshalb nur Verachtung für Orden und Ordensträger übrig. Früher hatte Marie Léonie die Angewohnheit gehabt, die weitschweifigen Ausführungen Monsieur Casimir- Bars zum Thema Orden ausführlich wiederzugeben. Seit jedoch er, Mark, von seinem Souverän ausgezeich­net worden war, hatte sie diese seltener vorgetragen. Sie gab zu, dass die heutige Demokratie nicht mehr über jene gediegenen Werte verfügt, welche die Demokraten zu der Zeit ihrer Eltern noch ausgezeichnet hatten; deshalb sei es besser, sich zu caser – also ein Unterkommen zu finden bei jenen, die der Staat auszeichnete.

Das Rauschen ihrer tiefen, nicht unangenehmen Stimme hielt an. Mark betrachtete sie mit der ironischen Nachsicht, die man einem Kind zugesteht, tatsächlich aber hatte es ihn, als er noch in seine Arbeit eingespannt war, immer mit Ruhe erfüllt, wenn er jeden Donnerstag und Montag und nicht selten auch mittwochs, wenn keine Pferderennen stattfanden, nach Hause kam. Es hatte ihn mit Ruhe erfüllt, aus einer Welt voller inkompetenter Idioten nach Hause zu kommen und die Ansichten ­dieses Kopfes zur Weltlage zu hören. Sie hatte ihre eigene Meinung über Tugend, Stolz, Nieder­gänge, Laufbahnen, die Eigenarten von Katzen, über Fische, die Geistlichkeit, über Diplomaten und Soldaten und leichte Frauen, über den heiligen Eustachius, Präsident Grévy, Lebensmittel­lieferanten, Zollbeamte, Apotheker, die Seidenweber von Lyon, Gastwirte, Henker und die Garotte, Schokoladenhersteller, Bildhauer außer M. Casimir-Bar, Liebhaber verheirateter Frauen, Hausmädchen. … Eigentlich war ihr Hirn wie ein Schrank, vollgestopft und vollgepackt mit den unterschiedlichsten Gegenständen, Werkzeugen, Gefäßen und Abfällen. Wenn eine seiner Türen einmal aufging, wusste man nie, was alles herausfallen oder was noch alles nachkom­men würde. Für Mark war das so erholsam, wie Reisen in ferne Länder es für ihn hätten sein können – nur, dass er nie im Ausland gewesen war außer damals, als sein Vater, bevor er Groby übernahm, der Erziehung seiner Kinder wegen in Dijon gelebt hatte. Deshalb konnte er Französisch.

Eine weitere Eigenart ihrer Unterhaltung amü­sierte ihn immer wieder: am Ende kam sie stets auf das Thema zurück, mit dem sie begonnen hatte. Dementsprechend musste sie heute, nach­dem es ihr beliebt hatte, mit navets de Paris zu beginnen, auch mit Pariser Rübchen schließen. Er hatte seinen Spaß daran, zu verfolgen, wie sie es jedes Mal schaffte, wieder ihr Anfangs­thema anzusteuern. Es konnte sein, dass sie gerade längere Ausführungen über Panzerschiffe zu Ende führen wollte, aber blitzschnell zu Eierpudding zurückkehren musste, weil es an der Haustür schellte, während ihr Dienstmädchen Ausgang hatte, und dass sie dann erst die Überleitung durchführte, ehe sie die Tür öffnete. Ansonsten war sie anspruchslos, klug und von besonders frischem und gesundem Aussehen.

Während sie ihm seine Suppe gab, indem sie ihm die gläserne Spritze in ­halbminütigen ­Abständen, die sie mit Hilfe ihrer Armbanduhr einhielt, zwischen die Lippen steckte, redete sie über Möbel. … Ils wollten nicht diese Art Kaninchenställe, die im Salon standen, mit der Politur behandeln lassen, die sie aus Paris mitgebracht hatte; Monsieur Schwager habe doch wirklich, als sie einen Sessel in wahrhaft schändlichem Zustand damit aufpoliert hatte – habe echte Bestürzung an den Tag gelegt, über die sie sich richtig amüsiert habe. Möglicherweise seien altersschwache oder plumpe Möbel ja gerade in Mode. Dass sie ihr nicht erlaubt hätten, den neu vergoldeten Sessel ihrer verstorbenen Mutter oder die Figurengruppe des verstorbenen Monsieur Casimir-Bar, die Niobe mit einigen ihrer Kinder darstellte, oder die Kaminuhr, die eine genaue Nach­bildung des Medici-Brunnens im Pariser Jardin de Lu­xembourg in Bronze sei, im Salon aufzustellen – das sei eine Frage des Geschmacks. Elle mochte sehr wohl ein Ärgernis darin sehen, dass sie, Marie Léonie, Gegenstände von so anerkanntem Rang besitze. Denn könne es etwas Unerreichbareres geben als einen frisch vergoldeten Sessel aus dem Second Empire, der, das könne sie aller Welt versichern, so auf Hochglanz gehalten werde, dass es die Augen blende? Elle mochte darin sehr wohl ein Ärgernis sehen, wenn man bedenke, dass der Rock, den sie bei der Gartenarbeit trage, etwas … Nun, kurz und gut, eben so sei, wie er sei! Trotzdem lasse sie es zu, vom Pfarrer in diesem Rock ­gesehen zu werden. Aber wie könne es sein, dass Il, der anerkanntermaßen ein Mann von Ehre und Feingefühl sei und im Rufe stehe, alles über diese Welt und vielleicht auch die nächste zu wissen – wie könne es sein, dass Er sich der unsäglich törichten Verschwörung gegen das Werk Casimir-Bars, des großen Genies, anschließe? Sie, Marie Léonie, könne verstehen, wenn Er es in seiner schwierigen Lage nicht gestatten wolle, im Salon ­Gegenstände auf­zustellen, an denen Elle Anstoß neh­men könnte, weil zu ihren Besitztümern keine Kunst­gegen­stände gehörten, welchen die ganze Welt klassischen Rang zuerkenne, ganz zu schweigen von der Perlenkette, die sie, ­Marie Léonie, geborene Riotor, seiner, Marks, Groß­zügigkeit und ih­rem ­eigenen guten Wirt­­schaften ver­danke. Und noch andere kostbare und geschmackvolle Gegen­stände. Das könne man verstehen. Wenn eine Geliebte mit einer nur mäßigen Mitgift ausgestattet sei … ja, nennen wir es Mitgift … sie, Marie Léonie, sei nämlich gewiss niemand, sich kritisch über andere auszulassen, die sich in schwierigen Situationen befänden. … Das stünde ihr auch ganz schlecht an! Dennoch lägen lange Jahre ehrlicher, anspruchsloser, regelmäßiger Lebensführung und Gepflegtheit … Und sie fragte Mark, ob er je in ihrem Empfangszimmer Spuren von Matsch gesehen habe, wie sie sie nun tatsächlich im Salon einer gewissen Person habe feststellen können. Auch könne sie ge­wisse Enthüllungen machen über den Zustand, in dem sich das Innere des Schranks unter der Treppe einmal befunden und wie es hinter gewissen Kommoden in der Küche ausgesehen habe! Aber was wolle man tun, wenn man keine Erfahrung in der Führung von Hauspersonal habe sammeln kön­nen? … Gleichwohl gebe einem eine Reihe von Jahren als Hausfrau, die sie ja schon erwähnt habe, das Recht, kritische Bemerkungen – natürlich mit Takt – über den ménage einer jungen Person zu machen, wenn auch deren delikate Situation sie vor unchristlichen Bemerkungen über gewisse andere Dinge bewahren sollte. Sie, Marie Léonie, sei jedoch der Meinung, vor einem Priester in einem Rock mit nicht weniger als drei sichtbaren tâches von Benzin aufzutreten, mit Handschuhen, die mit Erde verkrustet waren wie eine Trüffel im Teig vor dem Backen in der Asche – und dabei ausgerechnet einen kleinen Spaten zu hal­ten. …  Und mit ihm zu lachen und zu scherzen! Die Situation verlange doch sicher nach einer gewissen – sollen sie es doch Zurückhaltung des Auftretens nennen. Sie sei weit davon entfernt, dem Priester die übertriebenen Privilegien zuzugestehen, auf die Priester gerne Anspruch erhöben. Geständen wir unseren soi-disants geistlichen Beratern alles zu, was sie gerne nähmen, habe der verstorbene Monsieur Casimir-Bar zu sagen gepflegt, blieben uns für unser Bett weder Laken, eiderdons, Kissen, Kopfkeil noch Rückenlehne. Sie, Marie Léonie, sei geneigt, Monsieur Casimir-Bar zuzustimmen, obwohl er als einer der Helden der Barrikaden von 1848 zu etwas extremen Ansichten geneigt habe. Immer­hin ist ein englischer Pfarrer Staatsbeamter und sollte deshalb mit Anstand und einer gewissen Diskretion empfangen werden. Andererseits habe sie – Marie Léonie – vormals Riotor, deren Mutter eine geborene Lavigne-Bourdreau war und in deren Adern infolgedessen ein Schuss Hugenottenblut fließe, so dass man wohl erwarten dürfe, dass sie, Marie Léonie, wisse, wie sie einen protestantischen Geistlichen zu begrüßen habe – sie also, Marie Léonie, habe von dem kleinen Fenster im Treppenhaus aus genau gesehen, wie Elle dem Geistlichen eine Hand auf die Schulter gelegt, auf die offene Haustür gedeutet habe – und zwar, man stelle sich vor, mit dem Setzholz – und gesagt habe – sie habe deutlich die Worte gehört: »Armer Mann, wenn Sie Hunger haben, gehen Sie ins Esszimmer. Dort ist Mr. Tietjens und isst gerade ein Sandwich. Das Wetter macht richtig hungrig!« Das war sechs Monate her, aber beim Gedanken an die Worte und die Geste sträubten sich Marie Léonie immer noch die Haare. Ein Setzholz! Auf je­manden zu deuten mit einem Setzholz; pensez-y! Warum dann nicht gleich mit einer main de fer, einer Kehrschaufel? Oder einem noch häus­liche­ren Gerät? … Und Marie Léonie gluckste vor Lachen.

Ihre Großmutter Bourdreau erinnerte sich an einen fahrenden Geschirrhändler, der einmal eines jener Geräte – eine vase de nuit, die aber natürlich neu war – mit Milch gefüllt und sie kostenlos jedem Vorübergehenden angeboten hatte, der die Milch trinken wollte. Eine junge Frau namens Laborde nahm damals auf dem Marktplatz von Noisy-Lebrun seine Herausforderung an. Sie verlor darüber ihren Verlobten, der die Geste für übertrieben hielt. Ein Spaßvogel, dieser Geschirrhändler!

Sie zog aus ihrer Schürzentasche mehrere zusammengefaltete Zeitungsblätter und unter dem Bett einen doppelten Bilderrahmen hervor – zwei Rahmen, die mit Scharnieren verbunden waren und aneinandergeklappt werden konnten. Sie legte eine Seite der Zeitung zwischen die beiden Rahmen und hängte das Ganze an ein Stück Bilderdraht, das von dem Balken unter dem Strohdach herabhing. Zwei weitere Stücke Bilderdraht liefen von den Stützpfosten auf die rechte und linke Seite des Rahmens. Sie hielten ihn in stabiler Position und ein wenig zu Marks Gesicht geneigt. Sie bot einen erfreulichen Anblick, wenn sie die Arme nach oben streckte. Mit großer Kraft und unendlicher Besorgtheit hob sie seinen Oberkörper an, stützte ihn etwas mit den Kissen ab und prüfte, ob seine Augen auf das bedruckte Blatt fielen. Sie fragte ihn:

»Kannst du so gut sehen?«

Seine Augen erfassten, dass er über das Newbury Summer Meeting und das von Newcastle lesen sollte. Er schloss sie zwei Mal, um so sein Ja zu signalisieren! In die ihren traten Tränen. Sie murmelte:

»Mon pauvre homme! Mon pauvre homme! Was haben sie dir angetan!« Aus einer anderen Tasche ihrer Schürze holte sie ein Fläschchen Eau de Cologne und einen Wattebausch. Diesen feuchtete sie an und tupfte damit noch besorgter zuerst sein Gesicht und dann seine mageren, mahagonifarbenen Hände ab, die sie aufgedeckt hatte. Sie erinnerte an jene Frauen, die man in Frankreich dabei antreffen kann, wie sie im August vor den Kirchentüren die weißen Sei­dengewänder und das Gesicht ihrer Lieblingsmadonna waschen.

Dann trat sie zurück und redete lebhaft auf ihn ein. Er erfasste, dass das Fohlen des Königs den Berkshire-Fohlenpreis gewonnen hatte und das Pferd eines Freundes das Seaton Delaval Hindernisrennen von Newcastle. Beides war zu erwarten gewesen. Er hatte beabsichtigt, dieses Jahr zum Rennen in Newcastle zu gehen und New­bury auszulassen. Im letzten Jahr, in dem er Pferderennen besucht hatte, war es sehr gut für ihn gelaufen, so dass er es zur Abwechslung mit Newcastle hatte probieren und, bei dieser Gelegenheit, auf Groby vorbeischauen und nach­sehen wollen, was dieses Luder Sylvia mit dem Haus anstellte. Nun, das war erledigt. Vermutlich würden sie ihn auf Groby begraben.

In innigem, dramatischem Tonfall sagte sie:

»Mein Mann!« Fast genauso gut hätte sie »Meine Gottheit!« sagen können. »Was für ein Leben führen wir hier? Hat es je etwas ähnlich Seltsames und Unsinniges gegeben? Lassen wir uns zu einer Tasse Tee nieder, kann sie uns jeden Augenblick vom Mund gerissen werden; lassen wir uns auf einem Sofa nieder – kann jeden Augenblick das Sofa verschwinden. Ich sage nichts dazu, dass du Tag wie Nacht immerzu hier im Freien liegst, weil ich weiß, dass es auf deinen Wunsch hin und mit deiner Zustimmung geschieht, dass du hier liegst, und nie will ich das, was du wünschst und billigst, ablehnen. Aber kannst du nicht veranlassen, dass wir in einem einigermaßen vernünftigen Haus wohnen, in einem, das besser für Menschen unseres Alters geeignet ist und ohne soviel Hin und Her und Ein und Aus? Du kannst das veranlassen. Du bist derjenige, der hier allein bestimmt. Ich kenne deine Vermögensverhältnisse nicht. Es war nie deine Art, mich darüber aufzuklären. Du hast mich aufs angenehmste versorgt. Nie habe ich einen Wunsch geäußert, den du nicht erfüllt hättest, auch wenn es stimmt, dass meine Wünsche immer vernünftig waren. Folglich weiß ich nichts darüber, obwohl ich einmal in einer Zeitung gelesen habe, dass du über außerordent­liche Reichtümer verfügt hast, die sich kaum alle zu Nichts aufgelöst haben können, weil es nur wenige Männer gibt, die so anspruchslos sind, und du immer Glück hattest und mäßig warst beim Wetten. Ich weiß also nichts, und ich würde es von mir weisen, mich bei anderen darüber zu erkundigen, weil ich dadurch zu verstehen gäbe, Zweifel an unserem Vertrauensverhältnis zu haben. Ich zweifle nicht daran, dass du für mein künftiges Wohlergehen Vorkehrungen getroffen hast, und bin mir sicher, dass sie Bestand haben werden. Es sind keine materiellen Ängste, die ich habe. Aber das Ganze hier kommt mir verrückt vor. Warum sind wir hier? Was hat das alles zu bedeuten? Warum wohnst du in diesem seltsamen Gebäude? Es mag ja sein, dass die frische Luft notwendig ist wegen deiner Krankheit. Ich glaube nicht, dass deine Räumlichkeiten immer gut gelüftet waren, auch wenn ich sie nie gesehen habe. An den Tagen aber, die du mir geschenkt hast, hattest du alles zum Allerbequemsten und schienst zufrieden mit meinen Vorkehrungen zu sein. Und dein Bruder und seine Geliebte zeigen sich in sämtlichen anderen Bereichen des Lebens so verrückt, dass ihre Verrücktheit sich auch auf diesen erstrecken mag. Warum also machst du dem ganzen kein Ende? Du hast die Macht. Du hast hier alle Macht. Dein Bruder wird von einer Ecke dieses finsteren Ortes in die andere springen, um auch deinem kleinsten Wunsch zuvorzukommen. Elle ebenso!«

Indem sie dabei die Hände nach oben reckte, glich sie einer Griechin, die eine Gottheit anrief, so groß und schön war sie, und so üppig blond ihr Haar. Und tatsächlich war seine Rätselhaftigkeit, war sein Schweigen für sie das Ge­baren einer Gottheit, die sowohl nicht auszudenkende Pfeile versenden, als auch unvorstellbare Vergünstigungen zu gewähren vermochte. Obgleich sich ihre Lebensumstände völlig verändert hatten, daran hatte sich nichts geändert, so dass seine Bewegungslosigkeit seine geheim­nisvolle Ausstrahlung nur noch verstärkte. Nicht nur jetzt, sondern während ihres gesamten gemeinsamen Lebens hatte er immer geschwiegen, während sie redete. Von dem Augenblick an, da sie ihm an den beiden Tagen der Woche, an denen er sie zu besuchen pflegte, um Punkt sieben Uhr abends die Tür öffnete und ihn mit seinem Bowlerhut auf dem Kopf, dem sorgfältig zusammengerollten Schirm und dem quer über der Brust hängenden Feldstecher erblickte, bis zu dem Augenblick am nächsten Morgen um halb elf, wenn sie seinen Bowlerhut abbürstete und ihm zusammen mit seinem Schirm reichte, redete er fast kein Wort – redete überhaupt so wenig, dass er den Eindruck absoluter Schweigsamkeit vermittelte, während sie ihn mit einem nimmer endenden Redefluss und mit Bemerkungen über Neuigkeiten aus dem Viertel unterhielt – über die französische Kolonie in jenem Teil von London oder über die Nach­richten, die in den französischen Zeitungen standen. Dabei pflegte er auf einem polsterlosen Lehnstuhl zu sitzen, leicht nach vorne gebeugt, mit kleinen Fältchen um die Mundwinkel, die den Eindruck eines ständigen, milden Lächelns vermittelten. Gelegentlich legte er ihr nahe, auf ein bestimmtes Pferd einen halben Sovereign zu setzen; gelegentlich brachte er ihr ein opulentes Geschenk mit, schwere goldene Armreifen, reich ziseliert und mit großen Smaragden besetzt, prächtige Pelze, teure Reisekoffer für ihre Reisen nach Paris oder im Herbst an die See. Dergleichen. Einmal hatte er ihr eine vollständige Ausgabe der Werke Victor Hugos in purpurnem Maroquin sowie sämt­liche von Gustave Doré illustrierten Werke in grünem Kalbsledereinband geschenkt, einmal den in Silber gefassten Huf eines in Frankreich trainierten Rennpferdes als Tintenfass. An ihrem einundvierzigsten Geburtstag – sie wusste freilich nicht, wie er herausbekommen hatte, dass es ihr einundvierzigster war – hatte er ihr eine Perlenkette geschenkt und war mit ihr in ein Hotel in Brighton gegangen, das von einem ehemaligen Berufsboxer geführt wurde. Er hatte ihr gesagt, sie solle die Perlen beim Dinner tragen, aber gut auf sie aufpassen, weil sie fünfhundert Pfund gekostet hätten. Einmal hatte er sie gefragt, wie sie ihre Ersparnisse anlege, und als sie ihm erklärt hatte, sie in französischen rentes viagères anzulegen, hatte er ihr gesagt, er könne für sie etwas Besseres mit ihnen tun, und hatte sie danach hin und wieder über ausgefallene, aber sehr profitable Möglichkeiten informiert, kleine Summen anzulegen.

Auf solche Art, weil Opulenz und Wert seiner Geschenke sie verzückten, hatte er für sie allmäh­lich die Gestalt einer Gottheit angenommen, die auf unerforschliche Weise segensreich – und möglicherweise vernichtend – sein konnte. Denn noch viele Jahre nachdem er sie zum erstenmal vor dem alten Apollotheater in der Edgeware Road abgeholt hatte, war sie ihm gegenüber misstrauisch gewesen, weil er ein Mann war und weil es die Natur des Mannes ist, Frauen gegenüber treulos, lüstern und gemein zu sein. Jetzt sah sie sich als die Gefährtin einer Gottheit, geschützt und immun gegen die bösen Machenschaften Fortunas, als wäre sie auf die Schulter eines von Jupiters Adlern gesetzt worden, zur Seite seines Throns. Von den Unsterblichen war bekannt, dass sie sich gerne Menschen zu Gefährten erwählten; war es einmal geschehen, so hatten die Erwählten wahrhaftig ein glückliches Los. Sie fühlte sich als eine von ihnen.

Nicht einmal sein plötzlicher Anfall hatte ihr dieses Gefühl seiner weitreichenden und unerforschlichen Macht nehmen können, und sie war außerstande, die Überzeugung aufzugeben, er könnte, wenn er nur wollte, sprechen, gehen und die Taten eines Herkules vollbringen. Es war ihr unmöglich, sich etwas anderes vorzustellen; die Kraft seines Blickes war ungebrochen, und es war der unergründliche Blick eines stolzen, wachsamen und befehlsgewohnten Mannes. Und das Geheimnisvolle seines Anfalls sowie dieser selbst bestärkten sie nur in ihrer unterbewussten Überzeugung. Der Anfall war auf so undramatische Weise gekommen, dass auch die übereinstimmenden Aussagen der herbeigerufenen wichtigtuerischen und in ihren Augen fast stümperhaften englischen Ärzte, eine Art Schlag müsse ihn im Bett heimgesucht haben, nicht vermochte, sie in ihrer Über­zeugung zu erschüttern. Ja, sogar als ihr eigener Arzt, Drouant-Rouault, ihr mit Bestimmt­heit versicherte, dass es sich hier seiner Erfahrung nach um einen Fall plötzlich auftretender Hemiplegie einer ganz bestimmten Art handle, blieb sie, obwohl sie vom Verstand her seine Schlussfolgerung akzeptierte, bei dem, was ihr Unterbewusstes ihr eingegeben hatte. Doktor Drouant-Rouault war ein Mann mit Verstand, was er bewiesen hatte, als er auf die anatomische Vortrefflichkeit der Skulpturen von Monsieur Casimir-Bar hingewiesen und ihr darin beigepflichtet hatte, dass nur die Verschwörung von Rivalen verhindert haben konnte, dass er Präsident der École des Beaux Arts wurde. Er war also ein kluger Mensch und stand bei den französischen Kaufleuten des Viertels in sehr hohem Ansehen. Sie selbst hatte nie der Behand­lung eines Arztes bedurft. Brauchte man aber einen, dann lag es nahe, zu einem französischen zu gehen und sich damit ­zufriedenzugeben, was er sagte.

Obwohl sie aber nicht nur Worte, die an andere, sondern auch die, die an sie selbst gerichtet waren, ruhig entgegennahm, gelang es ihr weder, in ihrem for intérieur völlig überzeugt zu sein, noch war sie zu dem Grad von Überzeugtheit gelangt, den sie nach außen hin zeigte, ohne wenigstens einige kritische Einwände gemacht zu haben. Sie hatte es sogar als ihre Pflicht angesehen, nicht nur Doktor Drouant-Rouault, sondern auch die englischen Ärzte, mit denen sie ansonsten nicht gesprochen hätte, darauf hinzuweisen, dass der Mann, der dort in ihrem Bett lag, aus dem Norden sei, aus Yorkshire nämlich, wo die Männer unvorstellbar hartnäckig seien. Sie hatte sie aufgefordert, doch zu bedenken, dass es in Yorkshire für Geschwister oder andere Verwandte nichts Ungewöhnliches sei, jahrzehntelang im selben Haus zu wohnen, ohne je etwas zueinander zu sagen, und sie hatte besonders darauf hingewiesen, dass sie Mark Tietjens als einen Mann kenne, dessen Entschlusskraft nicht in Worte zu fassen sei. Diese kenne sie aus ihrer lebenslangen Vertrautheit. Zum Beispiel habe sie ihn nie veranlassen können, die Größe seiner Mahlzeiten auch nur geringfügig zu ändern oder ein bisschen mehr Pfeffer darüber zu streuen – kein einziges Mal in den zwanzig Jahren, in denen sie für ihn gekocht habe. Sie bat diese Herren eindringlich, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass der genaue Wortlaut des Waffenstillstands einen Mann von Marks Willenskraft und persönlichen Eigentümlichkeiten veranlasst haben könne, sich für immer aus allen mensch­lichen Beziehungen zurückzuziehen, und dass ihn, falls er sich einmal so entschieden habe, nichts mehr bewegen könne, seinen Entschluss zu ändern. Das letzte von ihm gesprochene Wort sei gefallen, während einer seiner Kollegen im Ministerium mit ihr telephoniert habe, um ihr, zur Weiter­leitung an Mark, den Wortlaut des Waffenstillstands durchzugeben. Auf die Nachricht hin, die sie ihm über die Schulter weg habe weitergeben müssen, habe er vom Bett aus eine Bemerkung gemacht. Er habe sich zu jener Zeit gerade von einer beidseitigen Lungenentzündung erholt. Jene Bemerkung könne sie nicht genau wiedergeben; sie sei sich aber fast sicher, dass sie – auf Englisch – in etwa gelautet habe, er wolle nie mehr ein einziges Wort sagen. Sie sei sich jedoch bewusst, dass ihre eigene Voreingenommenheit sehr wohl Einfluss auf das Gehörte gehabt haben könne. Sie selbst habe auf die Nachricht hin, dass die Alliierten nicht beabsichtigten, den Deutschen bis in ihr eigenes Land nachzusetzen – ihr selbst sei danach gewesen, dem hohen Beamten am anderen Ende der Leitung zu sagen, dass sie mit ihm und seiner ganzen Rasse nie wieder ein Wort wechseln wolle. Das sei ihr als erstes in den Sinn gekommen, und zweifellos sei es als erstes auch Mark in den Sinn ge­kommen.

So hatte sie sich den Ärzten gegenüber geäußert. Sie hatten ihr praktisch keine Beachtung geschenkt, und ihr war klar, dass dies sehr wahr­scheinlich ihrer zweifelhaften Stellung als der bis vor kurzem rechtlich nicht abgesicherten Gefährtin eines Mannes zuzuschreiben war, den sie für außerstande erachteten, sie weiterhin zu protegieren. Dies nahm sie in keiner Weise übel; es entsprach dem Wesen des männlichen Geschlechts in England. Der Franzose hatte ihr natürlich ehrerbietig zugehört, sich sogar ein wenig gegen sie verneigt. Doch hatte er mit einer sozusagen unzugänglichen Hartnäckigkeit bemerkt: Madame müsse in Rechnung stellen, dass das, was den Anfall ausgelöst habe, es um so wahrscheinlicher sein lasse, dass es sich tatsächlich um einen Schlaganfall handle. Dieses Argument müsse ihr, als Französin, nahezu unwiderlegbar erscheinen. Denn der Verrat an Frankreich durch seine Alliierten im erhabensten Augenblick des Triumphs sei ein Verbrechen gewesen, dessen Bekanntwerden sehr wohl das Ende der Welt wünschenswert erscheinen lassen mochte.


Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Ford Madox Ford: Zapfenstreich. Aus dem Englischen von Joachim Utz. Eichborn Berlin, 2007. 276 Seiten, 22,95 Euro. Das Buch erscheint dieser Tage.

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