Nachrichten 39/07
Außer Kontrolle
Widerstand ist nicht zwecklos. Am 19. September legten in Nasran, der Hauptstadt Inguschetiens, mehrere hundert Menschen den Auto- und Eisenbahnverkehr lahm. Sie protestierten gegen die Entführung von zwei inguschischen Männern im nahe gelegenen Tschetschenien am Vortag. Angehörige der Entführten machten den russischen Inlandsgeheimdienst FSB dafür verantwortlich und forderten die Freilassung der Männer. Sondereinheiten der Miliz versuchten, die wachsende Anzahl an Demonstranten mit in die Luft gefeuerten Maschinengewehrsalven einzuschüchtern. Mindestens zwei Menschen trugen Verletzungen davon, die Sondereinheiten wurden daraufhin von der empörten Menge mit Steinen beworfen. Die Aktion war erfolgreich. Noch in der Nacht hieß es, staatliche Sicherheitskräfte hätten beide Männer festgenommen. Am nächsten Morgen kehrten sie nach Hause zurück. Ihren Aussagen zufolge waren sie geschlagen, mit Elektroschocks gefoltert und dann an einen bergigen Ort gebracht worden, wohl in der Absicht, sie dort zu exekutieren.
Längst hat Murat Sjasikow, der Präsident Inguschetiens, die Kontrolle über seine Republik verloren. Die Attentate häufen sich, besondere Aufmerksamkeit erregten seit dem Sommer mehrere Morde an russischen Frauen und ihren Kindern. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft macht trotz fehlender Beweise Tschetschenen für diese und weitere Todesfälle verantwortlich und zieht Verdachtsmomente, die auf andere Spuren führen, gar nicht erst in Betracht. uw
Von wegen leise Servus
Transrapid. Als fast letzte Amtshandlung machte Edmund Stoiber den Weg für eine Transrapidtrasse in Bayern frei – zumindest auf dem Papier. Geschätzte 1,85 Milliarden Euro kostet der Bau der Strecke zwischen dem Münchner Flughafen und dem Hauptbahnhof. Bisher scheiterte der Plan an fehlenden Millionen. Die haben Bayern, die Bahn und die beteiligten Firmen jetzt dank Stoibers Vermittlung locker gemacht. Miesgemacht wird auch, klar, wie immer. Die bayerischen Grünen wollen »keine sündhaft teure Bonzenschleuder zum Flughafen«. Münchens Oberbürgermeister kündigte sogar eine Klage an. jb
Allein gegen Russland
Norwegen. Das norwegische Militär ist besorgt. Der Oberbefehlshaber der norwegischen Armee, Sverre Diesen, warnte in einem Dossier vor einem militärischen Konflikt mit Russland. Beim territorialen Zwist zwischen Russland und Norwegen in der Nordpol-Region geht es um Öl und Gas sowie die Fischbestände in der Arktis. Russland habe seine militärischen Aktivitäten an der Grenze zu Norwegen wieder drastisch verstärkt, schreibt Diesen. Im Falle einer »Zuspitzung« des Konflikts stehe Norwegen allerdings »allein gegen Russland«, heißt es in dem Bericht. Mit Hilfe der Nato könne man nicht rechnen, denn sie sei allein auf die Terrorbekämpfung konzentriert. fm
Gefangen in Lima
Peru. Sein Comeback hatte sich Alberto Fujimori anders vorgestellt. Vor zwei Jahren hatte der ehemalige Präsident aus dem Exil angekündigt, er werde noch einmal bei den Wahlen kandidieren. Doch am Samstag traf er als Gefangener in Lima ein, am Tag zuvor hatte das Oberste Gericht Chiles seiner Auslieferung zugestimmt. Fujimoris zehnjährige Präsidentschaft endete im Jahr 2000, Enthüllungen über Wahlbetrug und Korruption ließen es ihm ratsam erscheinen, bei einem Auslandsaufenthalt seinen Rücktritt einzureichen. Einer Umfrage zufolge glauben 35 Prozent der Peruaner immer noch, Fujimori habe eine politische Zukunft. Zunächst aber muss er sich wegen Korruption und 25 Morden vor Gericht verantworten. js
Keine Auswirkungen
Ob Einwohnerzahl oder Wirtschaftswachstum, hohe Zahlen ist man aus China gewohnt. In Sachen Luftverschmutzung wollen die chinesischen Behörden jetzt die hohen Zahlen senken. Vergangenen Sonntag sollte in China zu diesem Zweck der »No Car Day« begangen werden. Anders als erwartet verringerte sich die Luftverschmutzung an diesem Tag jedoch nicht. Im Gegenteil. Die Umweltschutzbehörde teilte mit, dass der Index für die Feinstaubbelastung in Peking von 91 am Freitag auf 100 am Montag gestiegen sei. Die meisten Autofahrer hatten sich offenkundig nicht für den »No Car Day« interessiert. Korrespondenten berichteten, die Straßen von Peking hätten an diesem Tag so ausgesehen wie immer: von Autos verstopft. Allein in Peking werden jeden Tag 1 000 neue Kraftfahrzeuge zugelassen. Das meistgenutzte Fortbewegungsmittel Chinas ist jedoch nach wie vor das Fahrrad, das zwar keine Luftverschmutzung, dafür aber des öfteren Verkehrsstaus verursacht. da





