Vom Tod eines alten Lesers
Ein Mann liest ein Gedicht und stirbt. Nimmt er das Gelesene mit ins Grab? Oder lebt seine Lesererfahrung in dem Gedicht weiter? Eine Kurzgeschichte über die Rezeption der Literatur, Teil 1.
von Giwi Margwelaschwili
Ein alter Leser hatte sich einmal ganz in ein Gedicht versenkt, war so tief und so freudig in die schöne poetische Landschaft hineingetaucht, wie es normalerweise kein Leser tut. Als er dann wieder umkehren wollte, war der Wald um ihn herum auf einmal sehr dicht, fast undurchdringlich dicht geworden. Von allen Seiten schoben sich immer stärkere und längere Zweige in seinen Weg, bis er keinen Schritt mehr machen konnte und …
»Den Armen hat’s beim Lesen erwischt«, erzählte man sich etwas später bei seiner Beerdigung in der realen Welt. »Stellt euch vor, er wurde tot über einem Gedicht gefunden!«
»Was hat er denn da noch ganz zuletzt gelesen?« fragte jemand neugierig.
»Ach, irgendetwas altes, was denn sonst?«
Aber dann entdeckte man in seinem Nachlass eine Notiz, die man uns, der Buch- und Versweltverwaltung, sofort zustellte. Sie lautet: »Wenn ich sterbe, komme ich sicher in den Himmel. Weil ich mir keiner Sünde bewusst bin, sofern ich das sagen darf. Na schön! Aber ich will gar nicht dorthin. Da ist es langweilig. Hat man jemals gehört, dass sich im Himmel etwas tut? Nein, ich mache es anders: Ich gebe meinen Geist irgendwo in der literarischen Buchwelt auf, in einem schönen Gedicht zum Beispiel, in dem es sich, gelesen werdend, ruhig, friedlich und beschaulich lebt und in dem man regelmäßig von einem Leser besucht wird. Den kann man sich von dort aus anschauen, und da auch immer neue Leser kommen, ist das bestimmt mit einiger Abwechslung verbunden. So wird es mir zum Beispiel möglich sein, die Leser in der Gedichtwelt umherzuführen und ihnen besonders schöne Stellen zu zeigen, die sie sonst überlesen hätten, weil sie nicht direkt an den thematischen Gedichtweltwegen liegen, sondern mehr abseits, in den unthematischen Hintergründen der Poesie. Bedenken, dass ich mich den Lesern dort nicht verständlich machen, ihnen meine Bereitschaft, sie noch besser, tiefer, un- und metathematischer in die Gedichtwelt einzuführen, nicht vermitteln könnte, habe ich keine. Denn als posthume Geisterwesen existieren wir alle nur als bedeutende Bedeutungen, und die ganze literarische Buchwelt ist ja auch nichts anderes. Als reine Geister (also als solche, die ihre irdisch-materiellen und individuellen Eigenschaften abgelegt und verdrängt haben) fügen wir uns – das möchte ich behaupten – in dieser Welt überall tadellos ein, sind wir in ihrer Semantik immer bestens aufgehoben. Und daher müssten wir auch imstande sein, den Lesern dort zu bedeuten, was wir wollen, wenn es nur der Dichtung, in der wir uns befinden, nicht widerspricht. Vielleicht kann der posthume Lesergeist mit dem lebendigen sogar in ein Gespräch kommen, vielleicht kann er ihm auf irgendeine Weise sichtbar werden und mit ihm zusammen die Gedichtweltwege entlang spazieren. Als alter, bald sterbender Leser müsste man es darauf ankommen lassen, beim Lesen zu sterben und zu sehen, wie sich dann die Sache im Gelesenen mit einem weiterentwickelt.«
Wir von der Buch- und Versweltverwaltung haben uns daraufhin das Gedicht, das der alte Leser zuletzt gelesen hat in dem Buch, über dem er gestorben ist, vorgenommen und es bibliobiologisch gründlich untersucht. Die Messungen haben ergeben, dass es im Vergleich zu bibliobiologischen Varianten desselben Gedichts in anderen Anthologien (das Gedicht ist ein sehr bekanntes, beliebtes und in zahllosen Büchern abgedrucktes) innerlich doch tatsächlich lebendiger – wir sagen »lesendiger« – ist. Also ist der Geist dieses alten Lesers dort wirklich enthalten. Was können wir nun tun? Sind diese Verse, wenn sie praktisch als Grabmal einer Realperson fungieren, ihrem Zweck nicht völlig entfremdet? Doch andererseits sind sie gar kein Grabmal, wenn die Seele oder der Geist des Verstorbenen in ihnen umgeht.
Man hat diese Zeilen in unserer Verwaltung zunächst ganz erschrocken als ein Seelengefängnis des alten Lesers bezeichnet, doch das Wort kann nicht zutreffen, denn normalerweise geht niemand freiwillig in ein Gefängnis. Außerdem kann eine Seele aus allen stofflichen Begrenzungen, auch aus lesestofflichen, mühelos entweichen, nichts kann sie dabehalten, wenn es ihr dort nicht mehr gefällt.
Sollten wir die Kirche – sie ist ja offiziell das Institut der Seelsorge – benachrichtigen? Das müssten wir eigentlich, aber wir können uns dazu nicht oder noch nicht entschließen. Denn hat der alte Leser den Himmel nicht für langweilig gehalten und ihn als Ort bezeichnet, an den er nach seinem Tod nicht will? Wie steht er dann in den Augen der Kirche da? Sicher nicht so gut.
Wir bewahren das alte Gedicht mit der Seele des alten Lesers jetzt erst mal unter einer Glashaube auf, so dass man es lesen, aber nicht berühren kann. Ein Messgerät ist angeschlossen, das uns das Plus an innerer Lebendigkeit anzeigt, das wir in oder hinter diesen Zeilen vergegenwärtigen. Das Messgerät indiziert uns den Seelenaufenthalt in diesem poetischen Werk. Nun ist zu sagen, dass die alte Leserseele das Gedicht in der beträchtlichen Zeit, die mittlerweile vergangen ist – es sind inzwischen rund anderthalb Jahre zwischen dem Tod und dem heutigen Tage verflossen – nur einmal verlassen hat.
Als wir seinerzeit entdeckten, dass sie nicht mehr da war, wussten wir zuerst nicht, ob wir uns darüber ärgern oder freuen sollten. Ärgerlich war es, weil wir uns solche Mühe mit der alten Leserseele in dem Text gegeben hatten und die Tatsache, dass sie da Station machte, auch zweifellos etwas Sensationelles bedeutete: Waren wir nicht die ersten in der Menschheitsgeschichte, die mit einer textlich fixierten posthumen Menschenseele in Berührung kamen? Versprach das – wenn wir es fertigbrachten, mit der alten Leserseele ein Gespräch anzuknüpfen – nicht etwa ganz neue und umwälzende Erkenntnisse über das individuelle Seelenleben nach dem Tode?
Freude oder, genauer gesagt, Erleichterung empfanden wir aber auch, als uns die Abwesenheit der Seele des alten Lesers in den poetischen Zeilen klar wurde. Denn nun waren wir aller Verantwortung für ein posthumes Seelenleben in der Literatur enthoben, ja, aufgrund der Außerordentlichkeit des ganzen Vorgangs ließ sich sogar vorstellen, es hätte sie tatsächlich überhaupt nicht gegeben, die alte Leserseele in der Dichtung wäre vielleicht nur eine aus unserer Übermüdung entstandene Vision gewesen, nichts weiter. Die Arbeit in der Buch- und Versweltverwaltung ist schließlich sehr anstrengend, und bibliobiologische Syndrome der verschiedensten Art sind bei uns keine Seltenheit. Doch wir hatten die Anwesenheit des Lesergeistes in dem Poem ausgemessen und konnten sie uns – Zahlen lügen nicht! – unumstößlich beweisen.
Doch allzulange gab es für uns glücklicherweise keinen Grund, über die Abwesenheit der Seele zu trauern, nach rund zwei Monaten war sie plötzlich wieder in den Text zurückgekommen. Wenn wir den alten Leser selbst auch nirgends zu Gesicht bekamen, der Messapparat bezeugte wieder eindeutig die Präsenz seines Geistes in jenen Zeilen. Und machte seine Rückkehr in das Gedicht die ganze Sache jetzt nicht noch viel aufregender? Bedeutete sie nicht, dass ihm der Aufenthalt im Diesseits – wenn auch nur im Buch- oder Gedichtweltlichen – offensichtlich gefallen hatte, dass er, der frühere Jenseitsbewohner, sehr interessiert daran war, ein Standbein im Diesseits zu behalten? War damit nicht auch die Möglichkeit gegeben, eine Verbindung zu ihm herzustellen, die allererste zwischen der realen Lebenswelt und einem Toten?
Hinzu kam noch, dass mehrere Kollegen bei ihrer angeregten und durch die Glasplatte betriebenen Lektüre des Poems steinfest behaupteten, mit dem Geist des alten Lesers in Kontakt gekommen zu sein.
»Beim Lesen«, sagten sie, »fühlten wir uns plötzlich angesprochen. Es war eine Stimme, die uns aus den unthematischen Hintergründen der Zeilen plötzlich etwas zurief. Beim genaueren Hinhören – uns hinlesen konnten wir ja nicht, denn das von dem Geist Gesagte war unthematisch und in den Zeilen des Gedichts, also im thematischen Vordergrund, nicht mehr enthalten – bei angestrengtem Horchen also, vernahmen wir von dem Geist ganz deutlich diese Worte: ›Hallo! Ihr lebendigen Leserleute, hört ihr mich? Wenn ja, so hebt den rechten Arm! Dann werde ich weiter reden.‹«
Hier ist anzumerken, dass das schöne klassische Gedicht, in dem sich seine Seele aufhält, ein dreistrophiges, also kurzes, ist und – weil es bei uns unter Glas liegt – von mehreren Lesern gleichzeitig gelesen werden kann. Das erklärt, warum der Geist – wenn der Geschichte überhaupt zu glauben ist – von seinen Lesern in der Mehrzahl spricht.
»Wir erfüllten ihm natürlich sofort den Wunsch«, erzählten die Kollegen weiter, »und der Geist sagte auch prompt ›Danke‹.«
Das ist selbstverständlich nicht so zu verstehen, dass der Geist aus der Verswelt des Poems hinaus- und in die reale Welt, in der seine Leser sich befanden, hineinsah. Der Dialog ist als ein zwischen Geistern, nämlich zwischen einem posthumen und mehreren lebendigen Lesergeistern, verlaufender beschreibbar. Jener hatte diese natürlich nur in der Zeilenwelt des Gedichtes erblicken können, in das er sich versetzt hatte. In literarischen Buch- und Gedichtwelten werden lebendige Lesergeister der dortigen Weltbevölkerung in ihrer Realgestalt sichtbar, sie werden da also von den Buch- und Gedichtweltpersonen wahrgenommen, aber – weil sie ja völlig unthematische Personen sind – nicht weiter beachtet. Der Geist des verstorbenen alten Lesers war jedoch keine Gedichtweltperson und stellte deshalb eine große Ausnahme dar: Er konnte den lebendigen Realgeistern in der poetischen Zeilenwelt zuwinken und mit ihnen reden.
»Wie schön, dass ihr gekommen seid!« soll der posthume Lesergeist zu den lebendigen gesagt – genauer, gerufen haben, denn er war bekanntlich weit entfernt, irgendwo im unthematischen Hintergrund der Zeilenwelt. »Ihr wisst ja gar nicht, was für poetische Kostbarkeiten in den Versen, durch die ihr euch jetzt hindurchbewegt, noch liegen. Es ist kaum zu glauben, doch ich versichere euch, hier ist alles noch viel schöner als das, was ihr da im poetischen Vordergrund seht. Kommt schnell herüber zu mir! Verlasst den thematischen Zeilenweg für einen Augenblick. Ich verspreche euch, ihr werdet nicht mehr von hier weg wollen, werdet die unthematischen Ansichten der dichterischen Zeilenwelt gegen die thematischen nicht mehr eintauschen. So wunderbar, so erhebend und erbauend ist hier alles. Ein richtiger Himmel auf buchweltlich-poetischem Erdengrund!«
Die Kollegen erzählten weiter: »Als wir zu seinen Worten erst mal sehr erstaunt und unschlüssig schwiegen, schrie uns der Lesergeist mit einer vorwurfsvoll klingenden Stimme noch folgende Sätze herüber: ›Ihr glaubt mir wohl nicht, was? Ihr meint, ich flunkere? Aber wozu sollte ich das tun? Was hätte ich davon, euch anzulügen? Kommt her zu mir und überzeugt euch selbst, dass ich die Wahrheit sage!‹ Natürlich rührten wir uns nicht von der Stelle«, berichteten die Kollegen weiter, »denn erstens lähmte uns das Bewusstsein, von einem Verstorbenen aufgefordert zu werden, zu ihm zu kommen, vollständig die Glieder und nicht weniger die Zunge. Angesichts dieser Stimme aus dem un- oder metathematischen Jenseits der Buch- und Realwelt brachten wir in den ersten Augenblicken vor Verblüffung kein einziges Wort heraus. Und sicherlich gab es auch etwas Unheimliches, das uns gehemmt hat. Doch der Hauptgrund, warum wir vor dem Poem wie angenagelt stehenblieben, bestand in der völligen Ungewöhnlichkeit und – für uns sieht das jedenfalls bis heute noch so aus – Unmöglichkeit für reale Leser, sich aus den thematischen Vordergründen ihrer literarischen Lesestoffe in die unthematischen Hintergründe dieser Stoffe zu verlegen. Wie hätten wir das auch machen sollen? Als normaler, lebendiger Lesergeist ist man doch völlig in den manifesten Bedeutungen seines Lesestoffes befangen, man ist gewöhnt, auf den thematischen Entwicklungswegen dieses Stoffes zu wandern, eben zu lesen, und wie man von diesen Wegen herunter- und in das Unthematische, Unbezeichnete und Unbedeutete seines Textes hineinkommt, dazu fehlt einem die Erfahrung. So hat man nie gelesen und bei dem, was man niemals gemacht hat, ist aller Anfang immer am schwersten. Gewiss: Als normaler Leser überfällt einen auf den buchthematischen Geschichts- oder Gedichtweltwegen sehr oft die Phantasie, man denkt sich von den Wegen weg ins Ungesagte, Unbeschriebene und überhaupt unausgedrückt Gebliebene in ihre dichterische Umwelt hinein.
So etwas kann sehr abenteuerlich und lehrreich sein. Keine Frage! Aber wenn man als normaler Leser phantasiert, hat man den buchthematischen Geschichts- oder Gedichtweltweg selber nicht verlassen. Man befindet sich immer noch auf diesem Weg und lässt nur seine Gedanken schweifen. Darum können Phantasieerlebnisse dieser Art immer nur subjektive Leservisionen sein und nicht mehr. Nein! Was der alte posthume Lesergeist von uns wollte, war etwas ganz anderes, nämlich unseren Standortwechsel in die unthematischen Zeilenhintergründe des Poems, um dort die gedichtweltwirklichen Verhältnisse in Augenschein zu nehmen; wir hätten da also keine eigenen Phantasmen, sondern objektive, allerdings unthematische, bei der Zeilenweltschöpfung unausgedrückt gebliebene poetische Phänomene betrachten sollen. Diesen Ortswechsel zu vollziehen, waren wir aber nicht imstande, weil uns die Erfahrung dazu fehlte oder die Fähigkeit dazu. Vielleicht ist eine besondere Begabung notwendig, um sich als Leser in die Terra incognita einer Dichtung zu versetzen. Wer weiß das? Als der alte posthume Lesergeist uns seine Worte zurief, wussten wir nicht, was tun, und reagierten erst mal nicht auf die Rufe.
›Habt ihr die Sprache verloren?‹ schrie er nun und diesmal ziemlich ärgerlich herüber. ›Warum sagt ihr nichts? Kann es für Leser etwas Besseres geben, als in einer märchenhaft schönen Poesie mit einem Geist zu reden? Vielleicht traut ihr euch nicht, mir etwas zu sagen. Ist es das? Möglicherweise wisst ihr schon, dass ich ein posthumer Lesergeist bin, der sich in diesem Gedicht herumtreibt. Dass ich, darin lesend, gestorben bin, weiß man das bei euch? Hört mal: Habt ihr vielleicht Schiss vor mir? Wenn es das ist, kann ich euch versichern: Ich tu euch nichts. Schaut mich an: Wie kann so ein alter Tatterlesergreis und -geist wie ich jemandem etwas zuleide tun?‹ Als wir ihm dann immer noch nichts antworteten, rief er mit schallender Geisterstimme: ›Na gut! Beratet nur, was für euch das Beste ist, das Gespräch mit mir und alles, was ich euch anzubieten habe, zu akzeptieren, oder lesend weiterzugehen, ohne mich auch nur eines Wortes zu würdigen. Wenn ihr das Zweite beschließt, so werde ich garantiert kein Bedauern darüber empfinden. Dann seid ihr eben alle Pfeifen gewesen, die es einfach nicht verdient haben, dass man ihnen in der Poesie etwas ungewöhnlich Schönes, Metathematisches, zeigt!‹
So sprach er, weil er sah, dass wir die Köpfe zusammengesteckt hielten und leise miteinander flüsterten. Sollten wir wirklich mit ihm reden oder in dem Poem einfach weitergehen, also weiterlesen? Wenn wir das Erste getan hatten, würden wir den posthumen Lesergeist als einen im Gedicht befindlichen fremdpersönlichen Geist faktisch anerkannt haben, dann hatten wir ihm und uns förmlich zugegeben, dass so eine an sich völlig absurde un- und antithematische Lesergeisterpräsenz in der Gedichtwelt faktisch möglich ist und man sich als realer Leser von Poesie heute darauf einzustellen hat, zwischen oder hinter den Zeilen irgendwelchen Seelen von Realverstorbenen zu begegnen, von ihnen angesprochen, dialogisch verstrickt und in irgendwelche Unternehmungen hineingezogen zu werden. Das könnte – so argumentierten einige von uns sofort –, wenn es sich in der realen Leserschaft herumspräche, sehr viele davon abhalten, überhaupt noch Poetisches zu lesen, es könnte zu einer weiteren Verschlimmerung der verheerenden Leserschwindsucht beitragen. Denn die Kommunikation mit posthumen Geistern – auch wenn sie Lesergeister sind – sei, so meinten einige von uns, bestimmt nicht jedermanns Sache. Gingen wir aber auf dem poetischen Zeilenweg weiter, ohne dem alten Geist Beachtung zu schenken, so könnte ihn das verletzen und Unvorteilhaftes von uns denken lassen. Er könnte zum Beispiel annehmen, wir seien zu feige, auch nur mit ihm zu sprechen, geschweige denn zu ihm in die unthematischen Hintergründe der Zeilenwelt abzuschwenken. In seinem Ehrgefühl verletzt, hätte dann der alte posthume Lesergeist seinen Wunsch, mit uns lebendigen Lesergeistern zu kommunizieren, erst mal zurückstecken und sich vielleicht auch überhaupt aus dem Poem zurückziehen können. Damit wäre die, in der ganzen Menschheitsgeschichte erstmalige Möglichkeit, mit einem posthumen Lesergeist ein Gespräch anzuknüpfen, verpasst. Vielleicht nicht auf ewig, doch wann sie sich wieder einmal ergeben würde, wäre dann sicherlich nicht abzusehen. Also: mit ihm reden oder weiterlesen? Was war ratsam? Vielleicht hätten wir uns doch für das Erste entschieden. Ja, bestimmt hätten wir unser Schweigen gebrochen und das Gespräch mit dem Geist aufgenommen. Denn versprach es nicht Sensationelles, Eröffnungen über das Jenseits, über die Transzendenz und das Leben nach dem Tode, wie sie in der Menschheitsgeschichte bislang noch niemand erhalten hat, nämlich als unmittelbare Erfahrung?
Wir berieten noch, da schrie er plötzlich wieder: ›Also gut! Wenn ihr euch so schwer tut, zu mir herüberzukommen – warum ihr zögert, ist mir übrigens völlig unverständlich. Ihr müsst nur einen metathematischen Gedankensprung zu mir her tun, und schon stündet ihr alle hier neben mir –, nun, wenn ihr euch also nicht aufraffen könnt, werde ich den Schritt über die Grenze tun, dann komme ich eben zu euch. Wartet nur, ich komme gleich!‹
Nun, wir haben auf ihn gewartet. Ja, wir alle waren für die Begegnung mit dem Geist innerlich schon bereit, fest dazu entschlossen, und wenn er sich gezeigt hätte, wäre es sicher zu einer langen Unterhaltung zwischen uns gekommen. Wir hätten ihn über alles Metaphysische ausgefragt und wären dann mit völlig neuen Erkenntnissen aus dem Poem zurückgekehrt. Ja, vielleicht wären wir mit ihm zusammen, gewissermaßen unter seiner Führung, in die un- und metathematischen Zeilenhintergründe des Gedichts hineingeschwenkt und hätten einen Blick in alles dort unausgedrückt Gebliebene getan. Wir hätten dann als erste Realpersonen die völlig freie, also nicht mehr in das enge Korsett des sprachlichen Ausdrucks gezwängte, sondern ganz ungebunden sich entfaltende, poetische Gedankenwelt sehen und bewundern können. Die Eindrücke von dort müssten – so meinten welche von uns – ebenso berauschende sein, wie sie ein unter Drogen stehendes Bewusstsein auf seinen Traumreisen bekommt. Ja, wir waren geneigt, die Vorschläge des alten Geistes anzunehmen, die metathematischen Erfahrungen, zu denen er uns einlud, auch selber zu machen, wenn – das war allerdings in diesen Gedankengang immer noch einzubeziehen – es uns lebendigen, realen Lesergeistern tatsächlich gegeben sein sollte, den offiziellen thematischen Gedichtweltweg zu verlassen.
Nun, bei diesen Vorsätzen ist es geblieben, denn der alte Geist hat sich uns nicht gezeigt. Wir haben sehr lange im Gedicht auf ihn gewartet, was übrigens auch nicht leicht ist. Auf den semantischen Wegen der Poesie und überhaupt aller Dichtung wird man als realer Leser auch selbst vorangezogen. Es sind Wege, die – wenn man sie einmal beschritten hat – einen vorwärts- und auf ihr Ende zu führen, das immer das Ende der Dichtung, in der man sich befindet, ist. Es war also keine geringe meditative Anstrengung für uns alle, auf der poetischen Textstelle zu verharren, von der aus wir des alten posthumen Lesergeistes ansichtig geworden waren. Denn es bedeutete, sich dem dynamischen Magnetismus des poetischen Weges entgegenstemmen, sich von ihm nicht weiter vorwärts ziehen zu lassen und genau dort im Text zu bleiben, wo man gerade war. Weitergehen wollten wir nicht, weil es unhöflich gewesen wäre und auch so ausgesehen hätte, als legten wir keinen Wert auf die persönliche Begegnung mit ihm. Als dann aber die Zeit verging und der Geist sich uns nicht mehr zeigen wollte, brachen wir unseren Aufenthalt ab.
Wir sind dann nicht mehr lesend weiterspaziert, denn unser Erlebnis mit dem posthumen Lesergeist war zu aufregend gewesen – das mussten wir erst mal verdauen. Zudem hatte uns das lange Verharren auf einer poetischen Textstelle auch sehr müde gemacht, und so sind wir nach etwas mehr als einer Stunde von dort aufgebrochen.«
Das ist der Bericht der vier Kollegen von der Buch- und Versweltverwaltung, welche dem posthumen Lesergeist in dem Gedicht begegnet sein wollen. Begegnet sein wollen, sagen wir ausdrücklich, denn sie sind die einzigen, die behaupten, ihn dort gesehen und gehört zu haben. Viele von uns denken bis heute, dass die Kollegen damals in dem Gedicht das Opfer einer Selbsttäuschung geworden sind. In den Buchweltbezirken kann, besonders wer beruflich mit der eigenartigen Realität und Lebendigkeit aller Phänomene in diesen Bezirken zu tun hat, sehr leicht Visionen haben. Die Kollegen hatten dank des bibliobiologischen Messgerätes gewusst, dass der posthume Lesergeist sich in jener poetischen Zeilenwelt aufhielt, sie waren also psychologisch schon auf ihn eingestimmt in die Zeilenwelt gekommen, und das mag ihre Einbildung stimuliert haben.
Es gibt allerdings nicht wenige in unserer Verwaltung, die den Aussagen der vier Glauben schenken und der Ansicht sind, der alte Lesergeist sei ihnen wirklich erschienen. Sie begründen diese Annahme mit dem Hinweis auf die Angaben unseres bibliobiologischen Messgeräts über die An- und Abwesenheit des alten Lesergeistes in dem Poem. Hatte es uns doch, wie gesagt, erst die Präsenz dieses Geistes und dann auf einmal seine Absenz in der Poesie gemeldet. Nach mehreren Wochen war der Zeiger auf dem Apparat wieder in die Höhe und auf seinen alten Platz zurückgeklettert, was der eindeutige Beweis dafür war, dass der posthume Lesergeist sich wieder im Gedicht aufhielt. Kurz darauf erfolgte – wenn man das glauben mag – die Begegnung der vier Kollegen mit ihm in der Zeilenwelt.
Was einigen Kollegen auch als Beweis für die Wahrhaftigkeit der Aussagen der vier gilt, ist der Umstand, dass der Zeiger unseres Geräts nach ihrem Gespräch mit dem Geist auf Null gesunken ist, und wir also davon ausgehen müssen, dass er sich nicht mehr dort befindet.
»Was wollt ihr?« rufen unsere vier Kollegen. »Als wir mit dem Geist sprachen, war der Zeiger noch auf dem höchsten Punkt und somit die präzise Bezeugung seiner Anwesenheit im Gedicht.«
»Aber es ist doch seltsam, dass er in der ganzen Zeit dort nur euch begegnet ist und niemandem sonst«, bekamen sie von uns darauf zur Antwort. »Das ist es, was uns an euren Angaben zweifeln lässt.«
»Nun, wir haben ihm eben irgendwie besonders gefallen, und er hat sich uns gezeigt und mit uns gesprochen. Kann das nicht sein?«
Das ist theoretisch allerdings möglich, aber ganz überzeugte es uns trotzdem nicht.
Die Frage, die sich uns stellte, war die, warum das Messgerät uns wieder die Abwesenheit des Geistes anzeigte. Warum hatte er das Strophengebiet der Poesie wieder verlassen, und wohin könnte er abgegangen sein? Als er sich das erste Mal aus dem Gedicht verlor, hatten wir das damit erklärt, dass es ihm dort mit der Zeit vielleicht zu langweilig geworden ist und dass er seinen Aufenthaltsort deshalb gegen den in der Geisterwelt eingetauscht hatte, wo es – da er dort mit anderen Geistern zusammen war – für ihn sicherlich interessanter sein müsste. Dem widersprach die Tatsache, dass er wieder zurückgekommen und unseren vier Kollegen begegnet war. Konnte es möglich sein, dass er es für besser hielt, den poetischen Reiseführer zu spielen und den Lesern un- oder metathematische Eindrücke zu vermitteln, als in der Geisterwelt mit Seinesgleichen zu wohnen? Das hätte man vielleicht noch annehmen können, wenn das Poem, in das er sterbend hinein- und später wieder hinausgerutscht war, ein besonders schönes gewesen wäre.
Aber dem war nicht so. Gewiss, das Gedicht, in dem er starb, hat seine Vorzüge: Es kann den Leser, der für poetische Besonderheiten zu haben ist, bestimmt beeindrucken und sich in seinem Gedächtnis vielleicht nicht für immer, doch ganz sicher für gewisse Zeit festhaken. Das ist unbestritten. Nur gibt es Millionen solcher Gedichte, und es ist kaum anzunehmen, dass sie einen Vergleich mit der transzendenten Geisterwelt (die doch für einen jüngst verstorbenen Leser grenzenlos interessanter sein muss) lange aushalten. Der posthume Lesergeist hat vor seinem Tode zwar geschrieben, er finde den Himmel langweilig und wolle nicht dorthin. Aber das ist ein Statement, abgegeben ohne das Wissen, was der Himmel für die Seelen von Verstorbenen eigentlich bedeutet. Mit solchen Urteilen sollte man warten, bis die Erfahrung sie bestätigt.
Dass es auch sehr wohl anders sein kann, dass der Himmel nach unserem Tode offensichtlich mit sehr viel Interessantem aufzuwarten hat, beweist das Verhalten des Lesergeistes: Hat er es doch nicht lange im Text ausgehalten und ist wieder in die Geisterwelt entschwunden. Das hätte er niemals getan, wenn es ihm im Text ausnehmend gut gefallen hätte. Nun ist er allerdings wieder dorthin zurückgekehrt, aber nicht, um sich dort für immer niederzulassen.
Wahrscheinlich wollte er nur mal sehen, ob ihm der Kontakt mit lebendigen Lesern gelingt. Für einen Posthumen ist so eine Kommunikationsmöglichkeit ganz zweifellos sehr wünschenswert und wichtig. Als dem Geist aber klar wurde, wie schwer es ist, Verbindung zu lebendigen Lesern aufzunehmen, hat er das Poem unverzüglich wieder verlassen. Es muss ihm klargeworden sein, als er versuchte, sich zu unseren vier Kollegen – wenn denn ihre Geschichte stimmt – auf dem thematischen Gedichtweltweg zu versetzen und feststellen musste, dass ihm das niemals gelingen würde, denn auf den thematischen Buch- und Gedichtweltwegen haben posthume Lesergeister nichts zu suchen. Da sind sie das denkbar Antithematischste und insofern auch völlig unfähig, zur Erscheinung zu werden. Das begreifend – so muss daraus geschlossen werden –, ist der Posthume gleich wieder in seine Geisterwelt zurückgekehrt, in der es für ihn mehr zu sehen gibt.
Diese Geschichte von Giwi Margwelaschwili ist eine Erstveröffentlichung. Mehr von Giwi Margwelaschwili kann man im soeben erschienenen Roman »Officer Pembry« (208 Seiten, 19,90 Euro, Verbrecher Verlag Berlin) finden und unter www.giwi-margwelaschwili.de.





