Giwi Margwelaschwili: Vom Tod eines alten Lesers

Vom Tod eines alten Lesers

Eine Kurzgeschichte über die Rezeption der Literatur, Teil 2. Was sich bisher ereignete: Ein Mann stirbt beim Lesen eines Gedichts und verschwindet darin. Nach einer Untersuchung des Gedichts scheint sich herauszustellen, dass der Geist des alten Lesers, der posthume Lesergeist, sich wirklich darin aufhält. Man bewahrt das Gedicht mitsamt dem Geist unter einer Glas­glocke auf. Einige Leser versetzen sich in die Terra incognita der Dichtung, um einen Blick in eine unbekannte poetische Welt zu werfen. Doch der Geist hat das Poem möglicherweise verlassen. Oder vielleicht doch nicht?

von Giwi Margwelaschwili

Seither ist er nicht mehr wiedergekommen. Der Zeiger unseres Leseranwesenheitsmessers für diesen Buch- und Gedichtweltbezirk steht unverändert auf Null. In unserer Verwaltung hat man schon zu überlegen begonnen, ob es nicht langsam Zeit ist, diese bibliobiologische Akte zu schließen. Also das Gedicht aus dem Glaskasten, wo das Buch, in dem es steht, aufgeschlagen gelegen hatte, herauszunehmen, das Buch zu schließen und wieder unserer Bibliothek zurückzugeben.

Doch da ich mich hartnäckig weigere, meine Einwilligung dazu zu geben, bleibt in diesem Fall alles beim alten: Das Gedicht unter der Glas­haube wird, obwohl dort keine Lesergeistes­anwesenheit mehr gemessen wird, von den Besuchern in unserer Verwaltung immer weiter bewundert.

Dem Gedicht unter der Glasglocke ist nämlich jetzt ein Dokument beigefügt, das die ganze Geschichte mit dem Lesergeist genau darlegt, auch von unseren vier Kollegen, die den Geist dort getroffen und mit ihm geredet haben wollen, wird erzählt. Der ganze Dialog zwischen ihnen ist wortwörtlich angeführt, zusammen mit dem Entschluss des alten Geistes, sich gleich zu unseren Kollegen, die sich ihm in dem unthematischen Zeilenwelthintergrund nicht nähern konnten, auf der thematischen Zeilenwelt­straße zu begeben, um direkt mit ihnen reden zu können. Auch worum es ihm dabei ging, näm­lich den lebendigen Lesergeistern das wörtlich nicht mehr Ausdrückbare, das in der Poesie leider immer unthematisiert bleiben Müssende, in seiner ebenso kostbaren wie unikalen Schön­heit zu zeigen, ist dort vermerkt. Den Schluss der metathematisch-metaphysischen Reportage bildet der kurze Hinweis auf das Ausbleiben des posthumen Lesergeistes auf dem ­thematisch-poetischen Zeilenweg, wie auch überhaupt im ganzen Gedicht, also auch auf sein – wie es ja nun allen Anschein hat – endgültiges Verschwin­den ins Geister- oder Totenreich. Dieses Dokument besteht aus zwei dicht bedruckten Seiten und ist – da es sich außerhalb des Glaskastens befindet – von jedermann in die Hand zu nehmen.

Die dritte Komponente des Ausstellungsstücks ist unser Messapparat für die Lese-Lebendigkeit in belletristischen Texten. Der Zeiger steht jetzt zwar immer auf Null und klettert nur in die Höhe, wenn sich jemand vor dem Gedicht auf­stellt und es liest, aber für den, der weiß, was für ein metaphysisches Wunder er uns bezeugt hat, ist der Apparat auch eine große Sehenswürdigkeit.

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, mich mehrere Male am Tag in der Nähe aufzustellen und zu beobachten, wie die Besucher sich vor dem Ausstellungsstück verhalten. Die meisten lesen das Gedicht gar nicht oder lesen es nur sehr oberflächlich. Ihre weitaus größere Aufmerksamkeit gilt unserem bibliobiologischen Messgerät und dem Begleitbrief. Ihn lesen die Besucher von A bis Z, manche sogar mehrere Male hintereinander.

»Niemand guckt mehr auf das Gedicht, in dem der alte Leser seinen Geist aufgab. Wozu stellen wir es überhaupt noch aus? Um die Leute lesen zu lassen, was wir darüber geschrieben haben? Oder um ihnen unsere Messapparatur zu zeigen? Das kann doch nicht der Sinn dieser Ausstellung sein. Machen wir jetzt Schluss damit! Oder hoffst du immer noch, dass der Lesergeist im Poem wieder auftaucht?« So fragen mich meine Kollegen immer wieder.

Und stets bekommen sie von mir eine ausweichende Antwort darauf zu hören, stets winke ich ab und bitte um Geduld. »Nein!« beharre ich dann, »die Sache ist noch nicht vorüber. Für mich noch nicht.«

Und wenn ein Kollege dann neugieriger wird und weiter bohrt, geschieht es manchmal, dass ich den Leuten geheimnisvoll verkünde: »Gebt mir noch etwas Zeit! Wenn es soweit ist, rufe ich euch alle zusammen und erstatte Bericht.«

Seit man unter den Kollegen entdeckt hat, dass ich – wenn Feierabend und niemand mehr in der Verwaltung ist – noch dort bleibe und das Begleitschreiben studiere, nimmt das Rätsel­raten der Kollegen kein Ende mehr.

»Meinst du vielleicht«, fragen sie, »der alte Geist ist jetzt in unserem amtlichen Papier über seine Besuche in dem dreistrophigen Poem? Warum sollte er dort sein? War er nicht ein literarisch interessierter Geist? Wollte er nicht den Guide für reale Leser in der Gedichtwelt spielen, ihnen dort die Schönheit des poetisch Unausdrückbaren, nur Angerissenen und Anreißbaren zeigen? Was könnte ihm an unserer trockenen Schilderung so gefallen haben, dass er sich in sie hineinverfügte und dort so hartnäckig ausharrte, als säße er in einem der besten realweltlich-literarischen Lesestoffe?«

Weil man zudem mehrmals gesehen hat, wie ich die Begleitschrift mit unserem Messapparat abgetastet habe, kommen auch solche Fragen: »Glaubst du tatsächlich, dass du die Präsenz des alten Geistes in unseren Erklärungen ausmessen kannst? Was wir da geschrieben haben, ist doch keine Literatur, sondern nur die schriftliche Reproduktion eines bibliobiologischen Vorfalles, von dem wir nicht einmal genau wissen, ob es ihn in der Gedichtwelt auch wirklich gegeben hat. Wie sollte unser Apparat, der nur auf Literarisches, nur auf poetische Wertigkeiten geeicht ist, da etwas ausmessen können?«

»Das werde ich euch sagen, wenn es soweit ist«, wehre ich die Kollegen ab. »Erst muss sich meine Vermutung bestätigen. Ein kleines bisschen glaubwürdiger werden muss sie schon, damit es sich überhaupt lohnt, davon zu reden. Habt also Geduld!«

Denn das, worauf ich warte, wenn ich die von uns verfasste Dokumentation durchforsche, wenn ich mich immer wieder in jeden ihrer Abschnitte versenke, gespannt hineinspähe und ‑höre, ist tatsächlich ein Lebenszeichen von dem besagten posthumen Lesergeist. Was ich da mache, kann bodenloser Unsinn sein, also gerade das, was die Kollegen von meiner Beschäf­tigung mit dem Dokument halten. Es gibt aber nur diese eine Notiz von ihm in seinem vergilbten, ansonsten beinahe völlig uninteressanten Tagebuch, auf die ich mich dabei stütze und die mich denken lässt, dass er sich in unseren Kommentaren über das zweimal von ihm besuchte Gedicht befindet oder dort zu erwarten ist.

Es ist der Satz: »Komm ich nicht in den Himmel, gehe ich in die Buchwelt. Eins von beidem.« Viele werden das für eine kindisch-abergläubische Äußerung halten, ja auch möglicherweise für einen Ulk des alten Lesers, der einen bizarren Gedanken einfach für sich aufgeschrieben hat und nichts weiter, jedenfalls nichts Ernsthaftes damit verband. Und wirklich kann ein alter Leser, der seinen Tod nahen fühlt, manchmal die wunderlichsten Sachen aufschreiben …

Doch ich muss es zugeben: Für mich klingen diese Sätze ernst. Jedenfalls tun sie das noch bis heute, und solange das so ist, werde ich von der bibliobiologischen Auskultation unseres amtlichen Dokuments nach einem Lese-Lebens­zeichen des alten posthumen Lesers nicht ablassen. Dass der Apparat bei diesen Untersuchun­gen auf nichts reagiert, ist zwar enttäuschend, aber es stört mich nicht, noch nicht. Denn der Apparat hat hochempfindliche Sensoren, die vielleicht eine Zeit lang brauchen, um die neue Art des Lese-Lebens registrieren zu können. Unser Messinstrument ist schließlich ein Gerät, das in den Texten gewöhnlich nur die Präsenz von Lesern anzeigt und nicht die von Buchpersonen. Es ist bisher noch nicht gelungen, die Lese-Lebendigkeit von Buchpersonen in den Tex­ten messbar zu machen, den Grad ihrer seman­tischen Vitalität zu fixieren, den zu kennen zum Beispiel für Vorbeugemaßnahmen gegen ein weiteres Umsichgreifen der Leserschwindsucht in den Büchern notwendig wäre. Der Grund dafür liegt in der völlig anderen, von den realen Lesern ganz unterschiedlichen Seinsart der Buchpersonen, die ja vom Lesen, vom Gelesenwerden, leben und nicht von Viktualien wie Realpersonen.

Nun kann man sich wundern und wie meine Kollegen fragen, was mich angesichts der langen und völlig ergebnislosen Zeit, die bei diesem Tun schon vergangen ist (es sind bald anderthalb Jahre), immer noch veranlasst, mit der Auskul­tation unserer Papiere fortzufahren. »Der Apparat registriert nichts«, sagen sie, »also kann es den alten Lesergeist dort nicht geben.«

Gegen diese Schlussfolgerung muss ich mich energisch verwahren. Denn in diesem biblio­bio­lo­gisch spezifischen Fall ist sie – oder jedenfalls erscheint sie mir – nicht richtig. Gerade weil das Messinstrument nichts anzeigt, kann ich die Sucharbeit in diesen Papieren nicht einstellen, gerade deshalb fühle ich mich angespornt, sie weiter zu betreiben. Könnte es nicht auch sein, dass der alte Geist sich dort als Buch­person auf­hält, dass er glaubt und hofft, sich als solche Person dort einrichten zu können?

Aber muss – wenn sich das alles wirklich so verhält – meine Arbeit nicht trotzdem vergeblich sein? Ist – wenn mein Instrument nur auf Leser reagiert – mein ganzes Bemühen nicht doch umsonst?

Nein, das ist es nicht. Denn eine Buchperson kann der posthume Geist nur seinem eigenen Wunsch und Willen nach sein. Aber er »ist« sie nicht, weil er nicht als solche zur Buch-Welt kam. Und wenn er sich wirklich mit der Absicht in un­seren bibliobiologischen Kommentar hineinver­setzt hätte, als Buchperson, gelesen werdend, am Leben bleiben zu können?

Das ist und bleibt (bis heute) meine Vermutung. Bis ich nicht den eindeutigen Gegenbeweis habe, setze ich die Sucharbeit fort. Denn so hof­fnungslos, wie sie zu sein scheint, ist sie nicht, für mich jedenfalls nicht.

Der alte Geist kann sich, so viel er will und so intensiv er kann, wünschen, eine Buchperson zu werden, dass er allerdings ursprünglich ein Lesergeist ist, kann er nicht ändern. Das weiß er erstens selbst am besten, und zweitens geht es auch aus unserem Kommentar ganz eindeutig hervor.

Mein Kalkül ist nun folgendes: Wenn das Buchpersonsein des alten Geistes nur etwas von ihm Gewünschtes ist, muss sich in irgendeinem Augenblick, in dem dieser Wunsch sich bei ihm abschwächt, an Intensität verliert, das Leserpersonsein in ihm zurückmelden, es muss dann ganz mechanisch oder sagen wir besser, ganz unbewusst wieder von ihm Besitz ergreifen. Das wird zugleich der Moment sein, in dem mein Apparat den Geist in unserem Kom­mentar fixieren muss, denn dann ist es ein Leser­geist, dessen Textgegenwart unser Instrument anzeigen kann. Ein solcher Moment, der uns seine Anwesenheit in unserem Kommentar ver­rät, kann sich sehr leicht ergeben. Denn der alte Geist darf, wann immer wir ihn uns in unserem Text lesend vorstellen, sich niemals natürlich verhalten, niemals so erscheinen, wie er von Haus aus ist, nämlich als Lesergeist. Tut er das, lässt er sich also als ein von uns gelesen werden­der auch nur ein einziges Mal gehen, vergisst er sich auch nur eine Sekunde lang als Buchperson, so schnappt ihn unser Messapparat sofort: Dann fixiert er nämlich eine doppelte Leser­präsenz im Text, in diesem Fall meine und seine Präsenz, und der Beweis, dass der posthume Geist dort wohnt, ist erbracht.

Nun könnte man fragen – und meine Kollegen in der Verwaltung haben diese zwei Einwände erhoben –, auf welche konkrete Weise der alte Geist überhaupt in unseren Kommentar hineingelangen kann, also in ein Dokument, das das Gedicht, in dem er starb, sowie seinen Tod und seinen posthumen Aufenthalt dort bloß erläutert, das ein Papier ist, das mit dem Poem selbst direkt nichts zu tun hat und äußerlich nur als Beilage figuriert. Und zweitens ist in die­sem Zusammenhang nicht klar, warum der Lesergeist sich als Buchperson in unserem Kom­mentar einnisten sollte. Der Kommentar kommentiert doch bloß, erklärt völlig nüchtern und sachlich, was den Geist bewogen haben könnte, im Poem Station zu machen: Es analysiert die paar Aussagen, die er selbst dazu gemacht hat, und betont die Außerordentlichkeit dieses Vorfalls in der Buch- und sicherlich auch in der Realweltgeschichte. Solche trockenen Darlegun­gen können kein Lese-Lebensraum für Buchpersonen sein, und schon gar nicht, wenn die Buchperson ihrer Herkunft nach ein posthumer realer Lesergeist ist. Weil die realen Leser in einem sachlichen Bericht auf keine Einsichten in etwaige Lese-Lebenslagen von Buchpersonen eingestellt sind, stellen sie sich solche dort niemals vor. Als Buchperson könne der posthume Geist in unserem Kommentar daher niemals Erscheinung werden.

Gegen diese beiden Einwände führe ich für gewöhnlich zwei Argumente an, die sie völlig entkräften, obwohl die Entwicklung meine Ansichten bis heute nicht bestätigt, denn der Geist hat sich nicht mehr gezeigt.

Der erste Einwand ist mit dem Hinweis auf die absolute semantische Verwandtschaft unseres Kommentars mit dem Gedicht als Aufenthaltsort des posthumen Lesergeistes ganz leicht abzuweisen. Die beiden Texte sind bedeutungsmäßig aufeinander bezogen, und da ein Geist, besonders ein Lesergeist, sich als pures Seinssinngebilde bei uns Realmenschen nur in den reinen Sinnregionen der literarischen Buchwelt und ihrer literaturwissenschaftlichen Kommen­tare frei ergehen und wohlfühlen kann, ist der alte Geist erst in dem Gedicht und dann in unseren Erklärungen dazu erschienen. Dass er in unserem Kommentar präsent ist, halte ich trotz der fehlenden Beweise für gewiss.

Zu dem Auftauchen des alten Lesergeistes im Poem braucht es weiter keine Erläuterungen, nur weil der alte Leser seinen Geist dort aufgab, kam er dorthin. Der Unglücksfall, dass eine Realperson beim Lesen in der Gedichtwelt plötz­lich tot umfällt und dass ihr Geist dort weiter­existiert, kam meines Wissens noch niemals vor. Dieser Unglücksfall hat ihn in das Gedicht gebracht. Dass der alte Geist dann aus dem Poem verschwand und nach relativ kurzer Zeit wieder dorthin zurückkam, ist auch nichts Unbegreifliches: Seine Neugier auf die Geisterwelt, wohin er als posthumer Geist eigentlich gehört, muss ihn zu dem Ortswechsel veranlasst haben. Aber auch seine Rückkehr in das Gedicht wird verständlich, wenn man hier den Wunsch nach Wiederverkörperung, den sicherlich manche Geister haben, berücksichtigt. Nun ist der alte Leser nicht in seinem Bett, sondern in einem Gedicht, und dazu noch beim Lesen desselben, gestorben. Sein posthumer Geist war, anstatt in die transzendente Geistersphäre einzugehen – wer seinen Geist aufgibt, gibt ihn gewöhnlich gleich dort hinauf –, auf dem semantischen Territorium eines Poems gelandet. Er hat seine reale Körperhülle gegen das Bedeutungsgefüge eines poetischen Textes eingetauscht. Dieses Gefüge aber ist so etwas wie eine Hülle, wie etwas, das ihn selbst nach seinem realpersönlichen Tod noch immer mit der realen Welt verbindet. Mit anderen Worten: Dem Geist bleibt immer noch ein »In-der-Welt-Sein«, das, was sich wohl alle posthumen Geister leidenschaftlich wünschen, nämlich irgendwie verkörpert weiterzuexistieren (auch, sagen wir mal, in mittelalterlichen Ruinen, verwunschenen Zimmern u.ä.).

Macht man sich das klar, so muss einem auch verständlich werden, warum der posthume Lesergeist im Gedicht wiederkam. Weil er eine gute, bequeme Verkörperungsmög­lichkeit in der realen Welt besaß, litt es ihn nicht länger in der Geisterwelt. Im Poem hatte er einen ganzen dreistrophigen Bedeutungsraum für sich allein und die Möglichkeit, dort den verschiedensten lebendigen, lesenden Leser­geistern zu begegnen. Dieser Raum war – weil er doch als Realgeist in ihm gestorben war – sein aus soundsoviel poetischen Worten bestehen­der Sterbeort, der also bedeutungsmäßig auch eng mit ihm als posthumem Geist verknüpft blieb und deshalb von ihm zu jeder Zeit besucht und als Erscheinungs- oder Verkörperungsstätte in Gebrauch genommen werden konnte. Dass er das auch versucht und dabei keinen Erfolg gehabt hat, wissen wir aus dem Bericht meiner vier Kollegen. Solange ich noch hoffnungsvoll auf der Suche bin, will ich glauben, dass das, was die Kollegen erzählen, der Wahrheit entspricht. Leider hat der alte Geist kein Glück gehabt: Meine Kollegen haben auf seinen Vorschlag nicht so reagiert, wie er sich erhofft hatte, und wir müssen annehmen, dass der bloße Aufenthalt eines posthumen Geistes in der poetischen Semantik für seine Verkörperung in der realen Welt nicht genügt, dass es ein unbequemer, auf die Dauer auch qualvoller Zustand ist. Das würde erklären, warum der Geist sich plötzlich wieder aus dem Gedicht emp­fahl und in seine Geisterwelt zurückverschwand.

»Komm ich nicht in den Himmel, geh ich in die Buchwelt. Eins von beiden«, schrieb der alte Leser in seinen Notizblock, und ich bin über­zeugt, dass wir ihn hier beim Wort nehmen müssen. Denn es ist ein völlig ernst gemeinter Satz.

Allerdings muss man sich davor hüten, ihn wortwörtlich zu nehmen. Über das, was sich in der Transzendenz mit einem tut, lässt sich in der Ciszendenz grundsätzlich nichts Genaues erfahren. Nur so viel ist sicher: Der posthume Lesergeist hat die literarisch-semantischen Räu­me in der Ciszendenz als Bleibe für sich der Trans­zendenz vorgezogen, weil es eben sein Wunsch war, als posthumer Geist auch mal re-inkarniert in der realen Welt zu erscheinen.

Nur deshalb bot er sich meinen vier Kollegen an, den Guide zu mimen. Denn eine Rolle oder Funktion dürfte für die Verkörperung eines posthumen Geistes in literarischen Lesestoffen schon notwendig sein. Und er verschwand wieder, weil ihm plötzlich klar wurde, dass seine verlesekörperstofflichende Rolle nicht zu verwirklichen war. Denn erstens fühlte er die Unentschlossenheit und innerlichen Hindernisse, die meine Kollegen abhielten, zu ihm zu kommen, und er war natürlich auch klug genug, um sich sagen zu können, dass alle künftigen Leser sich genauso ablehnend verhalten würden. Zweitens muss ihm der Versuch, aus den unthematischen Zeilenhintergründen des Gedichts in den thematischen Vordergrund zu gelangen, in einer so radikalen Weise missglückt sein, dass ihm die prinzipielle Unmöglichkeit solcher Annäherungen an reale Leser zur unerschütterlichen Gewissheit geworden ist.

Ich vermute, dass er sich mit seinen Be­mü­hun­gen, auf den thematischen Zeilenweltweg des Poems zu kommen, selbst aus der Poesie hinauskatapultierte und dass dieser unfreiwillige Austritt aus dem Gedicht nicht schmerzlos erfolgt ist. Vielleicht hat er sich dabei Quetschungen oder Prellungen zugezogen, die ihn gehindert haben, seine Inkarnationsversuche fortzusetzen. Das würde jedenfalls sein langes Verschwinden erklären. Das sage ich, weil ich glaube, dass unser Kommentar als lesestoffliches Areal für seinen Inkarnationswunsch gewertet werden muss.

Beweisen kann ich das nicht, doch habe ich ein untrügliches Gefühl für das genaue quantitative Vorhandensein von Buchpersonen in literarischen Textwelten entwickelt. Ohne diese Welten zu kennen (also ohne noch ihren Text oder ihr Buch gelesen zu haben), kann ich immer sagen, wie viele Buchpersonen dem Leser in solchem Schriftmaterial begegnen.

Es ist höchst selten, dass ich mich bei solchen Angaben irre. Und mein Gefühl sagt mir, dass es in unserem Kommentar eine Buchperson gibt – den alten Lesergeist. Das verwundert selbstverständlich, denn unser Kommentar ist ein sach­licher Bericht.

»Du spinnst!« meinen meine Kollegen. »Ja, du hast ein überraschend genaues Gefühl für Buchpersonen. Das ist wahr. Aber es ist eben nur ein Gefühl, bei dem man sich auch täuschen kann. Und das, lieber Mann, ist so. Du irrst einfach. Warum willst du das nicht begreifen? Gib auf!«

Gerade das tue ich nicht. Noch nicht. Denn unser Kommentar – und das ist es, was meine Kollegen mir nicht glauben wollen – hat auch einen literarischen Wert. Er kann – besonders, wenn ich ihm noch alle Streitgespräche anfüge, die ich mit meinen Freunden über die Möglichkeit führe, dass der posthume Lesergeist sich dort buchpersonifizieren lassen würde – sehr gut eine kleine Erzählung abgeben, mit dem alten Lesergeist und uns allen als handelnden Personen ihres Sujets.

Diese Erzählung würde auf diese Weise von den Inkarnationsversuchen eines posthumen Lesergeistes im Leseweltstoff erzählen und – da die Anwesenheit des Geistes im Kommentar nicht absolut feststeht – die Frage, ob der Geist uns nun tatsächlich in dem Stoff gegeben ist oder nicht, offen lassen. Und selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, wäre unser Kommentar – finde ich jedenfalls, weil doch ein offenes Ende etwas durchaus Literarisches ist – immer noch eine ganz nette Erzählung. Sie wäre sogar sehr modernistisch, denn das schriftstellerische Arbeiten mit »entstehenden Buchfiguren« ist, im Augenblick zumindest, ein belletris­tischer Trend.

In unserer Erzählung wären nur fünf Leute, nämlich meine vier Kollegen und ich, vollwertige Buchpersonen, während der posthume Lesergeist in dieser ein buch- oder textweltfaktisches X darstellen würde, weil nicht bekannt ist, ob er sich wirklich buchpersonifiziert hat. Die Erzählung bestünde dann aus zwei Teilen.

Im ersten wäre der alte posthume Lesergeist im Gedicht zu sehen, in dem er gestorben ist und in dem er vergeblich versucht, mit realen Lesern Kontakt zu bekommen. Dass nichts daraus werden würde, bedeutete vor allem, dass der Wunsch des alten Lesers, sich im Gedicht als Buch- oder Gedichtweltperson anzusiedeln, die den Leser durch die unthematischen Hintergründe führt, gescheitert ist, dass diese erste, von ihm selbst in die Wege geleitete Buchpersonifizierung seines Selbst fehlschlug.

Der zweite Teil würde meine Suche in unserem Kommentar nach dem alten Lesergeist beinhalten, von dem ich überzeugt bin, dass er sich dort buchpersonifizieren will. Er kann zum Beispiel einmal hineingeschaut und von meinen Bemühungen, ihn zu finden, Kenntnis genommen haben. Das wäre für ihn schon Grund genug, einfach im Kommentar zu bleiben und sich als Buchperson von mir immer weiter suchen zu lassen. Selbst wenn er in dieser Eigenschaft nirgends zur lesekörperstofflichen Erscheinung werden würde, ergäbe das bloße For­schen nach dem Geist als Buchperson doch sicherlich eine genügend interessante kleine Erzählung.

Ist sie so, wie sie hier von mir aufgeschrieben vorliegt, etwa nichts Lese-Lebenswertes? Der Akzent in dem Kompositum liegt auf dem Lebenswert. Damit will ich sagen, dass unser Kommentar, wie er von mir mit dem Anliegen, einen möglichen Zufluchtsort für einen posthumen alten Lesergeist zu erhalten, erweitert worden ist, durchaus einen Text abgibt, der literarisch genug und von Buchpersonen ohne weiteres bewohnbar ist.

»Aber dann müsstest du mit deinem biblio­biologischen Spürsinn dort mindestens fünf Buchpersonen ausmachen können!« sagt man mir skeptisch und meint mich und die vier Kollegen. »Jedoch spürst du uns nicht. Folglich ist der Kommentar oder genauer, der Text, zu dem du ihn gemacht hast, nicht literarisch genug, um als Unterkunft für Buchpersonen und für einen posthumen Geist, der sich buchperso­nifizieren möchte, zu dienen. Folglich wartest du ganz umsonst, dass sich dir eine Person in diesen Zeilen zeigt. Denn hätte sich dir – wenn das der Fall gewesen wäre – nicht mindestens einer von uns als Buchperson, oder gar du selbst, zeigen müssen? Wir sind schließlich keine posthumen Geister, sondern Gott sei Dank immer noch quicklebendig. Was stünde unserer Buchpersonifizierung also im Wege? Doch gar nichts.«

Vergeblich wende ich dagegen ein, dass mir mein sechster bibliobiologischer Sinn nur deshalb keine weiteren Buchpersonen in diesem Text anzeigt, weil der posthume alte Lesergeist, der doch seine Hauptperson ist, in ihm noch keinen festen, offiziellen Platz gefunden hat, weil er sich höchstwahrscheinlich noch nicht ganz entschieden hat, dort zu bleiben. In einem literarischen Lesestoff muss immer erst die Haupt­person feststehen, mit ihrer ganzen tragenden Bedeutung verankert sein, damit sich alle Nebenpersonen dort auch einfinden können. Bis das passiert, können wir in diesem Text nur Buchstaben-, Begriffs- und Bedeutungsgebilde sein, mehr nicht. Meine Kollegen wollen nichts davon hören.

»Warum lässt die Entscheidung deines alten Lesergeistes dann so lange auf sich warten?« höh­nen sie. »Müsste er bei uns nicht schon längst Buchweltbürger geworden sein? Oder – wenn er schon so lange da ist – warum meldet er sich dann nicht endlich, warum bleibt er dann so obstinat in der Verdeckung, selbst dir gegenüber, der du doch sein bester realpersönlicher Freund bist?«

»Ja, das war mir bis gestern auch unverständlich«, habe ich den Kollegen gesagt. »Warum er in unserem Kommentartext keine lesekörper­stoffliche Konfiguration annehmen möchte, war mir auch ein Rätsel. Ihr versteht: Bevor man als realer Verfasser eine Buchperson begrifflich-wörtlich in eine Textwelt einbringt, hat man sie dort visionär zu erblicken, das heißt, sie muss einem als Figur sichtbar werden. Das ist mir mit dem posthumen Geist noch nicht passiert. Je länger seine verdeckte Präsenz im Text andauerte, desto unverständlicher wurde sie mir. Zugegeben! Aber jetzt, Leute, habe ich begriffen, warum er das macht, warum er sich in dem Lesestoff des Kommentars versteckt hält und keine buchpersönliche Erscheinung werden will. Ganz einfach deshalb, weil er begriffen hat, dass unser Kommentartext nur an literarischem Wert gewinnen kann, dass er schon eine richtige, jeden Leser interessierende Erzählung und somit auch eine zuverlässige Unterkunft für ihn als Buchperson ist, wenn er niemandem erscheint, wenn er alle Leser, seien sie real oder irreal, auf sich warten lässt. Versteht ihr? Damit ist ein Text geschaffen, in dem alle Buchpersonen, Haupt- wie Nebenpersonen, sich nur als buch- oder textweltmögliche vermuten lassen, da sie noch nicht buch- oder textweltwirklich geworden sind. So ein Text war noch nie da. Das wäre dann der erste dieser Art und sicherlich auch einer, der mit seiner Originalität die Leser in großen Mengen anlocken muss. Ist das – frage ich euch – von dem alten Fuchs nicht klug gedacht?«

Dazu haben die Kollegen nichts mehr gesagt. Ich nehme an, sie haben erst einmal nichts mehr zu sagen gewusst. Das soll nicht heißen, dass ihnen kein neuer Einwand mehr einfallen wird. Das kann jeden Tag passieren. Ich warte schon gespannt darauf. Denn ich möchte die ganze Sache selbstredend mit meinen Kollegen erst bibliobiologisch-theoretisch klären, ehe ich diesen Text veröffentliche, ihn also in der Text- und Buch­welt erscheinen lasse.

»Bist du sicher«, hat mir einer von ihnen beim Weggehen gesagt, »dass dieser Werbe- und Werde­text für die Buchpersonifizierung von den Lesern auch so enthusiastisch aufgenommen wird, wie du es denkst und es nötig ist, damit sich sein Sinn erfüllt, wir alle seine Buchpersonen sind und der alte posthume Lesergeist dort zufrieden ist?«

Gute Frage. Sicher bin ich natürlich nicht. Aber einen Versuch ist es bestimmt wert.


Diese Geschichte von Giwi Margwelaschwili ist eine Erstveröffentlichung. Mehr von Giwi Margwelaschwili, der am 14. Dezember 80 Jahre alt wird, kann man im soeben erschienenen Roman »Officer Pembry« (208 Seiten, 19,90 Euro, Verbrecher Verlag Berlin) finden und unter www.giwi-margwelaschwili.de.

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