Jürgen Kiontke: Irre werden

Irre werden

Nachdem Deutschland »Auf der anderen Seite« von Fatih Akin als Beitrag für den Oscar eingereicht hat, schlägt die Türkei den von ihm produzierten Film »Takva« vor, der jetzt Deutschlandpremiere hat.

von Jürgen Kiontke

Religiöser Fanatiker zu sein ist auch nicht leicht. Sein ganzes Leben Gott zu widmen – diese Extremsituation schildert der türkische Regisseur Özer Kiziltan in dem preisüberhauften Film »Takva – Gottesfurcht«. Marktschlepper Muharrem (Erkan Can) lebt stramm nach den Regeln seines traditionalistischen Sufi-Ordens, dessen Vorstand um die Verfasstheit seiner Schäf­chen weiß, weshalb er seine Mönche aus Geldgeschäften heraushält. Dass die Versuchung aus der Kraftquelle seines Glaubens kommen würde, darauf wäre Muharrem selbst im Zustand der Ekstase nicht gekommen: Ausgerechnet ihn suchen die Ordensoberen aus, um die Miete für die kircheneigenen Immobilien einzu­treiben. Dienstwagen, Handy, Anzug, Mietrecht – der Mann ist überfordert. Die strenge Kontemplation in der Abgeschiedenheit war Luxus, jetzt muss sich der Glauben bewähren. Muharrems Psyche reagiert wie die eines Kindes, er will alles haben. Geld und Tussis, mehr gibt das arme Unterbewusste als Gegenpol zum lieben Allah nicht her.

Das mag man nicht recht glauben. Der so genannte westliche Lebensstandard ist nicht erst gestern nach Istanbul gekommen. Dennoch will Regisseur Kiziltan den Film als Statement verstanden wissen. »Alle Ideologien und Religionen«, sagt er, »die jegliche Individualität ver­leugnen, führen zur Unterdrückung und Ablehnung des Humanismus und Rationalismus. Und damit früher oder später in den Wahnsinn.«

Ganz so ist es nicht. Und der Film zeigt es so auch nicht. Denn Muharrem wird weniger von Religion denn einer klassischen Double-Bind-Situation verwirrt: Er fühlt sich dem Orden zutiefst verpflichtet, gleichzeitig kann er seine Religiösität nicht integer ausleben. Zwei Dinge, die sich gegenseitig ausschließen, gleichzeitig zu wollen, ist mehr eine Bürde der Freiheit als eine des Glaubens.

Produzent Fatih Akin sieht im Wirken des Ordens gar den Faschismus am Werk. Das Erstarken der Religion sei extrem gefährlich. Auch wenn es nicht beabsichtigt war, der Film zeigt, dass man auch ganz ohne Religion bekloppt werden kann.


»Takva – Gottesfurcht«. Regie: Özer Kiziltan. Start: 15. November

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