Bin Ladens Triumph
Die arabisch-islamische Mentalität ist keineswegs unveränderlich.
von Mezri Haddad
Überall in der Welt führten die vorsätzlich schockierenden, beschämenden und extremistischen Stellungnahmen des iranischen Präsidenten zu Verwirrung und Empörung – mit der sehr bezeichnenden Ausnahme der islamischen Welt. … Dieses ohrenbetäubende Schweigen kann nicht allein mit der Furcht vor Terrorattacken wie zur Blütezeit des khomeinistischen Obskurantismus erklärt werden. Es hat ebenso in der Notwendigkeit, mit der arabischen öffentlichen Meinung konform zu gehen, seinen Grund. Diese Öffentlichkeit hat – nach Jahren der Beeinflussung durch die reaktionärste Form nationalistischer Kasuistik und des islamistischen Dogmatismus – im Antisemitismus den perfekten Katalysator für all ihre narzisstischen Wunden und ihre sozialen, ökonomischen und politischen Frustrationen gefunden.
Wir müssen zugeben, dass einige Verse des Koran, die man absichtlich aus ihrem historischen Kontext löste, noch mehr zur Verfestigung von antisemitischen Stereotypen in der arabisch-muslimischen Mentalität beigetragen haben. Man könnte dasselbe, nebenbei bemerkt, auch über das Neue Testament sagen: So wurden bestimmte Passagen daraus in ferner und nicht allzu ferner Vergangenheit dazu benutzt, den furchtbarsten antijüdischen Verfolgungen eine theologische Patina zu verpassen. Die Kirche musste ihren eigenen aggiornamento (Neubearbeitung) durchführen, um den christlichen Extremisten jegliche Legitimität, die ihnen vermeintlich durch die Evangelien verliehen wurde, zu nehmen.
All dies muss gesagt werden, um klarzumachen, dass die Versteinerung der arabisch-muslimischen Mentalität keineswegs unveränderlich ist – vorausgesetzt, die islamischen Denker legen intellektuelle Kühnheit an den Tag. Da sie den Koran von seinem potenziell antisemitischen Müll nicht bereinigen können, müssen sie diese Sammlung von Suren genau und mit hermeneutischer Vernunft untersuchen.
Wenn auch die Empörung des Westens über Ahmadinejads Stellungnahmen absolut verständlich und gerechtfertigt ist, so zeugt seine Verwirrung doch zugleich von einer gewissen Gutgläubigkeit, was sein Bild vom iranischen Regime anbelangt. Diejenigen, die von Mahmoud Ahmadinejads abscheulichen Stigmatisierungen überrascht waren, sind dieselben, die allzu schnell zwischen dem iranischen Regime und der Bevölkerung unterscheiden, die an das Märchen von den »moderaten« und den »extremistischen« Islamisten glauben und die lange an die Normalisierung der Islamischen Republik und an ihre unvermeidliche Demokratisierung geglaubt haben. Wie schon Jesus sagte: »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!« (Johannes 20:29).
Erst nach dem 11. September 2001 – nach dem Einbruch einer neuen Mutation des extremsten Islamismus: al-Qaida und ihr makabrer Leichenzug von Märtyrerkandidaten – war diese Rehabilitation des fundamentalistischen iranischen Regimes möglich.
Bin Ladens Triumph besteht nicht nur darin, die abscheulichen Theokratien als zivilisiert erscheinen zu lassen, sondern auch darin, den neofaschistischen Bewegungen, die nach Macht streben – der Hamas in Palästina, der Hizbollah in Libanon, der Muslimbruderschaft in Ägypten und ihren alter Egos überall in der arabischen Welt –, ein humanes, wenn nicht gar humanistisches Image verliehen zu haben.
Wie Menschen mit Amnesie wollte sich niemand mehr an das ideologische Substrat dieser schiitischen Theokratie erinnern.
Man vergaß, dass der Islamismus, diese theokratische, fundamental totalitäre und eindeutig antisemitische Ideologie, hinsichtlich seiner Doktrin unveränderlich ist. Der Islamismus ist in der Lage, realpolitischen Anforderungen Rechnung zu tragen und in seinen Beziehungen zu den westlichen Mächten ein großes Maß an Pragmatismus an den Tag legen. Deshalb wird er seinen strategischen Zielen aber noch lange nicht abschwören: Innenpolitisch will er über alle seine Bürger die völlig veraltete Gesetzgebung der Scharia verhängen, außenpolitisch setzt er auf hegemoniale Expansion, auf die Bekehrung zum Islam und auf die Ausmerzung des »zionistischen Tumors«. Semantische Varianten bei ideologischer Kontinuität – so sieht das Wesen des islamistischen Machiavellismus aus.
Weil sich die Leute so lange an die Illusion eines Islamismus klammerten, mit dem man leben kann, griffen sie jetzt auf jede mögliche und vorstellbare Spekulation zurück, um mit den fundamental antisemitischen Ausfällen des iranischen Präsidenten klarzukommen.
Dabei muss man (nur) zurück zur ursprünglichen Reinheit der khomeinistischen Doktrin gehen, um den Antisemitismus des gegenwärtigen iranischen Präsidenten zu verstehen.
Am 30. August 1979 erklärte Khomeini in Qom: »Diejenigen, die Demokratie fordern, wollen das Land in die Korruption und in den Ruin treiben. Sie sind schlimmer als die Juden. Sie sollten aufgehängt werden. Sie sind keine Männer …« In seinem Pamphlet »Politische, philosophische, soziale und religiöse Prinzipien« reproduzierte er alle Stereotypen islamistischer Rhetorik: »Die Juden, möge Gott sie klein halten, haben die Buchausgaben des Koran manipuliert … Diese Juden und ihre Unterstützer verfolgen das Ziel, den Islam zu zerstören und eine jüdische Weltregierung zu etablieren.« Und schließlich dieser kategorische Imperativ: »Israel, dieser Krebstumor, muss verschwinden und die Juden müssen bis ans Ende der Tage verdammt werden und bekämpft.«
Zwischenzeitlich aber war Ayatollah Khomeini in der Lage, Israel um Waffen und militärische Unterstützung anzubetteln, um der irakischen Invasion standzuhalten. Wir können also leicht ersehen, von wem Rafsanjani, Khatami und die anderen emblematischen Figuren des »aufgeklärten Islamismus« ihren zynischen Pragmatismus haben.
Wir sollten deshalb aufhören, das iranische Regime mit den Augen eines Naiven zu betrachten, wie es einige Leute tun, die den Mythos vom Gegensatz zwischen »Reformisten« und »Konservativen« aufrechterhalten, einem Gegensatz, der eine reale, auf Nützlichkeitserwägungen bezogene politische Nuance zum Ausdruck bringt, ohne jedoch einen Antagonismus in der Doktrin darzustellen. Man kann eine Theokratie nicht reformieren; man muss sie zurück in den Müllhaufen der Geschichte werfen, aus dem sie niemals hätte emporwachsen dürfen.
Im Iran, wie auch in der muslimischen Welt generell, verläuft die Trennungslinie nicht zwischen »moderaten« und »extremen« Islamisten, sondern zwischen Theokraten und Demokraten, zwischen Fundamentalisten und Säkularen, zwischen denen, die den Koran auf einen ekelerregenden Antisemitismus reduziert haben, und jenen, die den Geist erfasst und die Buchstaben in eine Perspektive gebracht haben, wissend, dass Juden wie auch Christen die Brüder der Muslime sind, wissend, dass der Gott der Muslime viel toleranter ist als die göttlichen Islamisten.
Die Veröffentlichung des redaktionell bearbeiteten Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors aus: Matthias Küntzel: Islamischer Antisemitismus und deutsche Politik – ›Heimliches Einverständnis‹? Lit-Verlag, Münster 2007, 19,90 Euro. Das Buch ist soeben erschienen.





