Der Mann mit dem Stock im Leib
Nach der Hinrichtung des italienischen Diktators Benito Mussolini, des »Duce«, seiner Geliebten und einiger faschistischer Parteiführer wurden deren Leichname auf dem Piazzale Loreto in Mailand öffentlich zur Schau gestellt und von einer aufgebrachten Bevölkerung misshandelt, die über Nacht überraschend zum Antifaschismus bekehrt worden war.
von Sergio Luzzatto
Der Bericht über Mussolinis Autopsie ist ein Dokument, das für sich selbst spricht. Er erzählt die tragische Geschichte eines Körpers, der, als er bereits tot war, mit einer Wut misshandelt wurde, die der Leidenschaft gleichkommt, die er als lebendiger Körper geweckt hatte, und doch auch ihr Gegenteil ist. Zugleich ist er ein Dokument, das in den historischen Kontext des Bürgerkriegs gestellt werden muss, einen Kontext, der beherrscht wird vom Tod und von den Toten. Vor Mussolinis entsetzlich zugerichtetem Leichnam haben die Nachgeborenen – ebenso wie die Zeitgenossen – die Pflicht, an alle gefolterten Partisanen, an deren zur Schau gestellten Leichen und an die geschändeten Leichen, die keinen Anspruch auf eine Autopsie hatten, zu denken.
Wenn man die Gewalt auf dem Piazzale Loreto in dieser Perspektive sieht, in einer Perspektive, die reich an Bedeutungen ist, die die kollektive Psychologie oder die Anthropologie berühren, erweist sie sich als eminent politisch.
Am Tag nach diesen Ereignissen beeilten sich auch die Zeitungen, die den gemäßigten Elementen des Nationalen Befreiungskomitees als Sprachrohr dienten, das Geschehen auf dem Piazzale Loreto in dieser Perspektive zu interpretieren. Und das war nur logisch, denn durch eine politische Lesart war es möglich, Mussolini und die Parteiführer zu Sündenböcken zu machen und die gegen sie gerichtete Gewalt für gerecht und jede künftige Gewalt für ungerecht zu erklären. In Rom begrüßte der Risorgimento liberale die formlose Hinrichtung des Duce, ohne viele Worte über das Schicksal der auf dem Piazzale Loreto baumelnden Leichen zu verlieren. Die ebenfalls römische christdemokratische Tageszeitung Il Popolo erkannte in dem toten Körper Mussolinis das Symbol einer fernen Vergangenheit, die man wie einen Alptraum vergessen müsse. Die der Resistenza nahe stehende linke Presse berichtete mit stärkerer Begeisterung über die außergewöhnlichen Ereignisse des 28. und 29. April 1945. In den Spalten der Unità priesen die Kommunisten die »jakobinische« Justiz, die in Dongo geübt worden sei, und taten die öffentliche Zurschaustellung Mussolinis und der Parteiführer mit wenigen Worten ab. Und die Sozialisten bezeichneten das Schauspiel des Piazzale Loreto im Avanti! als abscheulich, zugleich aber auch als notwendig: »Das Volk war gezwungen, seinen eigenen Tyrannen zu richten, um sich von dem Alptraum einer nicht wiedergutzumachenden Kränkung zu befreien.« (1)
Diese wenigen Beispiele genügen, um unter der Oberfläche der revolutionären Emphase die Unsicherheiten und sogar die Widersprüche des sozialkommunistischen Diskurses zu erkennen. War die formlose Justiz, die gegen den Führer des Faschismus geübt worden war, jakobinisch oder die Justiz des Volkes? War sie das Ergebnis der hegemonialen Kraft einer Minderheit, die fähig war, für alle zu entscheiden, oder einer kollektiven Bewegung, die von den politischen Führern lediglich unterstützt wurde? Kurz gesagt, war Mussolini von Oberst Valerio oder vom italienischen Volk getötet worden? Im ansteckenden Freudentaumel des befreiten Mailand war es für die Wortführer des Nationalen Befreiungskomitees nicht leicht, öffentlich zuzugeben, dass die Resistenza eine Minderheitsbewegung gewesen war und dass gerade daraus ihre tiefe ethische Bedeutung resultierte. Die Versuchung, zu behaupten, die Justiz des Piazzale Loreto sei die Ergänzung der Justiz von Dongo und die »einzig mögliche Katharsis« (2), erschien da viel natürlicher. Andererseits mussten sich angesichts von mehreren zehntausend Personen auf dem Mailänder Platz – »niedrig geschätzt zwanzigtausend«, wie eine Zeitung berichtete – die Veteranen der Resistenza der Tatsache beugen, dass in der freien Stadt sehr viel stärker Anteil genommen wurde als in den Bergen während der harten Zeiten des Bürgerkriegs. Darin lag für die weitblickendsten Partisanen das Paradox des 29. April 1945: Das Schauspiel auf dem Piazzale Loreto erinnerte nur allzu sehr an die Massenversammlungen auf der Piazza Venezia in Rom.
War die Menge, die den toten Körper des Duce schändete, möglicherweise dieselbe, die dem Duce damals zugejubelt hatte? Dies war der Eindruck, dessen sich Leo Valiani, während der Resistenza Führer des Partito d’Azione, nicht erwehren konnte. Und dieser Eindruck war insofern frustrierend, als er bestätigte, dass der Kampf der Partisanen die Sache einer Minderheit gewesen war und dass es schwierig sein würde, den Widerstandskampf zur Grundlage eines glaubwürdigen Gründungsmythos für das neue Italien zu machen. Andererseits kam die Erkenntnis, dass die Menge des »Hosianna« mit jener des »Kreuzige ihn!« identisch war, den Männern der Resistenza auch ganz gelegen, denn so konnten sie die Bürde des Piazzale Loreto auf die Schultern der anonymen Masse der Mailänder Bevölkerung, des »unreifen Volks«, legen und damit die Partisanen von jeder Verantwortung freisprechen. Die »widerliche« Szene der »kriecherischen« Menge, die auf die Leichen des Duce und der Parteiführer losging – »dieselben, die ihnen, als sie noch gelebt hatten, zugejubelt und vor ihnen gezittert hatten« (3) –, erlaubte den Widerstandskämpfern, sich von den Ereignissen und Taten des 29. April zu distanzieren. Als wären es keine Partisanen gewesen, die Mussolinis Haupt auf Claretta Petaccis Brust gebettet, die Leichen an den Füßen aufgehängt und die Namensschilder für die am Gitterdach hängenden Leichname geschrieben hatten.
Der deutlichste Beleg für das Unbehagen – oder sogar für die Unredlichkeit – mancher Widerstandskämpfer angesichts des Geschehens auf dem Piazzale Loreto ist die Sonderausgabe der Tageszeitung L’Italia libera, die am Nachmittag des 29. April in Mailand erschien. Jeder, der einmal die Filmaufnahmen gesehen hat, die am Vormittag desselben Tages auf dem Piazzale Loreto gedreht worden waren – das Verhöhnen, Beschimpfen, Anspucken, Mit-Füßen-Treten der Leichen Mussolinis, Clarettas und der Parteiführer –, kann nur fassungslos zur Kenntnis nehmen, was die Zeitung des Partito d’Azione schreibt. Man könnte meinen, die Berichterstatter des Italia libera seien ganz woanders, seien Zeugen einer ganz anderen Szene geworden:
»Die Menge defiliert in einem stummen, gemessenen Zug [an den sterblichen Überresten der an Italiens Ruin Hauptschuldigen] vorbei. Es sind Männer und Frauen, die in der eisigen Atmosphäre des Todes, die über dem Piazzale Quindici Martiri liegt, für einen Moment ihre Schreie und ihren Jubel über die Befreiung unterbrochen haben. Man sieht nicht eine unbesonnene Geste gegen die Leichen dieser Männer, die ihre schweren Verbrechen mit dem Tode gesühnt haben. Hier gibt es nur die eine Gewissheit: dass die Gerechtigkeit des Volkes ihren Lauf genommen hat.« (4)
Von den Historikern sträflich vernachlässigt, bezeugt dieser Zeitungsausschnitt auf allzu direkte, fast peinliche Weise eine Realität, die die Zukunft überschatten sollte: Für die Resistenza wurde der Piazzale Loreto sofort, vom Tag des Geschehens an, zu einer Art Tabu. Versetzen wir uns einen Augenblick in das Norditalien jener Tage: ein vom Krieg verwüstetes Land, in dem es weder Fernsehen noch Wochenschauen gab. Wer konnte sich außerhalb Mailands schon ein Bild von dem machen, was auf dem Piazzale Loreto wirklich geschehen war? Auf vielleicht naive, aber gewiss nicht unschuldige Weise versuchte L’Italia libera, genau diese Umstände zu nutzen, um eine Gewaltorgie in eine respektvolle Trauerkundgebung zu verwandeln.
Pech nur, dass im befreiten Italien – auch ohne Wochenschauen in den Kinos – die Bilder ebenso ungehindert zirkulierten wie die Worte, und zwar in Form von Fotos. Die Zeitungen veröffentlichten damals nur wenige Fotos, doch war gar kein journalistisches Umfeld nötig, um Fotos serienmäßig zu reproduzieren und von Hand zu Hand gehen zu lassen. Und dies galt erst recht für die Fotos vom Piazzale Loreto. Die besten Fotoreporter Italiens waren am Morgen des 29. April auf dem Mailänder Platz gewesen, hatten wie wild fotografiert und Tausende außergewöhnlicher Bilder auf ihre Filme gebannt. Und unter ihnen vor allem einer, der Topfotograf der Fotoagentur Publifoto, Fedele Toscani, der »Teufels-Toscani« (5), dem nicht ein einziges Detail entgangen war. Nicht die karnevaleske Szene, in der die Partisanen der Leiche des Duce einen Stab mit dem faschistischen Symbol wie das lächerliche Zepter eines Operettenkönigs in die Hand gedrückt hatten. Und auch nicht die schreckliche Szene des Paares Mussolini-Petacci, das kopfüber am Gitterdach baumelt, die Arme zwangsläufig ausgestreckt wie in einer Geste des Sich-Ergebens. Nach dem 29. April verbreiteten sich die Abzüge von Toscanis Bildern im ganzen Land, zusammen mit Fotos von Reportern aus der lombardischen Hauptstadt und Provinz. Sehr schnell entwickelte sich ein richtiger Markt für die Bilder vom Piazzale Loreto. Zwei Fotoserien der Leichen Mussolinis und der Parteiführer wurden sogar mit offizieller Genehmigung des Propagandabüros des Corpo Volontari della Libertà als Postkarten gedruckt.
Auf dem Höhepunkt der zwanzigjährigen Herrschaft Mussolinis war der lebende Duce überhäuft worden mit Bitten um Fotos, denen die faschistischen Männer und Frauen die Kraft von Talismanen zuschrieben. Mussolinis Porträt hatte in fast allen Wohnungen Italiens gehangen.
Nach der Befreiung nun können viele Italiener es gar nicht erwarten, sich des toten Körpers des Duce zu bemächtigen. Die Fotos vom Piazzale Loreto kommen da gerade recht, sei es als Erinnerung an einen Moment, den sie selbst erlebt hatten, sei es als Ersatz für das eigene Erleben. Vor den römischen Kiosken drängen sich laut Corrado Alvaro die Menschen, um ein Foto des Duce auf dem Piazzale Loreto zu ergattern. »Ich bringe ihn meiner Frau mit«, sagt einer der Wartenden. (6) In Mailand blüht der Handel mit den makabren Bildern so sehr, dass einige Antifaschisten geradezu empört sind (oder sich schuldig fühlen). »Findest du es nicht schändlich, dass diese grausigen Fotos von Mussolini und seiner Geliebten in den Posen, die sie im Tod angenommen haben, öffentlich verkauft werden?« schreibt der Rechtsanwalt Giacomo Falco an seinen Kollegen Marco De Meis, Bürovorsteher des Präfekten von Mailand. »Und muss das Foto von Mussolini zusammen mit dem von Matteotti verkauft werden?« Falco zufolge machen die Schreibwarenhändler ein ebenso gutes Geschäft wie die Kioskbesitzer: »Die Leute reißen ihnen die Fotos aus den Händen.« (7) Ein paar Wochen später verfügt der Präfekt von Mailand die sofortige Beschlagnahme des Fotomaterials in den Schreibwarengeschäften und »an jedem öffentlichen Ort«. Die öffentliche Zurschaustellung auf dem Piazzale Loreto soll sich nicht auf den Straßen der lombardischen Hauptstadt fortsetzen; die Mailänder dürfen den Duce nicht mehr ihren Frauen mitbringen.
Es wäre falsch, nur die schaurige Seite dieser Vermarktung der Bilder vom Piazzale Loreto zu sehen, denn sie hat auch einen politischen Aspekt. Die Kommunisten äußerten sich durchaus positiv über die Verbreitung und den Aushang der »tragischen und grotesken Bilder« der Leichen Mussolinis und der Parteiführer an den Kiosken; es handle sich, wie die Rinascita schrieb, um eine nützliche Warnung für jeden, der eine Wiederherstellung der Diktatur anstrebe. (8) Trotz der vom Mailänder Präfekten Lombardi, dem Landesvorsitzenden des Partito d’Azione, angeordneten Beschlagnahme gewannen manche Parteimitglieder dem Geschehen auf dem Piazzale Loreto sehr wohl positive Seiten ab. In einem autobiographischen Text erzählte der Schriftsteller Luigi Meneghello Jahrzehnte später, wie er als junges Mitglied des Partito d’Azione auf die Fotos des »abgeschlachteten Duce« reagiert habe. Die Misshandlung des Leichnams erschien ihm als eine »gerechte und gute Sache«, weil sie Mussolini – der oft genug einem Hanswurst geglichen habe – erlaubt habe, im Tode »einen ernsteren Status« zurückzugewinnen, und das Aufhängen mit dem Kopf nach unten am Gitterdach der Tankstelle bezeichnete er als »angemessen und poetisch«. (9) Von der Übertreibung einmal abgesehen, waren Meneghellos Gefühle die eines ehemaligen Partisanen, der intellektuell mehr Mut bewies als andere und bereit war, den manichäischen Charakter der Ethik der Resistenza bis in ihre letzten Konsequenzen anzuerkennen.
Das eindrucksvollste Beispiel der Vereinnahmung der Bilder vom Piazzale Loreto als Totem findet sich allerdings dort, wo man es am wenigsten erwarten würde: in Civitella in Val di Chiana in der Gegend von Arezzo, wo die Nazis am 29. Juni 1944 als Vergeltungsmaßnahme nach einem Partisanenattentat alle erwachsenen Männer des Dorfes töteten. Zu den halbzerstörten Häusern gehörte auch das von Elda Morfini, die durch das Blutbad ihren Mann, den Arzt Gastone Paggi, verloren hatte. Die Frau konnte nur wenige Dinge aus dem Haus retten, das von den Deutschen in Brand gesetzt worden war, um als Einäscherungsofen für die Opfer zu dienen. Fast alle Gegenstände sind privater Natur: ein Nachthemd, das von der letzten Umarmung des sterbenden Ehemannes blutgetränkt ist, ein weißer Kittel und ein Stethoskop, ein paar Briefe und das Bruchstück eines Spielzeugs, das unter den Trümmern des Hauses gefunden worden war. Doch in ihrem Reliquiar bewahrte Elda Mordini ebenso sorgfältig wie die anderen auch ein Objekt auf, das öffentlicher nicht sein könnte: das Exemplar einer Zeitung vom April 1945 mit zahlreichen Fotos von der öffentlichen Zurschaustellung auf dem Piazzale Loreto.
Edda Mussolini, die erstgeborene Tochter des Duce und zugleich seine Lieblingstochter, erfährt auf unglückliche Weise vom Tod ihres Vaters. Die Witwe von Galeazzo Ciano, die sich, nach dem Prozess in Verona und der Verurteilung ihres Mannes zum Tode, in ein Schweizer Kloster zurückgezogen hatte, ist am Morgen des 29. April 1945 dabei, nach Italien zurückzukehren. Vor ihrer Abreise stellt sie das Radio auf den Sender des befreiten Mailand ein. Eine Stimme beschreibt voller Begeisterung die Menge, die auf den Piazzale Loreto strömt, wo die Leichen des Duce, seiner Geliebten und der verräterischen Parteiführer hängen. Verständlich, dass Edda sich daran mit Bitterkeit erinnert: »Es klang, als würde eine Sportreportage von Nicolò Carosio übertragen: Mazzola spielt den Ball zu Loik, der gibt ihn an Ferraris II weiter … « (10) So wie Mussolinis Tochter erfahren Millionen von Italienern von der Erschießung des Duce und seiner Zurschaustellung auf dem Piazzale Loreto: aus dem Radio, dem alle mit angehaltenem Atem lauschen, weil sie für einen Sohn, einen Vater, einen Ehemann hoffen oder bangen. In Rom hört an jenem Morgen Pietro Nenni wie jeden Tag Radio Monteceneri, in der Hoffnung, etwas über seine Tochter Vittoria zu hören, die nach Deutschland deportiert worden ist. Und so erfährt der Sozialistenführer zufällig von Mussolinis Tod. Nur wenige Stunden später erscheint eine Sonderausgabe der sozialistischen Zeitung Avanti! mit einem Hintergrundbericht unter dem vorhersehbaren Titel »Giustizia è fatta« (Gerechtigkeit ist geübt worden). Aber in der Redaktion spricht Nenni über Mussolini, als sei dieser kein böser und gefährlicher Mann gewesen, und kann nur mit Mühe seinen Widerwillen verbergen, als der Chefredakteur – ein ehemaliger Faschist – vorschlägt, sie alle einzuladen, um gemeinsam einen auf den Untergang Mussolinis zu trinken.
Der 29. April 1945 ein Tag der Trinksprüche? Ein spontaner Nationalfeiertag? Da der Historiker nicht die Reaktionen aller Italiener kennen kann, muss er sich damit zufriedengeben, Hinweise zu sammeln und Bruchstücke gelebten Lebens zusammenzutragen. Ein Eisenbahner aus Turin beispielsweise, der dem jungen Mussolini für den Kauf eines Paars Schuhe zwei Lire geliehen hatte, die der Duce ihm nie zurückgezahlt hat, ist trunken vor Freude, als er vom Geschehen auf dem Piazzale Loreto hört. Er kann es kaum erwarten, vor dem am Vordach hängenden Leichnam des Duce zu stehen und ihm ins Gesicht zu schleudern: »Ich hab’ dir zwei Lire geliehen, und du hast sie mir nie zurückgegeben, aber jetzt, wo du hier hängst, hast du ordentlich bezahlt.« (11) Kleinlichkeit eines einfachen Mannes? Vielleicht. Aber ein bedeutender Universitätsprofessor scheint sich ebenso sehr über Mussolinis Tod zu freuen und ebenso unfähig zu Mitgefühl zu sein wie der Eisenbahner aus Turin. »Ohne ihn atmet es sich besser auf der Welt«, schreibt Adolfo Omodeo, Historiker und Mitglied des Partito d’Azione. (12) Im Parteibüro in Vicenza stoßen junge ehemalige Widerstandskämpfer auf den mutigen Tod des »ägyptischen Flittchens« Clara Petacci an. (13) In anderen antifaschistischen Kreisen hingegen ist die Lust, sich zu betrinken, weniger groß als die Versuchung, Selbstkritik zu üben. Auf den Seiten des Ponte, der gerade von dem Florentiner Juristen und Antifaschisten Piero Calamandrei gegründeten Zeitschrift, wird der Duce durch die literarische Brille der griechischen Lyrik beschworen: »Mírsilo ist tot; aber keiner in diesem Gasthaus hat Lust zu trinken. Leider haben wir ihn zwanzig Jahre am Leben gelassen.« (14) In gebildeten Kreisen wird das klägliche Ende von Mussolini häufiger mit dem von Cola di Rienzo verglichen, dem Tribun, den das römische Volk zunächst zu höchsten Ehren erhoben, gegen dessen Leiche es dann aber ebenso erbarmungslos gewütet hatte.
In ihrem Kommentar zu den Ereignissen auf dem Piazzale Loreto bezog sich eine römische Tageszeitung auf eine Passage aus Alessandro Manzonis Roman »I promessi sposi«, in der Don Abbondio auf die Nachricht vom Tode Don Rodrigos reagiert: »Diese Pest war eine schlimme Geißel, aber sie war auch ein Besen. Sie hat gewisse Subjekte weggefegt, die wir ohne sie niemals losgeworden wären – junge, frische, blühende Menschen … « Die Freude von Manzonis Pfarrer über den Tod Don Rodrigos ähnelt der Genugtuung, mit der die Italiener auf den Tod Mussolinis reagieren:
»Jetzt werden wir ihn nicht mehr umherziehen sehen mit diesen Schergen im Gefolge, mit dieser Aufgeblasenheit, mit dieser hochmütigen Miene, mit diesem Stock im Leib, mit diesem verächtlichen Blick auf die Leute. So dass man meinen konnte, sie seien alle nur dank seiner Gnade auf der Welt. Jetzt ist er weg, und wir sind noch da. Jetzt wird er anständigen Leuten nicht mehr solche Botschaften schicken. Ach ja, er war schon ein großer Verdruss für alle, jetzt können wir’s ja sagen!« (15)
Nolens volens mussten viele Italiener sich in Don Abbondio wiedererkennen: Sie hatten vor dem Tyrannen gezittert, bis ihnen das Glück hold gewesen war, und nun, da sie nichts mehr zu befürchten hatten, waren sie bereit, schlecht über ihn zu reden. Dieses Zitat Manzonis gilt umso mehr für die Stadt Rom, die stets mehr eine Stadt der Ehrerbietung als des Widerstands gewesen ist, wie der Triester Dichter Umberto Saba feststellte, den die Umstände zum Chronisten der Hauptstadt gemacht hatten. In einer kleinen Erzählung mit dem Titel »Totem e tabù« schildert Saba, wie die Bevölkerung Roms auf die Nachricht vom Tod Mussolinis reagierte. Am 30. April, als die Informationen aus Rundfunk und Presse keinen Raum mehr für Zweifel ließen, war in den Arbeitervierteln »eine beunruhigende Feststimmung« zu spüren. Doch schon am nächsten Tag konnte Saba – ganz leicht, aber doch greifbar – in dem Wirtshaus, in dem er gewöhnlich seine Mahlzeiten einnahm, die »ersten Anzeichen von Reue« wahrnehmen. Mit indirekten Formulierungen, Sätzen, die sie sagten und doch nicht sagten, mit »Worten, die nur für den verständlich sind, der ein Ohr für die Sprache des Unbewussten hat« (16), artikulierten die Tischgenossen des Dichters ihr Unbehagen als postfaschistische Antifaschisten, als Überlebende, die keine Scham gekannt und sich auch keine Verdienste erworben hatten.
Verdienst und Scham: Außerhalb von Umberto Sabas Wirtshaus, außerhalb Roms und Italiens bewegten sich die Reaktionen auf die Ereignisse des Piazzale Loreto zwischen diesen beiden Polen. Aus dem Kriegsgefangenenlager Groß Hesepe, dem so genannten Emslandlager, berichtet der einstige Mussolini-Anhänger Giovanni Ansaldo in seinem Kriegstagebuch, wie die dort internierten Offiziere über Nacht zu postfaschistischen Antifaschisten wurden. Die Nachricht vom Tod Mussolinis veranlasste Männer zu spöttischen Bemerkungen, die kaum zwei Jahre zuvor »auf Knien gekrochen wären«, nur um fünf Minuten vom Duce im Palazzo Venezia empfangen zu werden. Die öffentliche Zurschaustellung der Leiche des Duce, für Ansaldo Ausdruck der niedrigsten Instinkte der Italiener, erregte das Mitgefühl seiner Mitgefangenen lediglich wegen der Würmer, die gezwungen seien, das »ekelhafte Fleisch« Mussolinis zu fressen. (17) In einem Lager in der Nähe von Atlanta bezeichneten die internierten Soldaten die Schweinsfüße, die ihnen serviert wurden, als »Mussolini foot«. (18) Falsche und wahre Nachrichten verbreiteten sich zwischen den rauchenden Ruinen des Dritten Reichs von Lager zu Lager. In Gusen glaubte der Mailänder Maler Aldo Carpi, sein Freund, der Architekt Lodovico Belgioioso, sei erschossen worden, weil »jemand aus seiner Familie in Italien dem Gericht angehörte, das Mussolini zum Tod verurteilt hatte«. (19) Andere Falschmeldungen berichteten, allein die Nachricht über das Geschehen auf dem Piazzale Loreto habe Hitler und Göring im Berliner Bunker dazu bewogen, den eigenen Selbstmord nicht länger hinauszuzögern. Der Bericht einiger italienischer Offiziere, die von der Roten Armee in der Nähe von Dresden befreit worden waren, entspricht hingegen vollkommen den Tatsachen: Am Tage nach Hitlers Tod hingen an den Häusern die Hakenkreuzfahnen auf Halbmast; die Hauswände waren übersät mit Graffiti, die von der Unsterblichkeit des Führers in den deutschen Seelen kündeten; auf dem Glockenturm einer Kirche spielten uniformierte junge Männer ein wagnerianisches Requiem für den ins Walhall der Helden eingegangenen Führer; und in den Schaufenstern der Schreibwarengeschäfte hingen nicht, wie in Italien, Fotos vom Piazzale Loreto, sondern Hitlerporträts mit Trauerrand und Blumenschmuck. »Wie kann man nur so schwachsinnig sein?« kommentierte ein fassungsloser Offizier. (20)
Nicht weniger schwachsinnig waren damals auch die in einem britischen Kriegsgefangenenlager in Kaschmir internierten italienischen Soldaten, die am dreißigsten Tag nach Mussolinis Erschießung die Unaufmerksamkeit der britischen Wärter ausnutzten und die Fotos des Duce einsammelten, die ihre Kameraden in ihrem Gepäck aufbewahrten. Mit Hilfe Dutzender von Bildern, die sie im Aufenthaltsraum des Lagers aufhängten, rekonstruierten sie die gesamte Biographie Mussolinis von seiner Kindheit bis zu seinem tragischen Ende auf dem Piazzale Loreto. Und die Organisatoren der heimlichen Ausstellung begnügten sich nicht mit dieser Fotodokumentation. In einem Basrelief aus Pappmaché, das den Aufenthaltsraum der Länge nach teilte, stellten sie eine Menschenmenge dar, die einer Gipsbüste des Duce die Ehre erwies, die ein im Lager internierter Künstler geschaffen hatte. Auf einem Sockel an der hinteren Wand des Raums stehend und von einer Petroleumlampe festlich beleuchtet, wurde die Büste im Wechsel von jeweils zwei Gefangenen bewacht, die zu beiden Seiten strammstanden. Wenn wir den autobiographischen Erinnerungen eines der Organisatoren der Ausstellung Glauben schenken können, defilierten Hunderte italienischer Gefangener durch den kleinen Raum »wie das langsame Ziehen eines sehr langen Fadens durch ein Nadelöhr«. Eine ganze Nacht der Wallfahrt, der Emotion, des Weinens, während die Nachzügler draußen auf dem Platz stundenlang warteten, um die Ausstellung sehen zu können. (21) In einem Kriegsgefangenenlager irgendwo im fernen Asien gab es also so etwas wie das faschistische Äquivalent der Trauerbekundungen der nazitreuen Einwohner Dresdens. Unter den faschistischen Militärinternierten löste der Vergleich zwischen dem Tod des Führers und dem des Duce teils erleichterte, teils ernüchterte Überlegungen über den italienischen Nationalcharakter aus. In einem Kriegsgefangenenlager in Texas fällte der Offizier Gaetano Tumiati ein hartes Urteil über den Opportunismus der Italiener: Sie sind Faschisten oder Antifaschisten, wie es gerade passt. Die Reaktion vieler Italiener auf den Tod des Duce wurde von weniger oberflächlichen ausländischen Beobachtern auch als paradigmatisch für die Leere der Nation angesehen. Vor allem die amerikanische Presse räumte den Umständen von Mussolinis Ende und insbesondere der öffentlichen Zurschaustellung auf dem Piazzale Loreto breiten Raum ein. Insgesamt vermittelte die Berichterstattung ein wenig schmeichelhaftes Bild der Italiener. Ein Jahr später – zu dem Zeitpunkt, als die Leiche Mussolinis entwendet wurde – schreibt ein Offizier nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis in den USA einen anonymen Brief an die Regierung in Rom und beklagt die Berichterstattung der wichtigsten amerikanischen Tageszeitungen Ende April 1945: Auf der »zweigeteilten Titelseite« erschienen auf der einen Seite das Foto des auf dem Piazzale Loreto baumelnden Duce und daneben das Porträt des gerade verstorbenen Präsidenten Roosevelt; die riesengroße Schlagzeile darüber lautete in etwa: »Die Kultur Italiens und Amerikas«.
Es würde sich lohnen, dem Echo, das der Tod Mussolinis in der internationalen Presse ausgelöst hat, eine systematische Untersuchung zu widmen; interessant wäre auch ein Vergleich mit den Reaktionen auf den Tod Hitlers. Welches Bild von Italien vermitteln die Ereignisse in Dongo und auf dem Piazzale Loreto im Ausland, und welches Bild von Deutschland vermittelt der Brand im Berliner Bunker? Die Reaktionen auf das Ende eines Diktators im Ausland entsprechen nicht zwangsläufig denen in dem betreffenden Land. In diesem Fall genügt ein Blick in die Pressespiegel, die diplomatische Vertretungen Italiens nach der Erschießung Mussolinis und der Zurschaustellung seines Leichnams an das Außenministerium schickten. In neutralen Ländern wie Schweden und Spanien hielten die Zeitungen die formlose Hinrichtung des Faschistenführers für unvermeidlich, während sie sich über die makabere Jahrmarktsszene auf dem Piazzale Loreto bestürzt zeigten. Aus Paris telegrafierte der sozialistische Botschafter Giuseppe Saragat das kategorische Urteil von Le Monde über den »Pöbel«, der »den besiegten Körper mit Füßen getreten und besudelt« hatte, nachdem er zwanzig Jahre vor ihm zu Kreuze gekrochen war. (22) Die vielsagendsten Kommentare erschienen allerdings in der britischen Presse. Die sofortige Erschießung Mussolinis und der Parteiführer sei, den Zeitungen auf der anderen Seite des Ärmelkanals zufolge, mehr als gerecht gewesen:
»Aber die folgenden Sensationsszenen, die von den grausigen Fotos, die in allen Zeitungen erschienen, auf brutale Weise in den Vordergrund gerückt wurden, haben Abscheu ausgelöst, nicht zuletzt weil sie fast unmittelbar auf die sogar in Filmaufnahmen dokumentierten grausigen Enthüllungen über die Konzentrationslager in Deutschland folgten.« (23)
Auf diese Weise wurde dem Körper des Duce das einzigartige Schicksal zuteil, post mortem mit den Körpern der Juden gleichgesetzt zu werden, die er nicht vor dem Schicksal der »Endlösung« hatte bewahren wollen.
Anmerkungen:
(1) Siehe »Avanti!« vom 30. April 1945 und die Interpretation von Claudio Pavone, »Una guerra civile. Saggio storico sulla moralità della Resistenza«, Turin: Bollati Boringhieri 1991, S. 514.
(2) »Avanti!«, 30. April 1945.
(3) Delfino Insolera in einem Brief an seinen Bruder Italo, zitiert in: Pavone, »Una guerra civile«, S. 513.
(4) Nicht gezeichneter Artikel, »Trionfali accoglienze di Milano libera alle truppe alleate che restituiscono vita e dignità all’Italia e all’Europa«, in: »L’Italia libera« (Mailänder Sonderausgabe vom 29. April 1945).
(5) So die (liebevolle) Bezeichnung von Gaetano Afeltra, »Quelle quindici foto firmate Fedele Toscani«, in: »Il Corriere della Sera« (13. April 1994).
(6) Alvaro, »Quasi una vita«, S. 375.
(7) Archivio di Stato di Milano, Prefettura, Gabinetto, 2/o versamento, cat. 029, busta 357, »Fotografie di Mussolini e della sua amante dopo la morte. Sequestro«. Ich zitiere aus einem Brief auf vorgedrucktem Briefpapier der Stadt Mailand vom 20. Mai 1945.
(8) Nicht gezeichneter Kommentar, »Monito«, in: »Rinascita« (April 1945), S. 119.
(9) Luigi Meneghello, »Bausète!« [1988], Mailand: Bompiani 1996, S. 38; dt. Übers.: »Wieder da«, Roman, aus dem Italienischen von Marianne Schneider, Berlin: Wagenbach 1993.
(10) Zit. in: Mino Caudana, »Edda mi ha detto«, in: »Oggi« (1. Juli 1947), S.9.
(11) Zit. in: Luisa Passerini, »Torino operaia e fascismo«, Rom/Bari: Laterza 1984, S. 119 f.
(12) Adolfo Omodeo, »Lettere 1910 –1946«, Turin: Einaudi 1963 (an Luigi Russo aus Neapel, 4. Mai 1945).
(13) Luigi Meneghello, »Bausète!«, S. 20.
(14) Ich zitiere aus der Kolumne »Idrometro« (gezeichnet »Il Pontiere«, Pseudonym von Piero Calamandrei), in: »Il Ponte« (Juni 1945), S. 254.
(15) Das Zitat aus dem 38. Kapitel der »Promessi sposi« stammt aus dem Leitartikel in: »La Capitale« (30. April 1945); zit. in: Dondi, »Piazzale Loreto 2 aprile«, S. 222. Die deutsche Übersetzung wird zitiert nach der Neuübersetzung von Burkhart Kroeber, Alessando Manzoni, »Die Brautleute«, München: Hanser 2000, S. 837 f.
(16) Umberto Saba, »Totem e tabù« [April/Mai 1945], in: ders., »Scorciatoie e raccontini«, Mailand: Mondadori 1946, S. 108.
(17) Giovanni Ansaldo, »Diario di prigionia«, Bologna: Il Mulino 1993, S. 348 (29. April 1945).
(18) Zit. in: Esse, »Gli uomini dell’I.S.U.«, in: »Oggi« (25. August 1945), S. 5.
(19) Aldo Carpi, »Diario di Gusen«, Turin: Einaudi 1993, S. 159 (4. Mai 1945).
(20) Die Szene wird beschrieben in den Memoiren von Giampiero Carocci, »Il campo degli ufficiali« [1954], Florenz: Giunti 1995, S. 167 f.
(21) E. Benedetto, »Racconti del tempo perduto«, Rom: Arte-Viva 1968, S. 207 f.
(22) Im folgenden beziehe ich mich auf: Archivio centrale dello Stato, Presidenza del Consiglio dei Ministri, 1944 –1947, fasc. 1 –7 35849, »Fucilazione di Benito Mussolini nel Nord Italia«, von der Regia Ambasciata di Parigi, 3. Mai 1945.
(23) Ebd., von der Regia Ambasciata di Londra, 3. Mai 1945 (Bericht gezeichnet vom liberalen Botschafter Niccolò Carandini).
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Sergio Luzzatto: Il Duce. Das Leben nach dem Tod. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2007. 336 Seiten, 28,50 Euro. Das Buch ist soeben erschienen.




