Umbringen, heimzahlen, geben, nehmen
Manchmal, wenn man einen Bus besteigt, besteigt man einfach nur einen Bus. Und manchmal weiß man nicht, ob man am Ende der Fahrt noch lebt. Von der alltäglichen Paranoia und davon, wie ein Angestellter in Tel Aviv nur knapp einem Attentat entgeht, erzählt Assaf Gavron.
von Assaf Gavron
Hier geh ich aufrecht an dem Stein vorbei,
schwarzer Asphalt, Felsen und Bergrücken,
der Abend sinkt langsam, Wind bläst vom Meer,
das erste Sternenlicht über Beit Mahsir.
Bab al-Wad,
ewiges Gedenken sei unseren Namen,
Kolonnen brachen durch auf dem Weg zur Stadt!
Am Wegesrand liegen unsere Toten,
das Eisenskelett schweigt wie mein Kamerad.
Bab al-Wad, Chaim Guri, 1949
Ich stieg in den kleinen Neuner, wie jeden Morgen auf dem Weg in die Arbeit. Der kleine Neuner ist ein Sammeltaxi von der Größe eines Minibusses, das die Strecke der Buslinie Nr. 9 fährt. Eigentlich ist er eine Kreuzung zwischen Autobus und Taxi. Man hat den Vorteil beider Welten – die feste Strecke und den billigen Fahrpreis vom Bus sowie die Schnelligkeit und Flexibilität eines Taxis.
Seit den Anschlägen fahre ich nur noch mit dem kleinen Neuner zur Arbeit hin und zurück. Auch wenn der Bus Nr. 9 vor dem kleinen Neuner an der Haltestelle eintrifft, lasse ich ihn passieren. Ein Autobus ist ein zu leichtes Ziel für einen Terroristen. Ich weiß nicht, ob ich wirklich so denke, aber Dutschy hat es mich schwören lassen.
Ich dachte immer, der kleine Neuner würde nie das Ziel eines Anschlags. Erstens sind nur zehn Personen drin, elf mit dem Fahrer. Zweitens gibt es nur eine Tür vorn, und der Fahrer, der sie für alle öffnet und schließt, kann ja genau sehen, wer einsteigt.
An jenem Tag stieg ich an der üblichen Stelle ein. Es war gegen neun Uhr morgens. Eine grelle Wintersonne hing am transparenten Himmel, und nasse Blätter bedeckten die Allee.
Wir befanden uns auf der Diezengoffstraße, als sich eine alte Frau an mich wandte: »Sagen Sie, finden Sie den nicht verdächtig?« Ihre Augen wiesen auf einen jungen Mann, ein dunkler Typ. Er hatte eine graue Wollmütze auf und einen Kleidersack dabei. Ich sagte zu ihr: »Jetzt übertreiben Sie mal nicht. Er schaut ganz normal aus.«
Doch ich sah ihn weiter an. Ich dachte daran, dass sie es gerade mit Sprengstoffgürteln hatten. Bestimmt war ein solcher Gürtel ziemlich dünn, denn man trug ihn um den Körper. Es konnte also sein, dass sich in dem Kleidersack, den er hielt, kein Anzug, sondern ein Sprengstoffgürtel befand. Trotzdem sagte ich zu der alten Frau: »Alles in Ordnung. Keine Sorge.«
Sie bedachte mich mit einem säuerlichen Blick und wandte sich an einen anderen jungen Mann, der neben ihr saß. Wir saßen im hinteren Bereich, und der Mann, der ihr verdächtig vorkam, saß vorn. Die alte Frau flüsterte ihrem Nachbarn etwas zu, der daraufhin in die Richtung des Verdächtigen blickte und eine Sekunde später mit verneinender Geste abwinkte. Jetzt war ich mir sicher. Bloß eine Paranoide. Warum waren sie alle so paranoid in diesem Staat? Durften jetzt dunkelhaarige Männer schon nicht mehr in den Bus einsteigen?
Jemand im Funkgerät beschwerte sich, dass heute eine Grabesstille wie auf dem Friedhof herrsche. Im Radio sprachen sie über einen Anschlag im Wadi Ara. Die Fahrgäste hörten still zu. Danach kam ein Lied, ich weiß nicht mehr, welches.
Ecke Jabotinskystraße stieg die alte Frau aus. Sie verließ sich nicht auf unsere Einschätzung. Beim Aussteigen warf sie einen langen Blick auf den dunklen Typen mit dem Kleidersack und der Wollmütze. Er schaute zurück. Ich hatte in diesem Moment nicht den Eindruck, dass sein Blick irgendetwas besagte. Wenn ich gedacht hätte, dass da irgendwas dran sein könnte, dass ich zur Sicherheit vielleicht besser auch aussteigen sollte, so verwarf ich es sofort. Ich hatte keine Zeit für übermäßige Sicherheit. Vielleicht wäre ich ausgestiegen, wenn ich ein paar Minuten totzuschlagen gehabt hätte, hatte ich aber nicht. Wer hat die schon?
Der andere junge Typ sagte zu mir: »Die Leute sind gestresst, was?« Er hatte ein Ziegenbärtchen und trug eine große, silbrige Sonnenbrille. Seine Haare waren honigfarben, mit viel Gel nach hinten gesträhnt. Garantiert cool, seiner Ansicht nach. Ein hübsches Lächeln. Giora. Inzwischen weiß ich es. Giora Gueta aus Jerusalem. Ich weiß eine Menge Dinge jetzt. »Was für eine Paranoia. Die Leute sind komplett wahnsinnig«, bemerkte ich. Nach ein paar Sekunden sagte er: »Du meinst, er ist in Ordnung, oder?« Ich blickte wieder zu dem Dunkelhaarigen vor. Ich war mir nicht sicher. Wer konnte denn sicher sein? Aber ich erwiderte: »Doch, kein Problem.«
Giora und ich sahen hinaus, jeder aus seinem eigenen Fenster. Winter, aber sonnig. Ich sah Anzeigen für den Film »Monster AG« und einen kleinen Laster der Gad-Molkereibetriebe. Ein Bauarbeiter stieg ein und schrie: »Warum haben die zwei vorher nicht für mich gehalten?« Der Arbeiter hatte zwei Töchter. Ich habe es nachher im Y-Net gelesen. »Himmel, Leute, meine Zeit ist teuer«, sagte er. »Die Zeit von uns allen ist teuer, Herzchen«, gab ihm irgendeine Frau zurück.
Was ich am kleinen Neuner am meisten liebe, ist sein tadelloses Zeitmanagement. Ich arbeite auf dem Gebiet, ich kenne mich aus. So wird zum Beispiel das ganze Geschäft mit dem Zahlen und dem Wechselgeld während der Fahrt erledigt, nicht wie im Autobus, der an der Haltestelle stehen bleibt, bis alle mit dem Bezahlen fertig sind. Oder wie die Fahrer Geld bei anderen, entgegenkommenden Kollegen wechseln: Sie stimmen sich über Funk ab, halten den entsprechenden Betrag bereit, öffnen das Fenster, und wenn sie aneinander vorbeifahren, stoppen sie für zwei Sekunden und tauschen das Geld aus. Oder die Geübtheit der Fahrer – schneiden Autos, überholen Autobusse (die sie im Funk »Jumbos« nennen) auf der Gegenfahrbahn, stibitzen den Ampeln kostbare Sekunden, umgehen Staus, stechen in kleine Straßen abseits der üblichen Strecke, improvisieren. Kühne Aktionen, ein Vergnügen für den Beobachter.
Giora Gueta tippte mir auf die Schulter. Ich drehte mich erschreckt um und sah, dass es nur er war. Jetzt fiel mir auf, dass er einen Palm Pilot in der Hand hatte. Ich dachte im Stillen: Was tut er so groß, ich habe auch einen. Was nicht ganz richtig war. Mein Palm hatte vor zwei Monaten den Geist aufgegeben.
Er sagte: »Hör mal, falls mir was passiert, möchte ich, dass du meiner Freundin Schuli in Jerusalem sagst, dass du ihr sagst … « Er dachte nach, aber es gelang ihm nicht, die richtige Botschaft zu finden.
Ich grinste. Wovon redete er? Wenn ihm was passierte? Fing er jetzt auch schon an? Die alte Frau, na gut, sie war sicher noch paranoid vom Holocaust, aber er? Ich erwiderte: »Falls was passiert, kann ich mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet ich übrig bleibe, um deine Botschaften zu überbringen. Keine Angst, es wird nichts passieren.«
»Ich weiß, dass nichts passieren wird«, erwiderte er. »Aber falls … wenn du willst, kann ich auch jemand was ausrichten, wenn ich quasi … du weißt schon.«
Ich sagte sofort nein. Anschließend fragte ich mich, vielleicht hätte ich doch jemand etwas ausrichten lassen sollen? Vielleicht habe ich irgendeinen letzten Wunsch? Sollte ich vielleicht ernsthaft darüber nachdenken und irgendeinen hinterlassen, einen echten? Man kann nie wissen. Ich dachte, wenn ich jemand was hinterlasse, dann Dutschy. Trotz allem.
Und dann erwischte ich mich. Zum Teufel. Woran dachte ich da im Bus auf dem Weg zur Arbeit? An mein Testament. Wie weit war es mit uns gekommen? Auf der Rückseite des Autobusses vor uns war ein Wächter der britischen Königin abgebildet, und darunter stand: »Eine Reise ins Ausland? Nimm das Pelefon!« Im Radio sagte der Mann, der hinter dem Autobus, der im Wadi Ara explodierte, gefahren war, zu Rafi Reschef: »Ich bin optimistisch, optimistisch, optimistisch, optimistisch.« Ein Mobiltelefon klingelte, jemand antwortete. Ich zog ein Notizbuch heraus – seit mein Palm kaputt ist, bin ich ins Mittelalter zurückgestürzt – und notierte: Überprüfen, wie viel es kostet, ein Haus in Neuseeland zu mieten. Mit Dutschy reden.
Den jungen Typen fragte ich: »Bist du aus Jerusalem? Ich auch, eigentlich … « Aber ich sah, dass er mit anderen Sachen beschäftigt war. Sein Gesicht war ernst. Nachher dachte ich, die Leute haben manchmal eine Vorahnung. So wie wir alle möglichen Andeutungen fanden, die Dani Lamm machte, bevor er getötet wurde, wie das Gedicht, das er einen Monat davor geschrieben hatte. Genauso wie man sich von Soldaten, die starben, erzählt, dass sie sich beim letzten Telefongespräch auf besondere Art verabschiedeten, dass sie in ihren letzten Tagen Sachen sagten wie, sie hätten gespürt, dass demnächst etwas passiert.
Andererseits sagen das alle ständig. Man erinnert sich einfach an die, die tatsächlich sterben. Ich bin auch schon auf Hinweise gestoßen, dass ich demnächst sterbe. Einmal habe ich Vögel in der Dunkelheit fliegen sehen. Ich dachte, Vögel, die im Dunkeln fliegen, komisch. Das ist sicher ein Zeichen. Aber trotzdem lebe ich noch. Sogar jetzt. Sogar nach dem kleinen Neuner, nach Scha’ar Hagai, nach dem Café Europa. Nach Fahmi.
Ich sagte zu ihm: »Hör auf, daran zu denken, sei nicht bescheuert.«
Er lächelte. Ich stand von meinem Sitz auf, hob die Hand zum Abschied und stieg, ohne etwas zu sagen, aus dem Minibus aus. Auf dem Weg nach draußen schaute ich den dunkelhaarigen Typen, den Terroristen, nicht noch einmal an. Ich denke, ich sah ihn nicht an, weil ich wirklich nicht glaubte, dass er ein Terrorist war, obwohl die Möglichkeit besteht, dass ich ihn nicht ansah, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen.
Ich betrat das Diezengoff-Center durch Eingang drei. Mit den ganzen Anschlägen und Vorwarnungen sah der Eingang wie das Tor zu einem Militärcamp aus – Absperrungen, Wachleute, Metalldetektoren, die ständig piepsten, das Sicherheitspersonal aber nie dazu brachten, der Ursache des Piepsens nachzugehen. Wozu wurde ich also kontrolliert – um magnetische Wellen in meine Knochen zu jagen?
Jeden Tag erhielt ich eine andere Behandlung am Eingang – einmal forderten sie mich auf, die Brieftasche oder das Telefon herauszunehmen, manchmal strichen sie nur mit dem Detektor über mich, ab und zu ließen sie mich passieren und hielten mich erst danach auf, als ob ich zu schnell durchgegangen wäre, als ob ich versucht hätte, sie auszutricksen. Einmal, nach einem schweren Anschlag, fingen sie an, Ausweise zu verlangen, und stellten einen zusätzlichen Kontrollposten an den Aufzügen zu den Büros auf, etwa sieben Meter entfernt vom ersten Eingang. Nach zwei Tagen zogen sie den zweiten Posten wieder ab. Noch einen Tag später brauchte man auch keinen Ausweis mehr. Nach dem nächsten großen Terroranschlag verlangten sie ihn wieder.
Ich hatte beschlossen, gar nichts zu sagen. Mich nicht aufzuregen. Auch wenn sie mich durchließen und erst danach wieder aufhielten, auch wenn sie einen weiteren Wächter aufstellten, der mich sieben Meter nach dem ersten noch mal kontrollierte und abtastete. Auch wenn ich die Tasche vom Rücken nehmen und den Reißverschluss aufmachen, die Brieftasche mit dem Ausweis herausholen und ihn vor ihnen zücken musste, nur um festzustellen, dass sie ihn nicht einmal anschauten – es hätte ein Bild von Arafat drin sein können.
Ich hatte beschlossen, sie ihre Arbeit machen zu lassen, nicht weil ich dachte, dass sie die Arbeit machen müssen und keine andere Wahl haben, sondern weil ich keine Energie habe. Was würde es nützen, wenn ich mich beschwere oder weigere, den Ausweis zu zeigen? Ich sah immer wieder Leute, die zu diskutieren anfingen, und ich identifizierte mich mit ihnen, aber es half ihnen nichts, es hielt bloß auf. Wie Fußballspieler, die mit dem Schiedsrichter diskutieren, nachdem er einen Strafstoß gepfiffen hat – gab es je einen Spieler, dem es gelungen wäre, den Schiedsrichter zu überzeugen?
An diesem Tag stand ein Blutspendefahrzeug vor dem Eingang. Blutmangel in den Krankenhäusern vor lauter Anschlägen. Aber ich hatte keine Zeit. Ich fuhr ins Büro hinauf. Ich hörte die Explosion nicht. Andere hörten sie. Unten hörten sie es, oben im Büro hörten sie es. Man hört Explosionen. Sie machen einen ordentlichen Krach. Aber ich hörte nichts, weil ich im Aufzug war.
Nicht dass der Knall auf diejenigen, die ihn hörten, einen sonderlich großen Eindruck gemacht hätte. So einen Krach gibt es ständig: Flugzeuge, Bauarbeiten, alle möglichen Unfälle und Abstürze. Im Büro sahen sie also alle ganz ruhig aus. Auf dem Weg zu meinem Zimmer steckte ich den Kopf durch alle Türen und sagte hallo, wie jeden Morgen. Die Leute lächelten und antworteten mir, guten Morgen, wie jeden Tag.
In meinem Zimmer begrüßte ich Ron und Ronen, und Ron fragte mich: »Hast du den Knall gehört?«
»Welchen Knall?« fragte ich zurück.
Es dauerte etliche Minuten, bis wir begriffen, dass es ein Anschlag war, und hörten, dass er im Zentrum Tel Avivs stattgefunden hatte, worauf wir den Fernseher in der Aufenthaltsecke einschalteten und den Stadtplan mit der kleinen Flamme sahen, die die Stelle der Explosion bezeichnete, in der Tarsatallee, neben dem Habima-Theater. Sie sagten, es sei offenbar ein Bus gewesen.
Megastress. Alle, die schon in der Arbeit waren, hingen vor dem Fernseher. Wer noch nicht da war, würde länger nicht ankommen, weil man die Straßen gesperrt hatte. Ich war damit beschäftigt, allen Anrufern zu sagen, dass ich am Leben war. Ich sagte: »Nein, sie haben es noch nicht geschafft, mich zu erledigen.« Nach ein paar Mal meldete ich mich: »Hier ist Krokodil, und ich bin am Leben, wer will das wissen?« Ich redete mit Leuten, mit denen ich seit Jahren nicht geredet hatte. Ich sagte zu ihnen: »Gut, dass es ab und zu Anschläge gibt, damit wir mal wieder ins Gespräch kommen.« Und dann hörten die Telefone zu klingeln auf, denn die Leitungen brachen zusammen.
Im Y-Net berichteten sie von zehn israelischen Toten und einem Terroristen. Das Ergebnis – 10:1. Ein schwerer Torverlust für die Juden, um nicht zu sagen, eine böse Niederlage.
Ich arbeitete ein wenig. Ich musste mit unserem Schweizer Kunden, Iwan, sprechen, musste herausfinden, was die Nervensäge schon wieder wollte. Ich erledigte noch einige Anrufe und E-Mails und schrieb ein paar Sachen, bis Ron irgendwann sagte: »Das Linientaxi Nr. 9 – du fährst immer damit, oder?« Ich hob den Kopf vom Bildschirm. »Was?«
»Das Taxi Nr. 9?« wiederholte er fragend.
»Ich nenne es lieber den kleinen Neuner. Was ist damit?«
»Der Anschlag. Es war ein Taxi-Minibus der Linie neun, der explodiert ist. Du fährst doch normalerweise damit, oder nicht?«
»Korrekt. Und?« Im ersten Moment dachte ich: So eine Scheiße, mit was fahre ich jetzt in die Arbeit? Diese Arschlöcher treffen doch jede mögliche Beförderungsart. Was bleibt: Normale Taxis? Noch ein Auto kaufen? Von welchem Geld …
Ich ging wieder ins Y-Net. Alle in dem Minibus waren getötet worden. Aber es schien nicht der zu sein, mit dem ich gefahren war. Irgendwie dachte ich, es wäre nicht die Zeit und die Richtung, und wo war diese Tarsatallee überhaupt? Es gibt Dutzende solcher Minibusse auf der Strecke, jeden erdenklichen Augenblick, alle neun Minuten fährt einer. Ich sagte zu allen: »Ja, ich fahre jeden Tag damit, was für ein Ding. Der Terrorist hätte in den Neuner einsteigen können, in dem ich war, und wer weiß?«
Erst da fielen mir der dunkelhaarige Kerl und sein Kleidersack wieder ein. Und die alte Frau, die ihn verdächtigte, zu der ich gesagt hatte, sie solle sich keine Sorgen machen. Und der andere Typ, der mich bat, seiner Freundin etwas auszurichten. Was für ein Ding, ich muss mit ihm reden, dachte ich.
Das Telefon klingelte. »Krokodil, ich bin am Leben«, meldete ich mich.
»Ha, ha«, sagte Jimmy.
»Hi, Jimmy«, sagte ich.
»Warum am Leben?« fragte er.
»Warum nicht?« erwiderte ich.
»Hör mal, nächsten Montag ist ein Termin in Brüssel, er ist wichtig, es ist mit … «, hier nannte er den Namen einer großen belgischen Telefongesellschaft mit drei Buchstaben, mit grauenhaftem französischem Akzent, »kommst du mit?«
»Habe ich eine Wahl?« fragte ich zurück.
»Nein. Ich sage Gili, sie soll uns die Flüge und Hotels buchen. Lass dich informieren und sei mit den Präsentationen fertig. Und vergiss die Firmensitzung morgen früh nicht.« Jimmy legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten. Das machte er immer. Er erklärte mir einmal, dass er diesen Luxus nicht hat, nämlich die Zeit, auf eine Antwort zu warten. Jimmys echter Name ist übrigens Rafi. Rafi Rafael oder Rafael Rafael oder Rafraf bei uns im Zimmer. Rafraf ist der Boss von Time’s Arrow. Er ist Reserveoffizier der Luftwaffe, verantwortlich für das Zeitmanagement dort.
Ich rief Dutschy an und hinterließ ihr eine Nachricht: »Hi. Ich bin bei dem Anschlag nicht getötet worden, für den Fall, dass es dich interessiert. Nächste Woche bin ich in Brüssel. Bye.«
An irgendeinem Punkt im Laufe des Tages wurde von einem Sprengstoffgürtel geredet. Ein Augenzeuge, der in dem Minibus gewesen war, sagte, der Terrorist habe eine graue Wollmütze getragen und einen Kleidersack bei sich gehabt. Er habe vorn gesessen. Erst da begriff ich.
Mir blieb das Herz stehen, mein Atem stockte. Und dann machten sie weiter, denn Herz und Atem machen immer weiter, sofern man lebt.
Ich kehrte zur Aufenthaltsecke zurück. Alle waren wieder in ihren Zimmern, doch der Fernseher lief. Der Militärkorrespondent Dani Ronen redete von dem Kleidersack. Mir entfuhr ein kurzes, nervöses Lachen. Betäubung. Ich ging auf die Toilette, umklammerte mit beiden Händen den Waschbeckenrand. Eine Welle von Schmerz und Übelkeit überflutete mich. Ich versuchte, tief zu atmen. Schaute in den Spiegel. Dieses lachende Gesicht, wem gehörte es? Unbekannt. Nicht meins. In meinem Kopf herrschte Nebel. Meine Schläfe hämmerte. Ich musste raus, an die frische Luft. Ich schüttete kaltes Wasser in meine Gesichtsgegend.
Ich ging auf die Straße hinunter und marschierte in Richtung der Stelle, an der sich der Anschlag ereignet hatte, die Diezengoffstraße hinauf, am Schuster und an der Galerie vorbei und dann rechts, bis ich gegenüber dem Museum, kurz vor dem Habima-Theater, an der Post anhielt.
Es waren ein paar Stunden vergangen. Fließender Verkehr. Man hatte die Fahrbahn abgespült, die Überreste vom Minibus abgeschleppt und die Toten weggeräumt, was von ihnen übrig war, was ihnen gehörte, was sie waren. Nicht einmal Polizeiabsperrungen gab es noch.
Wie durch ein Wunder – das sagen sie immer, wie durch ein Wunder – war kein Fußgänger oder anderer Autofahrer verletzt worden. Nicht einmal ein Kratzer. Ein Wunder. Nur die elf in dem Minibus waren getötet worden, und ein Auto, das am Straßenrand parkte, hatte Totalschaden (der Fahrzeugbesitzer, ein junger Mann namens Amir, der bloß einen Moment hinausgesprungen war, um eine Strafe für Falschparken auf der Post zu zahlen, bekam kein Geld von der Versicherung oder Entschädigungen, da er im Halteverbot gestanden hatte).
Die Sonne schwieg mit düsterer Gewalt. Ein Autobus tauchte auf, stieß schwarzen Rauch aus, wie der Auswurf eines alten Mannes. Ich betrachtete die Wasserflecken, wo man das Blut auf der Straße weggespült hatte. Der Verkehr strömte gleichgültig. Zweieinhalb Stunden danach, als wäre nichts gewesen.
Fast. Ein paar Fahrer verlangsamten und spähten nach den Flecken, bevor sie weiterfuhren; auf dem Gehsteig hatte man Gedächtniskerzen aufgestellt; es gab Leute, die dastanden und schrien oder weinten. Sie hatten Lösungen. Sie verkündeten sie. Sie sagten: umbringen, heimzahlen, geben, nehmen, einmarschieren, abziehen.
Ich blickte zu dem Hof des Hauses an dieser Stelle der Straße. Ich weiß nicht, warum meine Augen dorthin wanderten. Vielleicht war es der Baum, der dort stand, eine betagte Olive, die nirgends hingehörte, nicht zu Tel Aviv, nicht zu der Straße, aber trotz allem ein alter Olivenbaum mitten im Innenhof eines Hauses. Ich betrachtete ihn und betrat den Hof, näherte mich fasziniert der Olive. Und dann sah ich an einem der großen Äste, ein wenig oberhalb des Stamms, den Palm Pilot des Typen, der neben mir gesessen hatte.
Mein Name ist Eitan Einoch. Alle nennen mich Krokodil, denn: Eitan Einoch – »Hi, Taneinoch, hi, Tanin« – das heißt Krokodil. Was man die evolutionäre Entwicklung eines Namens nennt. Einoch ist, wie sich herausstellte, eine Evolution von Chenoch. Das hat mir ein Siedler aus den besetzten Gebieten verraten, der mich in der Zeit anrief, als mich alle Welt anrief, nach den ganzen Terroranschlägen.
Ich bin in Jerusalem aufgewachsen, jetzt bin ich in Tel Aviv. Ich arbeite bei der Firma Time’s Arrow oder »Taimaro!« in japanischer Aussprache für unsere japanischen Kunden.
Mein großer Bruder hat Israel wegen der Anschläge vor eineinhalb Jahren mit seiner Frau und den drei Söhnen verlassen. Wir haben eine reiche Großmutter in Maryland, USA, die uns allen angeboten hat zu kommen. Auch meine kleine Schwester Dafdaf will mit ihrem Mann dorthin fliegen. Wir haben alle die amerikanische Staatsbürgerschaft, weil unsere Eltern von dort kommen. Mein Vater ist in Maryland aufgewachsen, an diesem so grünen, schönen, ruhigen und gemütlichen Ort. Meine Mutter stammt aus Denver. Sie sind nach Israel eingewandert, bevor ich geboren wurde. Weiß Gott, was sie dabei im Kopf hatten. Jedes Mal, wenn ich dorthin fahre, stelle ich mir diese Frage. Vielleicht fanden sie den jungen israelischen Staat aufregend. Exotisch. Mein Vater hatte große Ideen. Er wollte dem jungen Land beibringen, Erdnussbutter zu schmieren. Ephraim Einoch, der Amerikaner, der Kapitalist, der Unternehmer, der Importeur. Aber der Judenstaat wartete nicht auf Erdnussbutter. Jedenfalls nicht auf die, die er importierte.
Wenn ich sie jetzt so sehe, ist es, als ob jeder Terroranschlag einen Ziegel aus der Wand ihrer Immigration sprengt. Ihr Fehler. Sie können uns nicht die Schuld dafür geben, dass wir flüchten, doch es bricht ihnen das Herz. Es war schwer, was sie getan haben. In jungen Jahren das bequeme Leben in Amerika zu verlassen, in einen harten, heißen und primitiven Staat zu reisen, etwas aus dem Nichts aufzubauen: eine Familie. Ein Geschäft. Einen Staat. Sie nannten das Zionismus.
Und dann zu sehen, wie das Ganze explodiert. Und die Kinder und Enkel nach Amerika abwandern.
Ich werde nicht weggehen, noch nicht. Es ist nicht so einfach. Ich bin nämlich nicht sicher, ob ich will oder wohin, und ich bin nicht sicher, was mit Dutschy passiert und mit der Arbeit.
Ich stand dort mit dem Palm in der Hand. Leute gingen bei der Post ein und aus. Auf dem Tel Aviver Museum für Kunst stand auf einer Stoffbahn geschrieben: »Über das Leben und den Tod – eine Retrospektive der Künstlerin Oli Schauli-Negbi«. Meine Augen blieben an dem Wort Retrospektive hängen. Ich ging weg, zu Fuß. Ich ging und ging.
Ich versuchte nachzudenken, ob ich etwas hätte tun können. Es verhindern können. Den Fahrgästen sagen, dass der dunkle Typ verdächtig sei. Dem Fahrer. Hätte er mir zugehört? Die Wahrheit ist, diese Fahrer kennen keinen Gott. Er hätte am Straßenrand angehalten und angefangen, den Typen unter die Lupe zu nehmen.
Aber hier liegt das Problem – wenn er angehalten und angefangen hätte, ihm Fragen zu stellen, hätte der auf den Knopf gedrückt oder an der Schnur gezogen, oder –
Warum hatte er eigentlich gewartet, bis ich ausgestiegen war? Was hatte mich am Leben erhalten? Welcher von Gottes langen Fingern hatte mich mit seinem Erbarmen berührt und warum? Als ich am Diezengoff-Center ausstieg, stiegen einige Leute ein. Der Fahrer sagte zu irgendeiner: »Tut mir leid, Herzchen, aber es gibt noch ein Taxi hinter mir.« Der Terrorist hatte gewartet, bis der Minibus voll war, und erst dann …
Wenn ich geschrien hätte, dass sie alle aufpassen sollten, hätte er sich in die Luft gesprengt. Wenn ich etwas zu dem Fahrer gesagt hätte und er hätte ihn angesprochen, hätte er sich in die Luft gesprengt. Wenn ich die Polizei angerufen oder es dem Sicherheitsdienst am Center gemeldet hätte, hätte es niemand mehr geschafft, etwas zu unternehmen. Im Prinzip, so fasste ich für mich zusammen, während ich durch den Regen lief, der langsam und grau zu tröpfeln begann, war ich sauber. Ich hätte nichts tun können, denn der dunkle Typ war unterwegs, um sich in die Luft zu jagen, und er hätte es so oder so getan. Alles, was ich tun konnte, war das, was ich getan hatte – mich selbst zu retten. Auch wenn es nicht mit Absicht gewesen war.
Ich dachte noch ein bisschen nach und begriff, dass ich mich zu billig davonkommen ließ. Es gab doch noch etwas, das ich hätte tun können. Ich hätte nicht so sicher sein sollen, dass der dunkle Kerl kein Terrorist war. Ich hätte den Typen neben mir retten können. Der Typ, von dem ich noch nicht wusste, wie er hieß, inzwischen aber weiß, dass es Giora Gueta war.
Ich hätte ihn retten können, denn er hatte mich gefragt, nachdem die alte Frau ausgestiegen war und bevor ich ausstieg. Ich erinnere mich an jedes Wort, an seine Stimme und die Art, auf die er mich fragte, an den Blick in seinen Augen, an das Lächeln seiner weißen, perfekten Zähne, wie er den Kopf in Richtung des Terroristen neigte und fragte: »Du meinst, er ist in Ordnung, oder?« Und ich antwortete: »Doch, kein Problem.«
Warum hatte ich das gesagt? Ich weiß, warum. Weil es mir mit Paranoikern und Hysterikern wie Dutschy reichte und ich deshalb mit dem umgekehrten Extrem reagierte – »kein Problem, alles in Ordnung, Schluss mit der Angst vor allem und jedem und dem Weinen und Jammern«. Dutschy war schuld, sie war dafür verantwortlich. Sie hatte mein Urteilsvermögen zerrüttet. Ohne ihren destruktiven Einfluss, ohne ein jahrelanges Leben im Schatten permanenter Hysterie, im Schatten konsequenter Erwartung eines nahenden Unglücks, hätte ich vielleicht klar gedacht und gesagt: »Weißt du, was? Ich bin nicht sicher. Vielleicht ist er ein Terrorist.« Und dann wäre Giora vielleicht mit mir ausgestiegen. Wer weiß.
Ich hatte Hunger auf Fleisch. Ich hielt an der Bar Barabusch an und bestellte mir einen Hamburger, der auf der Karte »Der Kannibale ist hungrig heute Nacht« hieß. Ich wartete an der Bar. Der kleine Fernseher, der dort stand, war auf Kanal 50 eingestellt, und Dani Ronen redete mit ernster Miene, hob und senkte wie immer in einem fort seine dicken Augenbrauen. Ich hörte nicht, was er sagte, aber es spielte keine Rolle. Er sagt immer die gleichen Sachen: straffer ziehen, locker lassen, absperren, einkreisen, Augenbrauen zusammenziehen, eine Operation starten, eine Aktion, das Kabinett hat getagt, und das Kabinett hat beschlossen, die und die haben Verantwortung übernommen und die und die ihre Hände in Unschuld gewaschen. Ich ging Händewaschen, vielleicht dachte ich, ich hätte Blut an den Händen, und auf dem Rückweg zur Bar nahm ich eine Postkarte mit, auf der in großen schwarzen Buchstaben stand: »Geh raus!« Ich hatte keinen Schimmer, wer wollte, dass ich rausging, und warum. Draußen vor dem großen Fenster öffnete und schloss der Himmel abwechselnd seinen nassen Schlund. Ich ging hinaus zu ihm, den Heute-Nacht-hungrigen-Kannibalen in der Tüte in meiner Hand und »Geh raus!« in meiner Hosentasche.
Ich legte den hungrigen Kannibalen und die Pommes, die ich in der Tüte entdeckte, auf einen Teller und machte mich daran, meine kannibalische Absicht an ihnen auszuführen. Mein Körper arbeitete effektiv: Die Augen fingen den verführerischen Anblick des Hamburgers ein, sandten eine Botschaft ans Hirn, das Anweisungen an die diversen Körperteile weiterleitete. Der Speichel lief in meiner Mundhöhle zusammen, und ich konnte spüren, wie mein Magen Verdauungssäfte freisetzte, um den Gast in Empfang zu nehmen.
Die Tür summte. Ich blickte die Wand an und den Kannibalen und beschloss, nicht zu reagieren. Ich begann zu essen.
Eine Minute später – Schlüssel in der Wohnungstür, Klinke, eine Person kam herein.
»Warum machst du mir nicht auf?«
»Hi, Dutschy. Entschuldige«, antwortete ich, wobei ich mir eine Sekunde, bevor sie mich sah, den Mund vollgestopft hatte, damit die Lage für sich selbst sprach. Ich machte mit den Schultern eine Bewegung in Richtung des Tellers. Sie blickte mich an. Ihre Augen standen auf Zorn.
»Warum antwortest du nicht auf dem Handy? Was machst du mitten am Tag zu Hause? Weißt du, dass es einen Anschlag gegeben hat?«
»Ja.« Ich suchte das Mobiltelefon in meiner Tasche. »Oi, anscheinend hab ich das Telefon in der Arbeit vergessen.«
»Weißt du, was ich mir für Sorgen gemacht habe? Hättest du nicht anrufen können?«
»Tut mir leid. Ich war sicher, du wärst beschäftigt … Moment mal, ich habe dich doch angerufen! Hast du die Nachricht nicht erhalten?«
»Ich habe eine Nachricht erhalten. Dass du am Leben bist. Wirklich vielen Dank. Und auch das vielleicht zwei Stunden nach dem Anschlag.«
Ich sah sie überrascht an. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.
»Es war die Linie vom kleinen Neuner, Krokodil. Um Viertel nach neun in der Früh! Hast du vielleicht gedacht, ich mache mir keine Sorgen?«
»Du weißt, dass ich am Diezengoff-Center aussteige. Es war danach, beim Theater, hast du nicht im Fernsehen die kleine Flamme gesehen? Hier, schau mal.« Ich fand die Fernbedienung und drückte auf den Knopf. Dani Ronen und seine Augenbrauen sprachen. »Ich habe dir eine Nachricht hinterlassen, dass ich am Leben bin. Ich verstehe nicht, was los ist.«
»Ich hab’s gehört, aber … « Tränen. »Ich wusste nichts.« Sie wischte sie ab. Sie stand da, zerbrechlich und traurig. »Ich wusste nicht, ob alles in Ordnung ist. Du hättest noch mal anrufen können. Ich hatte solche Angst. Du weißt gar nicht, was für Angst ich hatte.«
Ich schluckte endlich den Bissen hinunter – dieser Kannibale war mörderisch gut! – und ging zu ihr, um sie zu umarmen. »Ist schon gut, mein Schatz. Tut mir leid. Genug, Schluss jetzt. Ich dachte einfach, du hast gesehen, wo es war, du hast die Nachricht bekommen und … was weiß ich?«
Sie löste sich aus der Umarmung. »Ach, du meinst also, ich hätte mir keine Sorgen machen müssen.« Ihr Ton veränderte sich. Auch keine Tränen mehr. »Du sagst also, ich bin hysterisch und paranoid?«
»Das habe ich nicht gesagt … «
Jetzt war es bereits Wut, die zu reifen begann und Volumen und Körper erhielt wie ein guter Wein. »Wie kannst du nur so gefühllos sein? Nicht wenigstens noch mal anrufen? Du hast gewusst, dass ich mir Sorgen mache, du machst das mit Absicht. Um mir zu zeigen, dass ich bloß hysterisch bin … was willst du denn? Es war die Linie, mit der du jeden Morgen zu dieser Zeit fährst, wolltest du, dass ich mir die kleine Flamme im Fernsehen anschaue? Welche Flamme?«
»Auf dem Bild von der … Dutschy, ich habe gar nichts mit Absicht gemacht, ich schwör’s, ich habe bloß … weißt du, dass es genau der Minibus war, mit dem ich gefahren bin? Ich habe mit dem … «
»Scheißkerl.« Jetzt schluchzte sie und wischte sich mit der Hand über ihre großen braunen Augen. Sie setzte sich an den Tisch und streckte die andere Hand aus, um sich zwei Pommes zu angeln.
»He, immer langsam mit den Pommes!« sagte ich zu ihr. »Und wie war dein Tag?«
»Was meinst du wohl?« antwortete sie.
Wir saßen ein paar Minuten still da. Ich kaute an dem Kannibalen, sie stahl Pommes und starrte auf die Tischecke. Schließlich hob sie den Blick.
»Was soll ich bloß mit dir machen?« fragte sie.
Plötzlich traf mich der Gedanke – bis zu diesem Morgen hatte ich niemand gekannt, der auch nur irgendjemand kannte, der in einen Terroranschlag geraten war. Ein paar Wochen vorher hatte der Installateur, der wegen des Solarboilers bei uns gewesen war, erzählt, der Neffe seines Freundes sei bei einem Terroranschlag in Petach Tikwa eine Woche zuvor verletzt worden. Näher war ich dem Ganzen noch nie gekommen. Bis zu Giora Gueta. Eigentlich kannte ich auch Giora Gueta nicht wirklich. Was bedeutet »sich kennen«? Den Namen wissen? Sich grüßen? Dass das Opfer einen gekannt hat? Die Anzahl der Worte, die man miteinander gewechselt hat?
In der Nacht, als sie ins Bett kam, fragte ich: »Dutschy?« Sie sagte: »Ja?« Ich sagte: »Der Kannibale ist hungrig heute Nacht.« Sie sagte: »Idiot.« Ich kletterte auf sie drauf. Sie war zufrieden. Danach kletterte sie auf mich drauf. In der Früh ließ sie mich schwören, dass ich ein Taxi nähme, also nahm ich eins, obwohl ich noch nie von zwei Anschlägen an zwei Tagen hintereinander genau am gleichen Ort gehört hatte. Aus irgendeinem Grund, trotz dieser glasklaren, logischen statistischen Gegebenheit, sind die Leute überzeugt, dass die Terroristen sagen: »Ahmad, wallah, es hat geklappt, komm, wir versuchen es heute noch mal, denn es wird ein Haufen Leute da sein und kein Sicherheitsdienst.« Wobei in der Praxis die Armee und die Polizei im Gebiet eines Terroranschlags maximale Sicherheitsvorkehrungen treffen; die Leute meiden die Stelle; Familienangehörige werden hysterisch. Ich sagte das alles zu Dutschy. Sie erwiderte: »Aber der Achtzehner, in der Jafostraße, in Jerusalem, 1996.« Ich widersprach: »Das lag eine Woche auseinander«, doch ich wusste, dass das kein ernsthaftes Argument war. Also nahm ich ein Taxi. Ein kleiner Neuner flog an diesem Morgen nicht in die Luft. Aber was soll’s. Auch kein großer Neuner explodierte während der ganzen Zeit, in der ich bei Time’s Arrow arbeitete, an all den Tagen, an denen ich mit dem kleinen Neuner zum Diezengoff-Center fuhr. Also, was soll’s?
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Assaf Gavron: Ein schönes Attentat. Luchterhand Literaturverlag, München 2008. 352 Seiten, 19,95 Euro. Aus dem Hebräischen von Barbara Linner. Das Buch erscheint dieser Tage.




