»Es gibt keinen Unterschied zwischen politischer Klasse und Militär«
Ayesha Siddiqa, Autorin
von Doris Akrap
Vergangenes Jahr veröffentlichte Ayesha Siddiqa das Buch »Military Inc.: Inside Pakistan’s Military Economy«. Sie ist wissenschaftliche Militäranalytikerin und die erste Frau, die Leiterin der pakistanischen Marineforschung wurde. 2001 verließ sie nach elf Jahren den Staatsdienst und veröffentlicht seitdem in Militärfachzeitschriften wie Jane’s Defence Weekly.
interview: doris akrap.
»Milbus« ist eine grundlegende Komponente der allumfassenden Macht des Militärs. Der Begriff bezeichnet dabei nicht das Kapital, sondern die allumfassende Autonomie der Militärbürokratie. Die Streitkräfte haben ihre ökonomische Macht nicht deswegen ausgebaut, weil sie sich darüber finanzieren müssten. Pakistan ist nicht Indonesien, wo das Militär von der Regierung nicht ausreichend unterstützt werden kann und sich alternative Methoden der Kapitalbeschaffung suchen muss. Die finanzielle Autonomie verschafft dem pakistanischen Militär erst seine Macht. Es ist nicht auf zivile Unterstützung angewiesen.
Welches sind die Hauptzweige des militärischen Wirtschaftsimperiums?
Die Generäle sind an allen großen Industriezweigen, an Großgrundbesitz und an Ölgeschäften beteiligt, kontrollieren ein Drittel der Schwerindustrie und stellen etwa sechs Prozent des privaten Kapitals. Die Einnahmen des Militärs betragen sieben Prozent des Bruttoinlandprodukts. Das beste Beispiel für seine ökonomische Macht ist die Kontrolle über staatliches Grundeigentum. Die Generäle eignen es sich an, vermieten und verpachten es. Indem sie staatliches Vermögen kommerzialisieren, zeigen sie, wer die Autorität im Staate ist. Gelegentlich werden sie von der Regierung dafür kritisiert. Aber die Entscheidung, wie mit staatlichem Vermögen umgegangen wird, ist vollständig vom Militär abhängig.
Das Militär bezeichnet seine kommerziellen Unternehmen als Wohlfahrtsaktivitäten. Wer profitiert von der militärischen Wohlfahrt?
Hauptsächlich die militärische Elite. Das Militär behauptet, Firmen zu gründen, in denen auch Zivilisten einen Job finden. Aber mit dem Militär als Arbeitgeber wird vor allem der politische Einfluss des Militärs gestärkt. Zudem ist beispielsweise die Fauji Foundation, eine der größten militärischen Wohlfahrtsorganisationen, das einzige private Unternehmen Pakistans, das finanzielle Hilfe von der Regierung erhält. Über 500 Millionen Euro hat der militärische Wohlfahrtskonzern seit den neunziger Jahren von der Regierung erhalten. In Pakistan, wo eine krasse ökonomische Ungleichheit herrscht, liegt die Entscheidung über soziale Unterstützung also exklusiv in den Händen der Generäle.
Was hat der Premierminister, der am Sonntag gewählt wird, bei einer derartigen Dominanz des Militärs eigentlich noch zu sagen?
»Milbus« ist auch eine Bezeichnung für die Eliten-Ökonomie. Nicht nur das Militär, sondern auch die Elite des Landes profitiert von der räuberischen Politik der Generäle, die es anderen ebenfalls erlaubt, sich maßlos zu bereichern. Um die Opposition zu neutralisieren, schafft das Militär Möglichkeiten, Geld zu verdienen oder billig Grundbesitz zu erwerben. So werden Justizangehörige und Medienvertreter mit günstigen Mietwohnungen korrumpiert. Die Elite hat also gar keinen Grund, das Militär zu kritisieren.
Was müsste passieren, damit der Einfluss des Militärs zurückgedrängt wird?
Die westliche Welt und insbesondere die USA sind immer nur auf der Suche nach neuen Gesichtern. Aber der politische Prozess selbst ist das Problem. Mit der gegenwärtigen Beschaffenheit der Politik wird sich der nicht ändern. Die pakistanischen Politiker haben kein Interesse an einer Neuverteilung des Kapitals. Es geht allein darum, wer den Staat kontrolliert, und nicht, wie er kontrolliert wird. Nur mit einer Serie von freien und fairen Wahlen – die kommenden sind es nicht – könnte sich diese Situation ändern. In Pakistans 60jähriger Geschichte ist noch nie eine Regierung gewählt und wieder abgewählt worden. Solange sich das nicht ändert, wird sich gar nichts ändern.
Was hat sich seit dem Rücktritt des Präsidenten vom Amt des Generalstabschefs geändert?
Nichts.
Wird das Militär unter dem neuen Generalstabschef Asfaq Kyani den Kampf gegen die Islamisten verstärken und sich weniger in zivile Angelegenheiten einmischen?
Solche Ansichten, die auch in angesehenen amerikanischen Blättern wie der New York Times verbreitet werden, erstaunen mich. Kyani wird als säkular und professionell gefeiert. Selbstverständlich ist ein professioneller Armeechef besser als ein unprofessioneller. Aber auch Kyani ist keine Alternative, sondern Teil des Problems. Die Hoffnung auf ihn resultiert aus der Angst der westlichen Welt vor einer Machtübernahme der Mullahs. Aber das ist eine Überschätzung von deren Macht. Es gibt einige Regionen, in denen die Mullahs großen Einfluss haben, aber das trifft nicht für das ganze Land zu.
Eine dieser Regionen ist Waziristan, wo das Militär gegen die Taliban und al-Qaida kämpft. Warum ist es dort nicht erfolgreich?
Zum einen, weil es ein schwieriges, unfreundliches Gelände ist. Zum anderen, weil ein stärkeres militärisches Vorgehen eine noch stärkere Solidarisierung mit den islamistischen Gruppen hervorrufen würde. Dabei wissen die wenigsten Leute, die in diesen Gebieten leben und die Sharia fordern, was Sharia bedeutet. Sie erhoffen sich dadurch bessere soziale Bedingungen und eine Unterstützung durch die staatliche Fürsorge.
Der Krieg in Waziristan ist also nicht nur eine Show für die Amerikaner?
Das ist schwierig zu sagen. Es gibt gewisse Leute innerhalb des Militärs und der staatlichen Behörden, die islamistische Gruppen unterstützen. Andererseits führt das Militär gegen diese Gruppen seit Jahren einen Krieg mit hohen Verlusten.
Wird die Partei der ermordeten Benazir Bhutto, die PPP, sollte sie stärkste parlamentarische Kraft werden, gegen den Einfluss des Militärs vorgehen?
Nein, denn auch die PPP ist Teil des Problems, Teil der regierenden Elite. Es gibt keinen Unterschied zwischen der politischen Klasse und dem Militär. Auch die PPP glaubt, wie der Rest der Welt, dass das Militär die einzige Macht ist, die die Islamisten zurückdrängen kann. Dabei kann nur eine gerechte Verteilung der Reichtümer den Extremismus eindämmen. Ein wie auch immer begründetes Festhalten an der Dominanz des Militärs festigt die autoritäre Form der Politik, die die Grundlage der Probleme Pakistans ist.
Wie wird Ihr Buch »Military Inc.« in Pakistan diskutiert?
Niemand betrachtet das Buch als das, was es wirklich ist. Das Buch handelt davon, wie das militärische Kapital die Politik des Landes beeinflusst. Ich bin aber nicht die schreibende Kraft einer Verschwörung gegen das Militär, wie mir von pakistanischen Parlamentariern unterstellt wird, und meine Wohnung in London ist auch nicht von den Indern finanziert. Ich habe auch nicht das Militär insgesamt attackiert, sondern nur ihre Generäle. Der einfache Soldat profitiert in der Regel nicht von den großen Geschäften. Die Opposition hingegen feiert das Buch, aber genau für den Inhalt, den Militär und Regierung dahinter vermuten, als Material gegen das Militär. Dabei geht es mir um die gesamte Elite des Landes, wozu auch die Opposition gehört.
Kann man das Buch in Pakistan kaufen?
Ja, es ist in allen großen Städten erhältlich. Es ist ein smartes Regime. Bücher werden nicht mehr zensiert. Doch es gibt Versuche, mich mit den genannten Lügen zu diskreditieren. Außerdem werden meine Telefongespräche überwacht, und ich werde beschuldigt, eine Agentin Indiens zu sein. Der Korruptionsvorwurf ist eine alte Taktik in Pakistan, die immer angewendet wurde, um Oppositionelle mundtot zu machen.




