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Jonny Weckerle: »Die deutsche Regierung hat sich nie entschuldigt«

»Die deutsche Regierung hat sich nie entschuldigt«

Falah Shakm, Shlair Saber, Quaysar Ahmed

von Jonny Weckerle

Vor 20 Jahren griff die irakische Luftwaffe die Kleinstadt Halabja mit chemischen Waffen an (siehe Seite 15). Viele Überlebende leiden noch immer unter den Spätfolgen der Vergiftung und Traumatisierungen. Der Rechtsanwalt Falah Murad Khan Shakm, die Psychologin Shlair Kamil Saber und Quaysar Rahman Ahmed, Mitbegründer eines unabhängigen Jugendradios in Halabja, besuchen derzeit Europa, um über den Angriff und die Folgen zu informieren. interview: jonny weckerle


Herr Shakm, in wenigen Tagen jährt sich das Datum der Giftgasangriffe auf Halabja zum 20. Mal. Was sind Ihre persönlichen Erinnerungen an den 16. März 1988? Wie haben Sie überlebt, und was geschah danach?

Nach den Plänen des damaligen totalitären Regimes hätte niemand überleben sollen. Mein Über­leben verdanke ich dem Zufall und dem Wind, der das Gift von mir und meinen Geschwis­tern wegblies. Uns gelang es dann, auf einen Berg zu flüchten, wo uns die kurdischen Guerilla-Kämpfer der Peshmerga zeigten, wie wir uns mit nassen Decken schützen können. Dennoch war ich für zwei Tage blind. Meine Schwester und einen meiner Brüder haben wir auf der Flucht verloren, und so blieb ich mit meinem anderen Bruder alleine. Wir haben uns dann in Berghöhlen versteckt, weil wir wegen des andauernden Krieges nicht wussten, ob es sicherer sein würde, in den Iran zu flüchten, wie es andere taten. Insbesondere für meine Mutter, die in Suleymaniah lebte, war dies eine extrem schwere Zeit, da sie uns alle für tot hielt. Erst nach einem Monat haben wir erfahren, dass alle überlebt haben.

Wann sind Sie nach Halabja zurückgekehrt?

Zuerst ließ Saddam Hussein eine so genannte Collective Town errichten, die er »Neu-Saddam-Halabja« nannte, dort mussten wir bis 1991 leben. Nach Ende des zweiten Golfkriegs verlor Saddam Hussein die Kontrolle über den Nord­irak, und kleine Gruppen begannen, das völlig zerstörte Halabja wieder aufzubauen. Ich selbst bin 1993 dorthin zurückgekehrt, heute lebe ich in Suleymaniah.

Wie ist die Situation in Halabja heute? Welche Spuren haben die Angriffe hinterlassen?

Die Folgen der Zerstörung sind für mich immer noch sichtbar. Zwar sind viele Häuser wieder aufgebaut worden, aber nur auf höchst unge­nügende Weise, sämtliche Straßen bis auf die Hauptstraße sind nicht wiederhergestellt worden. Die Menschen in Halabja sind immer noch Opfer von Unterentwicklung und staatlicher Vernachlässigung. Das ist eine Erklärung dafür, warum vor drei Jahren die Gedenkstätte in Halabja gestürmt und in Brand gesetzt wurde. Die Leute, die an dem Übergriff beteiligt waren, erklärten, dass sie keine große und teure Gedenkstätte haben wollten, solange die Stadt selbst völlig vernachlässigt wird. Der mangelhafte Aufbau ziviler Strukturen ist aber kein Spezifikum Halabjas, sondern das gilt für den ganzen kurdischen Nord­irak. Die Stimmung in Halabja ist allerdings seit 2003 entspannter, und dies trotz aller politischen und ökonomischen Probleme, trotz der Verluste von Angehörigen und der Traumatisierung, unter der fast alle in Halabja leiden. Der Grund dafür ist, dass bis dahin unsere größte Angst der Bedrohung durch das Ba’ath-Regime galt. Wir dachten, dass wir es nie loswerden würden, doch nun ist es gestürzt.

Ali Hassan al-Majid, der Kommandant der genozidalen Anfal-Kampagne, erwartet seine Hinrichtung. Sind Sie zufrieden mit der Art und Weise, wie die ba’athistischen Täter zur Verantwortung gezogen werden? Was bedeutet das für Sie?

Als Opfer von Anfal bedeutet mir das gar nichts. Für mich war das Ende des Baath-Regimes das Ende unseres Leidens. Heute ist al-Majid nur noch ein alter Mann, der keine Macht mehr besitzt. Viele Menschen im Nordirak sehen das anders und sehnen sich nach Rache. Ich aber glaube, dass wir eine andere Art des Denkens brauchen, um einen neuen Irak aufzubauen.

Wie gehen die irakischen Kurden mit der Tatsache um, dass es neben unzähligen kurdischen Opfern des Ba’ath-Regimes auch nicht wenige kurdische Kollaborateure gab?

Jedes totalitäre Regime braucht Kollaborateure, um die Kontrolle über die Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Auch unter den irakischen Kurden gab es viele von ihnen. Die Kollaborateure werden »jash« genannt, das bedeutet kleiner Esel, denn der kleine Esel folgt der Mutter und ist von ihr abhängig. Diese Leute werden gehasst, aber man darf nicht vergessen, dass sie von dem Regime vor die Wahl zwischen dem Einsatz an der Front und der Kollaboration gestellt wurden. 1991 haben die kurdischen Parteien eine Generalamnestie ausgesprochen, in deren Folge nicht wenige ehemalige Kollaborateure in einflussreiche Positionen gelangten. Seitdem herrscht eine Art Frieden in dieser Angelegenheit, und die meisten Men­schen versuchen zu vergessen, dass sich auch Kurden an Anfal beteiligt haben.

Frau Saber, Sie sind eine der wenigen Psychologinnen und Therapeutinnen im Nordirak. Welche Personen betreuen Sie hauptsächlich?

Ich arbeite vor allem mit Anfal-Frauen, also Frauen, die selbst Opfer der Anfal-Kampagne wurden oder deren Männer verschleppt und ermordet wurden. Die ökonomische und soziale Situation dieser Frauen ist schrecklich. So sind beispielsweise viele ihrer Dörfer immer noch nicht wieder aufgebaut worden, viele Frauen sind wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes auf medizinische Hilfe angewiesen, doch die nächste Klinik ist oft zwei Stunden Fahrtzeit entfernt.

Mit welchen Programmen versuchen Sie, Hilfe zu leisten?

Es gibt einen sehr großen Bedarf an psychologischer Betreuung, aber nur sehr wenige ausgebildete Kräfte. Ich arbeite beispielsweise in einem Projekt gegen weibliche Genitalverstümmelung, aber wir können nicht einmal das Notwendigste leisten. In Europa möchte ich nun Unterstützung sammeln, vor allem für die Überlebenden der Anfal-Kampagne, die zum größten Teil Frauen und Kinder sind. Von Seiten der Regierung gibt es keine Pläne und Mittel, die ihnen helfen könnten, ein neues Leben zu beginnen. Ihre Situation ist so ausweglos, dass sich manche sogar wünschen, sie würden sterben.

Herr Ahmed, Sie arbeiten beim ersten unabhängigen Radio im Irak. Was kann das Radio in einer Krisenregion leisten?

Unser Radio nennt sich Dange Niew, also Neue Stimme, und richtet sich vor allem an Jugendliche und Frauen. Wir folgen dem Konzept des Community-Radios, das heißt, wir versuchen, eine unabhängige Stimme der Menschen in der Region Halabja zu sein. Darüber hinaus sind wir aber auch ein Sprach­rohr für andere Organisationen in der Region. Zu diesen zählt beispielsweise eine vor drei Jahren entstandene grüne NGO, die sich mit ökologischen Fragen beschäftigt, insbesondere mit den ökologischen Auswirkungen der Giftgasan­griffe.

Auf welche Weise thematisieren Sie die Angriffe und deren Folgen?

Es gibt eine Sendung mit dem Titel »Stadt der Erinnerung«, in der jeweils ein Überlebender darüber berichtet, wie sein Leben vor den Angriffen aussah, was während der Angriffe geschah, welche Auswirkungen sie auf sein weiteres Leben hatten und wie er es geschafft hat, sein Leben von vorne zu beginnen. Das ist besonders wichtig, da es in Halabja kaum psychologische Betreuung gibt, und so haben die Menschen wenigstens für eine Stunde in der Woche die Möglichkeit, öffentlich über ihre Erlebnisse zu sprechen. Zu einem späteren Zeitpunkt planen wir, eine Sammlung dieser Berichte als CD oder als Buch zu veröffentlichen.

Herr Shakm, mit welchen Gefühlen und Erwartungen kommen Sie nach Deutschland, also in das Land, das dem Ba’ath-Regime den größten Teil der Technologie zur Giftgasproduktion geliefert hat?

Ich freue mich, dass ich derzeit durch Europa reisen und Parlamentariern und anderen Leuten von Halabja berichten kann. Aber wie viele Menschen in meiner Heimat erwarte ich auch, dass die Menschen in Deutschland, in Österreich, der Schweiz und anderen Ländern Verantwortung dafür übernehmen, dass sie Saddam Hussein Waffentechnologie geliefert und ihn bis zum allerletzten Moment unterstützt haben. Die entsprechenden Länder sollten sich zumindest am Wiederaufbau von Halabja und dem Nordirak beteiligen. Sie sollten damit aufhören, die USA als Besatzungsmacht und Feind zu betrachten, dem sie wünschen, dass er scheitert. Das ist eine unmenschliche Haltung. Es gibt im Irak Organisationen, die für eine Verbesserung der Lage arbeiten, und sie brauchen dringend Unterstützung.

Außerdem möchte ich die Menschen darüber aufklären, dass der Irak vielfältiger ist, als es in den Medien dargestellt wird. Es gibt nicht nur Schiiten und Sunniten, es gibt auch viele andere Minderheiten und Gruppierungen, und vor allem gibt es auch Säkulare und Demokraten. Ich möchte auch darüber berichten, dass die Situation in Bagdad nicht stellvertretend für den ganzen Irak gesehen werden kann. Nicht überall ist das Leben von Terror bestimmt.

Gab es jemals irgendeine Art von Unterstützung oder auch nur Entschuldigung von deutscher Seite?

Nein, rein gar nichts. Die deutsche Regierung hat sich nie entschuldigt und unterstützt uns auch nicht. Während des Krieges 2003 war ich sehr wütend, weil die Linke in Europa und insbesondere in Deutschland sich auf die Seite Saddam Husseins gestellt hat, nur weil sie gegen die USA war. Dabei denke ich beispielsweise an die Friedensdemonstrationen. Im Irak haben wir das so interpretiert, dass die Linke sich gegen uns gestellt hat.

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