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Steffen Dobbert: Die ostdeutsche Fußballprovinz und die Rechten

Nur das Hakenkreuz fehlt

So sieht es in der ostdeutschen Fußballprovinz aus: Gewalttätige Rechte werden Ordner, und den Verein stört das nur, wenn es die Presse erfährt. Eine Langzeitbeobachtung

von Steffen Dobbert

Dezember 2006:

Die »NS-Boys« tanzen. Aus den Lautsprechern schreit Wolfgang Petrys Stimme. Weihnachtsfeier der Fans. Ihr Club, der Chemnitzer FC, hat am Nachmittag das letzte Oberliga-Spiel des Jahres gegen die zweite Mannschaft von Rot-Weiß Erfurt gewonnen. In der vollgestopften Halle drängen sich die Mitglieder der »NS-Boys«, die Chemnitzer Ultra-Fans und so genannte »Hoonara«-Mitglieder.

Nach der Wiedervereinigung benannte sich der ehemalige DDR-Meister und Uefa-Pokal-Teilnehmer, der FC Karl-Marx-Stadt, in Chemnitzer FC um. Einige Jahre spielte der Verein in der Zweiten Bundesliga, dann ging es sportlich bergab, bis in die Oberliga. Abseits des Fußballplatzes verschafften sich die Chemnitzer Hooligans als »Hoonara« einen europaweit gefürchteten Namen.

»Zeig erst deinen Ausweis«, sagt Thomas Haller. Alle in der Halle scheinen ihn zu kennen. Wenn er spricht, schweigen die anderen. Wenn er zuhört, schauen sie zu ihm auf. Er ist groß, breit und tätowiert. An seinen Ohren hängen Ringe und an seinem schwarzen Basecap steckt ein goldenes H. Wenn man irgendwo in Deutschland jemanden fragen würde, wie ein Hooligan aussieht, würde er Haller beschreiben. Er ist der Gründer von »Hoonara« und sagt, mit »Meinungsverdrehern« sei er vorsichtig. Nachdem er meinen Ausweis gesehen hat, steht er heute für ein Interview bereit.

In der Fan-Halle riecht es nach Glühwein, Bier, Schnaps und Schweiß. An die hundert Grölende stimmen in die Schlagermusik ein. Nino, der ein hellblaues Basecap trägt, kommt an den Tisch. Er hat ein schmales Gesicht. Wenn er etwas sagt, spricht er leise. Er ist Mitglied der »NS-Boys«. Er war dabei, als sich die Nachwuchsgruppierung der Chemnitzer Ultra-Fans vor sechs Jahren gründete. Er stand auch im April 2006 beim Spiel gegen den FC St. Pauli im Block, als die »NS-Boys« rote Flaggen mit weißem Kreis in die Höhe hielten. Im Unterschied zur originalgetreuen Nazi-Fahne fehlte nur das Hakenkreuz. Auch Nino hat nichts dagegen, dass das Aufnahmegerät nun läuft.

Was bedeutet das »NS« in »NS-Boys«?

Nino: »NS« steht für »New Society«. Wir sind hauptsächlich Fans, die versuchen, sich einen Namen zu machen, und bei Gewalt größtenteils nicht Nein sagen.

Wofür steht »Hoonara«?

Haller: »Hoonara« steht für »Hooligans-Nazis-Rassisten«. Wenn man mit so etwas wie »Hoonara« anfängt, braucht man als Namen einen Knüller. Das ist wie mit dem Namen einer Popband, die in die Schlagzeilen kommen soll.

Was ist »Hoonara«?

Haller: »Hoonara« ist ein Relikt aus alter Zeit, eine Hooliganbewegung, die ich in den Neunzigern in Chemnitz gegründet habe. Wir sind Fußballleute, die Deutschland und Europa gezeigt haben, dass es Sachsen gibt.

Was habt ihr gemacht?

Haller: Wir haben nach der Wende allen großen Fan-Gemeinschaften aus den alten Bundesländern ein Angebot gemacht. Das Schlimmste war, wenn man was ausgemacht hatte, extra hunderte Kilometer weit gefahren war und dann keiner für die Fights da war. Beispielsweise die angebliche Nummer eins in der Hooliganszene: Fünfmal Köln, fünfmal Leerfahrt.

Hängen »Hoonara« und die »NS-Boys« zusammen?

Haller: Wir als »Hoonara« haben mit den Jungs gar nichts zu tun. Er kennt mich mehr als ich ihn.

Nino: Wenn man hört, was »Hoonara« getan hat, weiß man, was man hier noch machen könnte. Für einen Teil von uns ist »Hoonara« Vorbild. So einen Ruf müssen wir uns erst noch erarbeiten.

Wie viele Mitglieder seid ihr?

Haller: Etwa 50 aus dem näheren Umkreis von Chemnitz. Das sind die verschiedensten Leute. Zum Beispiel auch Banker oder Rechtsanwälte.

Nino: Etwa 20.

Ist »Hoonara« noch aktiv?

Haller: Heute sind wir alle zehn Jahre älter geworden und haben Familie. Eigentlich gibt es »Hoonara« nicht mehr, andererseits sind wir in einer halben Stunde da.

Sind »Hoonara« oder die »NS-Boys« rechts­extrem?

Haller: In Chemnitz gibt es keine Organisation, auch nicht »Hoonara«, die in einer Kameradschaft oder Burschenschaft oder so mündet. Die Seelenfänger von der NPD oder DVU gibt es hier nicht.

Nino: Wir wurden von den Ultras aufgelöst, weil wir mehr in die rechte Richtung tendieren.

Haller ist mit Mitte 40 der Älteste am Tisch. Zu DDR-Zeiten machte er eine Ausbildung zum Metzger. 15 Jahre arbeitete er in einer Fleischerei. Nach der Wende wurde die Firma vom Westen »abgewickelt«. Er gründete eine Sicherheitsfirma. Seine Leute bewachen inzwischen europaweit Sportveranstaltungen, Supermärkte, Volksfeste, Kneipen, Diskotheken und Fußballspiele. Zu DDR-Zeiten saß er zwei Monate im Gefängnis. Wegen Körperverletzung sei er zig-mal vorbestraft. Aber jetzt, sagt Haller, sei er ein seriöser Geschäftsmann. Nur an die Demokratie glaube er nicht mehr. Wenn es nach ihm ginge, bräuchte Deutschland ein ganz neues System. Denn alle drei, der Nationalsozialismus, der Kommunismus und die Demokratie hätten »die Deutschen verarscht«.

Als Haller Anfang der Neunziger »Hoonara« gründete und einmal im Monat zu Hooligan-Fights fuhr, ging Nino noch in die Grundschule. Ja, wiederholt Haller, er sei der Gründer von »Hoonara«. Zugleich arbeite seine Securityfirma unter anderem für den Chemnitzer FC, um im Stadion für Ordnung zu sorgen. Dieses »Sicherheitskonzept« hat der Verein mit dem DFB abgestimmt.

Januar 2007:

Ein Fotografenteam soll für das Interview in Chemnitz fotografieren. Rund um das Chemnitzer Stadion ist der Schriftzug »NS-Boys« fast überall in blauer Farbe auf grauem Beton zu lesen. Die Gruppierung »Hoonara« ist dem Verfassungsschutz seit den neunziger Jahren bekannt. Zuletzt fiel sie im Jahr 2005 auf: Ein von der Gruppierung organisiertes, rechtsextremes Konzert musste von der Polizei aufgelöst werden. Bei einem weiteren Konzert stellte »Hoonara« im November desselben Jahres den Sicherheitsdienst.

Vor der Veröffentlichung des Interviews hört sich Haller den Wortlaut noch einmal an und erteilt die Freigabe. Nur mit seinem Namen will er nicht erscheinen. So wird veröffentlicht, dass ein »Thomas von Mühlstedt« in Personalunion Gründer von »Hoonara« und Chef einer Sicherheitsfirma sei, die im Stadion des Chemnitzer FC arbeite. Die Verantwortlichen des Vereins kennen die Namen ihrer Sicherheitsdienste. Hallers Pseudonym ist wertlos.

Februar 2007:

Nach der Veröffentlichung des Interviews kündigt der Chemnitzer FC die Zusammenarbeit mit Hallers Sicherheitsfirma. Als Grund für die Trennung nennt der Geschäftsführer des Vereins Hallers Interview. In der Pressemitteilung heißt es, damit habe er dem Verein geschadet. Der Geschäftsführer merkt in diesem Zusammenhang an, dass nicht die offensichtlich rechtsextreme Gesinnung des Security-Chefs der Grund für die Trennung sei. Haller sagt, nach der Veröffentlichung habe er Probleme mit der Polizei bekommen. Seine Firma stehe kurz vor dem wirtschaftlichen Bankrott.

Der Chemnitzer FC distanziert sich auch von den »NS-Boys« mehr als zuvor. Offiziell darf keiner von ihnen mehr ins Stadion. Die Chemnitzer Ultras wollen angeblich nichts mehr mit ihrer einstigen Nachwuchsorganisation zu tun haben. Andersherum grenzen sich auch die »NS-Boys« von den normalen Fußballfans ab. Freunden geben sie für deren Internetseite ein Interview: Auf Mal-Aktionen und Fan-Choreografien hätten sie keine Lust mehr. Niemand von ihnen könne sich mit dem Ultra-Gedanken ohne Gewalt identifizieren.

2008:

Nach gut einem Jahr überlegt Haller lange, ob er in einem zweiten Gespräch zu seinen Aussagen vom Dezember 2006 etwas ergänzen will. Nachdem ihm ein Anwalt abgeraten hat, sagt er ab. Auch die »NS-Boys« lassen mitteilen, dass sie mit der »Scheiß-Presse« kein Wort mehr reden würden.

Seit dem Sommer 2007 gibt es für den Chemnitzer FC erstmalig ein Fanprojekt. Der zuständige Sozialpädagoge erzählt, mit den »NS-Boys« habe er nichts zu tun. In verfestigte Weltbilder und Strukturen könne er nicht mehr eingreifen. Stattdessen arbeitet der 25jährige mittwochs bis freitags von 14 bis 19 Uhr mit der nachrückenden Generation zusammen. Einige U16-Fahrten zu Auswärtsspielen hat er bereits begleitet. Er sagt, dass in Chemnitz die Gruppe der Jugendlichen mit rechtem Gedankengut sehr hoch sei. Der Verfassungsschutz schätzt, dass bei etwa 15 Prozent der Hooligans in Sachsen Verbindungen zur rechtsextremistischen Szene bestehen. Nino und seine Freunde haben im Internet geschrieben, dass sie zum neuen Sozialpädagogen des Fanprojektes nichts sagen wollten. Außer: »Das ist einfach purer Hass.«

Ein Mitarbeiter von Hallers Firma sagt, die Geschäfte liefen inzwischen wieder sehr gut. Beim vergangenen Sommerfest der größten Chemnitzer Tageszeitung soll Hallers Sicherheitsdienst, wie schon in den Jahren zuvor, tätig gewesen sein. Ebenso bei Spielen des zweitgrößten Fußballvereins in Chemnitz.

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