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Felix Wemheuer: Subversives Chinesisch, Teil 3

Jiu zai

Jiu(4)zai(1), »Die Opfer von Naturkatastrophen unterstützen«. Subversives Chinesisch, Teil 3

von Felix Wemheuer

Die westlichen Medien zeigten sich von den Maßnahmen der chinesischen Regierung zur Rettung der Opfer der Erdbeben in der Provinz Sichuan stark beeindruckt. Tausende Soldaten und Helfer mit den Zeichen »Jiuzai« auf dem Rücken wurden aus dem ganzen Land eingeflogen. Das immer noch relativ große Ansehen der Volksbefreiungsarmee in der chinesischen Bevölkerung basiert im Wesentlichen auf der effizienten Katastrophenhilfe bei Überschwemmungen, Dürren oder Erdbeben.

In China gibt es eine lange Tradition, nach der der Herrscher verpflichtet ist, bei Naturkatas­trophen seinen Untertanen zu helfen, schon die konfuzianischen Klassiker mahnten, dass der Herrschende verantwortlich sei, wenn als Folge von Erdbeben oder Überschwemmungen Hungersnöte ausbrechen. Zu den ureigensten Aufgaben des Kaisers gehörte es daher, dafür zu sorgen, dass die Getreidespeicher gefüllt und die Wasserwege befahrbar sind. Die Qing-Dynas­tie (1644 bis 1911) baute ein weltweit einzigar­tiges staatliches Getreidespeichersystem auf, dass durch lokale Speicher ergänzt wurde. Im Falle einer drohenden Hungersnot wurden die Speicher geöffnet, um die Preise zu kontrollieren und die Armen zu ernähren. Durch das Eindringen imperialer Mächte und den Zerfall des Zentralstaats nach 1840 brach dieses System allerdings zusammen und China wurde zum Land der Hungersnöte, 40 Millionen Menschen sollen allein zwischen 1876 und 1900 verhungert sein.

Die KPCh baute ihre Legitimation nach der Machtübernahme 1949 auch auf dem Versprechen auf, dass nie wieder ein Chinese verhungern soll. Der Wiederaufbau des Speichersystems und die Zähmung des Gelben Flusses sollten China vor Naturkatastrophen schützen. Während dem »Großen Sprung nach vorne« (1958 bis 1961) kam es jedoch wieder zu einer verheerenden Hungersnot, die geschätzten Opferzahlen liegen zwischen 15 und 40 Millionen Toten. Dieses Mal waren die Speicher allerdings nicht leer gewesen, das Getreide war in die Sowjet­union exportiert und damit der Dorfbevölkerung vorenthalten worden, um die Industrialisierung in den Städten im vollen Tempo voranzutreiben. Nach dieser Katastrophe betrieb die Partei eine vorsichtige Politik gegen­über den Dörfern und importiert seit 1962 Getreide, um das Land zu versorgen.

Bis heute gilt die Zentralregierung solange als legitim, solange sie sich während Katastrophen bewährt. Laut dem traditionellen Aberglauben kündigt die Häufung von Naturkatas­trophen einen Dynastiewechsel an.