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Roger Behrens: Wer oder was sind Emos?

Kein Ego ohne Emos

Die Emos wissen selbst nicht, wer sie sind, was sie darstellen und wogegen sie sich richten. Das wollen sie aber auch gar nicht.

von Roger Behrens

Auf der Suche nach Ton- und Bildmaterial über den kritischen Sozialpsychologen Erich Fromm werde ich bei Youtube fündig. »Erich Fromm über den angepassten Menschen« heißt ein kurzer, zweiminütiger Clip, in dem Fromm in einem Interview von 1977 über die spätkapitalistische Gesellschaft spricht: Wie werden Menschen in die bestehende Ordnung integriert, und wie wird dabei ihr psychischer Apparat so organisiert, dass man sich mit einer Struktur abfindet, in der die Repression nachgerade als Erfüllung höchster Ziele erscheint? Fromm beginnt: »Die Normalsten sind die kränkesten, und die Kranken sind die ge­sündesten … Der Mensch, der krank ist, der zeigt, dass bei ihm gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind, dass sie in Kon­flikt kommen mit den Mustern der Kultur und dass sie dadurch Symptome erzeugen … Glücklich der, der ein Symptom hat; wie glücklich der, der einen Schmerz hat, wenn ihm etwas fehlt. Das wissen wir: Wenn der Mensch keinen Schmerz empfinden würde, wäre er in einer sehr gefähr­lichen Lage. Aber sehr viele Menschen sind so ent­fremdet, dass sie schon gar keinen Konflikt mehr empfinden, das heißt, ihr wirk­liches Gefühl ist so verkümmert, dass sie das Bild einer chronischen leichten Schizophrenie zeigen.«

Bei den »Related Videos«, die die Youtube-Seite zu diesem Fromm-Filmchen empfiehlt, findet sich unter anderem ein Clip mit dem Titel: »Was wollen Emos?« Eine junge Frau mit gelangweilter Stimme und laszivem Blick, die sich als Emo bezeichnet, beteuert, nicht die ganze Szene repräsentieren zu können oder zu wollen. Sie habe ohnehin nur Oberflächliches zu sagen, möchte nur mal ihre Meinung loswerden, Dinge klar- und richtigstellen. Dafür nutzt sie die zehn Minu­ten, die Youtube zur Verfügung stellt, um zu resü­mie­ren: »Ich weiß nicht, was ich euch sagen will … Ich weiß, ich widerspreche mir oft, und der Wider­spruch liegt in meiner Krankheit.«

Diese Frau, die mit vielen Clips zum selben The­ma auf der Video-Plattform vertreten ist, adressiert ihre bewusst botschaftslosen Botschaften an diejenigen, die ihre Filmbeiträge kommentieren, womit sie den digitalen Wahnsinn sowohl konter­kariert als auch zugleich verlängert. Ob es dabei um Emos oder irgendwelche anderen arbi­trären Phänomene geht, ist vollkommen gleichgültig. Und gleichwohl ist das, was hier passiert, für die Emo-Szene sowie für die Frage, ob es sich hierbei um eine Jugendkultur handelt und gar um eine gefährliche, höchst bemerkenswert. Hier wiederholt sich nämlich als Farce einer verzweifelten Mode die historische Tragödie, die einmal als Ende des Subjekts, sogar als Tod des Menschen bezeichnet wurde.

Dass Emo keine Subkultur, keine echte Jugendkultur, dass hier unter Umständen nicht einmal wirklich im strengen Sinne »Jugend« agiert, darauf ist schon vielfach verwiesen worden. Es ist müßig, sich darüber zu streiten, denn für das Phänomen Emo ist es ohne jede Bedeutung, ob es sich dabei um eine Sub- oder Jugendkultur handelt. Die Authentizität der Emos besteht weder in der Glaubwürdigkeit ihrer Selbstdarstellung, noch in der Echtheit ihrer sozialen Präsenz, sondern genau darin, aus der sinnlosen Selbstdiskursivierung ihren Sinn, ihre Rechtfertigung zu beziehen.

Mit anderen Worten, Emos unterscheiden sich von anderen Jugendkulturen darin, dass sie sich eigentlich nicht legitimieren müssen. Allerdings besteht ihre wesentliche kulturelle Aktivität darin, sich permanent zu legitimieren, sich immer wieder zu erklären, um damit letztlich sich selbst zu bezeugen oder sich bezeugen zu lassen. Doch diese Art von Legitimation kennt kein Gesetz, keinen Katechismus und keinen Text, was in einer grundsätzlichen Ohnmacht mündet. Selbst auf die Frage, was Emos sind, gibt es für die Emos keine Antwort. Aber die Antwort wäre für sie sowieso irrelevant. So wie das Internet, das Medium der Emos, sich nicht für die Entstehungs­geschichte seines Inhalts interessiert, interessieren sich auch die Emos nicht für ihre eigene Geschichte.

Es macht auch keinen Sinn, dass sie sich auf ihre Vorformen wie die Hardcore-Bewegung aus den Achtzigern und die Emocore-Szene aus den Neunzigern beziehen. Denn das, was gegenwärtig als Emo, also als »Emotionen«, verhandelt wird, unterscheidet sich signifikant von der popkulturellen Gefühlswelt des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts. Grob gesagt ist der Unterschied der, dass sich Jugendkulturen wie Disco, Punk oder Hardcore auf eine Allgemeinheit der Emotionen beriefen, die gegen die Allgemeinheit des herrschenden Prinzips der Rationalität gerichtet war: die Liebe, der Hass, die Sehnsucht. Das waren Stereotypen, aus denen sich beispielsweise ein subkulturell-ästhetischer Stil entwickeln ließ, nämlich Subversion, Dissidenz, Provo­ka­tion; überhaupt begründete sich in der Abweichung ein Lifestyle.

Für die Emos ist hingegen die Stillosigkeit sig­nifikant; nicht, dass sie nicht chic wären, oder hübsch anzusehen, oder keinen Geschmack hätten. Sie haben – in Kategorien einer materialen Ästhetik gesprochen – gar keine Möglichkeit mehr, einen Stil auszubilden, statt dessen verharren sie im bloßen Ausdruck und wiederholen damit in der Wiederkehr der Dekadenz eine merkwürdig populäre Form des Expressionismus. Die Emos berufen sich nicht auf allgemeine Emotionen. Ihre Botschaft heißt nicht »Make Love!« oder »Hate!«; Gefühle bezeichnen nichts Allgemeines mehr. Drastischer noch sind Emo­tionen tatsächlich die Leerstelle der Emos. Sie sind in einem sozialpsychologischen Sinne, wie etwa Fromm es meint, nicht emotional, sondern gefühllos. Und es kommt nicht von ungefähr, wenn alle Versuche, die Gefühle irgendwie zu verorten, auf einen gefühllosen Körper oder schließlich auf den emotional kalten Cyber­space beschränkt bleiben. Man könnte so weit gehen, dass mit der obskuren Praxis des Rit­zens gleichsam die Emotionen in den Körper ein­geschrieben werden sollen. Das Muster dafür ist allerdings das eines archaischen und machtvollen Rituals und nicht das einer offenen, phantasievollen und anarchischen Utopie. Wenn man so will, ist auch das eine Form von Do it your­self, nur diesmal ist nicht die Musikproduktion oder das Outfit selbst gemacht, sondern das Bemühen, Gefühle herzustellen und darüber sich selbst, als Selbst.

Was Erich Fromm 1977 sagte, entspricht der Selbstbeschreibung von Disco und Punk: Die Nor­malen waren die Unnormalen; »No Future« war die einzig mögliche Zukunft. Eigentlich war die konformistische Gesellschaft die Provokation, auf die die Subkultur nur reagierte, indem den normalen Verhältnissen ihre eigene Melodie vorgesungen wurde, die aber niemand hören wollte. Die Emos hingegen bewegen sich mit ihrer kulturellen Zeichenordnung auf bekanntem Gebiet: Metall- und Gothic-Versatzstücke, Accessoires, Piercings und Tätowierungen. Das alles stellt keinen Bruch mit der Normalität dar, sondern de­finiert die Normalität. Und von dieser Normalität wollen sich Emos weder abgrenzen, noch ver­suchen sie, aus ihr zu fliehen.

Zu den Jugendkulturen des Popzeitalters gehört seit jeher die Opposition. Das ist zum einen eine generative Opposition (Erwachsene, Eltern), zum anderen eine kulturell-ästhetische (Mainstream, andere Jugendkulturen). Die Emos jedoch stehen als Generation und Subkultur gleichermaßen vor einem Problem. Sie kennen keinen Widerstand, weder einen symbolischen noch einen realen. Sie wissen nicht, gegen wen sie sich richten sollen. In letzter Instanz protestieren sie gegen sich selbst als Chimäre. Es ist eine Strategie, sich von sich selbst abzugrenzen, um darüber überhaupt ein Selbst erfahrbar oder erlebbar zu machen. Im Grunde passiert hier genau das, was der Poststruk­turalismus seit Roland Barthes’ »Tod des Autors«, Deleuze-Guattaris »Anti-Oedipus« und schließlich Foucaults »Sexualität und Wahrheit« behauptet. Ein Zerfall des Menschen, ein Verschwinden des Subjekts oder mit einem Begriff, den Adorno und Horkheimer schon in den vierziger Jahren prägten: Es sind Pseudoindividuen – also Wesen, denen jede Autonomie abgeht, die aber dennoch wie die Zombies in Romeros Filmen nichts anderes wollen als Autonomie, als Selbstbestimmung und selbst ein Selbst zu bestimmen.

Das Filmchen mit Fromm wurde von »Masters of Wisdom« auf Youtube eingestellt, der Beitrag »Was wollen Emos?« hingegen von »Diamond of Tears«. Und so passt doch wieder alles zusammen; wenigstens in einer fiktiven Welt, wo alle Namen haben, als wären sie Teilnehmer eines universellen Rollenspiels. Die Meister der Weisheit lassen Fromm sprechen: »Der Mensch wird beeinflusst von seiner Umgebung, von der Struktur der Gesellschaft, in der er lebt, die eine Tendenz hat, nämlich seine psychischen Ener­gien so zu gestal­ten, dass der Mensch das gerne tut, was er tun muss, damit diese Gesellschaft in ihrer speziellen Form existieren kann.« Und ab­schließend dazu noch einmal die Tränendiaman­tenfrau: »Das ist eine indirekte Kritik an der Gesellschaft: dass wir alle gegen einander arbeiten und nicht nur für einander da sind … Es gibt so viele Krankheiten, die natürlich irgendwie schlimmer sind als das eigene Leid. Und ich kann’s nur betonen, dass jeder Mensch mal sein Leben negativ sieht … Klar, es ist scheiße gelaufen.« Aus diesem Beitrag spricht nichts anderes als die banale Angst des Egos vor den Emotionen, und das zeigt, dass die Emos eben doch wieder nur gemein und gewöhnlich sind.

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